Albert Marquet

Wer war Albert Marquet?

Albert Marquet (Bordeaux 27.3.1875–14.6.1947 La Frette-sur-Seine) war ein französischer Maler des Fauvismus. Marquet war ein Fauvist der ersten Stunde und lebenslang mit Henri Matisse befreundet. Er wurde vor allem durch seine Hafen- und Flusslandschaften bekannt, obwohl er 1912 und 1919 auch bemerkenswerte und provokante Akte gemalt hat.

Kindheit und Ausbildung

Albert Marquet wurde am 27. März 1875 in Bordeaux als Sohn eines Bahnangestelten geboren. Marquet war scheu und bescheiden. Er litt zeitlebens unter seiner Kurzsichtigkeit und einer genetisch bedingten Fußdeformation. Trotz ihrer Zweifel, ob der Sohn als Künstler seinen Lebensunterhalt würde verdienen können, unterstützte ihn seine Mutter finanziell, indem sie die Mittel einer bescheidenen Erbschaft heranzog, um in Paris ein kleines Einzelhandelsgeschäft zu gründen, das sie und ihren zunächst erfolglosen Sohn ernähren sollte.

Er zog 1890 nach Paris, wo er zunächst an der École Nationale Superieure des Arts decoratifs studierte und 1892 Henri Matisse, Henri Manguin und Henri Evenepoel kennenlernte. 1897/98 studierte Marquet an der École des Beaux-Arts. Dort stieß er 1898 auf Charles Camoin (1879–1965) und Georges Rouault (1871–1958). Der Symbolist Gustave Moreau (1826–1898), in dessen Atelier Marquet und seine Malerfreunde ab 1894 eingetreten waren, legte seinen Schülern ans Herz, in sich selbst die Vorstellung von Farbe zu entwickeln. Der großartige Kolorist Moreau war von 1892 bis 1898 an der École des Beaux-Arts „chef d’atelier“ und ein beliebter Lehrer, die Freiheit der Farbe vor allem aber in seinen weniger bekannten Aquarellen und Gouachen auslebte. Moreau empfahl zwar seinen Schülern, sich an den alten Meistern im Louvre zu schulen, aber er ließ sie auch gewähren und gab ihnen den nötigen Raum zur individuellen Entfaltung. Diese Haltung wurde sowohl für Albert Marquet wie auch die anderen zukünftigen Fauvisten von größter Bedeutung.

Akte im Gartenhaus

Nach dem Tod Gustave Moreaus verließen Matisse, Manguin und Marquet Ende 1899 die École des Beaux-Arts, weil sie mit dessen Nachfolger Fernand Cormon (1845–1924) unzufrieden waren: Sie richteten sich in Manguins Gartenhäuschen ein Atelier ein, teilten die Kosten für Modelle und übten sich in einer Malweise, die einerseits an die pointillistische Technik der von Paul Signac (1863–1935) anknüpfte, andererseits sich aber auch gewisse Freiheiten gegenüber einem regelmäßigen Farbauftrag erlaubte (→ Postimpressionismus | Pointillismus | Divisionismus). Auch hier war es Albert Manguin, der im Dezember 1898 seinem Freund Henri Matisse die Schriften Signacs borgte, damit sich dieser einmal mehr mit ihnen beschäftigen konnte.
Marquet, Matisse und Manguin arbeiteten so intensiv miteinander, dass es manchmal schwierig ist, ihre gemalten Interieurs mit Aktmodellen voneinander zu unterscheiden. Dergleichen lässt sich auch in der Landschaftsmalerei beobachten, wenn die Künstler Seite an Seite gemalt haben. Das Trio stieß im Herbst 1900 in der Académie Camillo bei Eugène Carriere auf André Derain (1880–1954) und in der Klasse von Leon Bonnat auf Othon Friesz (1879–1949). Seit 1901 war Manguin mit Raoul Dufy (1877–1953) befreundet und 1902 kam auch Georges Braque nach Paris.

Nach heftigen Debatten, vermutlich ausgelöst durch die ständige Präsentation der Sammlung Caillebotte, wandte sich der Freundeskreis der Auseinandersetzung mit dem Werk von Paul Cézanne zu, denn im November 1897 hatte dieser seine erste Einzelausstellung in der Galerie Ambroise Vollard. Marquets Eintreten für den heute berühmten Maler veranlasste Matisse, in die Galerie von Ambroise Vollard zu gehen, wo er jenes Bild von Cézanne fand, das er erwarb.

1900 verdiente Albert Marquet erstmals als Künstler Geld, als er gemeinsam mit Matisse Art-Nouveau-Ornamenten für die Pariser Weltausstellung (15.4.-15.10.) ausführte. In den folgenden Jahren nahm Marquet auch am Salon des Indépendants teil – erste Teilnahme 1901, gefolgt von 1902, 1905 – und dem Salon d’Automne (erste Teilnahme 1903). Marquet gehörte mit Matisse und neben Pablo Picasso auch zu den ersten Malern, die in der 1901 gegründeten Galerie von Berthe Weil ausstellten (November 1907).

Albert Marquet und der Fauvismus

Marquet war ein Fauve der ersten Stunde. 1905 stellte er mit ihnen am 3. Salon d’automne [Herbstsalon] im Pariser Grand Palais (18.10.-25.11.1905) aus und wirkte an der von den Fauves proklamierten Revolution der Farbe mit (→ Matisse und die Künstler des Fauvismus). So schrieb Marquet im September 1905 an den in Saint Tropez gebliebenen Manguin:

„Matisse und Derain haben verblüffende Sachen gemacht.“1

Damit sprach Marquet seinen beiden Kollegen die Führungsrolle bei der Entwicklung der fauvistischen Malerei zu. Die Fauves lösten die Farben vom Gegenstand und verknüpften sie mit den Empfindungen, die sie vor dem Motiv hatten. Farbmodellierungen und Helldunkel waren verpönt; durch das Zusammenwirken reiner und gesättigter Farben intensivierten sie die Leuchtkraft ihrer Bilder. Der Kunstkritiker Louis Vauxelles verwendete in seiner Besprechung den Ausdruck „fauves [wilde Tiere, Bestien]“, um die Werke im Kontrast zu einer neo-klassischen Skulptur im Zentrum des Raums zu beschreiben. Daraus leitete sich der Begriff Fauvismus ab, den die beteiligten Maler ablehnten. Albert Marquet zählte zur Kerngruppe der Fauvisten bei den Pariser Herbstsalons 1905 und 1906; heute wird er - wie auch Manguin2 - mit seiner Kunst als „zahmere Bestie“ angesehen.

Ungewöhnliche Farbkombinationen, mit denen die Fauves die Öffentlichkeit irritierten, gehen auf die Freiheiten zurück, die ihr Lehrer Moreau ihnen zugestanden hatte. Trotz ihrer gemeinsamen Anfänge entwickelten sich die Maler der Moreau-Gruppe aber in deutlich voneinander unterscheidbare Richtungen: Matisse verlieh seinen Bildern eine subjektive und fast ungestüme Farbigkeit; Manguins Farben strahlen eine feierliche und wärmende Sinnlichkeit aus. Die Tonalität seiner Bilder ist still, zurückhaltend, mitunter meditativ und kontrolliert, vor allem im Vergleich mit den heftig gemalten Bildern André Derains und Maurice de Vlamincks, die erst etwas später dazustießen. An einer Selbstentäußerung, die die Befindlichkeit eines Künstlers vor dem Motiv laut zum Ausdruck bringt, mag Marquet weniger gelegen sein; vielmehr hat er für sich die fauvistischen Farborgien zugunsten einer impressionistischen Ausrichtung gemildert.

Bereits ein Jahr nach dem spektakulären Auftritt der Fauvisten am Herbstsalon wurden ihre Werke international ausgestellt. Marquet und seine Freunde waren auf der 13. Ausstellung von „La Libre Esthétique“ (22.2.-25.3.1906) eingeladen. 1906/07 war das Werke von Albert Marquet in der wandernden „Ausstellung französischer Künstler“ erstmals in Deutschland zu sehen (Münchner Kunstverein, September; Frankfurt, Oktober; Dresden, November, Karlsruhe, Dezember; Stuttgart, Januar 1907). Im März 1907 stellte die Wiener Galerie Miethke zeigte Werke der Pariser Avantgarde, darunter auch Gemälde von Marquet. Die Galerie Druet richtete ihm 1907 seine erste Einzelausstellung aus. Abert Marquet reiste im Dezember 1908 nach Deutschland; er hielt sich von März bis Mai 1909 zum Malen in Hamburg auf und reiste über Berlin nach München. Spätestens zu diesem Zeitpunkt entdeckten auch die aufstrebenden deutschen Expressionisten, darunter Alexej von JawlenskyMax Pechstein und August Macke den Künstler. Etwa zur gleichen Zeit hielt sich auch der amerikanische Maler Edward Hopper in Paris auf und begeisterte sich füßr die Hafenansichten Marquets. Im Jahr 1909 stellte Albert Marquet gemeinsam mit Henri Matisse, Charles Camoin, Charles Guérin, Henri Manguin, Jean Puy, Kees van Dongen und Maurice de Vlaminck im 7. Salon d’Automne (1.10.-8.11.) aus.

Marquet und Hedy Hahnloser

Marquets Bilder wurden mehr und mehr geschätzt; der Kunsthandel wurde auf ihn aufmerksam, unter anderen der Fotograf und Galerist Eugène Druet, der Marquet fortan vertrat und bei dem die Schweizer Sammler Hahnloser ab 1908 mehrere Bilder erwarben. Erst nach dem Ankauf lernten sie den Künstler kennen und schlossen enge Freundschaft mit ihm. Hedy Hahnloser schätzte Marquet außerordentlich; die Sammlerin positionierte sein Bild „Notre-Dame de Paris“an prominenter Stelle im Wohnzimmer der Villa Flora (→ Sammlung Hahnloser: Meisterwerke des Postimpressionismus). Marquet malte den Blick aus einem der Fenster jener Wohnung, in der zuvor schon Matisse gelebt und sehr ähnliche Ansichten des Pont Saint-Michel und der Kathedrale ausgeführt hatte. 1908 überließ Matisse die Wohnung seinem Freund. Marquet knüpfte an Matisses protofauvistische Fassungen von 1899 an und deutete sie in einen impressionistischen Stil um: Auf Marquets Bild der Sammlung Hahnloser entmaterialisiert das Sonnenlicht die Kathedrale und das Geschehen auf dem Vorplatz. Ein kleiner gelber Farbakzent inmitten einer ansonsten farb­lich zurückhaltenden großen Fläche, die Ausschnitthaftigkeit aus steiler Aufsicht, die Vereinfachung der Formen und die großen Flächen sind allerdings dem Fauvismus geschuldet.

Reisen

Marquet ist oft mit anderen Fauves gereist: Mit Charles Camoin und Henri Matisse war er in London, mit Henri Manguin in Saint-Tropez und mit Raoul Dufy in der Normandie. Der Besuch bei Signac in Saint-Tropez scheint hinsichtlich der pointillistischen Technik auf Marquet keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben (→ Postimpressionismus | Pointillismus | Divisionismus). Er bevorzugte, in großen Flächen zu komponieren, deren einzelne Motive er mit kräftigen Konturlinien einfasste.

Im Juni 1906 malte er gemeinsam mit Raoul Dufy in Le Havre. Marquets Le-Havre-Bilder dürften in unmittelbarer Auseinandersetzung mit Raoul Dufy entstanden sein. Beide Künstler stellten sich am 14. Juli 1906 der bunten Farbenpracht der Trikolore, die in Form zahlreicher Fahnen und Wimpel am Nationalfeiertag Gebäude und Straßen schmückte.

Sein von 1910 an gesicherter Erfolg erlaubte Albert Marquet, seiner Reiselust nachzugehen. Er fuhr nach Ägypten, Norwegen, aber auch nach Algier, wo er von 1940 bis 1945 lebte. Bilder von Häfen und Booten zeigen auf der Wasseroberfläche tanzende Reflexionen. Die Berücksichtigung des Licht-Schatten-Kontrastes und die mit dem Licht sich verändernden Blautöne verraten Marquets Bestreben, den Fauvismus impressionistisch zu interpretieren. Das Mittagessen mit Claude Monet in Giverny im November 1917 dürfte ihn mit dessen späten Seerosen-Gemälden vertraut gemacht haben (gemeinsam mit Matisse).

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lebte Henri Manguin in Saint-Tropez, wo er die aus Wien stammende Malerin Ilse Bernheimer (1892–1985) kennenlernte. Die beiden lebten von 1923 bis 1925 zusammen.

Tod

Albert Marquet starb am 14. Juni 1947 in La Frette-sur-Seine an Gallenblasenkrebs, für den es noch keine Therapie gab.

Literatur zu Albert Marquet

  • Ursula Heiderich, August Macke und die frühe Moderne in Europa. / Fauvismus. Albert Marquet − Henri-Charles Manguin − Charles Camoin − Henri Matisse, in: August Macke und die frühe Moderne in Europa, hg. von Ursula Heiderich (Ausst.-Kat. Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgutgeschichte Münster; Kunstmuseum Bonn, 2001), Ostfildern-Ruit 2001, S. 136−175.

Weitere Beiträge zu Albert Marquet

Matisse und die Künstler des Fauvismus


Geschichte des Fauvismus in der Albertina: Die „Fauves“ (franz. für Wilde/Bestien/wilde Tiere) waren eine Gruppe französischer Künstler rund um Henri Matisse, die zwischen 1905 und 1907 in wechselnder Beteiligung miteinander ausstellten.
Paul Signac, Opus 191, Sommer 1888

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Félix Vallotton, Die Weiße und die Schwarze, 1913, Öl auf Leinwand, 114 x 147 cm (Hahnloser/Jaeggli Stiftung, Winterthur, Schenkung Geschwister Jäggli, 1981)

Sammlung Hahnloser: Meisterwerke des Postimpressionismus


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  1. Brief Albert Marquet an Henri Manguin, Sept. 1905, Archives Jean-Pierre Manguin. Zit. n. Jacqueline Munck, Matisse, die Fauves und die „Erprobung der Mittel“, in: Inspiration Matisse, hg. v. Peter Kropmanns und Ulrike Lorenz (Ausst.-Kat. Kunsthalle Mannheim, 27.9.2019–19.1.2020), München 2019, S. 21.
  2. Heinz Widauer, Henri Matisse und die Favues. Eine Einführung, in: Matisse und die Fauves, hg. v. Heinz Widauer (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 20.9.2013-12.1.2014), Köln 2013, S. 38.