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Klimt und Schiele: Zeichnungen aus der Albertina in Boston Methodisch wie emotional eine „gezeichnete Nähe“

Egon Schiele, Aktselbstbildnis, Detail, 1910, Schwarze Kreide, Pinsel, Aquarell, Deckfarben, Deckweiß auf braunem Packpapier (Albertina, Wien)

Egon Schiele, Aktselbstbildnis, Detail, 1910, Schwarze Kreide, Pinsel, Aquarell, Deckfarben, Deckweiß auf braunem Packpapier (Albertina, Wien)

Zeichnungen von Gustav Klimt (1862–1918) und Egon Schiele (1890–1918) aus dem Bestand der Albertina stehen einander als höchst direkte Schöpfungen zweier bedeutender Künstler der Moderne gegenüber. Die Ausstellung beleuchtet deren zeichnerisches Werk in 60 Blättern aus der Sammlung der Albertina, Wien. In einer – mit Ausnahme der etwas opulenten Titelgrafik – reduziert gehaltenen Ausstellungsgestaltung wird die zeichnerische Entwicklung beider Künstler im gegenübergestellt. Die Konzentration auf Arbeiten auf Papier begründet Kuratorin Katie Hanson vom Museum of Fine Arts, Boston (MFA), unter anderem damit, dass sich anhand derer die Entwicklungen der beiden Künstler in Arbeitsweise und Technik besonders gut ablesen ließen. Die wiederholte Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper – auch in Form des Aktes – steht dafür prototypisch. Dessen nicht idealisierte Darstellung wirkte sowohl in den Arbeiten Klimts als auch Schieles auf die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen vielfach provokant, pornografisch und abstoßend.

Gezeichnete Nähe bei Klimt und Schiele

Der Titel „Drawn“ – Englisch für gezeichnet wie hingezogen – bezieht sich dabei nicht lediglich auf die Technik, sondern, wie Kuratorin Katie Hanson betont, auch auf die darin liegende Bedeutung, sich zu etwas oder zu jemandem hingezogen zu fühlen. Diese emotionale Ebene und Qualität ist in den ausgestellten Werken, auch durchaus zu spüren. So etwa in Schieles „Die Mutter des Künstlers, schlafend“ (1911), in der das fein gezeichnete, in sich ruhende Portrait seiner schlafenden Mutter in geometrische, farbige Flächen eingebettet ist. Die ausgestellten Zeichnungen gingen laut Hanson „unter die Haut.“ Man spüre „die Gegenwart dieser Künstler in der Frische und Unmittelbarkeit ihrer zeichnerischen Fähigkeiten, deren Energie auch nach einhundert Jahren noch greifbar ist.“, so die Kuratorin.

 

 

Tatsächlich laden die teils kolorierten Zeichnungen in ihrer Feinheit dazu ein, sich ihnen zu nähern, und für einige Zeit zu verweilen, um sie bis ins kleinste Detail zu studieren. Viele der Blätter geben erst aus nächster Nähe ihr Motiv Preis. Vor allem Klimts Studien scheinen häufig flüchtig, sind in ihrer Ausführung unter Anwendung weniger Linien aber umso präziser, und zwar besonders in den Skizzen zu Auftragsarbeiten für Damen der Wiener Gesellschaft wie etwa „Stehende Frau (Studie für das Portrait von Eugenia Primavesi)“ (1912/13).

 

 

Klimt versus Schiele

In der direkten Gegenüberstellung werden neben thematischen Parallelen zugleich Unterschiede in der Herangehensweise und Gestaltung deutlich:

Während Klimt seine Skizzenblätter vorwiegend als Studien zu Gemälden anfertigte, sah Schiele diese als eigenständige Kunstwerke, die er auch verkaufte. Es ist durchaus spannend, im Rahmen der Ausstellung zu beobachten, wie die beiden das Medium der Zeichnung handhabten und wie sie sich vom anfänglich akademischen Zeichnen entfernten, um die jeweils eigene Bildsprache zu entwickeln. Egon Schiele nahm sich dabei für eine gewisse Zeit Klimts fließende Konturen zum Vorbild, bevor er seine Zeichnungen und Aquarelle schroffer und damit expressiver gestaltete.

Auf der einen Seite des Ausstellungsraumes verfolgt man Klimts graphisches Schaffen von frühen, sehr detaillierten und beinah flächig gestalteten Zeichnungen aus den 1890ern (u.a. Skizzen zum Gemälde „Liebe“ von 1895), über Studien zum Fakultätsbild der Medizin, sowie zum Beethovenfries (→ Gustav Klimts Gold für das Paradies), bis hin zu den sehr zarten, flüchtig anmutenden, und vor allem auf Haltung, Gesamtkomposition und Kleidung fokussierten Skizzen zu großformatigen Portraits.

 

 

Auf der gegenüberliegenden Seite machen frühe Zeichnungen Schieles deutlich, dass dieser in seinen Jahren an der Akademie der Bildenden Künste, wo er sein Studium bereits im Alter von 16 Jahren begann, auch im Jahre 1907 in Modellierung und Schattierung noch sehr der akademischen Ausbildung verhaftet war (→ Egon Schiele. Gezeichnete Bilder). Schon als Student der Wiener Akademie ließ sich Schiele von Klimt beeinflussen und löste sich, wie sein Vorbild, schrittweise vom akademischen Kunstverständnis. Während Klimt aber keinen großen Wert auf Selbstportraits legte, studierte Schiele auch den eigenen Körper akribisch und bisweilen schonungslos. Das „Selbstporträt“ von 1910 zeigt einen ausgemergelten, mit sich selbst ringenden Mann, ein Fragment, umgeben von einer Aura, die ein inneres Leuchten evoziert.

Im Gegensatz zu Klimt, der in der Zeichnung vor allem Modellstudien betrieb, widmete Schiele auch Orten und Objekten, wie den Häusern in Český Krumlov (1914), dem Geburtsort seiner Mutter, in dem der 1911 auch selbst kurz lebte.

 

 

Skandale und Schieles Gefängnishaft

Die Aufregung um Klimts Fakultätsbilder und Beethovenfries scheint harmlos im Vergleich zu Schieles Verhaftung unter Verdacht der Kindesentführung und Vergewaltigung eines Mädchens, das von zuhause weggelaufen war und bei Schiele und Wally Neuzil, seiner damaligen Partnerin, Unterschlupf gesucht hatte (→ Wally Neuzil - Ihr Leben mit Egon Schiele). Zwar wurden die ersten beiden Vorwürfe fallen gelassen, dennoch wurde er 1912 wegen Unsittlichkeit aufgrund von Zeichnungen in seinem Atelier verhaftet. Drei Zeichnungen, die während seiner Haft entstanden, sind in der Ausstellung zu sehen. Nicht allein im Rahmen dieser Vorwürfe muten die Zeichnungen blasser, teils zusammengepferchter, teils gänzlich isolierter Kinder, welche gleich neben den Gefängniszeichnungen hängen, verstörend, ja unheimlich an.

 

 

Klimt kam dem jüngeren Schiele nach dessen Freilassung zu Hilfe. Das Ausführen von Portraits für das Wiener Großbürgertum war bereits für Klimt eine gute Einnahmequelle und sollte dies auch für seinen Schützling werden. Um diesen finanziell zu unterstützen, machte er ihn mit dem Ehepaar Lederer bekannt, woraufhin deren Sohn Erich ein enger Freund Schieles und einer seiner bedeutendsten Sammler wurde. Das Ehepaar Lederer erwarb übrigens auch Klimts Beethovenfries, den dieser auf Grundlage der im MFA ausgestellten Skizzen 1902 im Rahmen der XIV. Ausstellung der Wiener Secession an die Ausstellungswand gemalt hatte. Die Sammlerfamilie musste das Kunstwerk im Zuge ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten in Österreich zurücklassen. Erst in den 1970er Jahren restituierte und kaufte die Republik Österreich das Werk von eben jenem Erich Lederer, den Schiele in jungen Jahren portraitiert hatte.

 

Klimt und Schiele: Zeichnungen der Albertina in Boston

Die Ausstellung im MFA ist in ihrer Konzentriertheit auf das graphische Œuvre abseits von Seidenschalmotiven und Massenanstürmen auf Gemälde für eine intimere Auseinandersetzung mit Klimt und Schiele durchaus zu empfehlen und verdeutlicht neben künstlerischen Parallelen und Schnittstellen im Schaffen Klimts und Schieles auch jene Berührungspunkte im Leben der Künstler - bis hin zu beider frühzeitigem Tod im Jahre 1918. Klimt starb am 6. Februar 1918 an den Folgen eines Schlaganfalls nur Monate vor Schiele, der am 31. Oktober 1918 der Spanischen Grippe erlag.

Das MFA bietet ein spannendes, thematisch an die Ausstellung angelehntes Rahmenprogramm, das aus Vorträgen und Diskussionen, sowie sogenannten Kursen zu „In The Age of Klimt and Schiele“ besteht.

Rahmenprogramm: http://www.mfa.org/programs/related/679136/all

Kuratiert von Katie Hanson

 

Klimt und Schiele. Zeichnungen aus der Albertina in Boston: Bilder

  • Gustav Klimt, Kinderkopf, Studie für Liebe, 1895 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Porträt eines alten, kahlköpfigen Mannes, 1895 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Zwei Studien eines Skeletts, um 1900 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Porträt einer Frau im Dreiviertelprofil, Studie für die Wollust im Beethovenfries, 1901 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Stehender Frauenakt, Studie für den Beethovenfries, 1901 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Sitzende Frau in plissiertem Kleid, um 1903 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Dame mit Federhut, um 1908 (© Albertina, Wien)
  • Gustav Klimt, Stehende Frau, Studie für das Porträt von Eugenia Primavesi, 1912/13 (© Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Porträt eines Mädchens, um 1907 (© Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Aktselbstbildnis, 1910, Schwarze Kreide, Pinsel, Aquarell, Deckfarben, Deckweiß auf braunem Packpapier (Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Zwei kauernde Mädchen, 1911, Bleistift, Aquarell und Deckweiß auf Japanpapier (© Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Die Mutter des Künstlers schlafend, 1911 (© Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Die Schreitende, 1914 (© Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Alte Häuser in Krumau, 1914, Bleistift und Deckfarben auf Japanpapier (Albertina, Wien)
  • Egon Schiele, Adele Harms, die Schwägerin des Künstlers, 1917, Schwarze Kreide und Deckfarbe auf Japanpapier (© Albertina, Wien)

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