0

Frida Kahlo: Werke Retrospektive im Bank Austria Kunstforum Wien

Frida Kahlo, Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken, Detail, 1943 (The Jacques and Natasha Gelman Collection) Mexican Art and The Vergel Foundation, Werk: © Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F./VBK, Wien, 2010.

Frida Kahlo, Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken, Detail, 1943 (The Jacques and Natasha Gelman Collection) Mexican Art and The Vergel Foundation, Werk: © Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F./VBK, Wien, 2010.

Die weltberühmte mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (1907–1954) wird mit 50 Gemälden und 90 Arbeiten auf Papier, ergänzt durch eine Auswahl von historischen Fotografien, in einer ersten Retrospektive in Österreich vorgestellt. Kahlos Selbstinszenierung und ihr persönliches Schicksal werden in einer Vielzahl von Selbstporträts, Fotos und „surrealen“ Visionen greifbar, ihre Beschäftigung mit der mexikanisch-aztekischen Tradition in Bildern von den Gestirnen Sonne und Mond als Symbole für Männlich- und Weiblichkeit.

So ist es in ihrem Werk und Nachruhm immer schwierig zwischen Legende, Mythos, Selbstdarstellung und Lebensrealität zu unterscheiden. Denn wie kann eine seit einem Unfall 1925 jahrelang unter chronischen Schmerzen leidende, 46-jährige Frau knapp ein Jahr vor ihrem Tod in ihr Tagebuch schreiben? „Trotz meiner langen Krankheit fühle ich eine riesige LEBENSLUST.“ (30. Januar 1953) Wie kann eine liebende Ehefrau die ständigen Affären ihres Mannes Diego Rivera, den sie sich in einem Selbstbildnis sogar auf die Stirn tätowierte, ertragen? Welches Selbstbild suchte sie in ihren Bildern zu vermitteln?

Kahlo zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus

Das Werk Frida Kahlos entwickelt sich – und darauf zielt die Hängung der Ausstellung ab – zwischen Neue Sachlichkeit und Surrealismus. Einerseits wird ihr Bestreben spürbar, die sichtbare Welt in Porträts und Stillleben gleichsam wie eine Fotografin einzufangen und festzuhalten. In den Zeichnungen wird deutlich, dass klar gezogene Umrisse und das Herausarbeiten der Körperlichkeit mittels Licht und Schatten zu den wichtigsten malerischen Kriterien ihres frühen Werks zählen. Im Laufe der Jahre entwickelte Frida Kahlo auch Interesse an der Wiedergabe von Texturen und Oberflächen. Einige Arbeiten wirken „naiv“ und am Porträttypus der italienischen Frührenaissance orientiert, beispielsweise nimmt das „Selbstbildnis mit Samtkleid“ (1926) durch Haltung und Hintergrundlandschaft auf Botticellis „Geburt der Venus“ Bezug.

Andererseits machen viele ihrer Bilder ab 1931 eine „surreale“ Welt visuell zugänglich, die der Künstlerin zufolge keine Träume sondern ihre Lebenswirklichkeit, vielleicht am besten als ihre Gedankenwelt beschreibbar, wiedergeben. Auch wenn André Breton 1938 anlässlich eines Besuchs in Mexiko fasziniert vom „genuinen Surrealismus ihrer Werke“ war, so bestand die Malerin auf ihre Unabhängigkeit. In diesem Sinne empfand sie sich selbst nicht als Surrealistin, stattdessen schlug sie vor, ihre Gemälde autobiografisch zu interpretieren. Dass sich das Werk der Mexikanerin jedoch nicht nur aus persönlich Erlebt- und vor allem Erleidetem speist, wird schnell klar. Es verrät eine mehrfache kulturelle Prägung: Spuren archaisch-ägyptischer (siehe das Fragment eines Freskos, das stark an Mumienporträts erinnert), christlicher (Ikonenmalerei) aber auch zeitgenössischer Malerei, präkolumbianischer, folkloristisch-mexikanischer, mystischer und zivilisatorischer Diskurse sind nachweisbar. Frida Kahlo gelingt es zudem, diese Themenkomplexe in Bilder voll leuchtender Farben zu fassen.

Seit den 1980ern erlebt das Werk der Antikapitalistin und Kommunistin einen weltweiten, ungebrochenen Boom. Eine internationale „Fridamanie“ war ausgebrochen, die malende Frau von Diego Rivera „bekam“ eine eigene Geschichte. Ihr Vermächtnis wird jedoch bis heute weniger in politischen Dimensionen gelesen als im Persönlichen verortet. Die von ihr verwendeten Symbole für Mutterschaft, Abfolge von Generationen, Werden und Vergehen, für Liebe, Schmerz und Leid aber auch für das Geheimnis des Lebens sind gleichermaßen verständlich wie abgründig. Diese Intimität der Themen, die Direktheit ihrer Vermittlung und ihre geheimnisvoll-bekannte, immer aber individuelle Bildsprache machen die Faszination ihres Werks aus - über die Bewunderung einer offenbar starken und leidenschaftlichen Frau mit schillernder Persönlichkeit und hoher Sensibilität für Selbstdarstellung hinaus.

Frida Kahlo: Bilder

  • Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Samtkleid, 1926 (Privatbesitz, Courtesy Galería Arvil, Mexiko-Stadt)
  • Frida Kahlo, Ein paar kleine Dolchstiche, 1935 (Museo Dolores Olmedo Patiño, Xochimilco, Mexiko-Stadt)
  • Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Dornenhalsband, 1940 (Nickolas Muray Collection, Harry Ransom Humanities Research Center, The University of Texas at Austin)
  • Frida Kahlo, Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken, 1943 (The Jacques and Natasha Gelman Collection)
  • Frida Kahlo, Die Sonne und das Leben, 1947 (Privatbesitz, Courtesy Galería Arvil, Mexiko-Stadt)
  • Frida auf einer weißen Bank, Nickolas Murays Studio, New York 1939, Inkjet (autorisierte Reproduktion) (Collection of Nickolas Muray Photo Archives)

Weitere Beiträge zu Frida Kahlo

15. August 2023
Elizabeth Sparhawk-Jones, The Shoe Shop, Detail, um 1911, Öl auf Leinwand, 99,1 x 79,4 cm (The Art Institute of Chicago)

Madrid | Thyssen-Bornemisza: Künstlerinnen – Elisabetta Sirani bis Frida Kahlo Alte Meisterinnen und rebellische Moderne | 2023/24

Mit fast 100 Werken, darunter Gemälde, Skulpturen, Arbeiten auf Papier und Textilien, bietet die Ausstellung einen Überblick zu Künstlerinnen vom späten 16. Jahrhundert bis zu den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Präsentation konzentriert sich auf Gruppen von Künstlerinnen, Mäzeninnen und Galeristinnen.
21. Februar 2023
Frida Kahlo, Detail, 1932

Oslo | Nasjonalmuseet: Frida Kahlo Kunst und Politik | 2025

Die Ausstellung im Lichtsaal wird die politischen und ideologischen Faktoren von Frida Kahlos künstlerischem Werk hervorheben.
22. Januar 2023
Kahlo - Sher-Gil - Stern

Johannesburg | JCAF: Kahlo, Sher-Gil, Stern Moderne Künstlerinnen des globalen Südens | 2022/23

Drei Malerinnen des globalen Südens, die in den 1930er und 1940er Jahren arbeiteten, werden auf ihre Identitätsakonstruktion hin befragt und in einem spannenden Dialog nebeneinander vorgestellt.
14. Oktober 2022
Borchgrave x Kahlo

Brüssel | Königliche Kunstmuseen: Isabelle de Borchgrave X Frida Kahlo Miradas de Mujeres | 2022/23

Die Casa Azul und Frida Kahlos Liebe zum Textil inspiriereten Isabelle de Borchgrave zu einer begehbaren Installation.
15. September 2022
Toni Frissell, Frida Kahlo, aus Vogue, 1. Oktober 1937, Detail

Paris | Palais Galliera: Frida Kahlo Jenseits der Erscheinungen | 2022/23

Mehr als 200 Objekte aus der Casa Azul erlauben Leben, Werk und Selbstdarstellung der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo nachzuempfinden.
19. September 2021
Berthe Morisot, Junge Frau auf dem Sofa [Jeune Femme au Divan], Detail, 1885, Öl/Lw, 61 x 50.2 cm (Tate, London; Bequeathed by the Hon. Mrs A.E. Pleydell-Bouverie through the Friends of the Tate Gallery 1968, Photo ©Tate)

Riehen b. Basel | Beyeler: Close Up. Berthe Morisot bis Elizabeth Peyton

Die Ausstellung zeigt Werke von Künstlerinnen, deren Schaffen herausragende Positionen innerhalb der Geschichte der Moderne seit 1870 bis heute darstellen. Es ist der Zeitraum, zu dessen Beginn es Künstlerinnen in Europa und Amerika erstmals möglich wurde, auf breiter Basis professionell tätig zu sein.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.