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Caravaggio – Bacon Interessanter Vergleich zum Realismus

Bacon - Caravaggio

Bacon - Caravaggio

Die Galleria Borghese in Rom zeigt „Caravaggio – Bacon“, eine Ausstellung, die einlädt den englischen „Maler der gequälten Körper“ vor historischem Hintergrund zu studieren. Umgeben von Werken der Hochrenaissance (Raffael, Tizian) und jetzt vor allem im Dialog mit den barocken Kompositionen Caravaggios, zeigt sich das dramatische Potenzial von Bacons Auffassung vom Menschsein besonders deutlich. Raffaels Bilder – und mögen sie noch so eindringliche Themen vorstellen wie die berühmte „Baglione Grabtragung“ (1507) – demonstrieren die Überzeugung vom Menschen als Ebenbild Gottes.

Caravaggio wurde hingegen von der Kunstkritik bereits seit dem 19. Jahrhunderts als ein „Moderner“ beschrieben wird, da seine Bilder bereits ob ihres Realismus die Zeitgenossen verstörten und das Publikum in ein Pro- und Contra-Lager teilte. Die eindringliche Schilderung der Enthauptung des Holofernes durch die alttestamentarische Heldin Judith (1597–1600) zeigt deutlich die Grausamkeit der Tat, das Spritzen des Blutes und die emotionale Starre der Rächerin. Caravaggio bediente sich des, in der Folge nach ihm benannten, Hell-Dunkel Effektes, um die Eindringlichkeit seiner Bildfindungen zu steigern. Obwohl die Israelitin Judith in der Bibel als Werkzeug Gottes betrachtet wird, wirkt ihr Handeln gräulich: Der Körper des Opfers windet sich, der Kopf ist nahezu vom Körper getrennt und Augen wie Mund weit aufgerissen. Beinahe kann man das gurgelnde Geräusch des im eigenen Blut erstickten Schreis vernehmen.

 

 

Das Schreien ist auch im Werk des englischen Malers Francis Bacon (1909–1992) ein außerordentlich wichtiges Thema, denn er wurde mit den Bildern von Päpsten (nach der Vorlage des Porträts von Innozenz X. von Diego Velázquez) berühmt, deren Gesichter zu maskenhaften, schreienden Fratzen verzerrt sind. Der Autodidakt setzte sich seit den 1930ern vehement für die figurative Malerei ein, deren Quellen mannigfaltig und oft in fotografischen Abbildungen historischer Gemälde zu finden ist. Einst meinte er sogar „Bilder erzeugen Bilder in mir“! Gleichzeitig wollte er aber auch mit der Technik und der Tradition brechen, „um etwas wirklich Neues zu leisten“. Inspiration durch Rückgriff auf die Tradition, Verarbeitung derselben, sich beim Malen selbst vom Zufall treiben lassen, tiefsten Pessimismus in Bilder fassen, und das Monströse des Material der Malerei, Farbe wie auch Form, gehören zu den wichtigsten Begriffsfeldern der Kunst Bacons. Seine Figuren erscheinen meist einsam, gequält allein durch ihre Existenz, eingesperrt in fast unsichtbare Käfige (→ Francis Bacon – Unsichtbare Räume). Keine Geschichten begründen mehr die Grausamkeiten der Welt und des menschlichen Seins, der Erfahrung von Andersheit, von der Ausgesetztheit in eine unwirtliche Welt. Von den Dämonen in uns allen handeln Bacons Porträts. Obwohl er sich der figurativen Malerei verschrieb, wollte der Maler keine rationalen, empirisch nachvollziehbaren Erzählungen schaffen, sondern unvermutete Schockwirkungen, die das Nervensystem der Betrachter direkt ansprechen sollten. Und das ist ihm gelungen!

 

 

Wie schon bei Caravaggio trägt die menschliche Gestalt den Kosmos des Bildes in sich. So gelten für beide Künstler Räume nicht als dekorative Umgebungen, sondern als physisch und psychisch kaum zu durchdringende Bühnen bzw. Gefängnisse. Das Dunkle bis hin zum Schwarz ist daher auch ihre bevorzugte, Atmosphäre erzeugende Hintergrundfolie. „Triptychon August 1972“ (1972) zählt zu den eindringlichsten Arbeiten Bacons. Nach dem Selbstmord seines besten Freundes George Dyer entstanden, verarbeitete der Künstler in diesem Trippel-Porträt gleichermaßen seine Schuldgefühle wie den Schmerz des Verlustes. Links erscheint der Verstorbene, dessen „Leben“, wie Bacon es selbst formulierte, „aus ihm herausfloss“. Rechts zeigt sich der Maler selbst in ähnlicher Pose, während in der Mitte die fleischliche Vereinigung der beiden thematisiert wird.

 

 

Caravaggio und Bacon – ein Vergleich, der nicht auf klassisch kunsthistorische Bezüge abzielt, der sich bestenfalls auf die außergewöhnliche soziale Stellung der beiden Maler berufen kann. Nichtsdestotrotz haben beide besonders eindringliche Werke geschaffen, in deren Zentrum der Mensch steht. War Caravaggio in der Themenwahl noch von seinen Auftraggebern abhängig und schuf dennoch die radikalsten und dunkelsten Lösungen seiner Zeit, so konnte sich Bacon seiner Fantasie und dem Zufall (besser seinem Unbewussten) unterwerfen. Auch wenn sich Bacons Imagination an den Alten Meistern - wie Velázquez oder Vincent van Gogh - entzündete, so darf man, denke ich, diese Verbindung nicht allzu eng sehen - mehr wie eine Assoziation denn eine Orientierung, mehr wie eine Einfühlung als eine Kopie.

 

 

Caravaggio - Francis Bacon: Bilder

  • Caravaggio, Judith und Holofernes, 1597-1600 (Rom, Palazzo Barberini)
  • Caravaggio, David mit dem Haupt von Goliath, 1605-1606 (Galleria Borghese)
  • Francis Bacon, Head VI, 1949 (London, Arts Council Collection)
  • Francis Bacon, Portrait of Isabel Rawsthorne, 1966 (London, Tate Gallery)
  • Francis Bacon, Study of George Dyer, 1969
  • Francis Bacon, Triptychon August 1972, 1972 (London, Tate Gallery)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.