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Die Kunst des William S. Burroughs Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs

William S. Burroughs, Brion Gysin, Untitled (p. 157), um 1965, Mixed media/assemblage/collage, Los Angeles County Museum.

William S. Burroughs, Brion Gysin, Untitled (p. 157), um 1965, Mixed media/assemblage/collage, Los Angeles County Museum.

William S. Burroughs (1914-1997) gehört neben Jack Kerouack und Allen Ginsberg zu den wichtigsten amerikanischen Autoren der Beatgeneration. Seine Bücher – darunter das berühmte „Naked Lunch“ (1959 erstmals erschienen) – aber auch die Nutzung der Cut-up-Technik machten Burroughs zu einem Idol der Gegenkultur. Die in seinen Texten immer wieder verarbeiteten Themen Heroin-Abhängigkeit und Homosexualität verstand Burroughs auf extreme Weise darzustellen. So überschritt er mit seinen nicht-linearen Schriften die Grenzen des Schicklichen wie des Darstellbaren, setzte neue Maßstäbe für Obszönität und Gewalt, analysiert und protegiert mit beißender Ironie gleichermaßen den Drogenkonsum seiner Generation.

Das in den 60er Jahren als schockierend eingestufte Werk des Schriftstellers wird in der Kunsthalle Wien nun mit der Kunst aus diesem Jahrzehnt ergänzt. Die zufällige Entdeckung der Cut-up-Technik durch Brion Gysin Ende September 1959 löste bei den Freunden – vor allem aber William S. Burroughs – frenetisch gefeierte Experimente aus, die in der Ausstellung nach Techniken und Materialien aufbereitet werden. Cut-up steht im Amerikanischen für Schnipsel und bezeichnet jene Zeitungs- und Textfragmente, die von Burroughs zu neuen Texten zusammengestellt und dann abgetippt wurden. Der Autor wollte so zwischen den Zeilen lesen und herausfinden, was die Zeitungen wirklich schrieben, war er doch überzeugt, dass durch diese Technik auch „die Zukunft zum Vorschein“ käme. In einem weiteren Schritt ersetzte Burroughs Wörter durch Zeichen und Farben und begann mit Collagen, d.h. immer wieder abfotografierten Fotos und Cut-ups, sein bildnerisches Vokabular spielerisch zu erweitern. Der Medienwechsel von geschriebenem Text zum aufgezeichneten Text, der zurückgespult und übersprochen wurde, machte aus den Cut-ups Cut-ins. Burroughs und Gysin wollten so dem Wortmüll in den Zeitungen und Radioübertragungen Herr werden, alle Traditionen durch die Infragestellung der Sprache als ein Werte und Konditionierungen konstituierendes System  durchbrechen. Das Material für seine Experimente bezog William S. Burroughs aus der Welt, die ihn umgab. Er re-arrangierte Worte, Text-, Satz- und Filmfragmente, suchte ein System durch ein anderes zu ersetzen, collagierte Fotos und schnitt sie wieder aus, um schlussendlich zu Shotgun Art und Malerei in Form einer post-abstrakt-expressiven, an Kalligrafie erinnernden Zeichnung zu gelangen.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Wien, kokuratiert von Synne Genzmer, macht jenen Kern der „Anti-Establishment“-Bewegung der Gegenkultur spürbar, der die 60er und vor allem 70er Jahre bis in die Punk Musik umtrieb. Die Sprache als einen Virus zu empfinden, der gesellschaftliche Normen über Generationen weiterschreibt, trieb Burroughs zum Filetieren derselben. Die Aufnahme von Bildern in seinen Collagen verwischte selbst die traditionelle Grenze zwischen Wort- und Bildkunst. Das Lebenswerk von William S. Burroughs, politisch untrennbar in seinen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und der McCarthy-Ära verwurzelt, wehrt sich gegen jede Art der Kontrolle und inspirierte so Künstlergenerationen bis Keith Haring und darüber hinaus.

 

 

Wiliam S. Burroughs: Bilder

  • William S. Burroughs, Brion Gysin, Untitled (p. 157), um 1965, Mixed media/assemblage/collage, Los Angeles County Museum.
  • William S. Burroughs, The Curse of Bast, 1987, Acrylic, housepaint, and newsprint on plywood with shotgun holes, Collection of Andrew Renton, London; photo by Ivan Dalla Tana © Estate of William S. Burroughs
  • Brion Gysin, William S. Burroughs, Danger, Paris 1959, The Barry Miles Archive.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.