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Sammlung Hahn: Eine Wanderausstellung gegen Phantomschmerzen Die Sammlung Wolfgang Hahn kehrt temporär nach Köln zurück

Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre, Ausstellungsansicht Museum Ludwig, Köln 2017, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Britta Schlier

Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre, Ausstellungsansicht Museum Ludwig, Köln 2017, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Britta Schlier

Zwischen Wien und Köln liegen 750 Kilometer. Als 1978 die Kunstsammlung des Kölner Restaurators Wolfgang Hahn (1924-1987), welche zu diesem Zeitpunkt 385 Werke umfasste, von der Republik Österreich für das Museum des 20. Jahrhunderts (heute: mumok) erworben wurde, mag diese Distanz noch eine große Herausforderung bedeutet haben. Und tatsächlich hat es beinahe 40 Jahre gedauert, bis die exportierten Kunstwerke diesen Weg in entgegengesetzte Richtung angetreten haben. Was passiert nun, wenn eine Sammlung nach so langer Zeit an den Ort ihres Ursprungs zurückkehrt? Augenscheinlich dasselbe wie bei Menschen: vor allem viele revitalisierte Erinnerungen, welche von Idealisierung und Nostalgie gekennzeichnet sind.

KUNST INS LEBEN! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre
Nouveau Réalisme, Fluxus, Happening, Pop Art und Konzeptkunst

Deutschland / Köln: Museum Ludwig, Köln
24.6. – 24.9.2017

Österreich / Wien: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
10.11.2017 – 24.6.2018

Kunstsammeln in den 60er Jahren

Wie intuitiv und unkommerziell musste das Sammeln von zeitgenössischer Kunst damals doch gewesen sein, in den 60er Jahren, noch bevor die großen Kunstmessen den Markt bereicherten – die Kölner Kunstmesse, spätere Art Cologne wurde 1967 initiiert, die Art Basel fand 1970 zum ersten Mal statt. Nobel, uneitel und angetrieben bloß von intrinsischen Motiven wie der intellektuellen Neugier und dem Glauben an das Wesen der Kunst. Über derartig romantische Vorstellungen lässt sich jedenfalls die Glorifizierung des Sammlers Hahn erklären. Der Eingangsbereich der Ausstellung im Erdgeschoss des Museums Ludwig gleicht einer privaten Ruhmeshalle. Zwei riesige Schwarzweißfotografien dominieren den Raum, zur linken Seite: Hahn zusammen mit Jean Tinguely in seinem Garten beim Aufbau von „Demi Baroque“ (1964); zentral hinten im Raum die zweite Fotografie, auf der Hahn alleine in seinem privaten Wohnzimmer mit Brillo-Box von Andy Warhol und George Segals „Woman in a Restaurant Booth“ (1961) zu sehen ist.

 

Sammler Hahn in bester Gesellschaft

Das Rheinland war Ende der 50er und in den 60er Jahren künstlerischer Hotspot; und Hahn pflegte enge Freundschaften mit Künstlern und Persönlichkeiten der rheinländischen Kunstszene. Der Schriftverkehr mit Künstlern wie Joseph Beuys, der sich für die Weihnachtskarte bedankt und Hahn im gleichen Atemzug eine Arbeit „nicht zu Kunsthändlerpreisen“ anbietet, oder mit Wolf Vostell, der belegt, dass Hahn 1.700 DM für das Klavier bezahlte und damit einen Preisnachlass von 1.200 DM erhielt oder die Korrespondenz mit Daniel Spoerri dokumentieren dies. Fotos in der Ausstellung zeigen außerdem, dass selbst John Cage, Merce Cunningham und David Tudor keine Fremden im Hause Hahn waren.

Zu Hahns Netzwerk zählten außerdem Irene und Peter Ludwig, welche er neben seiner restauratorischen Tätigkeit für das Sammlerehepaar auch für das Sammeln von Pop Art zu begeistern wusste. Außerdem besuchte Hahn jeden Tag die Buchhandlung Walther König sowie die Galerie Rudolf Zwirner. Wolfgang Hahn bewegte sich also in bester Gesellschaft. Was der Sammlung an sich eine speziell persönliche Note gibt, ist die Tatsache, dass einige Arbeiten in den privaten Wohnräumen Hahns entstanden sind – wie etwa die konzeptionelle Arbeit „A SQUARE REMOVAL FROM A RUG IN USE“ von Lawrence Weiner, der im Wohnzimmer Hahns ein Quadrat aus einem Teppich schnitt. Oder „Hahns Abendmahl“ von Daniel Spoerri, das bei einem gemeinsamen Abendessen im Hause Hahns entstand. Was die Ausstellung vorbildlich schafft, ist, dass sie in verschiedenen Momenten die Verbindung zwischen Sammler und Künstler aufzeigt.

 

 

Hauptwerke als Leitsystem

Die Kuratoren verwenden ein numerisches Leitsystem, das sich über die Hauptwerke der Sammlung herleitet - ganz im Sinne Hahns, der gegen kunsthistorische Kategorien wie regionale Zuordnungen oder Kunstströmungen eintrat. Beim Betreten der Sammlung fällt der Blick sofort auf George Segals „Woman in a Restaurant Booth“, welches neben den Plakatabrissen von Raymond Hains und François Dufrêne platziert ist. In räumlicher Nachbarschaft werden Daniel Spoerris „Hahns Abendmahl“ und Christos „Wrapped Mannequins on a Bed“ zu Protagonisten einer absurden Tatort-Szene: die mit Plastik verhüllten Frauenpuppen treten in Dialog mit dem Beweismaterial des gedeckten Tisches, das festgeklebt und vertikal aufgerichtet zur Analyse auffordert. Unter dem Überbegriff „musik“ wird zentral das „Klavier Intégral“ von Nam June Paik präsentiert: Büstenhalter, Stacheldraht, Hammer, ausgehöhlte Eier und Pril-Putzmittel zeugen von der ungewöhnlichen Zweckentfremdung und Gewalteinwirkung auf das Instrument, übrigens das letzte von ursprünglich dreien, das noch erhalten ist.

 

Der Wert des Flüchtigen

Sammler Hahn maß flüchtigen Aktionen und Events, zu dessen Stammpublikum er zählte, eine große Bedeutung bei. So findet sich auch ein Aktionsplan zu dem Projekt „Cityrama II“ von Wolf Vostell und Stefan Wewerka in der Ausstellung, welche eine Bustour zu 18 Orten in Köln planten, wo jeweils eine Aktion eines Fluxus- bzw. Nouveau Réalisme- Künstlers realisiert hätte werden sollen. Das Projekte scheiterte noch im Vorfeld. Ein anderes Event-Verständnis wird mit der Arbeit „The Book of the Tumbler on Fire, Volume I, Chapter VIII, Page 3, Footnote 19“ von George Brecht vorgeführt: ein Stuhl, ein bunter Regenschirm und eine Warnleuchte werden als Event-Objekt vorgeführt. Zur Interpretation können sämtliche denkbaren Handlungen mit diesen drei Objekten herangezogen werden. Die Kunst sollte sich zwischen den Gattungen, zwischen Literatur, Theater, Musik usw. bewegen.

 

Aus der Perspektive eines Restaurators

Eine Anregung, welche die Ausstellung außerdem bietet, ist es, sich in die Perspektive eines Restaurators zu versetzen. Die gezeigten Arbeiten sind im Hinblick auf die konservatorische Arbeitsweise und die Paradigmen der Instandhaltung und Aufrechterhaltung höchst interessant. Hahn selbst meinte:

„Es ist einfach eine Illusion, wenn etwas abbröckelt, verfällt oder sich verändert, dass damit auch das Ende dessen gekommen ist, was man als Kunst besitzt.“ Und weiter: „Auch die alten Bilder, die wir noch besitzen, sind natürlich in einem ewigen Veränderungsprozess legitimer Alterung, den wir gar nicht abwenden können und auch gar nicht abwenden dürfen, wenn wir sie nicht vergewaltigen wollen.“

Dies trifft in überspitzer Weise für die Arbeiten Dieter Roths zu, welche in der Ausstellung unter dem Begriff „Schimmelmuseum“ zusammengefasst werden: Salamischeiben, Käse, Schokolade, Zigarrenasche, Fett und Wursthaut verwendet er als Material für seine Arbeiten. Doch auch die verkohlte Ateliertür von Joseph Beuys mit Hasenfell und Reiherkopf ist konservatorisch mit höchster Vorsicht zu genießen.

 

 

Verkauf an die Republik Österreich

Nachdem Hahn seine Sammlung 1968 im Walraff-Richartz Museum erstmals öffentlich gezeigt hatte, schwand sein Interesse, und er begann einzelne Arbeiten wieder zu verkaufen. Einem Schriftverkehr zwischen Beuys und Hahn 1970 ist folgendes zu entnehmen: „Das, was sich als meine Sammlung im WRM 1968 präsentierte, ist eine im großen abgeschlossene Sache.“ Über das Sammlerehepaar Ludwig, welche 1977 einen Teil der Sammlung als Dauerleihgabe nach Wien gab, wurde der Kontakt zur Republik Österreich hergestellt, welche 1978 schließlich die Sammlung erwarb. Die Republik Österreich kaufte primär die Objekte an, nur wenige Archivalien und Dokumente und gar keine Filme, kein Fluxkit, Kataloge oder Buch gelangten nach Wien.

 

Eine Ausstellung gegen Phantomschmerzen

Walther König war sehr betrübt über den Verkauf der Sammlung: „Als seine Sammlung später nach Wien ging, empfand ich das als großen Verlust. Als Freund und Berater von Peter Ludwig und dem lokalen Bezug, wäre es wichtig gewesen die Sammlung Hahn in Köln zu halten“. Die beiden Kuratorinnen Barbara Engelbach (Museum Ludwig) und Susanne Neuburger (mumok) sprechen sogar von Phantomschmerzen, welche die Absenz der Sammlung in Köln hervorgerufen hätte.

Ob sich durch die temporäre Rückkehr der Sammlung eine kathartische Wirkung ausbreiten wird, wird sich in den kommenden Wochen herausstellen. Zumindest wird der zweite Abschied im September bewusster, wenn auch unvermeidbar sein, denn ab 10. November 2017 wird die Ausstellung in leicht adaptierter Form im Wiener mumok zu sehen sein. Wem der erneute Verlust der Sammlung zu sehr ans Herzen geht, der sei an folgendes Zitat von Wolfgang Hahn erinnert „Im Übrigen trennt man sich nur von Werken, um wieder ein neues Abenteuer zu begehen.“

 

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

Anouj, Arman, Ay-O, Joseph Beuys, George Brecht, Michael Buthe, John Cage, John Chamberlain, Christo, Bruce Conner, Philip Corner, Merce Cunningham, Gérard Deschamps, Jim Dine, François Dufrêne, Öyvind Fahlström, Robert Filliou, Sam Gilliam, Ludwig Gosewitz, Nancy Graves, Raymond Hains, Al Hansen, Dick Higgins, Allan Kaprow / Kasia Fudakowski, Alison Knowles, Arthur Køpcke, Gary Kuehn, Yayoi Kusama (→ Yayoi Kusama), Barry Le Va, Boris Lurie, Gordon Matta-Clark, Claes Oldenburg, Yoko Ono, Nam June Paik, Lil Picard, Klaus Rinke, Mimmo Rotella, Dieter Roth, Niki de Saint Phalle (→ Niki de Saint Phalle), Günter Saree, George Segal, Daniel Spoerri, Paul Thek, Jean Tinguely, Ursula, Franz Erhard Walther, Robert Watts, Lawrence Weiner, H.C. Westermann, Stefan Wewerka, Jacques de la Villeglé, Wolf Vostell, Gil J. Wolman

 

Sammlung Hahn: Bilder

  • Nam June Paik, Klavier Intégral, 1958–1963, Fluxus-Klavier präpariert mit verschiedenen Materialien. 140 x 136 x 65 cm (© Nam June Paik Estate, Foto: mumok, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln)
  • Yayoi Kusama, Silver Dress, 1966, Stoffkleid, Kunstblumen, Farbe, Kleiderbügel 115 x 57 x 20 cm (© Yayoi Kusama, Foto: mumok, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln)
  • Niki de Saint Phalle, Napoléon, Napoléon, tu as une araignée dans le plafond, 1964, Wolle und Plastikgegenstände auf Polyesterform, 158 x 110 x 65 cm (© 2017 Niki Charitable Art Foundation / ADAGP, Paris Foto: mumok, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln)
  • Im Hause Hahn, Hahn auf der Treppe, 1968 © Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK)
  • Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre, Ausstellungsansicht Museum Ludwig, Köln 2017, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Britta Schlier
Nora Höglinger
* 1987 in Rohrbach/OÖ, Studium der Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Paris. Seit 2009 im Bereich der zeitgenössischen Kunst tätig, u.a. für die Galerie Hubert Winter, die Sammlung Verbund und Kunst im öffentlichen Raum Wien. Seit 2017 bei der Stiftung Kunstfonds in Bonn, lebt und arbeitet als freie Autorin in Köln.