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Sam Gilliam: The Music of Color Immersiv, formlos und farbgesättigt - Werke der Jahre 1967 bis 1973 in Basel

Sam Gilliam, The Music of Color, Kunstmuseum Basel 2018, Foto Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Sam Gilliam, The Music of Color, Kunstmuseum Basel 2018, Foto Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Sam Gilliam (* 1933) bereicherte 1967 die Abstrakte Malerei um eine neue räumliche Note: Malerei, Skulptur, Architektur verschmelzen in seinem offenen Malereibegriff zu installativen, körperlichen Schüttbildern. Schwerkraft und Farbigkeit, Flächigkeit des Textils und Räumlichkeit der Präsentationsform, Freiheit des Jazz und Arbeit in Serie verschmelzen in Gilliams Werk. Der schmale zeitliche Rahmen der Ausstellung fokussiert auf die auch politisch wichtigen späten 1960er, deren gesellschaftspolitische Veränderungen dazu führten, dass Sam Gilliam 1972 als erster afroamerikanischer Künstler die USA auf der Biennale von Venedig vertrat.

„Slices“ und „Drapes“

In der Serie der „Beveled-edge paintings“, oder kurz „Slices“, schüttete Sam stark verdünnte Acrylfarbe direkt über unpräparierte Leinwände, die sich mit dem flüssigen Material vollsogen. Noch während die Farbe nass war, faltete und knitterte Gilliam die Leinwände. Es entstanden musterartige Verdoppelungen, rohrschachartige Emanationen von Figuren, gestische Eingriffe. Zum Trocknen spannte er die Bilder auf an den Kanten abgeschrägte Keilrahmen. Auf diese Weise verband er abstrakte Malerei mit den international geführten Diskussionen der 1960er Jahre um die Objekthaftigkeit des „Bildes“ und die Performativität des Entstehungsprozesses (vgl. Lucio Fontana, Yves Klein, Lynda Benglis, Gutai-Gruppe). In seiner Betonung der körperlichen Malerei widersprach er aber auch berühmten Zeitgenossen wie beispielsweise Donald Judd, der die Trennung zwischen Malerei und Skulptur weiterhin propagierte. Verbindungslinien lassen sich zu Robert Morris‘ Filz-Skulpturen herstellen, die Morris ebenfalls ab 1967 schuf (→ Anti-Form), wenn auch Gilliam auf die Frage hin ausweichend antwortet und seine profunde Kenntnis der Malereigeschichte beweist. Gilliams Gemälde sind immersiv, performativ in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen und verbinden die Abstraktion der Amerikanischen Abstrakten Expressionisten mit heutigen Praktiken und Methoden der ungegenständlichen Kunst.

Im Jahr 1968 ging Sam Gilliam noch einen Schritt weiter und drapierte die eingefärbten Leinwände wie Vorhänge, Faltenwürfe oder Fahnen. Manchmal treten die bemalten Tücher in Verbindung zu hölzernen Elementen, einer Leiter beispielsweise oder einem einfachen Holzbalken. Die „Drape paintings“ entstanden ab 1968 und zählen wohl zu den Vorläufern von Katharina Grosses Malerei. Gilliam ging es darum, das abstrakte Bild von seinem Keilrahmen, seiner wie auch immer gewählten, aber vorgegebenen Form zu befreien und den Ausstellungraum in einen Dialograum zu verwandeln. Gilliams „Bilder“ hängen von der Decke, schweben, verbinden Raumecken, vulgo passen sich den architektonischen Gegebenheiten an. Die zwischen 1967 und 1973 entstandenen Abstraktionen Gilliams sind farbenfroh und expressiv, monumental in der Größe und offen für Interpretation. Eine wichtige Inspirationsquelle ist für den amerikanischen Maler der Jazz, was sich sowohl in der Kompositionsform wie auch einigen Bildtiteln wiederfindet. Bis heute installiert Sam Gilliam diese Werke persönlich – und reagiert in Basel auf den kürzlich eröffneten Neubau.

Politische Abtraktion?

Farbigkeit, die Hinwendung zum Jazz – aber auch Politik? Die späten 1960er Jahre in den USA waren von politischen Auseinandersetzungen wie den Anti-Vietnam-Demonstrationen, die tödlichen Attentate auf Malcolm X am 21. Februar 1965 und Martin Luther King am 4. April 1968 und Rassenunruhen geprägt. Sam Gilliams Haltung wird anhand der Bildtitel deutlich, die den Bildern nach ihrer Fertigstellung verleiht. So widmete er dem Bürgerrechtler King eine Serie und reagierte mit „Jail Jungle“ auf Rasenunruhen. Mit der Arbeit „Composed (formerly) Dark as I am“ (1968–1974) spielt der Afroamerikaner ironisch auf die stark polarisierte Diskussion um Black Art und die Rolle schwarzer Künstler in der abstrakten Malerei in den USA der 1960er und 1970er Jahre an. Weitere Assemblagen von Kleidungsstücken eines Army-Schneiders, Fotografien und viel Farbmaterie erscheinen wie gläserne Erinnerungskapseln an unbekannte Personen. Wie als abstrakter Maler auf Zeitgeschichte reagieren, wie Politik in die eigene Agenda aufnehmen, wenn Repräsentation im Bild keine Frage mehr ist? Sam Gilliam gelingt es mit seinen poetischen Werken, ihren Entstehungskontext und damit das Geschehene nicht vergessen zu lassen.

Sam Gilliam in Basel

Im Jahr 2017 konnte das Kunstmuseum Basel Gilliams Werk „Rondo“ (1971) erwerben, die nun in der Schau eine zentrale Position einnimmt. „The Music of Color“ ist die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers in Europa. Dabei rückt mit dem Schwerpunkt auf den Jahren 1967 bis 1973 Gilliams radikalste Schaffensphase in den Mittelpunkt. Sam Gilliam baute die Ausstellung in zweiwöchiger Phase auf. Da viele Arbeiten aus Privatsammlungen stammen, sind seine Überlegungen zu Hängung und Präsentation von größter Bedeutung. Dazu warfen auch Restauratorinnen einen Blick auf die Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre. Das Kunstmuseum Basel dokumentiert die Schau in Installationsaufnahmen für den Katalog sowie Filmmaterial. Die Begegnung von Sam Gilliam mit dem Neubau findet unter dem Aspekt der Neubewertung afroamerikanischer Kunst statt. Erst Mitte Mai erzielte ein Gemälde von Kerry James Marshall den Preis von über 20 Mio. US-Dollar. Gilliams Auktionspreise muten im Vergleich dazu wahrlich moderat an – seine Zeitgenossen der Colorfield Abstraktion und der Washington Color School (Morris Louis und Kenneth Noland) – noch nicht eingerechnet. Die „Renaissance“ oder besser die Entdeckung Sam Gilliams begann 2017, als seine Arbeit „Yves Klein Blue“ auf der 57. Biennale in Venedig zu sehen war. Mit ihr knüpfte der nunmehr 85-jährige Maler an sein experimentelles Frühwerk an: „Sam Gilliam ist die „Brücke“ zwischen Piet Mondrian, Barnett Newman, Jackson PollockMark Rothko und heutigen abstrakten Malern“, ist Jonathan Binstock überzeugt.

Sam Gilliam (* 1933 in Tupelo, Mississippi) zählt zu den wichtigsten Vertretern der Abstrakten Malerei in den USA. Seit 1962 lebt und arbeitet der Künstler in Washington D.C. Das Geburtshaus des Malers liegt nur wenige Häuser von jenem Elvis Presleys entfernt. Als 9-jähriger übersiedelte er mit seiner Familie nach Louisville, Kentucky im Mittleren Westen. Dort hatte er außergewöhnliche Lehrer, viele von ihnen waren geflohene Juden aus Europa. Im Jahr 1962 zog er als 29-jähriger nach Washington D.C.:, was ihn in das Herz der Malerschule, geprägt durch Morris Louis und Kenneth Noland, katapultierte. In der Hauptstadt fanden aber auch bedeutende Diskussionen um gesellschaftspolitische Themen statt, die Sam Gilliam in den Titeln seiner Werke verarbeitete. In Washington arbeitete Sam Gilliam anfangs in einer Form von Hard-Edge-Manier. zum revolutionären Durchbruch der „Slices“. „In nur sieben Jahren veränderte Gilliam die Geschichte der Malerei“, sind Binstock und Helferstein überzeugt. Sam Gilliams Werke sind in zahlreichen Sammlungen vertreten, u.a. Art Institute of Chicago, MoMA (New York), National Gallery of Art und Whitney Museum of Art.

Kuratiert von Jonathan Binstock, Direktor in Rochester, und Josef Helfenstein.

Sam Gilliam. The Music of Color in Basel: Bilder

  • Sam Gilliam, Light Depth, 1969, Acryl auf Leinwand, 304.8 x 2269 cm (Corcoran Collection, Washington D.C.)
  • Sam Gilliam, Whirlirama, 1970, Acryl auf Leinwand, 282.6 x 293.4 x 5.1 cm (Metropolitain Museum of Art, New York)
  • Sam Gilliam, Rondo, 1971, Acryl auf Leinwand, Eichenbalken, 261 x 366 x 198 cm (Kunstmuseum Basel)
  • Sam Gilliam, Ruby Light, 1972, Acryl auf Leinwand, 203 x 144 x 30 cm (Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington D.C.)
  • Sam Gilliam, Crystal, 1973, Acryl auf Leinwand, 236 x 75 x 19 cm (Courtesy of the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles)
  • Sam Gilliam, Composed (formerly) Dark as I am, 1968–1974, Ausstellungsansicht Basel 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS, © Sam Gilliam
  • Sam Gilliam, Green April, 1969, Ausstellungsansicht Basel 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS, © Sam Gilliam
  • Sam Gilliam, Autumn Surf, Installation View der Ausstellung “Works in Spaces” im San Francisco Museum of Modern Art, 1973 Foto: Art Frisch Courtesy San Francisco Chronicle ©2018, ProLitteris, Zurich
  • Sam Gilliam, Installationsansicht The Music of Color, Kunstmuseum Basel 2018, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS, © Sam Gilliam

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.