Robert Bechtle
Wer war Robert Bechtle?
Robert Bechtle (San Francisco 14.5.1932–24.9.2020 Berkeley) war ein Pionier des Fotorealismus in den USA. Bechtle lebte in der San Francisco Bay Area und wählte für seine Gemälde in der Regel Fotos aus dem Alltagsleben der Mittelschicht, die er selbst aufgenommen hatte, darunter Darstellungen von Autos, Vorstadtstraßen und Familienleben. Aus der Ferne betrachtet ähnelt die glänzende Oberfläche den typischen Farben zeitgenössischer Kodak-Abzüge.
Kindheit & Ausbildung
Robert Alan Bechtle wurde am 14. Mai 1932 San Francisco, Kalifornien (USA), als Sohn von Otto Bechtle and Thelma Bechtle (geb. Peterson) geboren. Seine Mutter war Lehrerin, sein Vater Elektriker. In seiner frühen Kindheit zog seine Familie nach Oakland, und 1942 zog er nach Alameda. Bechtle begann bereits als Jugendlicher zu zeichnen und wurde durch seine Lehrer an der Alameda High School und seine Familie gefördert. So gewann Bechtle ein Stipendium, das sein erstes Jahr auf dem College finanzierte.
Bechtle reichte eine Mappe mit Kunstwerken bei einem nationalen Wettbewerb des „Scholastic Magazine“ ein und gewann ein Stipendium, das sein erstes Studienjahr am California College of Arts and Crafts (heute: California College of the Arts) finanzierte. Er erhielt seinen Bachelor of Fine Arts im Jahr 1954 und wurde danach zur US-Armee nach Berlin eingezogen. Dort malte er Wandbilder für die Kantine und besuchte die europäischen Museen.
Robert Bechtle studierte von 1950 bis 1958 am California College of Arts and Crafts in Oakland, Kalifornien, wo er mit einem Master of Fine Arts abschloss. Zu seinen Kommilitonen in Oakland gehörten Ralph Goings und Richard McLean, mit denen er wenig später die fotorealistische Bewegung gründete. Von 1960 bis 1961 besuchte Bechtle noch Kurse an der University of California in Berkeley, Kalifornien.
Lehre
Von 1965 bis 1966 lehrte Robert Bechtle an der University of California, Berkeley; und von 1967 bis 1968 an der University of California, Davis. Ab 1968 lehrte er an der San Francisco State University.
Familie
Robert Bechtle war verheiratet mit Whitney Chadwick; das Paar hat zwei Kinder: Max und Anne.
Werke
Robert Bechtle lebte und arbeitete im Potrero-Hill-Viertel von San Francisco, in der so genannten San Francisco Bay Area. Ab 1966 wählte der Künstler für seine Gemälde in der Regel Fotos aus dem Alltagsleben der Mittelschicht, die er selbst aufgenommen hatte, darunter Darstellungen von Autos, Vorstadtstraßen und Familienleben – Motive, die er selbst als „gewöhnliche Kost“ bezeichnete. Zusammen mit seinen Kollegen Ralph Goings und Richard McLean bildete er ein Trio von Künstlern aus der Bay Area, die Kalifornien zu einem pulsierenden Zentrum des Fotorealismus machten. Die drei zählen zu den Künstlern, die der New Yorker Galerist Louis K. Meisel als die dreizehn wichtigsten Begründer der Bewegung identifizierte.
„Viele von uns kamen für sich persönlich zu dem Schluss, dass die Wege, die damals in der Malerei beschritten wurden, für uns mehr oder weniger versperrt waren. Es waren zu viele Leute vor uns da gewesen, und allzu vieles war vorhersehbar. Der Realismus wurde zu einer Möglichkeit, dem zu entkommen, weil man nicht das Gefühl hatte, dass dort schon alle Pionierarbeit getan war. Das klingt merkwürdig, weil der Realismus so traditionell scheint. Doch bei genauerem Nachdenken wird klar, dass das eigentlich Traditionelle inzwischen der Modernismus ist, den es seit bald einhundert Jahren gibt.“1 (Robert Bechtle)
„‘64 Chrysler“ (1971) zeigt Bechtles Faszination für Vorstadtstraßen mit einheitlich gestalteten Reihenhäusern, die oft durch ein einziges Auto belebt werden und Assoziationen mit Wohlstand und wirtschaftlicher Stabilität wecken. Bechtles Ansichten von Vorstadthäusern oder menschenleeren Parkplätzen strahlen eine unheimliche Stille aus – als wären die dargestellten Szenerien auf seltsame Weise in der Zeit eingefroren.
„Die spannungslosen, schnappschussartigen Kompositionen schienen mehr mit der Konzeptkunst gemein zu haben als mit der Maltradition. Die Art, wie Bechtle ein Auto malte, verlieh dem ganzen Werk eine Einfachheit und Geschlossenheit, die ebenfalls eher minimalistisch als realistisch wirkte. Für mein Empfinden sind seine Autobilder und Donald Judds Kästen oder die Würfel von Robert Morris fast austauschbar.“2
Im Jahr 1972 war er Teilnehmer der „documenta 5“ in Kassel in der Abteilung Realismus.
Bechtles Gemälde „Santa Barbara Patio“ (1983) sieht aus, als ob es direkt aus dem Fotoalbum einer amerikanischen Mittelklassefamilie stammen würde. Aus der Ferne betrachtet ähnelt die glänzende Oberfläche den typischen Farben zeitgenössischer Kodak-Abzüge. Das Gemälde zeigt Richard McLean, der lässig auf einer Terrasse in der gleißenden kalifornischen Sonne sitzt. Seine entspannte Haltung und der ungewöhnliche Blickwinkel verstärken den Eindruck einer Momentaufnahme, während die weite Fläche des grünen Rasens den Bildraum betont flach erscheinen lässt. Wie viele fotorealistische Gemälde dieser Zeit weist die Komposition Ähnlichkeiten zur amerikanischen Tradition des Direct Cinema auf, in dem die Figuren auf der Leinwand von der Kameralinse „unbeobachtet“ zu sein scheinen, was den Eindruck einer unvermittelten Seherfahrung verstärkt.
Neben seinen Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen war Robert Bechtle auch ein bekannter Grafiker: Er arbeitete am Anfang seiner Karriere als Lithograf und nach 1982 vornehmlich an Radierungen, die die Crown Point Press veröffentlichte. Robert Bechtle lehrte von 1978 bis 1999 an der San Francisco State University.
Robert Bechtle wurde 1994 zum Mitglied (N.A.) der National Academy gewählt.
„Viele Fotografien vermitteln das Gefühl, dass ein bestimmter Zeitpunkt gezeigt wird, der von einem Vorher und Nachher eingefasst wird. Ich mag Fotografien, die einfach nur da sein wollen. Man spürt, dass das, was vorher gewesen ist, genau das Gleiche war wie der fotografierte Moment und dass das, was als Nächstes folgt, ebenfalls genau gleich sein wird. Die Zeit wird gewissermaßen gedehnt – und dieser Aspekt hat in der Malerei eine sehr lange Tradition.“3
Tod
Robert Bechtle starb am 24. September 2020 im Hospiz in Berkeley, Kalifornien, an Lewy-Körper-Demenz. Der Maler wurde 88 Jahre alt.
