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Winterthur | Kunst Museum Winterthur: Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik

Caspar David Friedrich, Der Abend, Detail, vor 1820/21, Öl auf Holz, 22,5 x 31,2 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)

Caspar David Friedrich, Der Abend, Detail, vor 1820/21, Öl auf Holz, 22,5 x 31,2 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)

Kaum ein anderes künstlerisches Œuvre der Romantik erfuhr seitens der Forschung derart unterschiedliche Interpretationsansätze und Deutungsebenen wie das herausragende Werk von Caspar David Friedrich (1774–1840). Bisher wenig Beachtung fand dabei die Frage, welche Rolle die Traditionen der Landschaftsmalerei über die klassische Ausbildung zwischen Theorie und Praxis hinaus als Anregung gespielt haben könnten.

Gab es nicht bereits Vorboten der Romantik im Sinne einer Naturstimmung als subjektives und doch zugleich pantheistisches Naturerlebnis beim Betrachter? Dieser Frage gehen das Museum Georg Schäfer und das Kunst Museum Winterthur in einer gemeinsam konzipierten Ausstellung nach.

Ziel der Ausstellung ist es, das Schaffen Friedrichs in einen Bezug zu Werken seiner künstlerischen Quellen und Vorgänger zu stellen, also kunsthistorische Achsen aufzubauen, aber auch die Rezeption dieser Vorboten in der Malerei aufzuzeigen. Ein solches Ausstellungsvorhaben ist neu. Es ist bereits dadurch legitimiert, dass es im Frühwerk Friedrichs Hinweise einer Anknüpfung an die Leistungen früherer Landschaftskunst des 17. und 18. Jahrhunderts gibt. Friedrich folgte dabei dem vor allem in der Dresdner Hofmalerei unter C. W. E. Dietrich, genannt Dietricy, gepflegten Trend, die Werke jener niederländischen Maler als Vorbild zu nehmen, welche die Naturphänomene Mittelitaliens in ihren Werken verarbeiteten.

Friedrichs Vorbilder im 17. und 18. Jahrhundert

In der Gegenüberstellung der Arbeiten Caspar David Friedrichs mit diesen „feierlichen Landschaften“ (C. C. L. Hirschfeld) soll deutlich werden, wie sehr diese selbst aus der Sicht der Generation um 1800 als Stimmungsbilder und Vermittler von überzeitlichen Aussagen aufgefasst werden konnten. Die Leistungen dieser „Erfinder der Landschaftsmalerei“ liegen gerade im großen Spielraum zwischen realer und idealisierter Naturdarstellung und der Erzeugung einer Stimmung beim Betrachter. Dies finden wir in den Mondscheinlandschaften von Aert van der Neer (→ Aert van der Neer: Große Winterlandschaft), den Sonnenuntergängen von Claude Lorrain, aber auch in den religiös unterlegten Waldlandschaften von Jacob van Ruisdael, den Goethe als „malenden Dichter“ bezeichnete. Ebenso liefern einsame Zeichner an der Küste wie auch im Felsenmeer, wie sie etwa im Werk Allaert van Everdingens zu finden sind, in dieser Lesart vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten.

Auch die Landschaftsmaler des 18. Jahrhunderts schufen Grundlagen für Friedrich und seine Zeitgenossen. Die Aufklärung brachte ein neues Naturverständnis, das sich auch die Maler zu eigen machten. Die subjektive Naturerfahrung trat verstärkt ins Blickfeld und mit ihr die Freilichtmalerei und das Erkunden der heimischen Landschaft. Insbesondere die Entdeckung der Sächsischen Schweiz als malerisches Motiv durch den in Paris ausgebildeten Schweizer Adrian Zingg, der 1766 nach Dresden an die Akademie kam, spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Im spannenden Vergleich mit diesen Wegbereitern der Romantik erschließt sich das Œuvre Caspar David Friedrichs unter neuen Perspektiven – und macht gleichzeitig sein herausragendes Talent und seinen eigenständigen Beitrag zur Kunst umso deutlicher.

Caspar David Friedrich in Winterthur

Die Museumsbestände von Schweinfurth und Winterthur vereinen zusammen mehr als zwanzig Meisterwerke von Caspar David Friedrich, ergänzt werden sie durch ausgewählte internationale Leihgaben. Diese großangelegte Ausstellung präsentiert sich im doppelten Sinn als „Vorbotin“ ein Jahr vor dem 250-jährigen Geburtstag des Künstlers im Jahr 2024. Ein umfangreicher Katalog erläutert den hier skizzierten Ansatz.

Kuratiert von Wolf Eiermann, David Schmidhauser und Konrad Bitterli.
Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Georg Schäfer → Schweinfurt | Museum Georg Schäfer: Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich in Winterthur: Bilder

  • Caspar David Friedrich, Der Abend, vor 1820/21, Öl auf Holz, 22,5 x 31,2 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Caspar David Friedrich, Kreidefelsen auf Rügen, 1818, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm (Kunst Museum Winterthur © Kunst Museum Winterthur)

Beiträge zu Caspar David Friedrich

9. Oktober 2021
Caspar David Friedrich, Lebensstufen, Detail, um 1834, Öl/Lw, 72,5 x 94 cm (Museum der bildenden Künste, Leipzig, Foto: InGestalt Michael Ehritt)

Leipzig | Museum der bildenden Künste: Caspar David Friedrich Friedrichs Landschaftsmalerei und die Düsseldorfer Malerschule

Zu Lebzeiten stand Caspar David Friedrich in einer spannungsvollen Beziehung zu den Vertretern der Düsseldorfer Landschaftsmalerei. Der künstlerische Austausch war von Gegensätzen und Kritik, aber auch von erstaunlichen Korrespondenzen geprägt. Mitte der 1830er Jahre geriet Friedrichs Werk zunehmend in den Schatten der Düsseldorfer Malerschule, die mit ihrer Landschaftsmalerei national und international erfolgreich wurde.
2. Oktober 2021
Caspar David Friedrich, Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, Detail, 1819/20, Öl/Lw, 33 x 44,5 cm (© SKD, Albertinum, Foto: Jürgen Karpinski)

Dresden | Albertinum: Romantik in Russland und Deutschland Träume von Freiheit in Innenwelten oder Landschaften

Im Zentrum der Ausstellung stehen Gemälde der Romantik aus der Staatlichen Tretjakow-Galerie, Moskau und dem Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, etwa von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Alexei Wenezianow und Alexander Andrejewitsch Iwanow.
16. Mai 2021
Karl Hagemeister, Weißer Mohn, Detail, 1881 (© Landesmuseum Hannover)

Hannover | Landesmuseum Hannover: Im Freien. Von Monet bis Corinth Freilichtmalerei von 1820 bis 1930

Aktuelle Ausstellungen

23. Januar 2022
Georgia O’Keeffe, Oriental Poppies [Orientalische Mohnblumen], 1927, Öl auf Leinwand, 76,2 x 101,9 cm (The Collection of the Frederick R. Weisman Art Museum at the University of Minnesota, Minneapolis © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien)

Riehen b. Basel | Fondation Beyeler: Georgia O’Keeffe

„Georgia O’Keeffe“ ist die erste große Retrospektive der Künstlerin in Basel und der erste umfassende Überblick über O’Keeffes Œuvre in der Schweiz seit fast 20 Jahren understreckt sich über nahezu sechs Jahrzehnte ihres Werks.
21. Januar 2022
Bonner Münster Chor mit Tony Cragg, Lost in Thought

Bonn | Bonner Münster: Licht urnd Transparenz

Nach dreijähriger Restaurierung erstrahlt das Bonner Münster wieder in „altem Glanz“ – und öffnet sich bewusst dem Neuen in Form von zeitgenössischer Kunst.
21. Januar 2022
Konstantin Grcic, New Normals, 2021, Foto: Florian Böhm

Berlin | Haus am Waldsee: Konstantin Grcic New Normals | 2022

Für die Ausstellung entwirft Konstantin Grcic Einfallstore der spekulativen Imagination, die auf zukünftige Konstellationen von Zusammenleben und -arbeiten verweisen. In Szenarien und räumlichen Environments werden Betrachter:innen mit ihren eigenen Vorstellungen von der Zukunft konfrontiert.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.