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Heinrich Lefler und Joseph Urban, Dezember, 1898 Entwurf für einen österreichischen Kalender 1899

Heinrich Lefler / Joseph Urban, Entwurf für ein Kalenderblatt Dezember, Detail, 1898, Papier, Tusche, Bleistift, 28 x 28 cm (© MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Bibliothek und Kunstblättersammlung, Inv.-Nr. KI 11322-14)

Heinrich Lefler / Joseph Urban, Entwurf für ein Kalenderblatt Dezember, Detail, 1898, Papier, Tusche, Bleistift, 28 x 28 cm (© MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Bibliothek und Kunstblättersammlung, Inv.-Nr. KI 11322-14)

Heinrich Lefler (1863–1919) und Joseph Urban (1872–1933) gehören zu den wenig bekannten Jugendstilkünstlern Wiens. Lefler studierte an den Akademien in Wien und München. Hier kam er auch in Kontakt mit ersten Tendenzen des Jugendstils, den er ab Mitte der 1890er Jahre aufnahm. Der Architekt, Bühnenbildner und Illustrator Joseph Urban heiratete 1897 die Schwester von Heinrich Lefler und bildete mit diesem ein kongeniales Künstlerpaar. 1896 erhielten sie den begehrten Kaiserpreis und 1899/1900 gehörten sie zu den treibenden Gründungsmitgliedern des Hagenbundes.

Bedeutungsvolle Rahmenleiste

Der Entwurf für ein Kalenderblatt „Dezember“ aus der Kunstblättersammlung des MAK führt in den flankierenden Rahmenleisten eine Reihe von Bildern und Bauernweisheiten zusammen. Oben flankieren die Symbole des Tierkreiszeichens Steinbock den Monatsnamen.

Links schließt ein Emblem, eine intellektuelle Kombination von Wort und Bild, an: Ein blühender und gleichzeitig Früchte tragender Orangenbaum wird mit dem Text „Florem non adimit fructus [Die Frucht raubt nicht die Blüte]“ kombiniert. Das Sinnbild steht für die Unbefleckte Empfängnis Mariae, die am 8. Dezember gefeiert wird. Der im 12. Jahrhundert aufgekommene, katholische Festtag ist in Österreich seit dem Jahr 1647 ein Feiertag. Da Wien während des Dreißigjährigen Kriegs verschont blieb, weihte Kaiser Ferdinand das Land der Muttergottes und führte den Feiertag ein.

Darunter wird an den heiligen Nikolaus erinnert. Noch bevor er Bischof von Myra wurde, bewahrte er  drei Jungfrauen davor aus Armut in die Prostitution verkauft zu werden. In drei aufeinanderfolgenden Nächten warf er der Legende nach Goldklumpen durch die Fenster in deren Zimmer. Der heilige Bischof wird daher mit Goldkugeln oder goldenen Äpfeln dargestellt. So auch in der Interpretation durch Lefler und Urban, zeigen sie ihn doch als gütigen, weißbärtigen Mann mit einer Schüssel von leuchtenden Früchten. Die weißgekleideten Mädchen wirken engelsgleich, der Junge trägt ein mittelalterliches Fantasiekostüm. Die Goldäpfel finden sich im Rahmenwerk, das entfernt an ein spätgotisches Gesprenge eines Altares erinnert, jedoch mit Fruchtgirlanden und Ketten gefüllt sind.

Auch rechts verbinden Lefler und Urban Bild mit Text. Stark stilisierte Tannenzeige tragen Kerzen, die sich zu einer Zweier-, einer Dreier- und einer Vierergruppe verbinden. Damit spielen die beiden Entwerfer auf die drei Adventssonntage im Dezember an. Dazwischen setzen sie überdachte Schrifttafeln ein, in denen sie Bauernweisheiten kundtun: „Grüne Weihnachten weisse Ostern“ und „Dezember kalt mit Schnee gibt's Korn auf jeder Höh'“ verbinden das Wetter mit landwirtschaftlichen Vorhersagen.

 

Flächenkunst

Lefler und Urbans Kalenderblatt „Dezember“ ist beredtes Beispiel für den gekonnten Umgang mit Flächengliederung und Linienführung. Text und Bild gehen eine ästhetische Einheit ein, denn beide werden flächig und ornamental gestaltet. Die Verbindung dieser beiden Elemente geht so weit, dass Lefler und Urban das Tierkreiszeichen der Form des „Z“ aus „Dezember“ angleichen und es durch eine doppelte Spiegelung zum Muster hinter dem fischschwänzigen Capricornus umwandeln. Hier zeigt sich die Auseinandersetzung mit der Flächenkunst, der Einfluss japanischer Kunst und der kreative Umgang mit Schriftzeichen wie er von Rudolf von Larisch propagiert wurde (→ Malerei und Kalligraphie in Japan).

Als sich der Hagenbund innerhalb des Künstlerhauses konstituierte und schlussendlich 1900 aus ihm austrat, waren durch die Ausstellungsaktivitäten der Wiener Secession bereits wichtige Maßstäbe gesetzt worden, mit denen sich Lefler und Urban besonders erfolgreich auseinandersetzten. Die Gestaltung von Druckwerken und Alltagsgegenständen entsprach einem Hauptanliegen der Jugendstil-Künstler, denn sie wollten ihre ästhetischen Vorstellungen einer breiten Öffentlichkeit vorstellen (→ Koloman "Kolo" Moser). Bereits während Urbans Mitgliedschaft im Aquarellisten-Club im Künstlerhaus konnte er gemeinsam mit Heinrich Lefler erste Erfahrungen in der Katalog- und Ausstellungsgestaltung erwerben. Die zeitgenössische Kritik unterstellte beiden, aus Angst vor der Konkurrenz der 1897 gegründeten Wiener Secession, „in dem von der Secession angestrebten moderneren Ausstellungs-Genre das Möglichste zu leisten“1. Wenn auch von der Kritik nicht restlos beklatscht, so verkörperten Joseph Urban und Heinrich Lefler innerhalb des Hagenbundes jene führenden Kräfte, die – wie dieser Entwurf für ein Kalenderblatt belegt – einen gemäßigten, dekorativen Jugendstil propagierten.

Der Maler, Grafiker, Kunstgewerbler Lefler stattete von 1900 bis 1903 Opern unter Gustav Mahler aus. Ab 1903 arbeitete er am Burgtheater und lehrte bis 1910 an der Akademie der bildenden Künstler in Wien, wo er als besonders fortschrittlich im damaligen Lehrkörper galt. Zu seinen wichtigsten Schülern zählten Richard Gerstl (→ Richard Gerstl) und Anton Kolig (→ Anton Kolig: Werk und Leben).

 

Biografie von Joseph Urban (Wien 1872–1933 New York)

  • 1872

    Am 26. Mai 1872 wurde Joseph Urban in Wien geboren.
  • 1890

    Abschluss der Staatsgewerbeschule in Wien
  • 1890–1894

    Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Karl von Hasenauer; Architekt, Bühnenbildner und Illustrator.
  • 1892

    Mit Hilfe Hasenauers, der seinen Schüler stets förderte, erhielt der in eine finanzielle Notlage geratene Urban ein Stipendium und den ehrenvollen Auftrag, den Khedivenpalast in Kairo auszubauen.
  • 1894/95

    Mitarbeiter im Büro von Ludwig Baumann; zur selben Zeit wurde Joseph Urban auch Mitglied des Siebener-Clubs innerhalb des Künstlerhauses.
  • 1896

    Urban und Lefler wurde der begehrte Kaiserpreis zuerkannt. Urban wurde Mitglied im Künstlerhaus
  • 1897

    Joseph Urban heiratete Mizzi (geb. Lefler) und bildete mit seinem Schwager Heinrich Lefler in den folgenden 14 Jahren ein kongeniales Duo für Illustrationen, Inneneinrichtung und Bühnengestaltung.
  • 1898

    Urban baute den Rathauskeller. Der vielbeschäftigte Architekt und Ausstellungsgestalter Urban hatte viele Protegés in der Politik, wodurch er zu prestigeträchtigen Aufträgen kam.
  • 1900–1908

    Gründungsmitglied des Hagenbund; von 1906 bis 1908 auch dessen Präsident.
  • 1904

    Österreichischer Pavillon für die Louisiana Purchase Exposition
  • 1908

    Kaisertribüne für den Huldigungsfestzug: Gerichtliche Probleme rund um seine Beteiligung am Kaiser-Huldigungs-Festzug 1908 sollten dem Erfolgsverwöhnten zum Verhängnis werden. Er verlor den Prozess wegen unlauterer Geschenkannahme und trat im November 1908 aus dem Hagenbund aus.
  • 1911

    Urban emigrierte in die USA, wo er zu einem Mitbegründer des American Art Deco wurde.
  • 1911–1918

    Chefbühnenbildner des Boston Opera House.
  • 1914

    Umzug nach New York City, wo er für die Kostüme, das Bühnenbild und die Plakatwerbung der Ziegfeld Follies und später der Metropolitan Opera verantwortlich wurde.
  • 1917

    Joseph Urban erhielt die US Staatsbürgerschaft.
  • 1918

    Scheidung von Mizzi Lefler
  • 1918–1933

    Ausstattungschef der Metropolitan Opera und freier Architekt in New York, USA
  • 1919

    Hochzeit mit der amerikanischen Tänzerin Mary Beegle.
  • 1922–1924

    Leitung des Verkaufsbüros der „Wiener Werkstaette America Inc.“ in der Fifth Avenue 581 / 2. Stock, New York. Aufgrund fehlendem Erfolgs wurde das Büro 1924 wieder geschlossen.
  • 1924–1927

    Villa Mar-a-Lago in Palm Beach
  • 1928/29

    Hearst Internationa Magazine Building (auch Hearst Tower genannt) in der 57th Street, Ecke 8th Avenue, New York, das zwischen 2003 und 2006 von Norman Foster zu einem 46-stöckige Hochhaus erweitert wurde.
  • 1933

    Am 10. Juli 1933 verstarb Joseph Urban als angesehener Bühnenbildner und Architekt in New York.

Biografie von Henrich Lefler (1863–1919)

  • 1863

    Am 7. November 1863 wurde Heinrich Lefler als Sohn des Malers und Dekorationskünstlers Franz Lefler (1831–1898) in Wien geboren.
  • Studium an der Wiener Akademie bei Christian Griepenkerl (1839–1916), der von 1870 bis 1910 eine Klasse für Malerei leitete, sowie an der Münchner Akademie.
  • 1896

    Lefler und seinem Schwager Joseph Urban, mit dem er ein kongeniales Duo bildete, wurde der begehrte Kaiserpreis zuerkannt.
  • 1900

    Gründungsmitglied des Hagenbunds (gemeinsam mit seinem Schwager Joseph Urban).
  • 1900–1903

    Vorstand des Ausstattungswesens an der Hofoper unter Gustav Mahler. Hier trachtete Lefler danach, die absolute Illusionsbühne durch Abschaffung der Kulissen zu verwirklichen. Bis heute wird sein Hauptverdienst in der Überwindung der Typendekoration und der Einführung eines individuellen, konsequent naturalistischen Bühnenbilds gesehen.
  • 1903

    Gustav Mahler holte anstelle von Heinrich Lefler Alfred Roller an die Hofoper. Lefler wechselte als Ausstattungsleiter ans Burgtheater.
  • 1903–1910

    Lefler war ordentlicher Professor und Leiter einer systemisierten Spezialschule für Malerei an der Akademie der bildenden Künste. Der Mitbegründer des Hagenbundes (1900) galt als besonders fortschrittlich im damaligen Lehrkörper der Akademie.
  • 1906

    Heinrich Lefler lud den jungen Maler Richard Gerstl im März in seine Klasse ein, nachdem er dessen Gemälde „Die Schwestern Karoline und Pauline Fey“ (1905, Belvedere) gesehen hatte. Gerstl stimmte zu, unter der Bedingung, ein eigenes Atelier in der Akademie zu bekommen. Unter den Mitschülern befanden sich Franz Wacik, Ignaz Schönfeld, Victor Hammer und Anton Kolig (1886–1950)
  • 1919

    Am 14. März 1919 verstarb Heinrich Lefler in Wien 1, Operngasse 16. Er liegt am Zentralfriedhof, Ehrengrab, Gruppe 0, Nummer 86 begraben.

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  1. Adalbert Seligmann, Aus dem Künstlerhause. Die Aquarell-Ausstellung, in: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, Wien, 17. Jänner 1989, S. 1. Siehe auch: Sabine Forsthuber, Moderne Raumkunst. Wiener Ausstellungsbauten von 1898 bis 1914, Wien 1991.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.