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Jan Vermeer: Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster Dresden restauriert seinen zweiten Vermeer

Jan Vermeer, Die Briefleserin (am offenen Fenster), Detail, um 1657/59, Öl/Lw, 83 x 64,5 cm (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister – Staatliche Kunstsammlungen)

Jan Vermeer, Die Briefleserin (am offenen Fenster), Detail, um 1657/59, Öl/Lw, 83 x 64,5 cm (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister – Staatliche Kunstsammlungen)

Jan Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ (um 1657/59) gehört zu den Hauptwerken der Dresdener Gemäldegalerie und wird bis 2019 restauriert. Zwischen 2002 und 2004 wurde bereits Vermeers Frühwerk „Bei der Kupplerin“ (1656), dem zweiten Dresdener Gemälde des Künstlers, gereinigt. Mit finanzieller Hilfe der Hata-Stiftung in Tokio kann nun die 2017 begonnene Arbeit fortgeführt werden.

Die Briefleserin in Dresden

Äpfel und Pfirsiche am Tisch sind Vorboten des Bösen. Als Furcht der Erkenntnis und als malum persicum [Pfirsich] gelten die Obstsorten in der Bildwelt der niederländischen Barockmalerei. Sie lassen die Vermutung zu, dass der Inhalt des Briefes die gutsituierte Ehefrau auf Abwege bringt bzw. sie diese schon beschreitet. Dass die im strengen Profil wiedergegebene Leserin einen Liebesbrief in Händen hält, wollte Jan Vermeer (1632–1675) in einem früheren Stadium des Bildes offenbar noch deutlicher herausarbeiten: Im Röntgenbild der „Briefleserin“ ist noch ein Cupido erkennbar. Das allzu offensichtliche Symbol der amourösen Verstrickung übermalte Vermeer jedoch und schuf dadurch eine spannungsgeladene, weil offenere Situation.
Das geöffnete Fenster, in dem sie sich effektvoll spiegelt, lässt Licht in den sonst eher dunklen Raum. Es ist aber auch Sinnbild für die Außenwelt, die nun doppelt in das Heim eindringt. Der zurückgeschobene Vorhang ist ein häufig anzutreffendes Requisit in den Genrebildern von Jan Vermeer van Delft. Die Vorhangstange bildet den oberen, die Borte den unteren Abschluss der Komposition. Mit dem gelbgrünen Vorhang könnte Jan Vermeer sowohl einen außerbildlichen Vorhang meinen, mit dem im Barock Gemälde verhängt wurden, als auch einen innerbildlichen „Raumtrenner“. Michael Alpatow sprach davon, dass er dem Geschehen den „Charakter eines Schauspiels“ verleihen würde.1

 

 

Jan Vermeer brilliert in diesem Werk einmal mehr in der Darstellung von Stofflichkeit – wie zum Beispiel des am Tisch liegenden Perserteppichs, Materialien und Lichtreflexen. Räumliche Tiefe erzeugt er mittels überzeugender Schichtung von Staffage. Die virtuose Behandlung auch des roten Vorhangs, der hinter dem geöffneten Fenster in Falten fällt, oder der Spiegelung der jungen Frau in der Glasscheibe zeigen den Delfter Maler scheinen neben der moralischen Botschaft die wichtigsten Qualitäten des Barockkünstlers gewesen zu sein. Wie in seinem kaum 40 Gemälde umfassenden Werk typisch ist auch die Dresdner „Briefleserin“ kein erzählerisches Bild. Vermeer kommt mit einem Minimum an Handlung und keiner Bewegung aus.

Die weiche Modellierung unterscheidet auch den Meister aus Delft von seinem Bekannten Gerard Ter Borch (1617/18–1681), mit dem er nachweislich 1653 in Kontakt stand. Wenn auch von Jan Vermeer immer wieder angenommen wurde, dass er sehr zurückgezogen lebte, so stand er doch in intensivem Austausch mit anderen Malern. So findet sich der Brief als Requisit häufig im Werk von Ter Borch. Wie die Dresdner „Briefleserin“ sind auch dessen Interpretationen häufig als Belege von mehr oder weniger heimlichen Liebschaften gedeutet worden.

 

Erhaltungszustand

Jan Vermeers Gemälde „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ ist in einem konservatorisch stabilen Zustand, wie die Gemäldegalerie Alter Meister bestätigt. Allerdings beeinträchtigt der stark nachgedunkelte Firnis des 19. Jahrhunderts und alte Retuschen seine ehemals frische Farbigkeit. Die bisher bereits durchgeführten Arbeiten zeigen bereits ein strahlenderes Bild. Diese sollen in der Abteilung Gemälderestaurierung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden durch den Restaurator Dr. Christoph Schölzel entfernt werden. Das Labor für Archäometrie der Hochschule für Bildende Künste Dresden unter Leitung von Prof. Christoph Herm kooperiert. Internationale Untersuchungen und Restaurierungen von Gemälden Vermeers der letzten Jahre – zu nennen sind die Sammlungen in Amsterdam, Kopenhagen, Wien und Dresden – bilden die Basis für diese Kampagne.

Über den Fortgang der Restaurierungsarbeiten informiert die Gemäldegalerie Alte Meister regelmäßig auf ihrer Homepage: https://www.skd.museum/vermeer.

 

 

Literatur

  • Michael W. Aplatow, Die Dresdner Galerie. Alte Meister, Dresden 1966.
  • Norbert Schneider, Vermeer. Sämtliche Gemälde, Köln 1999.
  • Jeroen Giltaij, Der Zauber des Alltäglichen. Holländische Malerei von Adriaen Brouwer bis Johannes Vermeer (Ausst.-Kat. Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam; Städel, Frankfurt a.M. 2004/05), Ostfildern 2005.

 

Jan Vermeer, Die Briefleserin: Bilder

  • Jan Vermeer, Die Briefleserin (am offenen Fenster), um 1657/59, Öl/Lw, 83 x 64,5 cm (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister – Staatliche Kunstsammlungen)
  • Jan Vermeer, Die Briefleserin (am offenen Fenster), Detail, um 1657/59, Öl/Lw, 83 x 64,5 cm (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister – Staatliche Kunstsammlungen)
  • Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
  • Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden

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13. Februar 2010
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Jan Vermeers „Die Malkunst“ ist ein Schlüsselwerk des holländischen Malers aus Delft und eine Ikone der barocken Kunst. Es zählt seit 1945 zu den größten Schätzen des Kunsthistorischen Museums, Wien. Dessen kurze und auf seine Heimatstadt konzentrierte Karriere fasziniert seit dem 19. Jahrhundert.
  1. Michael W. Aplatow, Die Dresdner Galerie. Alte Meister, Dresden 1966, S. 95.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.