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Franz Graf SIEHE WAS DICH SIEHT

Franz Graf, SIEHE WAS DICH SIEHT, 21er Haus, Ausstellungsansicht, Foto: Alexandra Matzner.

Franz Graf, SIEHE WAS DICH SIEHT, 21er Haus, Ausstellungsansicht, Foto: Alexandra Matzner.

Franz Graf übertitelt seine aktuelle Ausstellung im 21er Haus des Belvedere mit „SIEHE WAS DICH SIEHT“. Pathetisch, geheimnisvoll, surreal – wie man es vom dem österreichischen Multitalent gewohnt ist – und eine Menge befreundeter Künstler_innen im Schlepptau. Franz Grafs Bildwelt hat immer mit Erinnern zu tun. Woran er sich vielleicht erinnert, wenn er zeichnet bzw. malt, mag diese Ausstellung zeigen. Allein die Statistik ist beeindruckend: 21 neue Arbeiten von Franz Graf stehen 27 Werken aus der Sammlung des Belvedere und 184 aus seiner eigenen Sammlung gegenüber. Jeden zweiten Mittwoch wird performt, an den alternierenden Mittwoch-Abenden eine neue Ausstellung in der Ausstellung eröffnet. Von allem bleibt etwas in der Ausstellung, die wie auch der Katalog erst am Ende der Schau abgeschlossen und in gewissem Sinne damit fertig sein wird.

Der Wortkünstler, Sprachakrobat und Musiker Franz Graf sampelt. Das Ergebnis wirkt immer wie zufällig gefunden und ist doch langsam konstruiert. Seine Bilder fordern heraus, „gelesen“ zu werden und sind doch widerspenstig. Sie sind figurativ und ornamental, sie sind bedeutungsschwanger und nichtssagend, sie sind schön und schrecklich zugleich. Gegensätze ziehen sich an!
Franz Graf übertitelt seine aktuelle Ausstellung im 21er Haus mit „SIEHE WAS DICH SIEHT“. Pathetisch, geheimnisvoll, surreal – wie man es vom dem österreichischen Multitalent gewohnt ist – und eine Menge befreundeter Künstler_innen im Schlepptau. Franz Grafs Bildwelt hat immer mit Erinnern zu tun. Woran er sich vielleicht erinnert, wenn er zeichnet bzw. malt, mag diese Ausstellung zeigen. Allein die Statistik ist beeindruckend: 21 neue Arbeiten von Franz Graf stehen 27 Werken aus der Sammlung des Belvedere und 184 aus seiner eigenen Sammlung gegenüber. Jeden zweiten Mittwoch wird performt an den alternierenden Mittwoch-Abenden eine neue Ausstellung in der Ausstellung eröffnet. Von allem bleibt etwas in der Ausstellung, die wie auch der Katalog erst am Ende der Schau abgeschlossen und in gewissem Sinne damit fertig sein wird.

 

 

Im 21er Haus vollführt Franz Graf nun eine seiner akrobatischen Übungen. Stellwände verraten über ihre grellgelbe Farbe, dass sie normalerweise nur im Hintergrund eines White-Cube oder einer Theaterbühne Verwendung finden. Die Raumbewältigung im 21er Haus – eine Herausforderung – gelang mittels einer sehr symmetrischen Gliederung entlang der Hauptachse, die immer wieder leicht gebrochen wird. Vier schachtelartige Räume im durchlichteten 21er Haus bilden Kojen, in denen Franz Graf Themen wie Tod und Liebe, Struktur, Ornament durchspielt und einen käfigartigen „Wrong Floor“ für Wechselausstellungen seiner Kolleg_innen bereithält. Der Künstler ein wildes Tier, das hinter Gitterstäben gehalten werden muss? Die oft beschworene Verbindung von Kunst und Leben hier im 21er Haus in Gefahr, so dass sich die Kunstwelt abschottet? Oder doch der Kunstzirkus mit versperrtem Blick nach Außen damit gemeint?

Ein „Laufsteg“ mit der Marionette „Betty“ (2008) von Markus Schinwald (→ Markus Schinwald auf der 54. Biennale von Venedig) führt vom Eingang in die Tiefe des Raums, der „Große Eselreiter“ von August Gaul aus dem Jahr 1914 zieht voraus. Oswald Oberhubers „Sitzende“ (1949) und „Atlantis“ (1940/1944) von Herbert Boeckl bilden gleichsam eine Allee, bevor ein riesiges Stahlrohrgerüst den Tiefenzug auch gleich wieder einbremst. Hier hat Franz Graf einige seiner Leinwände eingelegt und Werke von Freunden gleich dazu. Dahinter bremst Rudolf Polanszkys „Hypertransforme Skulptur“ (2013) den Vorwärtsdrang und wirft mittels eines verzerrten Spiegels den neugierigen Blick nicht zurück. Immer wieder wird das Wandsystem auch zu einem Podest, einer Plattform. Noch bevor die Performances beginnen, werden die „Bretter, die die Welt bedeuten“ ausgelegt. Erfolg und Scheitern liegen auch nahe beieinander, egal ob im musischen oder bildnerischen Bereich. Performanz – das Schlagwort der Stunde.
 

 
Dass mit dem Hinweis auf die Performanz nicht nur die Künstler_innen gemeint sind, sondern auch die Besucher_innen spielt der Ausstellungstitel. „SIEHE WAS DICH SIEHT“ ist nicht nur als Aufforderung genau hinzuschauen gemeint, sondern macht aus dem Beschauten selbst ein Schauendes. Die Figuren in den Bildern Franz Grafs scheinen wirklich immer wieder die Betrachter_innen anzuschauen, wie Kurator Severin Dünser beschreibt. Aber auch Figuren in den Werken von Elke Silvia Krystufek, Zenita Komad, William S. Borroughs (→ Die Kunst des William S. Burroughs), Selina de Beauclair u.v.m. scheinen einen unvermittelt, manchmal herausfordernd anzublicken. Aus Büchern, Katalogen und Ausstellungsplakaten – aus jedem Kunstwerk – lässt sich ein Fünkchen der Persönlichkeit von ihren Schöpfer_innen entdecken. Doch wieviel lässt sich wirklich über eine Person sagen? Was ist authentisch, was Spiel, was Mimikry? Wie viele Gesichter, vielleicht auch Masken, hat ein Mensch?
Bekanntermaßen ist es das Zweideutige, das Franz Graf reizt: zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen Erotik und Obszönität, zwischen Reduktion auf die Fläche und übersteigerter Dreidimensionalität. Gegen die Illusion der Malerei setzt Franz Graf in seinen Bildern die Flächigkeit des Ornaments. Es kommt zu Verkettungen und Überschneidungen wie auch in den Multifotografien von Alexander Stein aus den 30er und 40er Jahren. Und dennoch – alles ist offen, unvollendet, grenzenlos. Genauso verhält es sich mit dieser Schau: Einerseits ist sie ein Abbild des Universums Franz Graf. Für ihn hat jedes Objekt seinen Platz, ist manchmal auch Stellvertreter für eine Geschichte, ein Erlebnis, eine Erkenntnis. Doch diese bleiben Gedanken, im Kopf ihres Schöpfers versteckt. Der/die mit einer langen Liste ausgestattete Besucher_in kann – muss aber nicht – jeden Künstler_innen-Namen nachschlagen, wird über Titel, Entstehungszeit und Besitzer aufgeklärt. Bei manchen Gegenüberstellungen werden eigene Assoziationen auftauchen, bei anderen eine formale Ähnlichkeit oder thematische Überschneidungen mit dem Werk Franz Grafs, bei vielen aber auch wieder nicht.
Erstaunlich ist die Auswahl an historischen Werken. Während sich die Wiener Aktionisten (Schwarzkogler, Nitsch, Muehl, Brus) wie auch Arnulf Rainer und Dieter Roth, Valie EXPORT, Oswald Oberhuber als „Vorbilder“ Franz Grafs, der in der zweiten Hälfte der 70er Jahre bei Oberhuber studiert hat, leicht identifizieren lassen, finden sich mit Arik Brauer und Ernst Fuchs auch Vertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Dass Franz Graf auch die jüngste Generation von Künstler_innen im Blick hat, zeigt die Präsenz von Stefan Wirnsperger und Anouk Lamm Anouk. Der wenig bekannte, neusachliche Maler Gottfried Goebel ist mit „Faschingdienstag“ (1937), einer minutiös ausgeführten Bleistiftzeichnung, vertreten. Hildegard Joos` „Balance“ (1975–76) trifft verständlicherweise auf Schallplattencover, den umtriebigen Manfred Unger auf den dichtenden Herbert Brandl: „So ist das Leben: Das Gras ist grün/Der Schnee ist Weiß/Der Winter kalt/Der Sommer heiß/Das Blut ist rot/Das Leben Tod“ Ob Brandl jemals gedacht hat, mit diesem verdrehten Stück Stammbuch-Poesie ins 21er Haus zu kommen? Also, allen ihre eigenen Wege! Oder wie Franz Graf es im ersten Teil des Katalogs so schön aus Büchners Überlegungen zu Jakob Michael Reinhold Lenz zitierte: „Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nicht`s am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“1

 

Biografie von Franz Graf (* 1954)

1954 in Tulln geboren
Studium an der Angewandten bei Oswald Oberhuber
1979–1984 Zusammenarbeit mit Brigitte Kowanz
1990 Verleihung Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst
1993 Vertreter Österreichs auf der Biennale von Venedig
1994 Teilnahme an der Biennale von São Paulo eingeladen
1997–2006 Gastprofessur an der Akademie der bildenden Künste, Wien
2000 Niederösterreichischer Kulturpreis
2010 Verleihung Österreichischer Kunstpreis
 

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  1. Zitiert nach Agnes Husslein-Arco, Severin Dünser (Hg.): Franz Graf: Siehe was dich sieht. See what sees you (Ausst.-Kat. 21er Haus 29.1.–25.5.2014), Wien 2014, S. 17-18.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.