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Bern | Kunstmuseum: Felicitas Vogler und Ben Nicholson

Veröffentlicht von ARTinWORDS.de Redaktion von 10. November 2018
Felicitas Vogler, Ben Nocholson mit Tommy, 1965

Felicitas Vogler, Ben Nocholson mit Tommy, 1965

Die Ausstellung „The Quiet Eye“ zeigt erstmals ausgewählte Farbfotografien von Felicitas Vogler (1922–2006) sowie Gemälde und Zeichnungen von Ben Nicholson (1894–1982), die Felicitas Vogler dem Kunstmuseum Bern vermachte. Während Voglers Fotografien einen Überblick über ihr gesamtes Schaffen vermitteln, konzentrieren sich die Werke Nicholsons auf solche, die während der gemeinsamen Zeit entstanden sind. Um auch eine frühere Schaffensperiode anzudeuten, wurde das „Weisse Relief“ von 1935, das sich im Besitz der Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung befindet, in die Ausstellung integriert.

The Quiet Eye:
Felicitas Vogler und Ben Nicholson

Schweiz | Bern: Kunstmuseum
10.11.2018 – 24.2.2019

Wenn hier Werke des Künstlerpaars nebeneinander gezeigt werden, so nicht nur aus biografischen Gründen oder weil sie am selben Ort zur selben Zeit geschaffen wurden. Ohne das Ergebnis einer künstlerischen Zusammenarbeit im engeren Sinne zu sein, scheinen sie verwandt. Weder bei Nicholson noch bei Vogler finden sich das Spektakuläre, der große Kontrast, der tiefe Raum, die starke Bunt-farbigkeit. Ihre Bilder erzeugen, zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion changierend, in der Fläche und in Nuancen eine atmosphärische Dichte. Gegensätze und Spannungen sind vorhanden, aber subtil austariert. Die Landschaften werden zum Resonanzraum der eigenen Befindlichkeit. Es ist eine Welt, in der die Dinge miteinander und mit den Betrachtenden verbunden sind. Eine „lichte Welt“, wie Felicitas Vogler ihren 1969 erschienenen Bildband nannte, oft geprägt von heiterer Melancholie, von verinnerlichter Stille. Der Titel „the quiet eye“ der englischen Ausgabe des Bandes scheint mindestens ebenso passend und wurde deshalb für diese Ausstellung übernommen. Die Formulierung stammt aus dem oben zitierten Gedicht „A Poet’s Epitaph“ des britischen Dichters William Wordsworth.

Ben Nicholson und Felicitas Vogler lernten einander 1957 kennen. Nicholson konnte damals bereits auf ein reiches künstlerisches Werk zurückblicken und gehörte international zu den bekanntesten und gefragtesten Künstlern. 1955 war er beispielsweise an der Biennale Venedig und an der ersten „documenta“ in Kassel vertreten, und eine große Retrospektive war in Amsterdam, Paris, Brüssel, Zürich und London zu sehen. Nicholsons Eltern William Nicholson und Mabel Pryde waren beide Maler. Geboren und aufgewachsen in Denham, etwa 30 Kilometer westlich Londons, malte Ben Nicholson Stillleben in der Art seines Vaters, ehe er sich der abstrakten Kunst zuwandte (→ Abstrakte Kunst). Prägend war die Auseinandersetzung mit dem Kubismus, mit Werke von Georges Braque und Pablo Picasso, aber auch mit „De Stijl“, insbesondere mit Piet Mondrian. 1933 entstanden seine ersten geometrischen Reliefs. Er gehörte der Gruppe „Abstraction-Création“ an und gab 1937 zusammen mit Naum Gabo und dem Architekten Leslie Martin das Buch „Circle: Inter­national Survey of Constructivist Art“ heraus, das Barbara Hepworth, mit der von 1938 bis 1951 verheiratet war, gestaltete. Seit 1939 lebten Hepworth und Nicholson in St Ives in Cornwall, das zu einem Zentrum abstrakter Kunst wurde.

Felicitas Vogler hatte in München Philosophie und Psychologie studiert und arbeitete als Radiojournalistin in Salzburg und München. In ihrem Berliner Elternhaus war sie früh mit Kunst und Fotografie konfrontiert. Ihr Vater, selbst Hobbyfotograf, schenkte der Achtjährigen die erste Kamera. 1957 reiste sie nach England, unter anderem um im Auftrag des Bayerischen Rundfunks an einer Sendung über Cornwall zu arbeiten. Bei den Recherchen in St Ives begegnete sie Ben Nicholson. Sechs Wochen später heirateten sie.

1958 zogen Vogler und Nicholson ins Tessin. Zunächst wohnten sie in Ronco, dann in Gadero oberhalb Brissagos, wo sie 1961 ein nach Nicholsons Entwürfen erbautes Haus bezogen. Felicitas Vogler schreibt:

„Die Lage war wunderbar: der Blick umfasste die ganze Weite des Sees mit den umrahmenden Bergen bis nach Italien hinein, das Haus war groß und geräumig, es hatte Riesenfenster, die die Landschaft Teil unseres täglichen Lebens werden ließ, im Wechsel der Jahreszeiten eine immerwährende Quelle der Inspiration zum Malen und Fotografieren. Und für Ben erfüllte sich, wenn auch sehr spät, ein Lebenstraum: ein riesiges Atelier mit dem besten Licht von Norden und einer herrlichen Aussicht über die Brissago-Inseln nach Ascona und die Bergkette dahinter. Kein Wunder, dass er in den folgenden zehn Jahren [...] kleine kostbare Miniaturen (schuf), die direkt aus dem Herzen kamen, ebenso wie gewaltige Monumental-Reliefs, die mich oft an uralte Sakralbauten oder Tempel Tausende von Jahren zurückerinnern. Daneben schuf er auch feine Malereien in Pastelltönen – zarte durchsichtige Gebilde, die sich in Luft, in ein Unendliches aufzulösen scheinen. Die vielen Zeichnungen mit ölfarbigem Hintergrund hingegen, die Stilleben-Themen in allen Varianten behandeln, entstanden oft zu mehreren am gleichen Tage, wenn er besonders gut gestimmt war. Der letzte von zwei bis drei Versuchen war meist der freieste und beschwingteste, die Linien in einem Zug gezogen.“1

Von Brissago aus unternahmen Nicholson und Vogler ausgedehnte Reisen nach Italien und Griechenland: „Reisen mit Stift und Kamera“, so der Titel von Voglers Beitrag in der Zeitschrift Du, in der ihre Fotografien Nicholsons Zeichnungen gegenübergestellt wurden. Der Maler und die Fotografin begeistern sich nicht nur für ähnliche Motive, in ihren Werken zeigt sich auch ein vergleichbares Verständnis von Landschaftsmalerei bzw. -fotografie. Ihnen geht es nicht darum, das Vorgefundene wiedererkennbar festzuhalten. Vogler schreibt:

„‹Wenn ich eine italienische Kathedrale zeichne›, sagt Ben Nicholson, ‹so zeichne ich nicht ihre Architektur, sondern das Gefühl, das sie mir vermittelt.› Mir ergeht es beim Photographieren ähnlich: Da ist einmal die Erregung, die man fühlt, wenn man neue Orte sieht, eine Erregung, die – ebenso wie bei B.N., wie ich glauben möchte – der Zusammenstoß zwischen der besonderen Schönheit eines Ortes und dem eigenen Wesen ist, ein unendliches Offensein für einen in dieser Art unwiederholbaren Zusammenklang von Form, Farbe und Licht. Es ist aber im günstigsten Falle noch mehr: nämlich ein Emporgehobenwerden in eine andere Dimension, in der man etwas wahrnimmt, was nicht nur dieses Haus, Feld oder Berg ist, sondern zugleich auch der Geist, der es erschafft, bewegt und füllt.“2

1971 beschloss Nicholson, nach England zurückzukehren. Vor allem die englische Sprache hatte er mehr und mehr vermisst. Vogler, die neben ihrer Tätigkeit als Fotografin als Psychologin und Astrologin arbeitete, wollte ihren Lebensmittelpunkt nicht ändern. Die beiden trennten sich, blieben aber befreundet, auch über die 1977 erfolgte Scheidung hinaus. Nach Nicholsons Wegzug reiste Vogler in entferntere Gegenden, so beispielsweise nach Namibia und Südafrika, Kaschmir und Ladakh, wo sie eine Fotoreportage für „Du“ machte (1980 erschienen), nach China, Japan und Neuseeland. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in St-Légier bei Veve.

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