Potsdam | Museum Barberini: Jasper Johns „The 100 Monotypes” | AiW
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Potsdam | Museum Barberini: Jasper Johns „The 100 Monotypes”

Jasper Johns

Jasper Johns

Jasper Johns (*1930) gehört zu den wichtigsten Vertretern der amerikanischen Pop Art und bereitete mit seinem Werk Minimal Art und Konzeptkunst vor. Neben farbstarken, großformatigen Gemälden und Skulpturen entstand im Lauf seines Lebens ein druckgrafisches Werk, das den Künstler als Peintre-Graveur in eine Reihe mit Francisco de Goya und Pablo Picasso (→ Städel: Picasso. Druckgrafik als Experiment) stellt. Anlässlich seines 90. Geburtstags am 15. Mai 2020 würdigt ihn das Museum Barberini mit der Präsentation seiner jüngsten Serie „The 100 Monotypes“.

„The 100 Monotypes” (September 2015)

Im Laufe von nur zehn Tagen im September 2015 schuf Jasper Johns eine Serie von einhundert Monotypien, die ursprünglich Exemplaren einer limitierten Sonderausgabe von Johns‘ Werkverzeichnis beigelegt werden hätten sollen. Der Catalogue raisonné1 mit 355 Gemälden und 86 Skulpturen aus den Jahren 1954 bis 2014 erschien 2017, die Sonderausgabe wurde allerdings nicht realisiert. Und dennoch sind die 100 unikalen Druckgrafiken nun in der Welt – und sie beweisen, wie der nunmehr 90-jährige Künstler noch immer spontan und mit traumwandlerischer Sicherheit poetische Kompositionen entstehen lassen kann. Ja mehr noch, dass Jasper Johns seit etwa 2000 in seinem Arbeitsprozess immer experimenteller wurde.

Ausgangspunkt für „The 100 Monotypes“ ist eine Radierplatte, mit der Jasper Johns im Zusammenhang mit der Radierung „Within“ von 2007 experimentiert hatte. In den 29,2 x 23,5 cm großen, farbig subtil gehaltenen Drucken auf hauchdünnem japanischem Kozopapier ergänzte der Künstler die Radierung seiner Hand mit Naturdrucken. Weiters ergänzte er die Zeichen der amerikanischen Gebärdensprache, welche die Buchstaben des Wortes raisonne und zwei Mal catalogue buchstabieren, sodass die Monotypien 86 und 87 zusammen als catalogue raisonné zu lesen sind. Johns bearbeitete die Radierplatte, bis er – immerhin erst der elfte Zustand – damit zufrieden war.

„The 100 Monotypes“ basieren alle auf dieser Radierplatte, ergänzt durch Abdrucke einer Schnur (vergleiche die Serie „Catenaries“), Schablonen, seinem Handabdruck und Blättern. In 100 Abzügen variierte Jasper Johns innerhalb des kurzen Entstehungszeitraums wenige Elemente. Beim Schnellen Durchblättern des Katalogs scheinen sie auf den Bilderflächen zu tanzen. Sie erinnern mitunter an grafische Arbeiten von Max Ernst aus den 1920er Jahren, mit denen dieser die verträumten, geheimnisvollen Welten des Surrealismus befeuerte. Die Assoziation eines Films ruft der Künstler durch seinen Werkprozess hervor, hatte er doch die einzelnen Kompositionen in ihrer Abfolge konzipiert. Der Arbeitsprozess ist spielerisch-spontan. Hand- und Fingerabdrücke individualisieren die Werke, sollten sie doch als auratische Originale der Sonderausgabe seines Werkverzeichnisses beigelegt werden. Die intellektuelle Rückschau auf den gewachsenen Werkkorpus wollte Jasper Johns mit einzigartigen Direktdrucken aus seinem Atelier, seinem Garten, seiner tief gefurchten Handfläche begleitet sehen.

Die über die Monografien tanzenden Blätter stammen aus Jasper Johns Garten. Wer hätte gedacht, dass der berühmte Künstler zum lebhaften Erzähler mutiert, wenn er mit ausgewählten Gästen seinen Garten besichtigt, erzählt Judith Goldman in ihrem Essay zu „The 100 Monotypes“. Dennoch, und darauf legt die Autorin viel Gewicht, geht es Jasper Johns nicht um botanisches Wissen, sondern um die Form. Davon ausgehend, so darf man dem seit Mitte der 1950er Jahre erfolgreichen Künstler mit Blick auf dessen Werk unterstellen, reflektiert er auch um das Verhältnis von Abbild (imago) und Abdruck (icon). Über diese Wechselbeziehungen äußerte sich der Künstler 1978 in einem Interview:

„Ich wiederhole gerne ein Bild in einem anderen Medium, um das Spiel zwischen den beiden zu beobachten: das Bild und das Medium. In gewisser Weise macht man dasselbe auf zwei Arten und beobachtet Unterschiede und Gleichheit – die Belastungsprobe, die das Bild in verschiedenen Medien auf sich nimmt.“2

Damit fügen sich „The 100 Monotypes“ in das Werk des Künstlers wie eine Summe des Angedachten und Erreichten. In Auseinandersetzung mit Johns‘ Schaffen, das kurze Zeit später im Werkkatalog zusammengefasst und zugänglich gemacht wurde, sollte aber nicht auf die haptischen Qualitäten der Spuren auf dem und im Papier, die präzise Materialwahl, die Subtilität des Naturdrucks vergessen werden. Detailaufnahmen der Monotypien lassen erahnen, welch gemmenhafte Wirkung die Originaldrucke entfalten.

Jasper Johns im Museum Barberini

Am 3. Mai 2020 sollte im Rahmen des Berlin Gallery Weekends Roberta Bernstein, Bearbeiterin des Werkverzeichnisses, über Jasper Johns Zyklus „The 100 Monotypes“ sprechen. Am 15. Mai das Museum Barberini in Kooperation mit der American Academy den 90. Geburtstag von Jasper Johns‘ mit einem Vortrag von Adam Weinberg, dem Direktor des Whitney Museums of American Art in New York feiern. Unter dem Titel „Jasper Johns and Beyond: Re-Viewing American Art in the 21st Century“ sollte Weinberg einen aktuellen Blick auf die amerikanische Kunstgeschichte werfen. Beide Termine müssen aufgrund der aktuellen Corona-Krise abgesagt werden.

Jasper Johns „The 100 Monotypes” im Museum Barberini: Bilder

  • John Lund, Jasper Johns im Atelier, September 2015
  • Jasper Johns, The 100 Monotypes Nr. 8, Detail, 2015, Monotypie
  • Jasper Johns, The 100 Monotypes Nr.38, Detail, 2015, Monotypie

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  1. Roberta Bernstein (Hg.), Jasper Johns. Catalogue raisonné of painting and scupture, New York 2017.
  2. Christian Geelhaar, Jasper Johns. Working Proofs (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Basel u.a.), Basel 1979, S. 46. Zit. n. Jasper Johns, The 100 Monotypes, Barberini-Studien 3, hg. v. Ortrud Westheider und Michael Philipp (Ausst.-Kat. Museum Barberini, Potsdam, 2020), München 2020, S. 12.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.