Brigitte Kowanz

Wer war Brigitte Kowanz?

Brigitte Kowanz (Wien 13.4.1957–28.1.2022 Wien) war eine österreichische Künstlerin, die zu den bedeutendsten Vertreterinnen einer Kunst zählt, die Licht, Sprache und Spiegel als gleichwertige Medien behandelt. Von 1997 bis 2021 lehrte sie an der Universität für angewandte Kunst Wien als Professorin für transmediale Kunst. International bekannt wurde sie spätestens 2017, als sie den österreichischen Pavillon der Biennale di Venezia bespielte.

„Licht ist energetisch und unendlich vielschichtig, es ist allgegenwärtig und doch unfassbar, Licht macht Dinge sichtbar, ist selbst aber transparent, hat Sogkraft und ist untrennbar mit dem Raum verbunden."1 (Brigitte Kowanz, 2010)

Kowanz' Werk lässt sich nicht auf einen einzigen Begriff reduzieren. Sie selbst verwehrte sich gegen die Bezeichnung „Lichtkünstlerin", weil sie ihr Schaffen als bereichsübergreifende Arbeit zwischen Medien, Gattungen und Denktraditionen verstand. Licht war für sie epistemologisches Werkzeug: ein Medium, das Sichtbarkeit erzeugt und dabei selbst unsichtbar bleibt. Mit Neonröhren, Spiegeln, Schwarzlicht, Morsecodes und zuletzt reflektierenden Textilien und Emojis erkundete sie über fast vier Jahrzehnte die Bedingungen von Wahrnehmung, Kommunikation und Realität – und wurde dabei, wie der Medientheoretiker Rainer Fuchs festhält, zu einer Pionierin der künstlerischen Auseinandersetzung mit Digitalisierung und Virtualität, lange bevor diese Themen Allgemeingut wurden.

Kindheit

Brigitte Kowanz wurde am 13. April 1957 in Wien geboren. Ihre Mutter Edith arbeitete als Angestellte, ihr Vater Karl Kowanz (1926–1997) war ein bekannter Fußballspieler, der die Familie jedoch früh verließ. Ihr fünf Jahre älterer Bruder Karl (*1951) wurde grafischer Künstler und studierte bereits an der Hochschule für angewandte Kunst; er wurde in dieser Hinsicht ein Vorbild.

Dass sie Künstlerin werden würde, war Kowanz spätestens als Teenagerin klar. Sie besuchte das Bundesoberstufenrealgymnasium für Musik und Kunst in der Hegelgasse im ersten Wiener Bezirk. Bei der Aufnahmeprüfung – sie war wohl 14 Jahre alt – stand sie vor der Wahl zwischen den beiden Sparten und erkannte dabei ihre besondere Begabung für die bildende Kunst. Sie erinnerte sich:

„Dann war mir klar, dass ich da eine besondere Fähigkeit habe."2

Nach der Matura 1975 wollte sie ursprünglich die Filmakademie besuchen – doch hätte sie dort bereits fertige Arbeiten vorweisen müssen. Sie bewarb sich stattdessen an der Hochschule für angewandte Kunst. Die Hochschule sollte sie nur ein Jahr besuchen, um sich danach für die Filmakademie zu qualifizieren; sie blieb bis zum Magisterabschluss 1980.

 

Ausbildung

Brigitte Kowanz begann ihr Studium in der Bildhauerei-Klasse von Wander Bertoni, einem Schüler Fritz Wotrubas und Mitbegründer des legendären Art Clubs. Doch Bertoni hatte kein Verständnis für zeitgenössischere Ansätze. „Ich kam nicht mit ihm aus. Ich war nicht Bildhauer, wie es seinen Vorstellungen entsprochen hätte. Ich machte Objekte, Fotos usw.", erzählte sie 1989 dem Parnass.3 Sie fand ihre künstlerische Heimat bei Oswald Oberhuber, der internationale Gäste nach Wien holte und – damals ein Novum an österreichischen Kunstakademien – eine breite Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen zuließ. Er war der Einzige, der intermediales Arbeiten akzeptierte und förderte.

Schon während des Studiums widmete sich Kowanz neuen Medien, Film und Video. Ihr Interesse galt von Anfang an instabilen, flüchtigen Bildern und deren Verhältnis zu Raum, Codes und Sprache. Die Auseinandersetzung mit neuen Medien und deren Technologien – mit Licht als zentralem Trägermedium – prägte ihre künstlerischen Fragestellungen von Beginn an.

Ihre Diplomarbeit 1980 trug den Titel 3 Raumsituationen. Versuch, das Gefühl von der Philosophie eines Chamäleons zu bekommen (anders als in der Wüste, wo man fast verdurstet bei Regen im Auto Scheibenwischer). Der Begriff der „Situation" begegnet einem in ihrem Werk immer wieder – er verbindet konzeptuelle und medienreflexive Fragen mit Aspekten der Immaterialität sowie der Flüchtigkeit digitaler Realitäten. Oberhuber erkannte das Potenzial der Arbeit und schlug sie für einen Preis vor; nachdem ein Kollege ablehnte, schrieb er kurzerhand einen neuen Preis aus – den dann Kowanz erhielt.4

Bereits 1979, noch während des Studiums, stellte Brigitte Kowanz erstmals öffentlich aus – gemeinsam mit Franz Graf in der Galerie nächst St. Stephan. Im Jahr darauf folgte eine erste Ausstellung in der Galerie Krinzinger.

Werke

Das Künstlerkollektiv Kowanz/Graf (1979–1984)

Ab 1979 arbeitete Brigitte Kowanz eng mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem Künstler Franz Graf, zusammen. Gemeinsam entwickelten sie eine Praxis, die aus der zeitgenössischen Malerei herausstach: Beide experimentierten mit phosphoreszierenden und fluoreszierenden Farben sowie mit Schwarzlicht und interpretierten die Malerei damit grundlegend neu. Die Inspiration fanden sie auch in der Punkmusik, die ständig in ihrem Studio lief. „Punk war ein Akt des Widerstands, es ging um das Raue, Ungekannte", sollte Kowanz viel später erzählen.5

Eine zentrale Idee des Duos war, die individuelle Autorschaft aufzulösen: Aus zwei Positionen sollte eine dritte entstehen. „Aus 1 und 1 wird 3", wie die Albertina-Kuratorin Angela Stief es beschreibt – das Werk entsteht in der Verflechtung zweier Individuen. Die Bilder waren oft beidseitig bemalt, hingen mitten im Raum und änderten bei unterschiedlicher Beleuchtung ihr Aussehen. Es entstand eine changierende, phosphoreszierende Raummalerei, die auch mit objekthaften und sprachlichen Elementen verknüpft wurde.

Kowanz und Graf ließen sich keiner der großen Strömungen ihrer Zeit zuordnen – weder der Transavanguardia noch den Neuen Wilden noch dem New Image Painting (→ Neue Wilde | Junge Wilde). Gleichzeitig hatten sie früh außergewöhnliche Erfolge: 1981 stellten sie in der von Kaspar König und László Glózer kuratierten Ausstellung Westkunst in Köln aus und hatten Soloshows in der Galerie nächst St. Stephan sowie in der Galerie Stampa in Basel. 1984 nahmen sie zum letzten Mal gemeinsam an der Biennale di Venezia teil.

Die Trennung des Duos 1984 war, wie Kowanz selbst sagte, ein notwendiger, wenn auch schwieriger Schritt: Kowanz zog es stärker in Richtung räumlicher und medialer Fragestellungen, Graf in die Zeichnung. Kurz nach der Trennung erklärte sie, dass die Kunst für sie und Franz zu einem Skalpell geworden sei – und dass beide nun erst einmal eine neue Schutzschicht bräuchten. Die gegenseitige Wertschätzung hielt gleichwohl an.

Die frühen Lichtobjekte und Schwarzlichträume (ab 1984)

Ab 1984 entwickelte Brigitte Kowanz erste eigenständige Lichtobjekte aus Flaschen, Leuchtstofflampen und Fluoreszenzfarbe. Mit einfachen Mitteln entstanden komplexe Raumbilder und Licht-Schatten-Projektionen. In Arbeiten wie 1 × 8 (1988) sind acht mit Pigmenten gefüllte Flaschen um ein leeres Zentrum angeordnet – es geht um die Auratisierung des Alltäglichen in der Tradition der Readymades Duchamps und gleichzeitig um die analytische Zerlegung von Malerei in ihre Bestandteile: Licht, Pigment, Träger.

Das Schwarzlicht führt bei Kowanz zu einer Form der Auratisierung des Raums und der sich darin befindenden Objekte: Farben lösen sich vom Grund und expandieren in den Raum. Die Idee entstand aus der Frage, wie filmische Seherfahrungen auf raumgreifende Bilder übertragen werden können – und verwies zugleich auf Clubbing-Kultur, Psychedelik und transzendente Erfahrungen. Ein neues, integratives Verhältnis zwischen Werk, Raum und Betrachtenden lässt sich an diesen frühen Installationen erkennen, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht.

Wichtige Werke dieser Phase:

  • 1 × 8, 1988/2019, Neon, Fluoreszenzfarbe, Pigmente, Glas, Holz, 150 × 150 × 15 cm
  • 4 × 3, 1988/2021, Leuchtstoffröhren, Fluoreszenzfarbe, Pigmente, Glas, Holz, 135 × 135 × 12 cm
  • Ohne Titel, 1988, Halogenlicht, Glas, Acrylglas, 310 × 213 cm (Albertina Wien – Familiensammlung Haselsteiner)

„Die Wahrnehmung als dynamischer Prozess zwischen Sehen und Erkennen ist Thema all meiner Arbeiten. Kunst ist eine Form der Kommunikation. Sowohl Licht als auch Sprache sind Informationsträger, die sich in einer ständigen Wechselbeziehung befinden und sich gegenseitig sichtbar machen."6 (Brigitte Kowanz, 2011)

Licht – Sprache – Spiegel: die Kernmotive (ab 1986)

Mit der Werkserie der verschlüsselten Nachrichten – Il messaggio cifrato di questa scrittura determina la struttura della sua forma (1986/2009), die in mehreren Sprachen existiert, begann Kowanz, Licht und Sprache systematisch zu verschränken. Der Satz, der als Neon-Loop den Raum durchläuft, ist eine Reflexion auf sich selbst: Beim Buchstaben R knickt die Neonkette nach rechts, beim L nach links – die Sprache tut visuell, was sie sinngemäß meint. Diese tautologische Struktur wird zu einem Markenzeichen ihres Werks.

Der Spiegel kam als drittes Grundmotiv dazu und potenzierte die Möglichkeiten: Aus der Zweierbeziehung von Licht und Sprache entstand ein Dreiecksverhältnis.

„Der Spiegel ist zugleich Instrument und Medium, er macht Licht sichtbar und zeigt das Sehen selbst. [...] Ein Spiegel trägt die Möglichkeit unendlich vieler Bilder in sich. Realer und virtueller Raum können sich im Spiegel verschränken, Räume können sich vervielfältigen. Er ist ein Metamedium visueller Übertragung."7 (Brigitte Kowanz, 2014)

Wichtige Werke dieser Phase:

  • Il messaggio cifrato di questa scrittura determina la struttura della sua forma, 1986/2009, Neon, Reflexfolie, 300 × 400 × 13 cm
  • Le message codé de cette écriture cause la constitution de sa forme, 1986/2009, Neon, Reflexfolie, 400 × 200 × 13 cm
  • Proteinkette, 1986/1994, Halogenlicht, Diaprojektion, Leuchtstoffröhren, Acrylglasrohr, Lack

Lichtgeschwindigkeit als Thema (ab 1989)

1989 begann Kowanz einen eigenen Werkkomplex zum Thema Lichtgeschwindigkeit. Eine kleine Dezimalzahl gibt in Neonziffern die Zeit in Sekunden an, die das Licht braucht, um die Länge ebendieser Zahlenreihe zurückzulegen. Die Selbstbezüglichkeit der Form – die Zahl misst sich selbst – ist dabei kein rhetorisches Spiel, sondern Modell: Kowanz interessierte die Frage, wie Licht als nicht greifbare Koordinate zur Lebensmetapher werden kann.

Wichtige Werke:

  • Lichtgeschwindigkeit sek/1m, 1989, Leuchtstoffröhre, Lack, 5 × 100 × 9 cm
  • Lichtgeschwindigkeit sek/4m, 1989/2007, Neon, Chromstahl, 25 × 400 × 16 cm
  • Lichtgeschwindigkeit sek/6m, 1993, Acrylglas, Lack, Halogenlicht, 600 × 6 × 6 cm

Light Steps und die Rauminstallationen der 1990er Jahre

1990 entstand das Konzept der Light Steps: Kowanz veränderte die vorhandene Beleuchtung einer Galerie so, dass abgehängte Leuchtstoffröhren eine Treppe bilden – ein Raum im Raum entstand. Anstatt den Ausstellungsraum mit Objekten zu bespielen, arbeitete sie mit den bestehenden Parametern des Raums selbst.

Parallel dazu entwickelte sie die Werkserie Licht ist was man sieht (1994). Der Satz existiert in zahlreichen Sprachen – Englisch, Französisch, Niederländisch, Russisch, Chinesisch, Ungarisch, Italienisch, Spanisch –, stets aus Glimmlampen, Verteilersteckern und Acrylglas gefertigt. Das sich selbst beschreibende Licht benennt zugleich den Wahrnehmungsakt: „Man liest, was man sieht, und man sieht, was man liest."

Licht und Sprache erzeugen hier gemeinsam Bedeutung und Realität – und befragen gleichzeitig die Selbstverständlichkeit dieser Konstruktion.

„Sprache lässt Wirklichkeit entstehen oder konstruiert sie. Genauso wie Licht macht sie diese sichtbar. Dieses Nahverhältnis erklärt, warum beides in meinen Arbeiten oft parallel oder redundant und tautologisch vorkommt. Indem ich beide Phänomene miteinander in Verbindung setze, machen sie sich gegenseitig sichtbar."8 (Brigitte Kowanz, 2017)

Wichtige Werke:

  • Light Steps, 1990, Leuchtstoffröhren, Maße variabel
  • Licht ist was man sieht, 1994, Glimmlampen, Verteilerstecker, Lack, Maße variabel (sowie Versionen in zahlreichen Sprachen, 1994/2019)
  • Ecke, 1994/2007, Glimmlampen, Verteilerstecker, Lack, Maße variabel
  • R=Rechts / L=Links, 1996/2009, Leuchtstoffröhren, Acrylglas, Lack, 150 × 100 × 19 cm

Das Morsealphabet und die Codierung von Kommunikation (ab 1995)

Seit Mitte der 1990er Jahre setzte Kowanz regelmäßig das Morsealphabet ein. Als frühes binäres System repräsentiert es den Ursprung der Informationsübertragung mit Licht und damit das Fundament der heutigen digitalen Gesellschaft. Der Code besteht aus elementaren Grundeinheiten – Ein–Aus, Kurz–Lang, Punkt–Strich –, die als Lichtzeichen, akustisches Signal oder grafisches Element funktionieren. Mit dieser reduzierten Sprache lässt sich jede Komplexität ausdrücken.

Die Gleichzeitigkeit von Senden und Empfangen, die der Morsecode ermöglichte – Information mit Lichtgeschwindigkeit über große Distanzen –, ist für Kowanz Fundament unserer heutigen beschleunigten Lebensrealität. Arbeiten wie Alphabet (1998/2010, Neon, Spiegel, 245 × 320 × 45 cm) und Morsealphabet (1998/2005, Neon, Aluminium, 280 cm) machen diese Genealogie visuell erfahrbar.

Besonders dicht ist diese Verbindung in der Werkgruppe, die historische Daten der Digitalisierung verschlüsselt: Die Geburtsdaten des World Wide Web (12.3.1989 und 6.8.1991), von Google (15.9.1997), Wikipedia (15.1.2001) und des iPhones (9.1.2007) erscheinen als Morsecodes in Neon und Spiegel – eine Art Biografie des digitalen Zeitalters in verschlüsselter Form, die zugleich die Lichtgeschwindigkeit als historische Grundlage dieser Kommunikationsrevolution sichtbar macht.

Wichtige Werke:

  • Alphabet, 1998/2010, Neon, Spiegel, 245 × 320 × 45 cm (Albertina Wien – Familiensammlung Haselsteiner)
  • Morsealphabet, 1998/2005, Neon, Aluminium, 280 cm
  • www 12.03.1989 06.08.1991, 2017, Neon, Spiegel, Aluminium, Lack, 270 × 670 × 20 cm
  • Google 15.09.1997, 2017, Neon, Spiegel, 80 × 190 × 19 cm
  • iPhone 09.01.2007, 2017, Neon, Spiegel, 80 × 190 × 19 cm
  • Wikipedia 15.01.2001, 2017, Neon, Spiegel, 80 × 190 × 19 cm

Die Spiegelkuben und die Infinity-Serie (ab 2000)

Ab der Jahrtausendwende wird das Aufeinandertreffen von Licht, Raum und Spiegeln potenziert. Die charakteristischen 70 × 70 × 70 cm großen Spiegelkuben, in denen handschriftlich entworfene Neonworte endlos reflektiert werden, entstehen als eigene, serielle Werkfamilie. Begriffe wie Rund um die Uhr (1996/2011), Memoria (2006), Energy (2006/2008), Eins durch Unendlich / 1/∞ und Unendlich durch Eins / ∞/1 (beide 2011) imaginieren ihre Bedeutungen scheinräumlich und signalisieren ihre Instabilität und Dynamik.

Die Neontexte sind handschriftlich entworfen und bringen ein zeichnerisches Element in die Arbeit. Die Spiegelungen verstärken diese zeichnerische Dynamik und bilden imaginäre Neonlisenen, in denen sich das Lineare ins Dreidimensionale verwandelt. Kryptogramme entstehen, in denen Sprache und Visualität einander bespiegeln.

„Die Neontexte sind handschriftlich entworfen und bringen damit ein zeichnerisches Element in die Arbeit. Die Spiegelungen verstärken diese zeichnerische Dynamik und bilden imaginäre Neonlisenen, in denen sich das Lineare ins Dreidimensionale verwandelt. Kryptogramme entstehen und bilden Codes, in denen Sprache und Visualität einander bespiegeln."9 (Brigitte Kowanz, 2010)

Wichtige Werke:

  • Rund um die Uhr, 1996/2011, Neon, Spiegel, 70 × 70 × 70 cm
  • Wir schwimmen in der Linie und tauchen sporadisch ins Mosaik, 2002, Leuchtstoffröhren, Acrylglasrohre, Lack, Edelstahl, 200 × 300 × 16 cm
  • Forward, 2005, Neon, Edelstahl, Lack, 252 × 430 × 9 cm
  • Ins Unendliche (Die ins Unendliche gehende Falte ist das Charakteristikum des Barock), 2007, Neon, Aluminium, Lack, 350 × 220 × 180 cm
  • Eins durch Unendlich / 1/∞ und Unendlich durch Eins / ∞/1, 2011, Neon, Spiegel, je 70 × 70 × 70 cm
    Signatur, 2015, Neon, Spiegel, 70 × 70 × 18 cm
  • Secret of Courage, 2020, Neon, Spiegel, 70 × 70 × 70 cm

Die späten Werke: Emojis, Akronyme und reflektierende Textilien (ab 2019)

In den letzten Jahren ihres Schaffens erweiterte Kowanz ihr Repertoire um neue Zeichensysteme: Emojis, Akronyme des digitalen Alltags (fyi, imho, asap, omg, tbh) und reflektierende Textilien traten neben Neon und Spiegel. Die Werke a (light never stays), b (knows no place), c (is continually changing), d (with its environment) (alle 2019, reflektierendes Textil, Aluminium, Lack, je 100 × 250 × 3 cm) destillieren ihre Grundthesen über Licht und Wahrnehmung in vier knappe, englische Satzfragmente.

Die Emoji-Serie zeigt eine humorvoll-ironische Komponente und eine große Leichtigkeit, ohne an konzeptioneller Tiefe einzubüßen. Kowanz verstand Emojis als neue Stufe der Entwicklung visueller Codes – als Nachfolger des Morse-Codes und als Spiegel unserer hybriden, postanalogen Kommunikationskultur.

Zusammenfassung

„Die Polarität von Licht, die Komplementarität von Licht und Schatten ist einzigartig. Es geht mir um die Transformation kognitiver und emotionaler Energie. Licht ist eine Lebensmetapher.“10 (Brigitte Kowanz, 2014)

Im Zentrum von Kowanz’ Werk stand seit den 1980er Jahren die Untersuchung von Raum und Licht. Licht war jedoch nicht nur das Material, sondern oft auch das Thema von Kowanz’ Arbeiten. So beschäftigte sie sich seit 1989 in einem eigenen Werkkomplex mit der Lichtgeschwindigkeit. Eine winzig kleine Dezimalzahl gibt dabei in Neonziffern die Zeit in Sekunden an, die das Licht braucht, um die Länge ebendieser Zahlenreihe zurückzulegen.

Ein Themenkomplex, der Kowanz ebenfalls bereits seit den 1980er Jahren beschäftigte, war die Sprache bzw. die Schrift und deren Übersetzung in Codes. Sie untersuchte Licht als raumbildendes Medium ebenso wie als Informationsträger und Medium der Erkenntnis und der Sichtbarkeit.

Seit 1995 setzte Kowanz unter anderem – ausgehend von einfachen Strich-Punkt-Kombinationen – auch regelmäßig das Morsealphabet zur Codierung ein. Als binärer Code stellt es den Ursprung der Informationsübertragung mit Licht dar. Kowanz verwendete insbesondere in ihren jüngeren Arbeiten (semi-)transparente Gläser und Spiegel. Dies führte in ihren dreidimensionalen Objekten zu einer vielfältigen Überlagerung von virtuellen und realen Ebenen. Durch die wechselseitige Bespiegelung von Licht, Sprache und Spiegel (Rainer Fuchs) entstanden hybride Räume, deren Grenzen in einem Moment klar definiert schienen, sich im nächsten aber auflösten. Realer Raum und virtuelles Spiegelbild durchdrangen einander, die Grenzen zwischen Kunstwerk und Betrachter wurden fließend. Die Beschäftigung mit der ungreifbaren Physik des Lichts, das – obgleich ein Sichtbarkeitsgarant – selbst leicht übersehen wird, dauerte in den Arbeiten Brigitte Kowanz an.

Lehre und Wirkung: Künstlerin, Lehrerin, Role Model

1986 wurde Ernst Caramelle Nachfolger von Oswald Oberhuber an der Hochschule für angewandte Kunst. Kowanz, fünf Jahre jünger als Caramelle, wurde seine Assistentin. Dass sie in der offiziellen Hierarchie unter ihm stand, war umgekehrt proportional zu ihrer Bedeutung für die Studierenden. Der Fotograf Matthias Herrmann, der zu einem ihrer engsten Freunde wurde, erinnert sich an seinen ersten Eindruck:

„Sie trug dunkle Sonnenbrillen, eine hellgrüne Lederjacke, in deren Taschen sie die Hände gesteckt hatte. So, als würde sie andere auf Distanz halten wollen."11

Zugleich habe sie eine im positiven Sinne starke Autorität ausgestrahlt und großes Interesse an den Arbeiten der Studierenden gezeigt, sich in diese hineindenken können und sei ständig präsent gewesen.

1997 erhielt Kowanz die Professur für Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst Wien (nach Bertoni hatte die Klasse Sepp Auer interimistisch geleitet). Sie öffnete die Klasse sofort für alle Medien – heute heißt sie „Transmediale Kunst". Berühmt waren ihre Klassensitzungen, die oft vom Vormittag bis in den späten Abend dauerten. „Brigitte ging alle Arbeiten genau durch, das war exzessiv. Es konnte auch leidenschaftlich und laut werden", erinnert sich ihr Assistent Peter Kozek.12

Zu den Studierenden im engeren Umkreis von Kowanz – darunter unter anderen Ines Doujak, Mathias Poledna und Florian Pumhösl – zählten viele, die ihren Weg als Künstlerinnen und Künstler mit großem Erfolg beschritten. Die Klasse, die Kowanz 2021 abgab, übernahmen Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl.

„Die Studierenden halten mich frisch, ich muss mich mit den verschiedensten Dingen beschäftigen."13 (Brigitte Kowanz, 2017)

Wichtigste Ausstellungen (Auswahl)

  • 1980: Galerie nächst St. Stephan, Wien (mit Franz Graf)
  • 1981: Westkunst. Heute, Museen der Stadt Köln (kuratiert von Kaspar König und László Glózer)
  • 1984: Biennale di Venezia (mit Franz Graf)
  • 1985: Kunst mit Eigen-Sinn, Museum des 20. Jahrhunderts, Wien
  • 1987: Biennale São Paulo (mit Erwin Wurm)
  • 1989: Prospect 89, Schirn Kunsthalle Frankfurt
  • 1990: Sydney Biennale
  • 1993: Wiener Secession (Einzelausstellung)
  • 2008: Intervention, Oberes Belvedere, Wien
  • 2010: Now I See, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
  • 2017: Infinity and Beyond, Österreichischer Pavillon, La Biennale di Venezia (mit Erwin Wurm)
  • 2020: Lost under the Surface, Haus Konstruktiv, Zürich
  • 2021: The 80s, Albertina modern, Wien
  • 2022: ISTR (I seem to recall), Schlossmuseum Linz (letzte Einzelausstellung zu Lebzeiten)
  • 2023: 4≠4, max goelitz, Berlin; Beyond Words, Universität für angewandte Kunst Wien (Symposium)
  • 2024: remember the future, Galerie Krinzinger, Wien (posthum)
  • 2025: Brigitte Kowanz. light is what we see, Albertina, Wien, 18. Juli – 9. November 2025

Permanente Installationen (Auswahl)

  • Licht bleibt nie bei sich / kennt keinen Ort / ständig in Veränderung / mit seiner Umgebung, 2003–2005, DKV, Köln
  • Position – N 46° 38′ 47″ E 14° 53′ 31″, 2007/08, Museum Liaunig, Neuhaus
  • realm of experience – out of the blue, 2021, LVM, Münster
  • Fountain, 2015–2017, Glanzstoff, St. Pölten
  • ALWAYS A WAY ALWAYS AWAY, 2019–2021, Zürich SBB, Europaallee Zürich

Auszeichnungen (Auswahl)

  • Großer Österreichischer Staatspreis für Bildende Kunst, 2009 (als zweite Frau nach Maria Lassnig)

Tod

Kowanz lebte und arbeitete in Wien, wo sie infolge einer langjährigen schweren Krebserkrankung am 28. Jänner 2022 starb. Sie wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Brigitte Kowanz’ Sohn, Adrian Kowanz (* 1995), ein ausgebildeter Kunsthistoriker und langjähriger enger Mitarbeiter, verwaltet seither ihren Nachlass.

Literatur zu Brigitte Kowanz (Auswahl)

  • Brigitte Kowanz. light is what we see, hg. v. Ralph Gleis und Angela Stief (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 18.7.–9.11.2025), München 2025.
    • Mit Essays von Angela Stief im Gespräch mit Adrian Kowanz, Rainer Fuchs und Nina Schedlmayer.
  • Sabine Schaschl (Hrsg.), zusammen. Ausgewählte Gespräche und Texte 2015–2022, Berlin 2022. (Enthält u.a.: Licht und Reflexion: Brigitte Kowanz im Gespräch mit Sabine Schaschl, S. 168–191.)
  • Brigitte Kowanz – Franz Graf, hg. v. Helmut Draxler u.a. (Ausst.-Kat. Galerie nächst St. Stephan, Wien / Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg / Galerie Krinzinger, Innsbruck), Wien 1983.

Beiträge zu Brigitte Kowanz

10. Oktober 2021

Wien | Albertina modern: THE 80s. Anything Goes Überblicksausstellung mit einigen Neuentdeckungen

Eine großangelegte Ausstellung der 80er Jahre in der ALBERTINA MODERN führt vor Augen, wie Kunstschaffende die bestehenden Paradigmen aufbrechen und die Vielfalt im Ausdruck suchen. Die Kunst der 1980er Jahre will überwältigen: Es ist die Zeit visuellen Überflusses, individueller Stile und unendlicher Geschichten.
4. November 2016

Giacometti – Nauman Konfrontation in der Schirn

Gleißendes Licht von Bruce Naumans „Lighted Center Piece“ (1967/68) empfängt die Besucherinnen und Besucher in der Schau „Giacometti–Nauman“ in Frankfurt. Das Licht und seine Reflexion sind so hell, dass die Augen schmerzen. Gegenüber, wenn auch in sicherer Entfernung, steht Giacomettis „L’objet invisible (Mains tenant le vide)“ (1934/35). Das titelgebende Objekt, das die Figur Giacomettis hält, ist unsichtbar und wird nur durch die Handhaltung erahnbar. Dieses genaue Betrachten möchte Kuratorin Esther Schlicht herausfordern – sogar wenn es weh tut, sogar wenn es unmöglich scheint. Genau hinzustehen, befähigt, die beiden so bekannten Künstler in neuem Licht zu sehen. Dabei geht es in der Schirn weniger um das Wie ihrer Arbeitsweisen, sondern das Was! Ein überraschender Vergleich, ausgehend von Leitbegriffen, der rundum gelungen ist!
21. Juni 2016

Skulptur seit 1946 Revolutionen im bildhauerischen Denken

Die Skulptur, so wird oft behauptet, hat wie kaum ein anderes Medium während des 20. Jahrhunderts grundlegende Veränderungen durchgemacht. Das Kunstmuseum Basel widmet sich anlässlich der Eröffnung des Erweiterungsbaues von Christ & Gantenbein der Bildhauerei vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute.
30. Mai 2010

Bruce Nauman im Hamburger Bahnhof Videos, Korridore und Körperfragmente

Der amerikanische Medien- und Objektkünstler Bruce Nauman (* 1941) ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart und zweifacher Preisträger des Goldenen Löwen der Biennale von Venedig. Die Schau in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin führt anhand der Sammlung von Christian Flick in Leben und Werk des US-Künstlers ein.
  1. Zitiert nach: Brigitte Kowanz. light is what we see, hg. v. Ralph Gleis und Angela Stief (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 2025) München 2025, S. 4.
  2. Stella Damm im Gespräch mit Brigitte Kowanz: »Von Tag zu Tag«, Radio Ö1, 24.06.2010.
  3. Ulrike Moser, Brigitte Kowanz, in: Parnass, 02/1989, S. 24.
  4. Auskunft von Adrian Kowanz, März 2025; zitiert nach: Nina Schedlmayer, »Künstlerin, Lehrerin, Role Model«, in: Gleis/Stief 2025, S. 180–189.
  5. Gespräch mit Angela Stief im Atelier Kowanz, 27.05.2021; zitiert nach: Schedlmayer 2025, S. 183.
  6. Zitiert nach: Gleis/Stief 2025, S. 114.
  7. Zitiert nach: Gleis/Stief 2025, S. 16.
  8. Zitiert nach: Gleis/Stief 2025, S. 216.
  9. Zitiert nach: Gleis/Stief 2025, S. 34.
  10. Zitiert nach: Brigitte Kowanz, hg. v. Ralph Gleis und Angela Stief (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 18.7.–9.11.2025), München 2025, S. 200.
  11. Matthias Herrmann im Gespräch mit Nina Schedlmayer, 27.03.2025; zitiert nach: Schedlmayer 2025, S. 182.
  12. Peter Kozek im Gespräch mit Nina Schedlmayer, 13.03.2025; zitiert nach: Schedlmayer 2025, S. 184.
  13. Brigitte Kowanz im Gespräch mit Nina Schedlmayer, 18.04.2017; zitiert nach: Schedlmayer 2025, S. 184.