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Paris | Centre Pompidou: Wols Naturgeschichten im Werk des deutsch-französischen Künstlers

Wols, Ohne Titel, 1939, Tusche und Aquarell auf Papier, 23,5 x 31 cm (Centre Pompidou, Paris)

Wols, Ohne Titel, 1939, Tusche und Aquarell auf Papier, 23,5 x 31 cm (Centre Pompidou, Paris)

Angesichts des 1951 verstorbenen Wols erinnern wir uns oft nur an das tragische Schicksal des Künstlers, das so eng mit der Geschichte verbunden ist: die Wahl des Exils, während in Deutschland der Nationalsozialismus wütete; die prekäre Lebenssituation des Migranten ohne Papiere; Internierung in Lagern im Süden Frankreichs nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs; die Nachkriegswanderungen in Saint-Germain-des-Prés, wo er seinen langsamen Selbstmord mit Alkohol vollendete.

In diesem Narrativ spielt Wols sowohl eine Figur, die für die Verbrechen seiner Zeit sühnt, als auch den zum Scheitern verurteilten Maler, der sein Genie mit dem Preis der Ausgrenzung bezahlte. Einige, auch Künstlerkollegen interpretierten die Ende der 1940er Jahre entstandenen Gemälde außerdem schnell als eine Art Nullpunkt für eine neue Kunst: „Die bedeutendste Einschätzung einer sterbenden Zivilisation und die prophetische Forderung nach neuen Sprachen“, meinte Georges Mathieu im Jahr 1956. Obwohl Wols mit den Besonderheiten jeder Technik spielt, sind die Gemälde eine Erweiterung seiner Zeichnungen und umgekehrt. In beiden Fällen ist das Bild (de)komponiert, der Fleck beabsichtigt.

Wols, mit bürgerlichem Namen Otto Wolfgang Schulze, wurde 1913 in eine wohlhabende deutsche Familie geboren. Während seiner Kindheit in Dresden spielten die Künste Musik und Malerei eine große Rolle. 1929 veränderte der Tod seines Vaters alles: Wols verließ die Schule und wandte sich der freischaffenden Kunst, allen voran der Fotografie zu. Die lange Lehrzeit endete erst Ende der 1930er Jahre. Der Alleskönner Wols arbeitet in einer Autogarage, lernte bei dem Volkskundler Leo Frobenius Ethnologie, um schließlich bei der Fotografin Genja Jonas in Dresden Porträtfotografie zu erlernen. In Berlin, dann in Paris, lernte er die Protagonisten der Avantgarde kennen und bewegte sich dank seiner Partnerin Gréty Dabija bald in den Kreisen des Surrealismus. Ohne jemals von einer Art Dilettantismus abzuweichen, lieh er sich verschiedene Trends, Themen, eine Rahmung oder sogar eine Technik. Es sind nur noch wenige historische Fotografien erhalten, da der Künstler die Fotografie 1941 endgültig aufgegab. Aber dank der modernen Drucke, die unter der Aufsicht seiner Schwester Elfriede Schulze-Battmann angefertigt wurden, ist es möglich, ihre Originalität zu erkennen: die Distanzierung seiner Motive, die wie durch die Linse eines Mikroskops geprüft wirken.

Weder figurativ noch abstrakt veranschaulichen seine Zeichnungen - wie seine Fotografien oder seine Texte - eine Denkweise über die Welt jenseits der Erscheinungen. Wols‘ Synkretismus vereint fernöstliche Philosophien mit dem Spiegelbild Nietzsches. Wols' Werk erscheint nur ungern als Monade, die jede seiner Kreationen komponiert und reflektiert. Der Künstler wurde berühmt als Pionier des Informel (→ Abstrakter Expressionismus | Informel).

Wols im Centre Pompidou

Die Ausstellung im Centre Pompidou zielt darauf ab, Wols‘ Zeichnung im Lichte seiner anderen Praktiken – dem Schreiben, Fotografieren und Malen – erneut zu lesen. Als Initiationsreise konzipiert, besteht die Schau aus fünf Kapiteln - Einfangen, Umwandeln, Konzentrieren, Zerlegen, Spritzen - und beschreibt die Art und Weise, wie Wols die Welt, die er in seinen Bildern wahrnahm, transponierte.

Wols im Centre Pompidou: Bilder

  • Wols, Ohne Titel, 1939, Tusche und Aquarell auf Papier, 23,5 x 31 cm (Centre Pompidou, Paris)
  • Wols, Ohne Titel, 1939–1940, Tusche und Aquarell auf Papier, 20,5 x 14 cm (Centre Pompidou, Paris)
  • Wols, Ohne Titel, 1943, Tusche und Aquarell auf Papier, 22,2 x 14,3 cm (Centre Pompidou, Paris)
  • Wols, Grenade bleue, 1946, Öl/Lw, 46 x 33 cm (Centre Pompidou, Paris)

Beiträge zum Abstrakten Expressionismus & Informel

9. November 2021
Brice Marden, 15 x 15 10, 2015–2017, Tusche, Farbtusche auf Papier, 50.8 x 38.1 cm (Collection of the artist. © Brice Marden / Artists Rights Society (ARS), New York. Foto: Bill Jacobson)

Basel | Kunstmuseum Basel: Brice Marden. Inner Space Zeichnungen als Räume & Entwürfe für das Basler Münster

Ausstellung mit rund 90 Werken aus den Jahren 1972 bis 2019, darunter wichtige Zeichnungsserien und Gemälde aus der Sammlung des Künstlers, von denen einige zum ersten Mal überhaupt zu sehen sind.
7. November 2021
Helen Frankenthaler, Grotto Azura, 1963 (© 2021 Helen Frankenthaler Foundation, Inc. / VG Bild-Kunst, Bonn)

Essen | Folkwang Museum: Helen Frankenthaler Malerische Konstellationen der Pionierin des Abstraken Expressionismus

Das Museum Folkwang präsentiert erstmals seit mehr als zwanzig Jahren wieder das farbgewaltige Werk Helen Frankenthalers (1928–2011) in Deutschland, der Vorreiterin am Übergang vom Abstrakten Expressionismus zum Colour Field Painting (Farbfeldmalerei).
29. September 2021
Mark Rothko, Untitled (Blue, Yellow, Green on Red), 1954 (Museum Barberini, Potsdam)

Wien | Albertina modern: Die Form der Freiheit. Internationale Abstraktion nach 1945 Abstrakter Expressionismus vs. Informel

Die Ausstellung untersucht das kreative Wechselspiel zwischen Abstraktem Expressionismus und informeller Malerei im transatlantischen Austausch und Dialog von Mitte der 1940er Jahre bis zum Ende des Kalten Kriegs.

Aktuelle Ausstellungen

8. November 2021
Pieter Bruegel d. Ä., Die Versuchung des hl. Antonius, Detail, Verleger Hieronymus Cock, zg. Pieter van der Heyden, 1556, Kupferstich, 26.6 x 35.4 cm (Blatt), 24.8 x 32.5 cm (Platte) (Inv. X.2327, Photo Credit: Kunstmuseum Basel Martin P. Bühler)

Basel | Kunstmuseum: Pieter Bruegel d. Ä. Kupferstiche und Radierungen

Kupferstiche und Radierungen von Pieter Bruegel d. Ä., geschaffen vom Verleger Hieronymus Cock nach den Zeichnungen des niederländischen Renaissancekünstlers: Landschaften und humorvolle Gesellschaftsanalyse machten den Maler international berühmt.
3. November 2021
Plakat für die Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen, 1892; Entwurf Ernst und Gustav Klimt (© MAK, Tibor Rauch)

Wien | MAK: Klimts Lehrer an der Kunstgewerbeschule

Ausstellung über den prägende Einfluss von Gustav Klimts Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule: Ferdinand Laufberger, Ludwig Minnigerode, Friedrich Sturm und Michael Rieser bis zu Anselm Feuerbach.
2. November 2021
William Hogarth, A Scene from ‘The Beggar’s Opera’ VI, 1731 (Tate, London)

London | Tate Britain: Hogarth und Europa

Zum ersten Mal wird diese Ausstellung Hogarths wichtigste Werke mit denen seiner Kollegen auf dem gesamten Kontinent zusammenbringen – darunter Francesco Guardi in Venedig, Chardin in Paris und Cornelis Troost in Amsterdam –, um die grenzüberschreitenden Strömungen, Parallelen und Sympathien aufzuzeigen.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.