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Raoul Dufy Leben und Werk des Farbenmagiers

Raoul Dufy, Cover des Katalogs des Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 2015.

Raoul Dufy, Cover des Katalogs des Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 2015.

Als Dreißigjähriger wurde Raoul Dufy (1877–1953) Mitstreiter der „Fauves“-Bewegung rund um Henri Matisse. Danach findet man kaum eine Spur seines Schaffens in kunsthistorischen Überblickswerken, obwohl der aus Le Havre stammende Maler ein erfolgreicher Maler, Illustrator, Textilentwerfer, Bühnen- und Kostümbildner und Gestalter großflächiger Wandgemälde war und 1952 mit dem Großen Preis für Malerei auf der Biennale von Venedig ausgezeichnet wurde. Dem heute wenig bekannten Dufy ist nun eine umfassende Ausstellung im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid gewidmet. Kurator Juan Ángel López-Manzanares war es dabei wichtig, nicht nur den lebensbejahenden, hedonistischen Dufy zu zeigen, sondern dessen nachdenkliche Seite zu betonen. Erstmals sind Vorzeichnungen für die Holzschnitte zu Guillaume Apollinaire’s „Bestiarium, oder Die Gefolgschaft von Orpheus“ zu sehen.

Vom Sozialkritiker zum Freiluftmaler

Das selten wahrgenommene Frühwerk von Raoul Dufy zeigt ihn als einen Naturalisten in der Tradition von Jules Bastien-Lepage, Léon Lhermitte, Léon Bonnat oder Pascal-Adolphe-Jean Dagnan-Bouveret, die zwischen 1870 und 1900 einen auf Fotografie und hyperrealistischer Wiedergabe von Details basierenden Stil zeigten.1 Ihre Hinwendung zur kleinbäuerlichen Welt und der städtischen Misere ermöglichte Dufy mit „Ende des Tages in Le Havre“2 (1901), einer trotz Sonnenuntergangsstimmung deprimierenden Schilderung der harten Arbeitsbedingungen der Hafenarbeiter, am Salon erstmals aufzutreten. Dass sich dieser Maler in Richtung Fauvismus entwickeln wird, ist kaum vorhersehbar. Um 1905 wechselte er das Thema durch Freizeitbeschäftigungen in hellen Bildern aus und zeigt sich von den impressionistischen Gemälden beeindruckt, die er am Heimweg in der Rue Laffitte bewunderte. Als er 1905/06 am Strand von Sainte-Adresse malte, musste er jedoch erkennen, dass es unmöglich war, das ständig wechselnde Licht einzufangen. Er musste sich eingestehen, dass diese Methode, die Natur nachzuahmen, ihn in die Richtung des Unendlichen führte. „Zurück zu seinen leichtesten und flüssigsten Meandern und Details. Und ich blieb außerhalb des Bildes.“3 Dufy entschloss sich, nicht mehr das Sichtbare wiederzugeben, sondern seine innere Welt zum Thema der Gemälde zu machen.

 

Die Erfahrung Henri Matisse und die Geburt des Kubismus

Als Dufy „Luxus, Ruhe und Freude“ (1904) von Henri Matisse im Frühling 1905 im Salon des Indépendants sah, hinterließ es einen heftigen Eindruck bei dem jungen Künstler (→ Matisse und die Künstler des Fauvismus). Den folgenden Sommer verbrachte er gemeinsam mit Albert Marquet, einem Freund von Matisse, in der Normandie um zu malen. Dufy war nun bereit, den impressionistischen „Realismus“ hinter sich zu lassen, um sich dem „Spiel von Linien und Farben“ zu überlassen. Nicht mehr die flüchtige, zeitgenössische Welt galt es einzufangen (vgl. Guillaume Apollinaire), sondern die Wahrheit des Lebens zu entdecken und in den Bildern zu destillieren. Der Kritiker Charles Malpel beobachtete diese Veränderung in Dufys Werk 1907 im Salon von Toulouse und bemerkte: „Wir sehen, dass diese Landschaft nicht mehr nur eine atmosphärische Gestaltung ist, sondern eine lebendigere, von Unnötigem befreite Sprache annimmt, um stärker einem Ideal zu entsprechen.“4 Die „lyrische Interpretation der Natur“ und Emotionen durch Farben (und nicht durch die gewählten Sujets) standen nun im Vordergrund. Oft von einem erhöhten Standpunkt aus gesehen,

Zum Bruch mit Henri Matisse und den Fauves kam es im Sommer 1908. Die Veränderung im Werk Dufys hatte sich bereits angekündigt und wurde von Guillaume Apollinaire im Juni des Jahres etwas pathetisch beschrieben: „Die plastischen Eigenschaften: Reinheit, Einheit und Wahrheit triumphieren über die besiegte Natur.“5 Die Reduktion der Palette und Vereinfachung der Formen wurde während dieses Sommers gemeinsam mit Georges Braque in L’Estaque weiter vorangetrieben. Das Werk des 1906 verstorbenen Paul Cézanne war nun wichtiger geworden als jenes von Matisse. Bis 1915 arbeitete Raoul Dufy in diesem konstruktiven Stil, der als Kubismus von Picasso und Braque noch weitergetrieben wurde. Dufy formulierte in seinen Gemälden eine neue, auf die Erfahrung des Künstlers und die Bedingungen des Bildes eingehende Perspektive, die er „moralische Perspektive“ nannte.

 

Guillaume Apollinaires „Bestiarium“ mit Holzschnitten von Dufy

Der Schriftsteller Guillaume Apollinaire hatte eine erste Version des Textes 1908 publiziert und wandte sich 1910 mit der Bitte an Dufy, Holzschnitt-Illustrationen anzufertigen.6 Raoul Dufy hatte sich bereits seit 1907/08 mit der Technik beschäftigt und galt als Spezialist. Apollinaire hatte diese Einzelblätter im Atelier des Künstlers bereits bewundern können. Der Künstler begann im Juli 1910 mit der Arbeit und setzte sie während des Sommers in Orgeville (Eure), in Villepreux (Yvelines) und wieder zurück in Paris in der Rue Linné 27 fort. Obwohl die beiden geplant hatten, dass das Werk bis zum Salon d’Automne fertiggestellt werden würde, schafften sie es erst Ende März 1911. Gedruckt wurde es von Deplanche, ausgestellt am 27. Salon des Indépendants. Bis heute sind in Paris 104 Probedrucke und 148 mehr oder weniger fertiggestellte Zeichnungen – ein bis 14 Entwürfe für jede der 30 Platten – erhalten. In den schwarz-weißen Holzschnitten zeigt sich bereits Dufys Talent der Reduktion und des Dekorativen. Als „Geburtshelfer“ des Kubismus wandte er sich schon 1910 wieder einer mehr dem Jugendstil verhafteten Bildsprache an. Félix Vallottons Holzschnitte mögen unter anderem dafür im Hintergrund gestanden haben. Auch die anschließende Arbeit für den Modeschöpfer Paul Poiret, der auch von der Wiener Werkstätte Stoffe erwarb, zeugt von der Hinwendung Raoul Dufys zur angewandten Kunst.

 

Klassische Landschaften und Fenster-Bilder

1919 kehrte Raoul Dufy in den Süden Frankreichs zurück, da er sich von der Provence Inspiration für eine klassische Landschaftsauffassung versprach. Er verglich die Region um Vence mit Gemälden von Poussin. Die Berge, Oliven- und Orangenbäume, die Weingärten, Dörfer und Ruinen empfand er als klassische und sanfte Schönheit, eine Wohltat auch für seine Gesundheit. Verantwortlich machte er für diesen Eindruck auf das mediterrane Licht, das sich nie verändert. Eine Reise nach Italien im Jahr 1922 führte zur Überzeugung, dass die Antike omnipräsent und gültig wäre. Nun ging es ihm zunehmend darum, eine Landschaft voller Traditionen, Erinnerungen und historischer Spuren zu erfinden. Daher arbeitete er sowohl Plein-air wie im Atelier. Dufy suchte eine Synthese zwischen der pantheistischen Anziehung der Natur und der Konstruktion einer stabilen Ordnung. Das Licht geht in den Gemälden der 1920er Jahren nicht mehr von der Sonne aus, sondern von den Farben selbst. Dufy nannte diesen Effekt „Farb-Licht“ und befreite die Farben von den Konturlinien. Wie auch im Werk von Henri Matisse widmete der Künstler in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre dem Fenster-Bild viel Aufmerksamkeit. Diese Hinwendung zum Zimmerbild mit Fensterausblick spiegelt auch seine zunehmende Atelierarbeit wider. Auffallend ist an diesen Werken die ver-rückte Perspektive, der hohe Grad an Abstraktion. Im Vergleich zu Matisse sind Dufys Gemälde dekorativer und expressiver gemalt.

 

Späte Auszeichnungen

Im Jahr 1952 erhielt Raoul Dufy den Großen Preis für Malerei von der 26. Biennale von Venedig, wo 40 seiner Arbeiten ausgestellt wurden. Sein langes Werk wurde von den Juroren in deren Begründung als zukunftsweisend wahrgenommen. Die öffentliche Anerkennung wurde Raoul Dufy bereits ab Mitte der 1920er Jahre gezollt, als er 1925 Stoffmuster für Sessel und Wandschirme mit dem Thema Paris für das Mobilier National entwarf. Die Galerie Bernheim-Jeune stellte die Ergebnisse zwischen Februar und März 1932 mit großem Kritikererfolg aus. Auch sein Wandgemälde für den Elektrischen Pavillon auf der Internationalen Ausstellung 1937 brachte ihm Reputation. In Frankreichs „hall of fame“ wurde er mit einer großen Retrospektive im Musée National d’Art Moderne aufgenommen, die im Juni 1953 eröffnet wurde. Der am Morgen des 23. März verstorbene Künstler erlebte diesen Triumph nicht mehr mit. Seine Zeitgenossen sahen in ihm eine wichtige Figur der zeitgenössischen Kunst der Nachkriegszeit. Das Museo Thyssen-Bornemisza ermöglicht mit dem nun erschienen Katalog, diesem unterschätzten Künstler neu zu begegnen.

 

Biografie von Raoul Dufy (Le Havre 1877–1949 Forcalquier)

Am 3. Juni 1877 wurde Raoul Ernest Joseph Dufy in Le Havre in der Normandie als zweiter Sohn von Marie-Eugénie Ida Lemonnier (1850–1931) und Léon Marius Dufy (1845–1925) geboren. Er hatte noch acht Geschwister. Die Musikleidenschaft seines Vaters, als Buchhalter in einer Gießerei arbeitete, gab er seinen Kindern mit.
1891 Schulbildung mit Scherpunkten aus Latein, Griechisch und Deutsch. Entschloss sich die Schule zu verlassen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Arbeit für Luthy & Hauser, einem Importeur von Brasilianischem Kaffee als Warenkontrolleur. Er genoss die Arbeit aus dem Schiff.
1893 Nachtklassen an der École Municipale des Beaux-Arts. Der Maler Charles Lhuillier, Direktor der Schule und Kurator am Musée du Havre, konzentrierte seine Lehre auf Zeichentechniken.
1894 Dufy freundete sich mit Othon Friesz, der auch in Le Havre geboren worden war, und Georges Braque, dessen Familie schon seit 1890 in der Stadt lebte.
1895 In Rouen sah Dufy Delacroixʼs „Die Gerechtigkeit des Trajan“, das er später als Erweckung und eine der gewaltigsten Eindrücke seines Lebens beschrieb. In diesen Jahren malte er Menschen, die ihm nahe standen, Selbstporträts und Naturstudien, vor allem in den Docks von Le Havre und Honfleur, wo seine Mutter geboren worden war.
1899 Beginn des Militärdienstes in Rouen, von dem er entlassen wurde, als sein Bruder Gaston als Flötist eintrat. Das Gesetz verbot es, dass zwei Brüder zur gleichen Zeit ihre Militärdienste absolvierten. Im Oktober sprach ihm die Stadt Le Havre ein Jahresstipendium von 600 Francs zu, mit dem er sich seinen Wunsch erfüllen kann, sich an der École Nationale des Beaux-Arts in Paris einzuschreiben. Er studierte im Atelier von Léon Bonnat, wo er wieder auf seinen Freund Friesz traf. Beide teilten sich eine Wohnung in Montmartre. Dufy zog es vor, Galerien zu besuchen und nicht den Louvre. Täglich ging er an Durand-Ruels Galerie vorbei und bewunderte u. a. die Arbeiten von Pissarro und Monet. In der Galerie von Ambroise Vollard entdeckte er Gauguin und Cézanne, Degas konnte er bei Sagot studieren.
1901 Erste Ausstellungsbeteiligung /Einzelausstellung im Salon der Société des Artistes Français in Paris, wo er „Am Ende des Tags in Le Havre“ zeigte. Malte und zeichnete in Falaise (südliche Normandie). Interessierte sich für Claude Monets Scenes von Ständen und Klippen.
1902 Wurde Berthe Weill vorgestellt, einer Kunsthändlerin, die erst vor kurzem eine Galerie in Montmartre eröffnet hatte und die die Arbeiten von Pablo Picasso, Henri Matisse, André Derain, Albert Marquet und Maurice de Vlaminck. Verkaufte eine erste Pastellarbeit „Rue Norvins“ an sie.
1903 Teilnahme an einer Gruppenausstellung (19.1.) in Berthe Weills Galerie, Fortsetzung bis 1909. Lebte in der Nähe der Galerie mit einer jungen Frau namens Claudine. Maurice Delcourt, ein berühmter Stecher, brachte ihm die Holzschnitt-Technik bei. Erste Teilnahme am Salon des Indépendants. Im Sommer erste Reise nach Martigues. Zurück Paris traf er im Atelier von Bonnat Georges Braque.
1904 Der Salon des Indépendants eröffnete am 21. Februar, und Dufy war mit sechs Gemälden vertreten. Malaufenthalt in Fécamp mit Marquet. Dufy begleitete Weill, die für den Sommer in Sainte-Adresse (nördlich von Le Havre) wohnte, auf einen Besuch nach Trouville.
1905 Intensives Ausstellungsjahr für Raoul Dufy: Entdeckte Henri Matisses „Luxus, Ruhe und Freude“. Nachdem sein Händler Eugène Blot die Zusammenarbeit aufgekündigt hatte, verschlechterte sich Dufys finanzielle Situation. Im Oktober Ausstellungsbeteiligung mit Charles Camoin, Derain, Henri Manguin, Marquet, Vlaminck und Matisse, organisiert von Weill, trotz der klaren Opposition des Führers der Fauves.
1906 Teilnahmen am Salon des Indépendants und an der Jahresausstellung des Cercle de l’Art Moderne (Mai), der von Friesz in Le Havre organisiert wurde (auch 1907, 1908). Gemeinsam mit Marquet erforschte er die Landschaft um Sainte-Adresse und malte mit Friesz in Falaise. Im Herbst erste Einzelausstellung in Weills Galerie und erste Teilnahme am Salon d’Automne.
1907 Als 30jähriger wurde Dufy für ein Studium zu alt befunden und musste die École Nationale des Beaux-Arts verlassen. Große Retrospektive über Paul Cézanne im Salon d’Automne. Eigene Teilnahme mit drei Gemälden. Reise nach Marseille, von wo er Weill dringend rät weiterhin junge Maler zu unterstützen. Im November erste Erwähnung durch Michel Puy in einer Studie über die Fauves, die im Magazin La Phalange erschien. Dufy sticht eine Serie von Vignetten für „Friperies“, einen Gedichtband seines Freundes Fernand Fleuret, der erst 1923 publiziert wurde. Am Ende des Jahres lebte Raoul Dufy in der Hafenstadt La Ciotat.
1908 Weill schlug Dufy vor, seinen Stil zu ändern, wobei sie sich höchstwahrscheinlich auf seine ersten Holzschnitte bezog (9. April). Dufy verließ La Ciotat und zog nach L’Estaque, wo ihn Braque besuchte. Gemeinsames Arbeiten Plein-Air, wobei sich der Einfluss von Cézanne vertiefte. Besuchte Derain in Martigues. Im Oktober organisierte der Kunstkritiker und Sammler Charles Malpel eine Ausstellung mit 22 Gemälden und 15 Zeichnungen von Dufy in Toulouse. In Dezember zeigte der Kritiker Wilhelm Uhde Arbeiten von Dufy in der Notre-Dame-des-Champs Gallerie in Paris.
1909 Dufy bezog ein neues Atelier in der Rue Séguier, wo er mit Eugénie Brisson (genannt Émilienne), einer jungen Frau aus Nizza, wohnte. Bekanntschaft mit dem Modedesigner Paul Poiret. Erster Kontakt mit der Welt der Mode, ihren Techniken und Medien, in dem Dufy weitere Kreativität entwickelte. Im Dezember Treffen mit Friesz in München, da Dufy com deutschen Maler Hans Purmann eingeladen worden war). Die beiden Freunde besuchten gemeinsam Konzerte, besuchten eine Retrospektive über Vincent van Gog in der Brakl Galerie und sahen vielleicht di Werke von Wassily Kandinsky, Alexei von Jawlensky und Pierre Girieud in Heinrich Thannhauser’s Moderne Galerie.
1910 Dufy verbrachte den Sommer in der Villa Médicis Libre in Orgeville (Eure). Traf dort André Lhote und Jean Marchand, mit denen er über die konstruktiven Aspekte von Malerei diskutierte. Nahm den Auftrag an, „Das Bestiarium oder Prozession von Orpheus“ seines Freundes Guillaume Apollinaire zu illustrieren. Er gestaltete vier Einzelblätter – Der Tanz, Liebe, Jagd, Fischen – und Teile des Bestiariums in den Salon d’Automne. Ende des Jahres stellte er die Platten des Bestiariums bei dem Kunsthändler Eugène Druet aus.
1911 Hochzeit mit Eugénie Brisson (genannt Émilienne) am 9. Februar. Gauthier-Villars druckte 120 Exemplare von „Das Bestiarium“, veröffentlicht von Deplanche. Bezog ein Atelier in Impasse Guelma, Nr. 5, das er bis zu seinem Tod benutzte. Teilnahme an einer Gruppenausstellung in der Berliner Sezession, neben u. a. Braque, Derain, Friesz, Marquet und Picasso. Stellte „Das Bestiarium“ am Salon des Indépendants aus. Arbeitete an einer Reihe von dekorativen Projekten für Poiret (Briefköpfe, Parfumbeschriftung, etc.). Seine enge berufliche Beziehung mit dem Couturier, der von der Vorstellungskraft Dufys begeistert ist, führte zur Gründung einer kleinen Textil-Druckerei mit dem Namen La Petite Usine. Sie schloss nach ein paar Monaten. Dufy begann neue Färbemittel zu verwenden, die der Chemiker Édouard Zifferlin entwickelt hatte. Am 24. Juni fand eine Party im Faubourg Saint-Honoré statt, die Poirot mit dem Thema „1001 Nächte“ organisierte. Der Maler entwarf die Einladungskarte und, gemeinsam mit André Dunoyer de Segonzac, schuf er eine Abdeckung für den Eingang für den Saal.
1912 Im März unterschrieb Dufy einen dreijährigen Exklusivvertrag mit der Firma Bianchini-Férier, die bereits einige seiner Stoffdrucke produziert hatten. Seine Entwürfe in Gouache und Wasserfarben sollten in Tournon hergestellt werden. Ausstellungsteilnahme an den ersten beiden Sturm-Ausstellung in Berlin und am Salon der Société Normande de Peinture Moderne in Rouen.
1913 Dufy hielt sich in Hyères (Provence) auf. Zwei Arbeiten werden auf der Armory Show of Modern Art in New York, Chicago und Boston (Februar bis Mai) besonders hervorgehoben. Im Frühling zeigte er seinen berühmten „Verlassenen Garten“ am Salon des Indépendants.
1914 Im Mai reiste Dufy nach Deutschland, wo er Düsseldorf, Köln und Berlin besuchte und den Kritiker Herwarth Walden, dem Herausgeber vom Magazin Der Sturm. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, kehrte Dufy nach Le Havre zurück, wo er auf Friesz und Braque traf.
1915 Gründung von Imagerie Raoul Dufy, einer kleinen Firma für die Verbreitung patriotischer Propagandabilder. Sein Entwurf für das Taschentuch der Alliierten hatte einen gewissen Erfolg. Wollte für die französische Armee entwerfen und meldete sich freiwillig am 8. März. Arbeitete für den Autodienst des Artillerie Regiments, erster Klasse in Vernon und später in Vincennes und Charenton-le-Pont. Entwarf noch freiberuflich bis Mai 1919 für Bianchini-Férier.
1916 Émile Verhaerens „Poèmes légendaires de Flandre et de Brabant“ wurden mit Illustrationen von Dufy gedruckt.
1917 Entlassung aus dem Armeedienst und Anstellung beim Musée de la Guerre, das von Camille Bloch geführt wurde.
1918 Im Februar zum Kurator der Bibliothek berufen, wo er für die Ankäufe verantwortlich war.
1919 Kündigung und zweiter Vertrag mit Bianchini-Férier. Traf sich regelmäßig mit Schriftstellern und Künstlern im Café des Tourelles in Passy. Verbrachte einige Zeit in Vence zum Landschaftsmalen.
1920 Teilnahme am Salon d’Automne mit den Landschaftsbildern aus Vence. Verschiedene Aufträge als Illustrator und Teilnahme am Salon des Indépendants. Am 21. Februar hatte Jean Cocteaus „Le Boeuf sur le toit (Der Ochse am Dach)“ Premiere in der Comédie des Champs-Élysées – Bühnenbilder und Kostüme von Dufy. Im April erster Einjahresvertrag mit Bernheim-Jeune und Vildrac Gallerie in Paris.
1921 Rückkehr nach Vence, da ihm die Schönheit der mediterranen Natur gefiel. Erste Teilnahme am Salon des Artistes Décorateurs und erste Retrospektive bei Bernheim-Jeune.
1922 Bühnenbilder und Kostüme für das Ballett „Frivolant“, das zum ersten Mal an der Pariser Ópera gezeigt wurde. Reise nach Italien, wo er Florenz, Rom und Neapel besichtigte. Anfang Mai in Sizilien mit dem Schriftsteller und Kritiker Pierre Courthion, der Artikel und Monografien über Dufy schrieb. Der spanische Bildhauer Francisco Durrio stellte ihm den katalanischen Keramiker Josep Llorens Artigas vor. Eine enge Zusammenarbeit zwischen beiden begann. Kurz danach traf er den französischen Physiker Alexandre Roudinesco, der einer seiner wichtigsten Sammler wurde. Am Salon d’Automne zeigte er Entwürfe für Möbelstoffe. Reise nach Prag und Wien. Zurück in Paris stellte er aktuelle Arbeiten bei Bernheim-Jeune aus. Behielt sich das Recht vor, Werke auch an andere Händler zu verkaufen.
1924 Bühnenbilder und Kostüme für „Romeo und Julia“ für die Pariser Ópera.
1925 Die Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes lief von April bis Oktober. Der Pavillon vom Magazin La Renaissance präsentierte einen monumentalen Keramikbrunnen, der von Dufy in Zusammenarbeit mit Artigas entworfen worden war. Orgues, eine von Paul Poirets drei Booten auf der Seine, präsentierte eine Ausstellung mit 14 Tapeten-Designes von Dufy für die Bianchini-Férier Manufaktur in Tournon. L’Art d’Aujourd’hui widmete ihm eine Ausgabe. Ende des Jahres hielt sich Dufy in der Villa Beau-Site, in Golfe-Juan, auf.
1926 Reise mit Poiret nach Marokko, wo eine Serie von Aquarellen entstand, die bei Bernheim-Jeune unter dem Title „Eine Reise nach Marokko. 40 Aquarelle von Raoul Dufy“ gezeigt wurden. Rückkehr aus Afrika über Spanien, Sevilla (incl. Stierkampf) und Madrid (bewunderte die Tizian-Gemälde im Museo del Prado). Der Salon des Indépendants präsentierte eine Retrospektive mit sechzig Gemälden und anderen Arbeiten. Illustrierte Guillaume Apollinaires „Der ermordete Dichter“. Die Ausstellung „Les Nouvelles céramiques de Raoul Dufy“ wurde bei Bernheim-Jeune im Winter gezeigt. Dufy lebte einige Zeit in Cannes und Nizza.
1927 Im Herbst erste Ausstellung in der Galerie von Marcelle Berr de Turique, die er zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte und die eine Monografie über Dufy 1930 herausgab.
1928 Ende der Zusammenarbeit mit Bianchini-Férier. Ein neues Projekt mit der Centaure Gallery in Brussels erlaubte ihm, einige Zeit in Belgien zu verbringen, wo er einigen Erfolg hatte. Christian Zervos, Chefherausgeber von Cahiers d’Art, schrieb die erste Monografie über den Maler.
1929 Dufy verbrachte einige Zeit in Deauville und Trouville. Die Dudensig Gallery präsentierte seine erste Einzelausstellung in New York.
1930 Dufy begann eine Zusammenarbeit mit der Textilfirma Onondaga in New York. Verbrachte den Sommer in Norfolk, Großbritannien, um Porträts von der Familie August Kesslers zu malen, einem wichtigen Öl-Baron mit niederländischen Wurzeln. Ambroise Vollard beauftragte Dufy Eugène Montforts „La Belleenfant ou L’Amour à quarante ans (Das schöne Kind, oder die Liebe für 40 Jahre)“ zu illustrieren.
1931 Auf Bestellung von Doktor Roudinesco begann Dufy Illustrationen zu Alphonse Daudets Buch „Tartarin of Tarascon“ zu produzieren. Er blieb dafür in Taracon. Im Herbst Rückkehr nach Paris, wo er in seinem Atelier das Porträt der Kessler Familie malte
1932 Die Bernheim-Jeune Galerie stellte „Mobilier de tapisserie d’après Raoul Dufy monté sur de bois d’André Groult (bekannt als „Pariser Möbel“). Dufy kehrte im Frühling nach England zurück. Nahm an den Cowes and Henley Regattas, dem Pferderennen in Epsom, Ascot und Goodwood teil und einem Boxkampf in der Royal Albert Hall. Zweite Version der Kessler Familie.
1933 Dufy nannte seine Dekoration für Doctor Viards Speisezimmer „Reise von Paris nach Sainte-Adresse und ans Meer“ (die erste Version wurde vom Künstler 1930 zerstört.).
1934 Das Palais des Beaux-Arts in Brüssel zeigte die erste museale Dufy Retrospektive. Reise nach Algerien im Mai, dann Cowes.
1935 Die Reederei Générale Transatlantique beauftragte Dufy mit dem Entwurf der Keramikverkleidung des Schwimmbades für den Ozeandampfer Normandie. Das Projekt blieb unvollendet.
1936 Dufy illustrierte ein Büchler über Weinkonsum mit dem Titel „Mon Docteur le Vin“ für die Firma Nicolas. Die Aquarelle waren dann bei Bernheim-Jeune zu sehen. Gemeinsam mit Friesz wurde er beauftragt, eine Raucherbar im Nouveau Théâtre im Palais de Chaillot zu entwerfen. Die Reid & Lefevre Gallery in London präsentierte die erste monografische Ausstellung über Raoul Dufy in England. Im Juli wurde er beauftragt das Wandgemälde der „The Electricity Fairy“ für den Pavilion of Light and Electricity vom Architekten Robert Mallet-Stevens für die Exposition Internationale von 1937 zu malen.
1937 Von Januar bis Mai malte Raoul Dufy mit der Hilfe seines Bruders Jean und André Robert die 600m² von „The Electricity Fairy“ in einem früheren Umspannwerk in Saint-Ouen, im Norden von Paris. Während dieser Arbeit erste Symptome einer rheumatischen Arthritis, an der er bis zu seinem Lebensende litt. Erste Reise in die USA als Mitglied der Jury für den Carnegie Grand Prize auf der Pittsburgh International. Gemeinsam mit Matisse und anderen Künstlern unterschrieb er Paul Westheims Protest gegen die Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“
1938 Am 5. August wurde Dufy vom Ritter zum Offizier der Französischen Ehrenlegion befördert. Verbrachte einige Zeit in Venedig. Malte den Canale Grande mit den Gondeln, San Giorgio und den Markusplatz.
1939 Vor dem Einmarschieren der deutschen Armee floh Dufy aus Saint-Denissur-Sarthon (Orne), wo er sich im Vorjahr niedergelassen hatte. Vor seiner Flucht vollendete er noch die Dekorativen Panele für die Bar des Nouveau Théâtre im Palais de Chaillot und einige Platten für den Affenkäfig im Jardin des Plantes.
1940 Italien trat an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg ein. Dufy und seine Frau verließen Nizza in Richtung Céret (Roussillon) auf der Suche nach einem milderen Klima für seine Gesundheit. Zusammentreffen mit Marquet, dem Dichter Pierre Camo und Artigas.
1941 Dufy zog nach Perpignan wegen der Trockenheit. Begleitet von André Robert und Berthe Reisz, die als Krankenschwester einsprang. Zog ins Haus von Doktor Pierre Nicolau, wo er das Wohnzimmer in sein Atelier umwandelte. Louis Carré wurde sein Händler in Paris. Erste Ausstellung am Salon des Tuileries im Sommer.
1943 Trotz deutscher Besetzung organisierte das Palais des Beaux-Arts in Brüssels eine Ausstellung über Dufy. Die offizielle Einladung der deutschen Besatzer lehnte Dufy ab. Im Dezember zerstörte er mehr als 300 Zeichnungen und Aquarelle in seinem Atelier in der Impasse Guelma.
1945 Aufenthalt in Vence.
1946 Neues Atelier in Perpignan. Hier malte er Porträts seiner engsten Freunde wie die Pianistin Yvonne Lefébure, den Cellisten Pau Casals und den Kunsthändler und Cellisten Nikolas Karjinsky.
1948 Dufy wurde von Pierre Courthion verschiedene Male interviewt. Im September reiste er nach Barcelona. Die Ausstellung „Raoul Dufy. Tapisseries de haute lisse“ eröffnete in der Louis Carré Gallery im Oktober. Im Juli Dufy ärztliche Behandlung in Caldas de Montbui, Barcelona und Besuch von Toledo. Aufträge für Illustrationen. In Vorbereitung für eine Ausstellung im kommenden Jahr sichtete Raoul Dufy sein Werk.
1950 Am 10. April nahm er an einer Gedenkfeier in Le Havre für seinen guten Freund Friesz teil, der im Jahr davor verstorben war. Am nächsten Tag bestieg Dufy das Schiff in die USA, wo er sich einer Cortison-Behandlung in Boston unterzog. Bühnenbilder für Jean Anouilhs „L’Invitation au château“, das in New York unter dem Titel „Ring around the Moon“ aufgeführt wurde.
1951 Während er sich in Amerika aufhielt, widmete ihm die Louis Carré Gallery von New York eine neuerliche Ausstellung. Reise im Februar nach Tucson (Arizona). Rückkehr nach Paris im Juli. Pierre Courthion veröffentlichte eine Monographie über Dufy, die er auf den frühen Interviews mit dem Künstler aufbaute.
1952 Dufy vertrat Frankreich auf der 26. Biennale von Venedig mit 40 Gemälden. Er erhielt den Grand Prix für Malerei und widmete das Preisgeld zwei Künstlern, dem Italiener Emilio Vedova und dem Franzosen Charles Lapicque. Am 14. Juni eröffnete im Musée d’Art et d’Histoire in Genf die größte Ausstellung Dufys während dessen Lebzeiten. Im September Umzug nach Forcalquier (Haute Provence), in der Hoffnung, dass ihm das trockene Klima gut täte.
1953 Am 7. März eröffnete eine wichtige Ausstellung in der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen. Raoul Dufy starb am 23. März in Forcalquier. Zu seinem Begräbnis kamen 200 Menschen, die Grabrede hielt der französische Hispanist Jean Cassou.

 

Raoul Dufy: Ausstellungskatalog

Museo Thyssen-Bornemisza (Hg.)
mit Texten von Ch. Briend, S. Krebs, J. Á. López-Manzanares, D. Perez-Tibi
176 Seiten
Madrid 2015
ISBN: 978-84-15113-61-4

 

  1. Gabriel P. Weisberg, Beyond Impressionism. The Naturalist Impulse, New York 1992, S. 7–8.
  2. Öl auf Leinwand, 99 x 135 cm, Le Havre, Musée André Malraux.
  3. Zitiert nach: Juan Ángel López-Manzanares, Raoul Dufy, from exterior to interior, in: Raoul Dufy (Ausst.-Kat. Museo Thyssen-Bornemisza 17.2. - 17.5.2015) Madrid 2015, S. 14–27, hier S. 17.
  4. Zitiert nach ebenda, S. 18.
  5. Zitiert nach ebenda, S. 19.
  6. Als Quelle für folgende Informationen diente der Aufsatz „Raoul Dufy’s unpublished drawings for The Bestiary, or Procession of Orpheus“ von Christian Briend im Ausstellungskatalog, Seite 44–51.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.