Albrecht Dürer, Feldhase, 1502: berühmteste Naturstudie des Nürnbergers
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Albrecht Dürer: Feldhase, 1502 Dürers Hase ist die berühmteste Naturstudie der Albertina

Albrecht Dürer, Feldhase, Kopf, 1502 (© Albertina, Wien)

Albrecht Dürer, Feldhase, Kopf, 1502 (© Albertina, Wien)

Dürers Hase, eigentlich der „Feldhase“, aus dem Jahr 1502 gehört zu den bekanntesten Werken des Nürnberger Malers und Druckgrafikers Albrecht Dürer (1471–1528). Der Sammelleidenschaft von Kaiser Rudolf II. ist es zu verdanken, dass sich die Naturstudie heute – neben weiteren etwa 130 Zeichnungen und Aquarellen sowie Druckgrafiken des Renaissance-Künstlers – in Wien befindet.1 Der „Dürer-Hase“, wie das Blatt manchmal verkürzt genannt wird, begeisterte als bildmäßige Zeichnung schon zu seiner Entstehungszeit. Eine Vielzahl von Kopien und Paraphrasen belegen jedoch nur die unerreicht hohe Qualität des Originals.

Werke wie der „Feldhase“ – oder auch die in der Albertina verwahrten Aquarelle „Das große Rasenstück“ (1502), die „Betenden Hände“ (1508) und „Der Flügel einer Blauracke“ (um 1500 oder 1512) – stehen vor allem bei einem breiten Publikum für die Entstehung des malerischen Realismus und das neuerwachte Interesse an der exakten Naturnachbildung in der Renaissance. Gleichzeitig fußen Albrecht Dürers Zeichnungen aber auch in der Ars nova der Niederlande. Hier hatte sich im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts mit den Werken von Jan van Eyck und dessen Bruder Hubert van Eyck ein Kunstverständnis herausgeprägt, das auf der genauen Beobachtung der sichtbaren Welt fußt.

 

Beschreibung und Einordnung

Auf dem mit 25,1 × 22,6 cm annähernd quadratische Blatt sitzt mittig ein Feldhase, sodass er mit seiner Pose und seinem Körper eine Raumdiagonale von links hinten (= oben) nach rechts vorne (= unten) aufspannt. Damit markiert der Hase Dürers nicht nur die fallende Diagonale in der Fläche, sondern ist auch tiefenräumlich aufgefasst. Diesen Eindruck erweckt der Künstler Dürer, indem er zwei Blickpunkte auf den Hasen miteinander kombiniert: Kopf, Löffel und Brustpartie sind untersichtig dargestellt, während Rückendecke und Hinterläufe in Aufsicht gegeben sind. Zudem weisen die Löffel des Hasen in verschiedene Richtungen. Der Schatten des so friedlich hockenden Tieres fällt nach rechts, wodurch das Papierweiß als Grundfläche definiert wird. Erstaunlich ist, dass die Studie sonst räumliche Angaben vermissen lässt. Dies verbindet sie mit der Tradition der Naturstudie, wie sie etwa schon von Martin Schongauer gepflegt wurde.

Besonderes Augenmerk legte Albrecht Dürer auf die Gestaltung des Fells. Über eine aquarellierte Grundierung in Brauntönen und gebrochenem Weiß setzte der Zeichner die Haarlagen in Pinselzeichnung in Aquarell- und Deckfarben auf. Im Gegensatz zu vielen Zeichnungen Dürers (wie u.a. der Kompositionsstudie für Albrecht Dürer, Geburt Christi (Albertina)) bediente sich der Nürnberger keineswegs einer ondulierenden, arabeskenhaften Linie, sondern einer ruhigen, geraden Strichführung.

Lebendigkeit haucht Dürer dem Tier neben der haptischen Qualität des Fells auch mithilfe des sich reflektierenden Fensterkreuzes im Auge des Hasen ein. Die Diskussion, ob Dürer einen lebenden Hasen studiert haben könnte oder nicht, verweist beredt auf die hohe Qualität der Naturbeobachtung und Naturwiedergabe in diesem Blatt. Elisabeth M. Trux argumentiert, dass Dürer „sicher nicht nach dem Leben“, sondern „in dichter Überlagerung mit Analogien“ wie „der Fertigkeit der Pelzmalerei, in der lange geübten Naturbeobachtung, hier speziell von Kaninchen und Katzen, sowie sicher in der Kenntnis von Feldhasenbalgen“ gearbeitet hätte.2 Damit stellt der „Feldhase“ von Albrecht Dürer kein Porträt nach der Natur dar, sondern das Bild zeigt ein psychologisch gesteigertes Wissensporträt dieses Tieres.3

So ist es auch die farbige Fassung, das Arbeiten mit Feder und Pinsel, welche Dürers „Feldhasen“ zu mehr als einer vorbereitenden Studie macht. Das Medium der Zeichnung wird mit der Lavierung zu einem Kunstwerk sui generis. Zweifellos handelt es sich bei Albrecht Dürers Blatt nicht um ein Einzelblatt, das im Entstehungsprozess eines wie auch immer gearteten Kunstwerks eine Rolle zu spielen hatte. Stattdessen entwickelte der Nürnberger Meister mit seinen Naturstudien originäre Werke, die zwar bis zu seinem Tod in seinem Besitz blieben, dennoch als künstlerische Bravourstücke gelten dürfen.

 

 

Dürers Naturstudium

„Denn das ist gut geacht: so einer / genaw dem leben mit ab machen nach kumbt, das es jim gleych sech vnd der natur endlich wirdet, vnd / sunderlich wenn, was abgemacht wirdet, hubsch ist / so wirdet es kunstlich gehalten vnd, als es wert ist, / wol gelobt. […] Aber daz leben in der natur gib zu erkennen / die warheyt dieser ding. Darumb sich sie fleysig an, / richt dich darnach vnd gee nit von der natur in / dein gut geduncken, das du wollest meynen das / besser von dir elbs zu finden.“4 (Albrecht Dürer, Ästhetischer Diskurs)

 

Der berühmteste Künstler des frühen 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen verdankt seine Popularität der Verbindung von Tradition und Aufbruch (→ Albrecht Dürer. Kunst - Künstler - Kontext). Breits der junge Dürer zeichnete sich als 13-jähriger nach seinem Spiegelbild, aus den frühen 1490er Jahren sind Handstudien nach seiner eigenen Linken und Landschaftszeichnungen erhalten. Hierin zeigt sich der heranwachsende Künstler bereits als exakter Beobachter der Natur.

Der nächste wichtige Schritt in Richtung des Hasen sind die topografischen Studien, die er zwischen dem Sommer 1494 und dem Frühjahr 1495 anfertigte. Wohl aus Furcht vor der Pest begab sich Albrecht Dürer nach Venedig und schuf auf seiner Reise zahlreiche Landschaftsstudien, Stadtansichten (Innsbruck) und Bilder von auf hohen Felsen gelegenen Burgen, die erstmals farbig in Aquarell und Deckfarben gefasst sind. Zu den besonders bemerkenswerten Blättern gehören jene, auf denen Dürer einzelne Bäume, Baumgruppen oder Steinbrüche schildert. Die Autonomie jener Blätter überrascht. Der spätmittelalterliche Werkstattbetrieb war noch stark von Musterbüchern geprägt, in denen Vorlagen für Kompositionen gesammelt wurden. Am besten lässt sich die Funktion solcher Zeichnungen an Albrecht Dürers „Das Weiherhaus“ (um 1496, The British Museum, London) nachvollziehen, das im Kupferstich „Maria mit der Meerkatze“ (um 1498, Albertina) als Hintergrundmotiv eingesetzt wurde.

 

Kopien und Wiederholungen

Dreizehn Kopien und Wiederholungen von Dürers Hasen sind heute bekannt. Davon sind drei freie Varianten, die einen Hasen von vorne zeigen. Die Albertina-Ausstellung im Jahr 1985 konnte, wie Hans Widauer betont, eine große Anzahl von diesen Blättern in Wien vereinen. Dabei fiel auf, dass Hans Hoffmann sich offensichtlich am Original orientieren konnte.5 Allerdings ging er in seinen Nachempfindungen so frei mit dem Vorbild um, dass es sich eher um Neuinterpretationen aus dem Kunstverständnis um 1600 handelt. So setzte er den Feldhasen in ein bewaldetes Umfeld oder in einen Ziergarten, womit Hans Hoffmann nicht nur Albrecht Dürer seine Referenz erwies, sondern gleichzeitig auch das Tierstück als neue Gattung einführte.

 

Provenienz

Nach dem Tod von Albrecht Dürer 1528 erbte offensichtlich Agnes Dürer den Besitz ihres Mannes. Von ihr ging der Nachlass an Albrechts Bruder Endres Dürer weiter, der es wiederum an den Nürnberger Patrizier und engen Freund Dürers, Willibald Pirckheimer, verkaufte. Für drei Generationen wurde der kostbare Besitz innerhalb der Familie Pirkheimer weitergegeben: Der Enkel, Willibald Imhoff, nannte sie Mitte des 16. Jahrhunderts innerhalb seines Kunstkabinetts sein eigen. 1573 erstellte man ein Inventar des Bestandes, das heute noch für die Provenienzen der Albertina-Blätter von großer Bedeutung ist. Die Zeichnungen wurden noch von Imhoff in lederne Folianten gebunden und an Kardinal Antoine Perrenot de Granvella oder dessen Vater verkauft.

Kaiser Rudolf II. war so sehr von der Kunst Albrecht Dürers begeistert, dass er mehr als 400 Werke des Nürnberger Malers zusammentrug. Etwa 250 Zeichnungen Dürers erwarb er aus der Sammlung des 1586 in Madrid verstorbenen Kardinals Antoine Perrenot de Granvella. Ein zusätzliches Konvolut kam über die Erben von Willibald Imhoff in den Besitz des Kaisers. An seinem Hof in Prag wurden Dürers Blätter – wie der „Feldhase“ – als so vorbildhaft angesehen, dass Künstler sie zu kopieren begannen. Die erste „Dürer-Renaissance“ war die Folge, mehrere weitere folgten.

1631 ließ Kaiser Ferdinand II. die wichtigsten Bestände der Prager Sammlung in die Wiener Hofburg bringen, darunter auch den „Hasen“ von Albrecht Dürer. Da die Zeichnungen in der Wiener Schatzkammer eingelagert wurden, wurden sie der Plünderung Prags durch die schwedischen Truppen entzogen. Eineinhalb Jahrhunderte später, genauer 1796, erhielt Herzog Albert von Sachsen-Teschen von Kaiser Franz II. den bis zu diesem Zeitpunkt in der Hofbibliothek aufbewahrten habsburgischen Dürer-Schatz (→ Die Gründung der Albertina). Die Anzahl der Blätter bewegte sich zwischen 370 und 400 Stück, die allerdings beim Tod des Herzogs auf 157 Zeichnungen reduziert waren. Der erste Direktor der herzoglichen Sammlung, François Lefèbvre, hatte wohl an die 200 Zeichnungen und Aquarelle veruntreut. Die Ausstellungsgeschichte der Albertina beginnt 1873 mit zwölf Blättern Dürers.

 

Dürer 2019 in der Albertina

Der originale „Dürer Hase“ ist zwischen 20. September 2019 und 6. Januar 2020 im Rahmen einer großen Dürer Ausstellung wieder in der Albertina zu sehen! Daneben werden auch weitere bekannte Naturstudien gezeigt werden: „Das große Rasenstück“ (1502), die „Betenden Hände“ (1508) und „Der Flügel einer Blauracke“ und „Tote Blauracke“ (beide um 1500 oder 1512) gehören ebenfalls zum Kernbestand der Dürer-Zeichnungen der Albertina und zu den Zimelien der frühen Aquarellkunst.

 

 

Albrecht Dürer, Der Feldhase: Bilder

  • Albrecht Dürer, Feldhase, 1502 (© Albertina, Wien)
  • Albrecht Dürer, Feldhase, Detail, 1502 (© Albertina, Wien)
  • Albrecht Dürer, Der Flügel einer Blauracke, um 1500 (oder 1512) (© Albertina, Wien)
  • Albrecht Dürer, Das große Rasenstück, 1503 (© Albertina, Wien)
  • Albrecht Dürer, Betende Hände, 1508 (© Albertina, Wien)

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Albrecht Dürer, Feldhase, Kopf, 1502 (© Albertina, Wien)

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Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer Ausstellung des Keramikkünstlers im KHM

Bisher war Edmund de Waal (* 1964) bekannt für strahlendweiße Installationen, in denen er seine handgefertigten, teilweise versilberten Porzellanbehälter („vessels“) auf reinweißen Regalen arrangierte. Als Autor wird de Waal seit 2010 für sein Erinnerungsbuch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ weltweit gefeiert. Sein subtiler Umgang mit Sprache und dem Unsagbaren, seine Liebe zur Poesie wurde in Wien bereits in seiner Installation „Lichtzwang“ im Theseustempel (2014) vorgestellt. Als der Brite im Rahmen der Vorbereitungen von Jasper Sharp und dem Kunsthistorischen Museum eingeladen wurde, eine Ausstellung zu kuratieren, entschied er sich sein Interesse an den Dingen auf ihr Potenzial, Angst zu bannen, Unheimliches zu zeigen, den Kontrollverlust zu sublimieren und Einsamkeit zu füllen, auszuweiten.
  1. Dieser Text resümiert Forschungsergebnisse, welche im Katalog der letzten Dürer-Ausstellung der Albertina veröffentlicht wurden: Klaus Albrecht Schröder, Maria Luise Sternath (Hg.), Albrecht Dürer (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 5.9.–30.11.2009), Wien 2009.
  2. Elisabeth M. Trux, Überlegungen zum Feldhasen und anderen Tierstudien Dürers mit einer Datierungsdiskussion, in: Klaus Albrecht Schröder, Maria Luise Sternath (Hg.), Albrecht Dürer (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 5.9.–30.11.2009), Wien 2009, S. 45–55, S. 48.
  3. Ebenda, S. 50.
  4. Zit. n. Elisabeth M. Trux, Überlegungen zum Feldhasen und anderen Tierstudien Dürers mit einer Datierungsdiskussion, in: Klaus Albrecht Schröder, Maria Luise Sternath (Hg.), Albrecht Dürer (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 5.9.–30.11.2009), Wien 2009, S. 45–55, S. 45.
  5. Ebenda, S. 268.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.