MAK: Chinesische Kunst aus der Sammlung Sigg | ARTinWORDS
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MAK: Chinesische Kunst aus der Sammlung Sigg Zeitgenössisches aus dem Reich der Träume

Wang Xingwei, My Beautiful Life, Detail, 1993–1995, Öl auf Leinwand (Courtesy Sigg Collection © Wang Xingwei)

Wang Xingwei, My Beautiful Life, Detail, 1993–1995, Öl auf Leinwand (Courtesy Sigg Collection © Wang Xingwei)

Mit „CHINESE WHISPERS. Neue Kunst aus der Sigg Collection“ möchte das MAK ein umfassendes Bild chinesischer Gegenwartskunst und ihrer ästhetischen sowie ikonografischen Bezüge präsentieren. Dazu holt Christoph Thun-Hohenstein die Sammlung von Uli Sigg ins Haus. Der schweizer Unternehmer sammelt seit den 1970ern chinesische Kunst – mit enzyklopädischem Hintergedanken, wie er versichert. Dass er über den Verdacht des kolonialistischen Tuns erhaben ist, beweist seine 2012 erfolgte Schenkung an China. Er hätte, so zeigt sich Sigg überzeugt, das gesammelt, was ein Nationalmuseum hätte sammeln sollen aber nicht tat. So zeigt sich Uli Siggs Kollektion als ein Kaleidoskop von Einzelpositionen: stilistisch wie medial heterogen, sowohl abstrakt wie figurativ, gesellschaftskritisch oder formalistisch, von traditioneller chinesischer Kunst und/oder westlicher Kunstgeschichte beeinflusst.

Etwa 100 Werke aus der Sigg Collection – u.a. von bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern wie Ai Weiwei, Cao Fei, Duan Jianyu, Feng Mengbo oder He Xiangyu – treffen auf kunstgewerbliche Objekte der MAK-Sammlung. Die dichte Hängung der Arbeiten erinnert durchaus an deren Entstehen aus einer Studiensammlung. Rahmen an Rahmen, Podest an Podest prallen die Gegensätze aufeinander. Pop und Kitsch findet sich genauso wie buddhistische Versenkung und ironische Kommentare auf ein unsichtbares, junges China zwischen einer Venus aus Panda-Kot, hedonistischen Partys und .

Zeitgenössische Kunst in China

Der politische Umbruch im China der 1980er Jahre muss die Kunstszene im Mark getroffen haben –zum einen eine stärkere Öffnung zum Westen mit seinen popkulturellen und marktökonomischen Verheißungen und zum anderen anhaltende Zensur und Repressalien durch die Obrigkeit. Wie darauf reagieren? Dass die westliche Kunstgeschichte offenbar intensiv rezipiert wurde, zeigt schon ein Blick auf die hyperrealistische Skulptur „Death of Marat“ (2011) des Konzeptkünstlers He Xiangyu (* 1986). He zeigt Ai Weiwei – in Anlehnung an den umstrittenen französischen Revolutionsführer Jean-Paul Marat. Die am Boden liegende Figur entstand während der Gefängnishaft des Dissidenten, der 2012 entlassen und gezwungen wurde, das Land zu verlassen. Ai Weiwei (* 1957) ist selbst mit vier Werken in der Gruppenausstellung vertreten: ein gestürzter roter Kronleuchter – „Descending Light with A Missing Circle“ (2017) ist ein monumentales, am Boden liegendes Stück und ein echter eye-catcher der Ausstellung –, unzählige aus Porzellan handgefertigte Sonnenblumenkerne in einer antiken Schüssel aus dem MAK, eine Tisch/Eck/Skulptur, ergänzt durch eine frühe Foto-Arbeit aus der New Yorker Zeit (nicht übersehen!). Immer wieder ist es die alte Handwerkskunst, das Arbeiten im Kollektiv, der Verweis auf gesellschaftliche Umbrüche, die den inzwischen in Deutschland lebenden Künstler interessieren (→ Ai Weiwei in der Royal Academy).

Wenn Wang Xingwei (* 1969) einer Frau einen Spucknapf anstelle eines Kopfes montiert, Xue Feng (* 1973) eine Landschaft mit Pagode und Wasser hinter Mustern verschwinden lässt oder die Malerin Li Xi (* 1979) in traditioneller Tuschemalerei zwischen Landschaft und lyrischer Abstraktion changiert, handelt es sich um subtile Auseinandersetzungen mit der eigenen Kultur. Den imaginierten Landschaften, mehr Bilder des Inneren, der Tradition als kritische Auseinandersetzungen mit Umweltzerstörung, stehen beispielsweise neo-impressionistische Stadtansichten von Zhao Bandi (* 1966) gegenüber, die allein durch das Zeigen von Überwachungskameras das Interesse der Zensurbehörde wecken würden, wie der Uli Sigg eindrücklich betont. Auch das rote Schriftzeichen in „Night View“ (ebenfalls 2015) dürfte keine große Begeisterung in China auslösen, auch wenn es mit „chinesischer Traum“ zu übersetzen ist. Das von Präsident Xi Jinping ausgegebene Motto prangt nicht nur als Leuchtreklame in der Schau, sondern springt in seiner französischen Übersetzung den Besuchenden am Beginn in die Augen: Brad Pitt und Parfum-Werbung begleiten den „chinesischen Traum“ ins Land des ewigen Konsums? Das Objekt verdichtet Wünsche und Begehren aus Internet-Quellen.

(Selbst-)Kontrolle des oder der Einzelnen ist (nicht nur) in China eine vielgeübte Methode, die schon bei Bonsai-Bäumen beginnt (Shen Shaomin) und mit Schuhen für gebundene Füße aus der MAK-Sammlung endet, Dokumente und Listen einsetzt (Mao Tongqiang) oder in fotografischer Selbstbeobachtung des Künstlers Song Dong (* 1966) kulminiert („Eating Drinking Shitting Pissing Sleeping“, 1995). Chinesische Kunst fernab der Propaganda zeigt Lebensweisen und Räume schonungslos und nicht idealisiert. Dass in der Ausstellungshalle der fünfteiligen Fotoserie gerade eine Appropriation sozialistisch-realistischer Skulptur in der Malerei gehängt wird, mag man als Augenzwinkern verstehen. Von den knapp 100 Werken sind aktuell etwa zehn für das geplante Museum in Hongkong bestimmt.

Sammlung Uli Sigg

Der Pionier und Sammler Uli Sigg (* 1946) verfolgt seit Ende der 1970er Jahre die Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China und begann Mitte der 1990er Jahre, die weltweit repräsentativste Sammlung chinesischer Kunst aufzubauen. Als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und Schweizer Botschafter in China, Nordkorea und der Mongolei (1995–1998) hatte Uli Sigg die Möglichkeit, hinter die Kulissen der enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu blicken, die – wie Chinas Vision einer Neuen Seidenstraße zeigt – der Tradition und der Zukunft verschrieben sind.

Als Sammler interessiert sich Sigg speziell für Werke, die im engen Austausch mit den Künstlerinnen und Künstlern entstehen. Er förderte zahlreiche internationale Karrieren wie jene von Ai Weiwei. 2012 übergab Sigg große Teile seiner Sammlung als M+ Sigg Collection an das neu gegründete M+ Museum for visual culture, Teil des West Kowloon Cultural District in Hongkong, das vom Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfen wurde. Was allerdings die Verantwortlichen mit den von ihm geschenkten Werken machen werden, ist noch nicht gewiss.

Chinesische Kunst aus der Sammlung Sigg im MAK

Die über 25 000 Objekte umfassende MAK-Sammlung Asien zählt zu den bedeutendsten Sammlungen asiatischer Kunst in Europa und schafft somit eine breite diskursive Plattform für die Präsentation der Sigg Collection. In der MAK-Ausstellung treten die Arbeiten der Sigg Collection in Dialog mit einer korrespondierenden Auswahl historischer Objekte der MAK-Sammlung Asien aus China. Seit seiner Gründung vor über 150 Jahren setzt das MAK einen musealen Schwerpunkt auf asiatisches Kunstgewerbe aus China, Japan und Korea. Bereits um 1900 konnte das Museum die Höhepunkte asiatischer Kulturen dokumentieren, ein Großteil des Sammlungsbestands des unter wirtschaftspolitischen Vorzeichen gegründeten Handelsmuseums kam 1907 an das heutige MAK.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler

Aaajiao, Ai Weiwei, Cao Fei, Cao Yu, Chi Lei, Chu Yun, Duan Jianyu, Feng Mengbo, He Xiangyu, Jun Yang, Li Xi, Liu Chuang, Liu Ding, Liu Wei, Ma Ke, Miao Ying, Ming Wong, Ni Youyu, Peili Zhang, Song Dong, Song Ta, Shao Fan, Shen Shaomin, Shen Xuezhe und Wang Jin.

Eine Ausstellung des MAK im Dialog mit dem Sammler Uli Sigg und in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern sowie dem Zentrum Paul Klee.

MAK: Chinesische Kunst aus der Sammlung Sigg: Bilder

  • Wang Xingwei, My Beautiful Life, 1993–1995, Öl auf Leinwand (Courtesy Sigg Collection © Wang Xingwei)
  • He Xiangyu, The Death of Marat, 2011, Glasfaser, Kieselgel (Courtesy Sigg Collection © He Xiangyu)
  • Ai Weiwei, Descending Light with A Missing Circle, 2017 (© Ai Weiwei)
  • Shi Jinsong, Lack Pine Tree, 2011, Holz (Courtesy Sigg Collection © Shi Jinsong)
  • Gao Weigang, Superstition, 2012–2013, Weißer Marmor (Courtesy Sigg Collection © Gao Weigang)
  • Samson Young, We are the world, as performed by the Hong Kong Federation of Trade Union Chorus, 2017, Video, Mehrkanal-Soundinstallation (Courtesy Sigg Collection © Samson Young)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.