Jan Vermeer

Wer war Jan Vermeer?

Jan Vermeer, auch Johannes Vermeer van Delft (1632–1675), gehört zu den berühmtesten Malern des niederländischen Goldenen Zeitalters (17. Jahrhundert). Mit seinen einfühlsamen Schilderungen des (scheinbar) Alltäglichen, mit seinen Bildern von Frauen und Mädchen, die er in zartes Licht tauchte, und die meist geheimnisvoll stille Tätigkeiten ausüben, prägte er die Vorstellung von der Welt des Barock.

Sein schmales Werk umfasst nur 37 Gemälde, da Jan Vermeer vermutlich nur bis zu zwei Werke pro Jahr schuf (→ Jan Vermeer: Biografie). Die meisten seiner Werke - insgesamt 21 Gemälde - erwarb Vermeers vermögender Förderer und Freund Pieter van Ruyven. Heute ist der Barockmaler berühmt für seine sorgsam beleuteten Genreszenen; weiters sind zwei Stadtansichten bekannt.

Kindheit

Jan Vermeer wurde Ende Oktober 1632 als zweites Kind und ältester Sohn von Reynier Jansz. „Vos [Fuchs]“ (um 1591–1652) und Digna Baltens in Delft geboren. Seine Taufe fand am 31. Oktober 1632 in der Nieuwe Kerk, die zur Reformierten Kirche gehörte, statt. Er hatte eine ältere Schwester namens Geertruijt Vermeer, die am 15. März 1620 in Delft getauft worden war. Der Vater Vermeers arbeitete als Weber und stellte Kaffa (feines Seidengewebe, Samt) her. Er führte allerdings auch einen Gasthof namens „De Vliegende Vos [Fliegender Fuchs]“ an der Voldersgracht. Vermeers Mutter Digna Baltens stammte aus Antwerpen.

Vermeers Vater trat am 13. Oktober 1631 der Lukasgilde als Kunsthändler bei. Dadurch wuchs Jan Vermeer in einer Umgebung auf, in welcher Kunst zum Alltag gehörte. Vermeers Vater hatte gute Kontakte zu den Malern in Delft. Ab dem 6. September 1640 nannte sich Reynier Jansz. „Vermeer“, eine Zusammenziehung des Namens „Van der Meer“, der schon früher von der Familie verwendet worden war. Johannes wurde später unter diesem Namen berühmt.

Am 23. April 1641 kaufte der Vater Jan Vermeers das Gasthaus „Mechelen“ auf dem Marktplatz in Delft, für das er sich hoch verschuldete. Im Gasthaus dürfte Vermeers Vater auch Gemälde verkauft haben. Nach dem Tod des Vaters, die Beerdigung fand am 12. Oktober 1652 statt, dürfte Jan Vermeer das Geschäft seines Vaters übernommen haben.

Ausbildung und Einflüsse

Da bisher keine Dokumente zur Ausbildung Jan Vermeers gefunden wurden, gehören die Lehrjahre des Delfter Malers zu den geheimnisumwittertsten Jahren. Seine ersten Bilder weisen keine stilistische Verbindung zu den in Delft heimischen Traditionen auf. Aufgrund stilkritischer Analysen des Frühwerks lassen sich folgende drei Hypothesen aufstellen:

  • Jan Vermeer wurde um 1647/48 bis in die frühen 1640er Jahre in Delft – und vielleicht auch Utrecht – ausgebildet. Wer sein Lehrmeister war, ist nicht dokumentiert.
  • Leonaert Bramer (1596–1674) könnte Jan Vermeers Lehrer gewesen sein: Am 5. April 1653 veröffentlichte Vermeer das Aufgebot für die Hochzeit mit Catharina Bolnes, der Tochter von Maria Thins, was einer standesamtlichen Trauung entsprach. Vermeers Trauzeuge war der Maler Leonaert Bramer, woraus geschlossen wird, dass Jan Vermeer möglicherweise bei Bramer seine Ausbildung erhalten hat (nicht dokumentarisch belegt!). Leonaert Bramer war der bedeutendste Maler der Stadt und hat sich auf vielfigurige Historienbilder mit kräftigen Lichteffekten spezialisiert.
  • Eine Lehre bei Carel Fabritius /1622–1654) kann, wenn sie überhaupt erfolgt ist, nur sehr kurz gedauert haben, denn Fabritius hat sich erst im Oktober 1652 in die Delfter St. Lukasgilde eintragen lassen und verstarb bereits 1654.
  • Jan Vermeer war – vielleicht aufgrund der finanziell angespannten Lage seines Vaters und dessen guter Verbindungen zu Malern – hauptsächlich Autodidakt. Er könnte sich nach ersten Unterweisungen in Zeichen- und Maltechniken selbst anhand der Gemälde aus der väterlichen Kunsthandlung weitergebildet haben.
  • Ein weiterer wichtiger Einfluss ging von der kleinen Kunstsammlung aus, die Vermeers Schwiegermutter ihr Eigentum nannte. Sie besaß einige ausgewählte Werke der Utrechter Schule und war weitschichtig mit dem Utrechter Maler Abraham Bloemenaert (1564–1651) verschwägert. Daher wäre es auch denkbar, dass Vermeer in Utrecht in der Werkstatt von Bloemenart tätig war.

Die Stileigenart von Vermeers Frühwerk kann mit Hilfe der kleinen Kunstsammlung seiner Schwiegermutter, Maria Thins, kontextualisiert werden. Sie war nicht nur weitschichtig mit dem Utrechter Maler Abraham Bloemaert verschwägert, sondern besaß Gemälde der Utrechter Schule. Nachweislich gehörten ihr Dirck van Baburens „Die Kupplerin“ und „Römische Caritas“, die Vermeer im Hintergrund seiner eigenen Bilder „Das Konzert“ bzw. „Sitzende Virginalspielerin“ sowie „Musikstunde“ wiedergegeben hat.

Vermeer in der Gilde und als Meister in Delft

Gesichert ist die Aufnahme Jan Vermeers in die St. Lukas-Malergilde am 29. Dezember 1653. Der 21-jährige Johannes Vermeer ließ sich als „Meesterschilder“ (Meister) in der Delfter Malergilde einschreiben. Von diesem Moment an galt er als ausgelernter und selbständiger Maler, der seine eigenen Bilder signieren und verkaufen durfte. Zu seinen Lebzeiten hatte Vermeer einen guten Ruf in seiner Heimatstadt: zwei Mal fungierte er als Vorstand der Malergilde (1661/62 und 1671/72). Zudem berief man ihn im Mai 1672 nach Den Haag, wo er seine Expertise über die Qualität von italienischen Gemälden, die zum Verkauf standen, abgab.

Um die Mitte der 1650er Jahre begann Jan Vermeer seine Laufbahn als Maler mit religiösen und mythologischen Historienbildern wie „Christus bei Maria und Martha“ (um 1654/55, National Gallery of Scotland, Edinburgh) und „Diana mit ihren Gefährtinnen“ (um 1655/56, Mauritshuis, Den Haag). Warum Jan Vermeer in der zweiten Hälfte der 1650er Jahre von den biblischen und mythologischen Themen zu Genreszenen und Stadtansichten überwechselte, ist nicht bekannt.

Den 1646 nach Delft übersiedelten Tiermaler Paulus Potter (1625–1654), der bis 1649 Mitglieder der St. Lukasgilde war, muss die beiden Maler bei aller Unterschiedlichkeit zusammengebracht haben. Während der 1650er Jahre entwickelte sich in Delft ein neuer Stil der Architekturmalerei (schräge Raumeinblicke mit dynamischen Kompositionen, starkes Helldunkel, Integration von Figuren im Raum), zu deren wichtigsten Protagonisten die Maler Emanuel de Witte (um 1617–1692), Hendrick van Vliet (1611/12–1675) und Gerrit van Houckgeest (um 1600–1661) zählten. Ab 1650 prägte für kurze Zeit auch der zugezogenen Carel Fabritius (1622–1654) das künstlerische Leben der Stadt, indem er die Stadt in naturalistischen Architekturbildern und Perspektivstudien festhielt.

Es fehlen darüber hinaus auch jegliche Hinweise auf eine Verbindung Vermeers mit Jan Steen (um 1625–1679) und der gebürtiger Rotterdamer Pieter de Hooch (1629–1684), die beide 1654 bzw. 1655 nach Delft kamen. Vielleicht hatten ihre Werke, darunter de Hoochs Darstellungen von Räumen und Höfen der bürgerlichen Bevölkerung mit bedeutender Wirkung von Sonnenlicht, eine Vorbildwirkung für den Wechsel Vermeers von der Historienmalerei zu Genre- und Landschaftsmalerei. Auffallend ist auch, dass keine Verbindungen zu überregional tätigen Künstlern nachweisbar sind, darunter Nicolaes Maes (1634–1693) und Samuel van Hoogstraeten (1627–1678) in Dordrecht, Franz van Mieris d. Ä. (1635–1681) und Gerrit Dou (1613–1675) in Leiden oder Gabriel Metsu in Amsterdam (1629–1667).

Wenn auch Michael Montias durch seine sorgfältigen Archivstudien viel Neues zur Biografie des Malers entdeckte, so ist über das Werk des niederländischen Barockmalers wenig bekannt. Vermeer hat nie über Kunst geschrieben, noch andere Notizen über seine künstlerischen Ideal hinterlassen. Desgleichen fehlen auch Zeichnungen oder Studien. Keines seiner Bilder ist als Auftragswerk ausgewiesen, was bedeuten könnte, dass er in erster Linie für eine kleine Gruppe lokaler Kunden gemalt haben dürfte. Damit sind neue Erkenntnisse über Vermeers Malkunst nur aus der präzisen Analyse seiner erhalten Werke, Vergleichen zu den Bildern seiner Zeitgenossen und literarischen Quellen möglich.

Zu Vermeers Biografie gehört auch, dass er gegen Ende seines Lebens finanziell stark angeschlagen war.  Aufgrund der Invasion französischer Truppen 1672 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in Holland enorm. Als der Maler 1675 starb, hinterließ er seiner Witwe und acht unversorgten Kindern einen Berg von Schulden.

Jan Vermeer und Carel Fabritius

Wichtigster Vorläufer von Jan Vermeer in Delft war Carel Fabritius, ein Mitarbeiter von Rembrandt van Rijn, der um 1650 nach Delft übersiedelt war und dort bereits 1654 verstarb. Wenn auch die frühesten Werke Vermeers erst aus den Jahren 1654/55 stammen, so dürfte Fabritius einen wichtigen Einfluss auf den sich formenden Maler gehabt haben. Die Annahme, dass die beiden ein Lehrer-Schüler-Verhältnis hatten, wurde in den letzten Jahren zurückgewiesen. Allerdings prägte Carel Fabritius eine Malweise aus, in der das helle, natürliche Licht, die Schlichtheit der Komposition, der kräftige Pinselstrich und die ausgewogene Farbigkeit bedeutende Faktoren sind. Zu den bekanntesten Werken des mit nur 32 Jahren früh verstorbenen Malers zählt das Tierstück „Der Distelfink“ (1654 dat. → Carel Farbitius: Der Distelfink). Damit schuf Fabritius jenes „Delfter Licht“, das auch Jan Vermeers Kompositionen sanft beleuchtet.

Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge

Zu den berühmtesten Bildern des Delfter Künstlers gehört „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ (um 1665, Mauritshuis, Den Haag), das Inspirationsquelle für den Historienroman und den populären Film „Das Mädchen mit dem Perlenorhrring“ (2003) war. Im Film spielt Scarlett Johansson das Hausmädchen von Jan Vermeer, der es mit den Perlenohrringen als Modell für das berühmte Gemälde heranzieht.

Vermeers Nachfolge

Bis heute lassen sich Künstlerinnen und Künstler von Vermeers Lichteffekten inspirieren, zu den bekanntesten zählen die Medienkünstlerin Fiona Tan (→ Fiona Tan. Geografie der Zeit) und der Fotograf Erwin Olaf (→ Erwin Olaf schenkt dem Rijksmuseum sein gesamtes Werk).

Alle Beiträge zu Jan Vermeer

20. Dezember 2020
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