Lee Miller

Wer war Lee Miller?

Lee Miller (Poughkeepsie 23.4.1907–21.7.1977 Chiddingly) war eine amerikanische Fotografin im Umkreis des Surrealismus. Nach einer erfolgreichen Karriere als Fotomodell wandte sich Lee Miller der Fotografie zu und wählte 1929 Man Ray zu ihrem Lehrmeister. Als Partnerin und Lebensgefährtin Man Rays entwickelte sie mit diesem gemeinsam die Solarisation weiter, ein Verfahren der Überbelichtung. Nach drei Jahren löste sie sich aus der Beziehung und kehrte für kurze Zeit nach New York zurück. In den folgenden Jahren lebte Lee Miller in Kairo und London. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie für Condé Nast als Kriegsberichterstatterin. Danach heiratete sie Roland Penrose, mit dem sie das Farley Farm House in Sussex bezog, wo sie sich ganz dem Kochen widmete. Das fotografische Werk von Lee Miller im Lee Miller Archive in Chiggingly umfasst rund 40.000 Negative, ihre Korrespondenz und Textentwürfe.

Kindheit und Ausbildung

Die am 23. April 1907 geborene Lee Miller stand bereits als Kind ihrem Vater, einem begeisterten Hobbyfotografen, Modell (auch Akt). Nach einer kurzen und wenig erfolgreichen Schulkarriere schickte ihre Familie sie mit zwei polnischen Damen nach Paris, um die europäische Kultur kennenzulernen. Nach einem Jahr, in dem sie die neu eröffnete Ecole Medgyes pour la Technique du Théâtre besuchte, holte sie ihr Vater wieder in die USA zurück. Lee Miller ließ sich in New York nieder und schrieb sich an der Art Students League in einem Kurs für Bühnenbild und Beleuchtung ein.

1927 wurde sie im Alter von 19 Jahren von Condé Nast, dem legendären Begründer der Vogue und der Vanity Fair, vor einem Autounfall gerettet und dabei als Fotomodell entdeckt. Während ihrer erfolgreichen Arbeit als Modell entdeckte Lee Miller ihr Interesse an der Fotografie. Alle wichtigen Fotografen der Zeit arbeiteten mit Lee Miller: Edward Steichen, Arnold Genthe und Nicolas Murray. Auf Empfehlung von Edward Steichen reiste sie nach Paris.

Im Frühjahr 1929 zog Lee Miller nach Paris um, um sich vom bereits etablierten Mode- und Porträtfotografen Man Ray ausbilden zu lassen. Im Juli stellte sich die 22-jährige, ehrgeiziger Amerikanerin in Le Bateau Ivre - Man Rays Lieblingsbar - mit einem Empfehlungsschreiben von Edward Steichen bei Man Ray vor. Obwohl Man Ray keine Schüler aufnahm, überredete sie ihn, sie als Dunkelkammer-Assistentin zu beschäftigen. Lee Miller half Man Ray seine Techniken der Solarisation und Pseudo-Solarisation (Sabattier-Effekt) zu perfektionieren. Man Ray und Lee Miller stehen einander für Fotografien Modell; in den folgenden drei Jahren hatten sie aber auch eine leidenschaftliche Affäre.

In den Straßen von Paris und in Man Rays Atelier entstanden Lee Millers erste fotografische Aufnahmen. Neben Man Ray spielten die städtischen Aufnahmen von Eugène Atget eine große Rolle, wobei sie sich auch als Zeitgenossin von Brassai und Eli Lotar zu erkennen gibt. Diese fotografischen Arbeiten stellte sie so gut wie nie aus, bzw. hat sie zu einem Großteil sogar vernichtet. Rasch entwickelten die beiden eine Beziehung, die vor allem von Seiten Man Rays eifersüchtig bewacht wurde und bis 1932 hielt. Über das Lehrer-Schülerin-Verhältnis äußerte sich Miller später: „Er hat mir beigebracht, wie man Porträts macht, er hat mir seine ganze Technik beigebracht.“1

Lee Miller und Man Ray

Lee Miller und Man Ray entwickelten die Technik der Solarisation, einem fotografischen Verfahren der Überbelichtung in der Dunkelkammer, weiter (→ Man Ray – mehr als Fotografie). Anekdotenhaft erzählte Lee Miller, wie diese manipulative Technik durch Zufall in der Dunkelkammer entstand. Während sie in der Dunkelkammer Abzüge ausarbeitete, wurde sie von einem Tier erschreckt und knipste das Licht an. Die zweite Belichtung veränderte das unfixierte Foto und lässt es wie eine Mischung aus einem positiven und einem negativen Bild erscheinen. Besonders die hellen Umrisslinien lassen an Aurafotografien des frühen 20. Jahrhunderts denken. Man Ray zeigte sich vom Ergebnis so beeindruckt, dass er die Technik weiter perfektionierte. Lee Miller nutzte sie für kommerzielle Auftragsarbeiten in ihrem ersten eigenen Atelier, das sie 1930 in Paris eröffnete.

Zu ihrem Freundeskreis gehörten wichtige Künstlerinnen und Künstler dieser Zeit wie Pablo Picasso, Paul Éluard und Jean Cocteau. In Cocteaus Film „Le Sang d’un Poète“ spielte sie 1930 mit. Obschon Miller die Theorien und Publikationen der Surrealisten kannte, beteiligte sie sich nie an den Unternehmungen des Zirkels und nahm eine distanzierte Haltung ein. Für die Fotografin stand nicht ihre persönliche Identität, sondern das Entwickeln einer Ästhetik im Vordergrund, wie Whitney Chadwick beobachtete.2 So unterscheidet sie sich beispielsweise von Claude Cahun durch konventionellere und sachlichere Selbstporträts, ohne in den Bildern Fragen zur eigenen, oder wie in dern Selbstporträts von Claude Cahun geschlechtlichen Identität zu stellen. Genauso wenig konnte sich Lee Miller offenbar für technische Manipulationen begeistern (wie Collage, Montage). Stattdessen bieten ihre fotografischen Arbeiten ungewohnte Perspektiven auf Alltägliches, was genauso gut die Phantasie anregen und das Unbewusste bewusstwerden lassen kann. Ihr Kontakt zum Surrealismus wirkte sich noch Jahrzehnte später in den Fotografien von Lee Miller aus.

New York – Kairo – Paris

Im Herbst 1932 trennte sich Lee Miller von Man Ray und kehrte nach New York zurück. Dort eröffnete sie mit dem Lee Miller Studio ihr zweites Fotostudio. Ihre Werke wurden in einigen Gruppenausstellungen sowie 1933 in einer Einzelausstellung in der New Yorker Julien Levy Gallery gezeigt.

Im Sommer 1934 gibt Lee Miller ihr Studio auf und zog mit dem ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloui Bey, den sie geheiratet hatte, nach Kairo. Sie nutzte ihre Kamera kaum, lernte ein wenig Arabisch und studierte Chemie. Bald kehrte sie zum Fotografieren zurück und entdeckte erstmals die Landschaft Ägyptens als Motiv. Bereits 1937 kehrte sie nach Paris zurück, wo sie sich erneut surrealistischen Kreisen anschloss. Auf einem surrealistischen Kostümfest lernte sie Roland Penrose kennen, mit dem sie wenige Jahre später nach England zog. Den Sommer verbrachte sie mit Roland Penrose, Paul und Nusch Éluard und Eileen Agar in Devon – mit der britischen Surrealistin entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. 1939 trennte sich Miller freundschaftlich von ihrem Ehemann und zog zu Penrose zuerst nach Frankreich und dann Großbritannien.

Lee Miller: Kriegsfotografin im Zweiten Weltkrieg

Nach ihrem Umzug nach London arbeitete Lee Miller ab 1940 als Reportagefotografin. Ihre ersten Kriegsfotografien zeigen das bombardierte London (1940/41) und wurden im Buch „Grim Glory“ (1941) abgedruckt. Im gleichen Jahr engagierte sie die Vogue als Fotografin für kriegsrelevante Themen. Dabei fällt auf, dass Miller nicht nur Fotografien lieferte, sondern ab 1943 auch erste Reportagen schrieb. Ende 1942 wurde Lee Miller als amerikanische Kriegskorrespondentin anerkannt (eine von 117 Frauen).3

Ab 1944 arbeitete Lee Miller als Kriegsberichterstatterin für Condé Nast Publications: Sie dokumentierte die Folgen des Kriegs in England, Frankreich, Belgien, Luxemburg und Deutschland für die „Vogue“. Zu den Bildern des zerstörten London schrieb sie auch eigene Texte. Ihre Bilder gehören zu den wichtigsten fotografischen Zeugnissen des Zweiten Weltkriegs und vom Zusammenbruch des Deutschen Reiches. Als Kriegsberichterstatterin hielt sie erstmals Berge von Leichen aus dem am 11. April 1945 befreiten Konzentrationslager Buchenwald fest (veröffentlicht im Juni 1945 in Vogue und Life). Sie schoss fünf Tage nach der Befreiung insgesamt 87 Mittelformat- und 24 Kleinbildnegative, weitere 96 Bilder entstanden im KZ Dachau. Auffallend an der Inszenierungsstrategie Millers ist deren Vorliebe für Nahaufnahmen, die kein Abweichen des Blicks erlaubt.

„[Lee] wollte die Welt mit diesen Gräueln konfrontieren und schickte der Vogue-Herausgeberin Audrey Withers darum ein Telegramm mit den Worten: ICH BITTE SIE INSTÄNDIG, MIR ZU GLAUBEN: DAS IST DIE WAHRHEIT.“4 (Antony Penrose)

Zu den berühmtesten Aufnahmen zählt ein Bild, das Lee Miller vermutlich am 30. April 1945, den Tag von Hitlers Selbstmord, in dessen Münchner Badewanne zeigt, aufgenommen von David E. Scherman und im Juli veröffentlicht. Sie wusch sich in Hitlers Badewanne, „den Schmutz des Konzentrationslagers Dachau ab“5. Die Fotografin konnte später ihre Enttäuschung über die Einrichtung von Hitlers Wohnung im noblen Stadtbezirk Bogenhausen nicht verstecken:

„Es gab keine Anzeichen dafür, dass heir irgendjemand gelebt hätte, der anspruchsvoller als Kaufleute oder Geistliche IM Ruhestand gewesen wäre. […] Oberflächlich betrachtet, hätte nahezu jedermann mit einem mittleren Einkommen und ohne Erbstücke der Eigentümer dieser Wohnung sein können. Es fehlte ihr alle Anmutige und Charmante, es fehlte ihr an Intimität, aber prächtig war sie auch nicht.“6

Was von ihren Kriegsbildern veröffentlicht wurde, konnte Lee Miller nicht entscheiden. Sie Fotografien wurden erst dem Ministry of Information, zuständig für Information, Propaganda und Zensur, vorgelegt und in Absprache mit den dort Zuständigen zugänglich gemacht. Vor allem als Lee Miller 1944 bei der Befreiung von St. Malo Fotos von der neu en Geheimwaffe Napalm machte, wurden diese zensuriert und vernichtet.

Kochen in Sussex

Nach dem Krieg kehrte Lee Miller nach England zurück. Sie heiratete Roland Penrose, mit dem sie das Farley Farm House in Sussex bezog, das zu einer beliebten Anlaufstelle zahlreicher Surrealistinnen und Surrealisten wurde. Obwohl sie schon länger von Roland Penrose getrennt, lebt auch dessen erste Ehefrau, Valentine Penrose (1898–1978) im Haus. Lee Miller fotografierte nicht mehr. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre zweite Leidenschaft, das Kochen.

Tod

Am 21. Juli 1977 starb Lee Miller in Chiddingly, Sussex.

Literatur über Lee Miller

  • Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo, hg. v. Ingrid Pfeiffer (Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt, 13.2.–24.5.2020; Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, 18.6.–27.9.2020), München 2020.
  • Patricia Allmer, Lee Miller. Photography, Surrealism, and Beyond, Manchester 2016.
  • Antony Penrose und Hilary Roberts, Lee Miller. A Woman’s War, London 2015.
  • Lee Miller, hg. von Walter Moser und Klaus Albrecht Schröder (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 8.5.–16.8.2015; NSU Art Museum, Fort Lauderdale, 4.10.2015–17.1.2016), Ostfildern 2015.
  • Katharina Menzel-Ahr, Lee Miller. Kriegskorrespondentin für Vogue. Fotografien aus Deutschland 1945, Marburg 2005.
  • Carolyn Burke, Lee Miller, London 2005.
  • Antony Penrose, Les Vies de Lee Miller, Paris 1994.
  • Lee Miller, My Man Ray: An Interview with Lee Miller, in: Art in America 63, No. 3 (Mai–Juni 1975), S. 54–61.
  • Lee Miller, Hitleriana, Vogue UK (Juli 1945) S. 72.

Beiträge zu Lee Miller

Frankfurt | Schirn: Künstlerinnen des Surrealismus


Fantastische Frauen von Frida Kahlo bis Dorothea Tanning Göttin, Teufelin, Puppe, Fetisch, Kindfrau oder wunderbares Traumwesen – die Frau war das zentrale Thema surrealistischer Männerfantasien (→ Surrealismus). Künstlerinnen gelang es oftmals nur als Partnerin oder Modell, in den Kreis rund um den Gründer der Gruppe der Surrealisten André Breton einzudringen. Allerdings zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass die Beteiligung von Künstlerinnen an der Bewegung wesentlich größer war als allgemein bekannt und dargestellt.
  1. Lee Miller, My Man Ray: An Interview with Lee Miller, in: Art in America 63, No. 3 (Mai–Juni 1975), S. 54–61, hier S. 59, zit. n. Astrid Mahler, Prägende Jahre: Lee Miller und der Surrealismus, in: Lee Miller, hg. von Walter Moser und Klaus Albrecht Schröder (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 8.5.–16.8.2015; NSU Art Museum, Fort Lauderdale, 4.10.2015–17.1.2016), Ostfildern 2015, S. 8–17, hier S. 8.
  2. Whitney Chadwick, Women Artists and the Surrealist Movement, London 1985, S. 38.
  3. Lee Miller war eine von fünf US-amerikanischen Kriegsberichterstatterinnen: Georgette M. (Dickey) Chapelle, Toni Frissell, Margaret Bourke-White, Thérèse Bonney.
  4. Antony Penrose, Les Vies de Lee Miller, Paris 1994, S. 150.
  5. Elissa Mailänder, In der Höhle des Löwen: Lee Millers Berichterstattung aus München, in: Lee Miller, hg. von Walter Moser und Klaus Albrecht Schröder (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 8.5.–16.8.2015; NSU Art Museum, Fort Lauderdale, 4.10.2015–17.1.2016), Ostfildern 2015, S. 104–115, hier S. 106.
  6. Lee Miller, Hitleriana, Vogue UK (Juli 1945) S. 72; zit. n. Elissa Mailänder, In der Höhle des Löwen: Lee Millers Berichterstattung aus München, in: Lee Miller, hg. von Walter Moser und Klaus Albrecht Schröder (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 8.5.–16.8.2015; NSU Art Museum, Fort Lauderdale, 4.10.2015–17.1.2016), Ostfildern 2015, S. 104–115, hier S. 104.