Edward Burne-Jones

Wer war Edward Burne-Jones?

Sir Edward Burne-Jones (28.8.1833–17.6.1898) ist im Umfeld der Präraffaeliten einzuordnen (→ Präraffaeliten: Das Ende der Bruderschaft), entwickelte sein Werk jedoch in Isolation. Er arbeitete an neuen Formen des mythischen Historienbildes, um es den veränderten psychologischen und sozialen Bedingungen des Fin de Siècle anzupassen. Dekorative Gestaltung und geheimnisvolle Aura wurden zu wichtigen Charakteristika, die helle Farbigkeit und die Detailgenauigkeit der frühen Präraffaeliten dabei völlig aufgegeben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde er auf der Pariser Weltausstellung von 1889 zur Schlüsselfigur des aufkommenden Symbolismus. Burne-Jones Werk verbindet die Kunst der Präraffaeliten mit dem Symbolismus und führt weiter zum Surrealismus.

Das ästhetische Ideal von Burne-Jones liegt jenseits der realen, modernen Welt. Der späte Romantiker träumte sich in mittelalterliche Epen voller Ritter, Helden und Jungfrauen. Viele seiner Bildfindungen basieren auf Mythen, Legenden und der Bibel. Da er sich nicht nur mit Ölfarben ausdrückte, sondern in einer Vielzahl an Medien – darunter Tapisserien, Glasfenster – ausdrückte, wurde er zu einem radikalen Multimedia-Künstler. Über allem stand der feste Glaube an die Erlöserkraft der Kunst!

Auch heute noch zählt Burne-Jones mit seinen verträumten Mädchen und muskulösen Helden in melancholisch-romantischen Landschaften zu den beliebtesten Malern der britischen Kunst. Er beeinflusste Generationen von Künstlern, darunter Pablo Picasso.

Präraffaelit der zweiten Generation

Der Werdegang von Edward Burne-Jones war außergewöhnlich: Er entschied sich bewusst Künstler werden zu wollen, noch bevor er genau wusste, wie er einer werden sollte. Daraufhin brach er 1856 sein Theologiestudium und der Universität von Oxford ab und wurde ein Lehrling des Präraffaeliten und Dichters Dante Gabriel Rossetti (1828–1882).

Im Sinne seines Lehrers orientierte sich Burne-Jones anfangs an der italienischen Frührenaissance und bereiste Italien erstmals 1859. Auf seiner Route lagen Genua, Pisa, Florenz und Venedig, um Kopien nach Botticelli, Domenico Ghirlandaio, Andrea Mantegna und Benozzo Gozzoli anzufertigen. Während eines zweiten Aufenthalts in Italien 1862 interessierte er sich für die venezianische Renaissancemalerei von Jacopo Tintoretto, Paolo Veronese, Carpaccio und Gentile Bellini; 1871 und 1873 folgten zwei weitere Reisen nach Italien zur Kunst von Sandro Botticelli und Michelangelo Buonarroti. Burne-Jones' Auseinandersetzung mit der Kunst der frühen Renaissance in Italien ist besonders gut in seinen subtilen Zeichnungen zu sehen.

Die Anfänge von Edward Burne-Jones liegen in der Kirchenausstattung und im Kunstgewerbe, war er doch einer der Mitbegründer von Morris' Firma. Glasfenster aber auch Altargemälde – „Der gute Hirte“ (1857–1861) und „Die Anbetung der Könige“ (1861) für die Kirche St. Paul in Brighton – dokumentieren die religiöse Kunst Burne-Jones‘. Zudem inllustrierte er Morris' Gedichtszyklus „The Earthly Paradise“ (1865).

Historienmalerei neu denken

Wenn die prestigeträchtige Society of Painters in Watercolour, der Aquarellistenclub, Edward Burne-Jones anfangs aufnahm, so wurde er wenig später aufgrund seiner Arbeit mit Gouache wieder hinauskomplimentiert. Dennoch verdankte Edward Brune-Jones seine erste Ausstellung dieser Gesellschaft (1864). Im Jahr 1870 löste Edward Burne-Jones mit der Darstellung eines Männeraktes in „Phyllis und Demophon“ einen Skandal aus. Anstelle den Akt „respektabel” zu machen, indem er eine Draperie über dessen Geschlecht malte, verließ Burne-Jones die Society und schloss sich der zweiten Generation der Präraffaeliten und seinem Freund Morris näher an.

Trotz aller Individualität hatten die Präraffaeliten eine präzise Maltechnik zur Grundlage ihres Schaffens gewählt. Ab 1853 sollten weitere Einflüsse verarbeitet werden: venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts (Tizian), japanische Keramiken, erotische Frauenporträts aus Fernost und islamische Ornamentik. Der Realismus von Hunt, Millais und Brown sollte sich, wie von den Mitstreitern selbst beobachtet, nicht mit der poetischen Freiheit von Rossetti und Edward Burne Jones vertragen. Burne-Jones lehnte beispielsweise die hellen Farben und die lackartige Malweise der frühen Gemälde der Präraffaeliten ab und entwickelte durch Beimischen von Kreide einen staubigen und manchmal „schmutzigen“ Effekt. Der Durchbruch gelang Burne-Jones Anfang der 1880er Jahre: 1885 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Royal Academy gewählt. Er stellte allerdings 1886 mit „Die Tiefen des Meeres“ nur ein einziges Mal in der Royal Academy aus. In der Folge sind seine Werke in London in der Grosvenor Gallery bzw. der New Gallery (Retrospektive 1892!) oder auf internationalen Großausstellungen zu sehen. Seine steigende Popularität brachte dem Maler 1894 die Erhebung in den Adelsstand ein.

Edward Burne-Jones und die Arts and Crafts-Bewegung

William Morris und Edward Burne-Jones lernten einander 1853 am Exeter College in Oxford kennen, wo sie ihr Theologiestudium aufnahmen. Sie begeisterten sich für die Schriften von Alfred Tennyson und Thomas Malorys „Le mort d'Arthur“ aber auch für die Bilder von William Holeman Hunt und Dante Gabriel Rossetti. Nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatten, wandten sich beide der Kunstproduktion zu und formten ab 1861 die Ideale der Präraffaeliten zur britischen Arts and Crafts-Bewegung weiter: Kunst, Poesie und Kunsthandwerk sollten zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Legendär ist die von Morris und Burne-Jones gemeinsam herausgegebene und illustrierte Gesamtausgabe Chaucers, die sie bei Kelmscott Press publizieren.

Morris gründete 1861 gemeinsam mit sieben Partnern – Peter Paul Marshall, Charles Faulkner, Dante Garbiel Rossetti, Edward Burne-Jones, Philip Webb und Frod Maddox Brown – die Firma Morris, Marshall, Faulkner & Company. Die Gruppe untersuchte die Beziehungen zwischen Kunst, Musik und Poesie. Dabei gingen die Künstlerinnen und Künstler über die traditionellen Medien der Kunstproduktion weit hinaus und nutzten Möbel, Textilien, Keramik, Tapeten, Glasfenster wie auch die Gestaltung und Illustration von Büchern. Burne-Jones arbeitete in dieser Firma als Entwerfer von Kirchenfenstern, Textilien, Teppichen und Keramikfliesen. Die Schönheit der Entwürfe und die hochqualitativen Ausführungen sollte die Kunst der Sozialreformer einem breiteren Publikum zugänglich machen. Das Graham Klavier (1879/80) zeigt außen wie innen Szenen aus der Geschichte von Orpheus und Eurydice. Tapisserien - wie jene zum Heiligen Gral - entstanden ab 1890.

Morris erhielt von Burne-Jones Glasfenster und Tapisserien, während Familienmitglieder mit Porträts bedacht wurden und für Burne-Jones Modell stehen mussten. Die Porträts von Burne-Jones heben sich deutlich von den modischen Gesellschaftsporträts ihrer Zeit ab (vgl. John Singer Sargent). Die idealisierten Gesichter sind mit einer kargen Komposition und reduzierte Farbpalette in kontrastreiche Szene gesetzt.

Perseus-Zyklus (1875–1898)

Der Perseus-Zyklus (1875–1898) basiert auf einer Reihe von griechischen Mythen und erzählt grosso modo die heroische Geschichte eines irrenden Ritters und des Triumphs von Gut über Böse. Perseus, der Sohn des Zeus, soll die Gorgo Medusa töten und die schöne Andromeda befreien. Schon seit der Renaissance wurde diese Geschichte von TizianPeter Paul Rubens und Eugène Delacroix als Bildmotiv umgesetzt. Burne-Jones bezog sich in seinen Bildern auf William Morris‘ Versepos „The Earthly Paradise. The Doom of King Acrisius”.

Der aus zehn Gemälden bestehende Zyklus war für den britischen Staatsmann und Kunstmäzen Arthur Balfour (1848–1930) bestimmt. Dieser musste für das Werk von Edward Brune-Jones im Gesellschaftszimmer seines Londoner Hauses in Carlton Gardens 4 Fenster farbig verglasen und Türen versetzen lassen, um den Raum für den Gemäldezyklus vorzubereiten. 1875/76 legte Burne-Jones drei farbige Entwürfe vor. Darin plante der Maler die sechs Gemälde mit vier Flachreliefs zu kombinieren. Im nächsten Schritt führte Burne-Jones zehn großformatige Farbstudien aus (1876–1885), die seit 1934 in der Southampton City Art Gallery verwahrt werden. Der Maler arbeitete mit Unterbrechungen zehn Jahre an der Serie, ohne sie vor seinem Tod 1898 zu vollenden.

Zur Vorbereitung fertigte Burne-Jones ein 1:1-Modell des Monsters aus Wachs an, das sogar fotografiert wurde. Schlussendlich stellte Burne-Jones nur vier der zehn Bilder fertig. Die Kartons befinden sich in der Southampton City Art Gallery und die ausgeführten Bilder seit 1971 in der Staatsgalerie Stuttgart.

  • The Call of Perseus [Die Berufung des Perseus], Karton (Southampton Art Gallery).
  • Perseus and the Graiae [Perseus und die Graien], Öl/Lw (Staatsgalerie, Stuttgart), Studie (Privatsammlung), Skizzen in der Cecil Higgins Gallery, Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Arming of Perseus or Perseus and the Nereids (Sea Nymphs) [Die Bewaffnung des Perseus oder Perseus und die Neriden (Meernymphen)], Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Finding of Medusa [Die Auffindung der Medusa], Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Death of Medusa I [Der Tod der Medusa I], Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Birth of Pegasus and Chrysaor [Die Geburt von Pegasus und Chrysaor], Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Rock of Doom [Der Schicksalsfelsen], Öl/Lw (Staatsgalerie, Stuttgart), Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Doom Fulfilled [Das erfüllte Schicksal], Öl/Lw (Staatsgalerie Stuttgart), Karton (Southampton Art Gallery).
  • The Baleful Head [Das Schreckenshaupt], Öl/Lw (Staatsgalerie, Stuttgart), Karton (Southampton Art Gallery).
  • Atlas turned to Stone [Atlas in Stein verwandelt], Karton (Southampton Art Gallery).

Briar Rose-Zyklus (1885–1890)

Der Briar Rose-Zyklus (1885–1890) umfasst vier Gemälde, jedes nahezu drei Meter lang: „The Briar Wood [Der Prinz betritt den Dornenwald]“, „The Council Chamber [Das Ratszimmer]“, „The Garden Court [Der schlafende Hofstaat]“ and „The Rose Bower [Das schlafende Dornröschen]“. Das erste Bild, „The Briar Wood“, zeigt den Prinzen, der den Dornenwald betritt und schlafende Soldaten entdeckt, gefolgt vom schlafenden König mit seinem Rat, schlafenden Weberinnen im Garten und dem schlafenden Schneewittchen mit seinem Gefolge. Zehn schmale Paneele verbinden die Gemälde in der Wandvertäfelung mit dem Salon. Edward Brune-Jones verwendete seine eigene Tochter Margaret als Modell für Schneewittchen. Noch heute befinden sich die monumentalen Werke in jenem Haus, für die sie Alexander Henderson, späterer Lord Faringdon, 1890 gekauft worden sind – Buscot Park in Oxfordshire.

Als der Briar Rose-Zyklus in der Agnews Gallery in London 1890 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, kamen Tausende um das Werk zu bestaunen. Übertroffen sogar noch als der Gemäldezyklus für freien Eintritt in der Toynbee Hall im East End gezeigt wurde. Edward Burne-Jones widmete sich einer fantastischen Welt und hatte damit großen Einfluss auf Literatur- und Filmgeschichte. So kann man J. R. R. Tolkien im „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ als „reine Burne-Jones“ bezeichnen, wie es Kuratorin Alison Smith von der Tate Britain jüngst tat (→ Edward Burne-Jones in der Tate Britain).

In der Nacht zum 17. Juni 1898 verstarb Sir Edward Burne-Jones in London; er wurde in Rottingdean beigesetzt.

„All are the work of a man who was unable to find beauty in the present, as Whistler and the Impressionists have done, and who preferred to live in the past or rather in an ideal world of his own creation unlike either past or present, and suggesting nothing of the future.“ (Roger Riordan, Nachruf auf Edward Burne-Jones in der New York Times, 1898)

Beiträge zu Edward Burne-Jones

4. Juni 2018
Edward Burne-Jones, Phyllis and Demophoön [Phyllis und Demophon], Detail, 1870, Aquarell/Papier, 93 x 47 cm (© Birmingham Mueums Trust)

Edward Burne-Jones in der Tate Britain Zyklen zu Briar Rose und Perseus erstmals in einer Ausstellung

Auch heute noch zählt Burne-Jones mit seinen verträumten Mädchen und muskulösen Helden in melancholisch-romantischen Landschaften zu den beliebtesten Malern der britischen Kunst. Er beeinflusste Generationen von Künstlern, darunter Pablo Picasso. Anlässlich der 120. Wiederkehr seines Todestages zeigt die Tate Britain eine umfassende Schau und vereint erstmals die Zyklen zu Briar Rose und Perseus.
25. November 2013
John Everett Millais, Mariana, 1850-1851, oil on mahogany, 59.7 x 49.5 x 1.5 cm (23 1/2 x 19 1/2 x 9/16 in.)framed: 87.6 x 76.7 x 5.5 cm (34 1/2 x 30 3/16 x 2 3/16 in.), Tate. Accepted by HM Government in lieu of tax and allocated to the Tate Gallery 1999.

Britische Aesthetic movement und Arts and Crafts-Bewegung Viktorianische Avantgarde, Teil 3

Nachdem 1853 sich die Bruderschaft der Präraffaeliten aufgelöst hatte, fanden sich rund um Dante Gabriel Rossetti und Ford Madox Brown erneut junge Künstler, die von den Leistungen der Älteren begeistert waren und in diesem Sinne weiterarbeiten wollten. William Morris und Edward Burne-Jones formten ab 1861 die Ideale der Präraffaeliten zur britischen Arts and Crafts-Bewegung weiter: Kunst, Poesie und Kunsthandwerk sollten zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen.
24. November 2013
John Brett, Glacier at Rosenlaui, 1856, oil on canvas, 44.5 x 41.9 cm (17 1/2 x 16 1/2 in.), Tate. Purchased 1946.

Präraffaeliten: Das Ende der Bruderschaft Viktorianische Avantgarde, Teil 2

Ein wichtiger Aspekt der präraffaelitischen Malerei ist die überaus genaue Beschäftigung mit der Natur. Genaueste Beobachtung und detaillierte Schilderung der „Hintergründe“ stehen in vielen Gemälden in einem fast konkurrierenden Verhältnis zu den Figuren. John Ruskin und Anhänger des „gothic revival“ boten den jungen Künstlern in den 1840ern genauso wie die aufkommende Fotografie die theoretische Basis dafür. Mit zunehmendem Erfolg sollte jedoch die Bruderschaft ihre einigende Kraft verlieren und die Mitglieder ab 1853 eigene Wege gehen. Einige von ihnen wurden zu den Mitbegründern der Arts and Crafts-Bewegung.
17. Juni 2010
Frederic Leighton, Flaming June, 1895, Öl auf Leinwand, 119,1 x 119,1 cm (Collection Museo de Arte de Ponce. The Luis A. Ferré Foundation, Inc., Ponce, Puerto Rico), Foto: John Betancourt.

Schlafende Schönheit Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce

Das Museo de Art de Ponce aus Puerto Rico leiht dem Belvedere, Wien, einige seiner wertvollsten Gemälde der Viktorianischen Malerei, darunter „Flaming June“ (1894–1895) von Frederic Lord Leighton (1830–1896) und „Der Schlaf des Arthus auf Avalon“ (1881–1898) von Edward Burne-Jones (1832–1898). Der Industrielle, Kunst- und Musikliebhaber Don Luis Alberto Ferré Aguayo gründete 1959 das Museum, in das er 71 Gemälde der europäischen Kunstgeschichte einbrachte. Bilder von Alten Meistern wie von Teniers dem Jüngeren und Rubens reihen sich seither an Werke des englischen 19. Jahrhunderts und der zeitgenössischen karibischen Kunst.