Barnett Newman

Wer war Barnett Newman?

Barnett Newmann (1905–1970) war ein amerikanischer Maler der Abstraktion.

 

Kindheit und Ausbildung

Barnett Newman wurde am 29. Jänner 1905 in der Lower East Side von New York als Sohn von Anna und Abraham Newman, geboren. Seine Eltern waren fünf Jahre zuvor aus dem russischen Teil Polens nach Amerika gekommen.

Während seiner High School Zeit nahm Newman Zeichenunterricht in der Art Students League und ging 1922 regelmäßig in Museen, vor allem in das Metropolitan Museum of Art. Zwischen 1923 und 1927 besuchte Newman das City College of New York, wo er Philosophie belegte. Er las Spinoza und Kropotkin.

Seit den späten 1920er und frühen 1930er Jahre verband ihn eine enge Freundschaft mit Adolph Gottlieb, Hans Hofmann, Clyfford Still, Lee Krasner, Jackson Pollock, Milton Avery und Mark Rothko. Von 1931 bis 1939 arbeitete Barnett Newman Vollzeit als Kunstlehrer an New Yorker High Schools. Im Jahr 1933 mietete Newman ein Atelier und verlangt von den Künstlern ein größere politische Verantwortung. Wenig später, im Jahr 1936, heiratet er Annalee Greenhouse. Im Jahr 1943 lernte er Betty Parsons kennen, für dessen Galerie er bis 1947 Ausstellungen organisierte: Newman stellte 1944 eine Schau zu präkolumbianischen Steinskulpturen, 1946 zur indianischen Malerei von der Nordwestküste zusammen.

 

Biomorphe Abstraktion

Zwischen 1939 und 1941 betrieb Barnett Newman ernsthafte Studien in Botanik und Ornithologie. Mitte 1940er zeigten diese erste Einflüsse auf seine Malerei. Biomorphe Formen in seinen Gemälden transponierten Flora und Fauna, wofür er sich im American Museum of Natural History weiterbildete. Ein weiterer Einfluss könnte vielleicht von den „Black Place“-Gemälden Giorgia O'Keffes ausgegangen sein (→ Georgia O’Keeffe). In dieser Phase experimentierte Barnett Newman mit verschiedenen Formen der Abstraktion, um seine Gemälde von Narration und Repräsentation zu befreien, ohne ihre Bedeutung zu eliminieren.

 

„Onement I“ - und dann nichts

Im Jahr 1948 gelang Newman der Durchbruch zu seiner Form der Abstraktion mit „Onement I“: Das Gemälde zeigte einen braunen Grund, der von einem orangen Band geteilt wird. Kompositionell bezog sich Newman in „Onement I“ auf das Gemälde „Vier Bäume“ von Claude Monet im Metropolitan Museum, New York. Die Streifen, die Barnett Newman „zips“ nannte, wurden ein Markenzeichen seiner Kunst. Noch im selben Jahr veröffentlichte er den Aufsatz „The Sublime Is Now“.

Dem künstlerischen Neuanfang schloss sich kein wirtschaftlicher oder Kritikererfolg an: 1950 und 1951 fanden die ersten zwei Einzelausstellungen bei Betty Parsons statt. Die zweite Einzelausstellung wurde von Kritikern und Künstlern gleichermaßen vernichtend kommentiert. Barnett Newman war davon völlig entmutigt, zog seine Bilder zurück und schwor sich, nicht mehr auszustellen. Clement Greenberg kommentiert mit mehr als sechs Monaten Verspätung die Ausstellung 1952 positiv, wobei er jedoch mit einer Vergöttlichung Jackson Pollocks endete („Pollock in a class by himself“). Daher existieren aus den Jahren 1956/57 keine Gemälde von Barnett Newman.

Im Jahr 1958 malte er nur drei Bilder! Diesem zögerlichen Neubeginn folgte eine Einzelausstellung im Benington College, Vermont, und eine Teilnahme an der Ausstellung „The New American Painting“ im Museum of Modern Art, die in der Folge durch Europa tourte. Im folgenden Jahre, 1959, malte Newman überhaupt nicht und zeichnete auch nur drei Zeichnungen.

 

Zurück zur Malerei

Die wichtigsten Werke von Barnett Newman entstanden ab 1960: „White Fire II“ (Basel, Kunstmuseum) und der Zyklus „The Stations of the Cross: Lema Sabachthani“, den er 1966 im Solomon R. Guggenheim Museum, New York, ausstellte. 1966 bis 1970 schuf Barnett Newmans den vierteiligen Gemäldezyklus „Who`s afraid of Red, Yellow and Blue?“, der eine Ikone der amerikanischen Malerei des 20. Jahrhunderts ist, und Künstler wie Kerry James Marshall zur Auseinandersetzung inspirierte.

Ab 1962 unterrichtete Newman an verschiedenen amerikanischen Universitäten und hielt Vorträge. Er nahm 1963 an der „Recent American Synagogue Architecture“-Ausstellung im Jüdischen Museum, New York, teil.

In den Jahren 1964 sowie 1967/68 bereiste er zwei Mal Europa: Auf seiner ersten Reise besuchte er London, Basel, Colmar, Paris, Chartres; auf der zweite Reisen ging er nach Irland, England, Frankreich, Schweiz, Niederlande, Spanien.

Zu Newmans wichtigsten Ausstellungsbeteiligungen i Ausland zählte 1965 die São Paulo Biennale, wo er die USA vertrat. Vier Jahre später, 1969, stellte Newman seine Lithografen im Kunstmuseum Basel aus. Noch im gleichen Jahr besuchte er Houston (Texas), um den Aufstellungsort seiner Skulptur „Broken Obelisk“ zu sehen. Der Maler und bedeutende Kunsttheoretiker erhielt 1970 die Creative Arts Medal in Painting für 1969–70 der Brandeis University.

 

Werke

Barnett Newman wandte sich explizit gegen Piet Mondrians Malerei: Dessen Abstraktion wäre ihm zu puristisch und reguliert, er wollte die Farbe von ihrer kompositionellen Unterordnung und allen sonstigen Prinzipien lösen. Newmans teilweise riesigen Bildformaten werden immer wieder als „metaphysische Erfahrung des Erhabenen“, oder wie der Künstler es selbst ausdrückte, des „Sublimen“, beschrieben. Im Jahr 1948 hielt Newman in seinem Manifest „The Sublime Is Now“ fest, dass Farbe von ihrer kompositionellen Unterordnung und allen sonstigen Prinzipien zu lösen und sie daher der maßgebliche Ausdrucksträger seiner Werke sei. Im selben Jahr (1948) malte er auch seinen ersten „zip“, einen meist vertikalen Streifen, der das monochrome Bild durchzieht und es durch diese Präsenz (Störung) gleichsam erschafft. Der Wechsel von Ölfarbe zu Acryl machte das Zeihen der Grenzen leichter kontrollierbar. Es entstand u.a. „The Name I“ (1949, Daros Collection).

Malerische „zips“ stehen monochrom und homogen gefüllten Farbflächen gegenüber. Die malerische Qualität, in Form einer „Nichtperfektion“, einem nicht genau die Kanten nachziehen, unterscheidet die Gemälde Newmans von jenen seiner Hard-Edge-Kollegen aber auch der Color-Field-Maler. Dass sich Newman mit Mark Rothko bestens verstanden hat, wird vor den Originalen jedoch schnell nachvollziehbar. Newman vergrößerte auch die Flächen seiner Bilder (sie erinnern als Hochformate an die Proportionen von ostasiatischen Rollbildern), wodurch Farbe als solche besser wirken kann, auch wenn sie manchmal in höchst unsuggestiven Tönen gewählt wurde. Zu den meditativsten Bildern gehört das Werk „Day Before One“ (1951), das durch die Wahl von drei Blautönen einen wahrhaft beruhigenden Effekt entwickelt. Die beiden „zips“ an den oberen und unteren Kanten teilen nicht, sondern scheinen die unendliche Farbfläche an den Rändern zu rahmen.

Welche Bedeutung die Spannung zwischen Farbfläche und „zip“ für die Bildideen Newmans hat, erprobte der Maler in „The Wild“ (1950). Hier reduziert sich das Bildformat auf die Dimension eines „zips“. Soll nun die Wand des „white cube“ die Farbflächen ersetzen? Was wird „gezippt“? Welche Auswirkungen hat es auf den „zip“, wenn er als Limes nichts mehr begrenzt? Im Jahr 1964 schuf Barnett Newman „Tertia“ (Moderna Museet, Stockholm), das die gemalte Fläche durch den „zip“ selbst als Konstruktion entlarvt. Zusätzlich zu seiner, von den Zeitgenossen als nicht ausreichend präzise empfundenen Flächenmalerei kommt das enthüllende Moment des Bruches. Die erratisch wirkende Fläche ist nur eine Ansammlung von Pinselstrichen, der Name des Künstlers prangt in voller Länge neben dem Störfaktor. Der malerische Illusionismus muss sich dem Aufdecken von Materialität und Malfaktur geschlagen geben.

 

Newmans Spiritutalität

Um die Problemstellung von Fläche und sie durchschneidender Linie kreiste Barnett Newman auch in „White Fire II“ (1960) aus dem Kunstmuseum Basel, in dem der „zip“ in der Mitte des Bildes als farblose Erscheinung der Leinwand von kalligrafisch umkreisten, schwarzen Pinselstrichen „umflämmt“ wird. Die drei Rechtecke – zwei schwarze Flächen rahmen die weiße Grundfläche links und rechts – verleihen der Komposition Stabilität. Der Titel des Werks, „White Fire II“ bezieht sich auf eine kabbalistische Überlieferung, nach welcher die Thora mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer geschrieben wurde. Das Lodern des Pinselstrichs imitiert somit die Bewegung des Feuers, die Farbwahl bezieht sich auf den Glaubensinhalt.

Barnett Newman orientierte sich an primitiver Kunst, u.a. der Kwakiutl , in der er „den Schrecken des Unbekannten“ fand. Der Jude Newman beschäftigte sich mit der Spiritualität der „Primitiven“, malte die 14 Stationen eines christlichen Kreuzwegs und setzte kabbalistische Glaubensinhalte in Bilder um. Newman faszinierte, dass die Künstler des indianischen Stamms der Kwakiutl abstrakte Forman als Ausdrucksträger für metaphysische Gedanken benutzten. Das fände, so Newman, ein Echo in der aktuellsten Kunst, es entstünde eine neue Kraft als „modernes Gegenstück zum primitiven Impuls der Kunst“1. Aus diesem Grund lehnte er die Abstraktion Mondrians ab, denn dieser entlehnte sein Vokabular der Geometrie und versuchte eine neue Ordnung aus den Bezügen herzustellen. Dieser Kunst unterstellte Newman, inhaltsleer zu sein und zur harmlosen Dekoration zu verkommen. Für Newman bedeutete Abstraktion, dass sie zur Trägerin von ansonsten nicht kommunizierbaren Ideen wird.

 

Tod

Barnett Newman starb am 4. Juli 1970.

 

Literatur

  • Simon Baier: Barnett Newman, in: Bernhard Mendes Bürgi, Kunstmuseum Basel (Hg.), Piet Mondrian – Barnett Newman – Dan Flavin (Ausst.-Kat. Basel Kunstmuseum, 8.9.2013 – 19.1.2014), Ostfildern 2013.
  1. Barnett Newman: Das ideographische Bild (1947), zit. nach: Simon Baier: Barnett Newman, in: Bernhard Mendes Bürgi, Kunstmuseum Basel (Hg.), Piet Mondrian – Barnett Newman – Dan Flavin (Ausst.-Kat. Basel Kunstmuseum, 8.9.2013 – 19.1.2014), Ostfildern 2013, S. 81.