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Frieze Masters 2017: Von Egon Schiele bis zum ägyptischen Sarkophag Kunst aus mehreren Jahrtausenden mit Fokus aber auf dem 20. Jahrhundert

Paul Klee, Blumen in Gläsern, Detail, 1925 bei Dickinson © Galerie, Foto: Eva Pakisch

Paul Klee, Blumen in Gläsern, Detail, 1925 bei Dickinson © Galerie, Foto: Eva Pakisch

Nicht unbedingt die Alten Meister, sondern die Meister des 20. Jahrhunderts bildeten den Schwerpunkt der Frieze Masters, die in 14 Gehminuten Entfernung zur Schwestermesse ebenfalls im Regent’s Park über die Bühne ging. Der Frieze London-Ableger, der heuer zum sechsten Mal stattfand, zählte 130 Aussteller.

Expressionismus in Europa

Die Galerie Dickinson (London) stellte ihren Stand in das Zeichen des „Expressionismus in Europa“, wobei man aber überwiegend Künstler der Brücke und des Blauen Reiter im Programm hatte (→ Farbenrausch. Werke des deutschen Expressionismus). Um 2,7 Mio. Pfund zum Verkauf stand ein Ölgemälde von Paul Klee („Blumen in Gläsern“, 1925 → Paul Klee. Bilder voller Poesie), das sich nach wie vor im von dem Künstler gefertigten Originalrahmen befindet und bisher auch noch nie gereinigt worden ist. „Das kommt quasi aus dem Atelier“, unterstrich der Galeriedirektor. Von Alexej von Jawlensky waren drei Kopf-Studien aus den Jahren 1916, 1917 und 1921 zu sehen, wobei die erste noch stark vom Expressionismus geprägt war, während die Physiognomie des Gesichts in der dritten Studie schon beinahe abstrakt wirkte (je 1,6 Mio. Pfund). Von Ernst Ludwig Kirchner hatte man unter anderem das sehr harmonische wirkende Gemälde „Zwei nackte Mädchen am Berg“ (1921, 2,5 Mio. Pfund) erwerben. Weiteres Highlight war ein frühes Aquarell von Egon Schiele („Liegendes Mädchen mit roter Bluse“, 1908). Noch stark dem Jugendstil verpflichtet, war hier noch kaum etwas von den später für den Künstler typisch werdenden Verrenkungen, Verzerrungen und Deformationen (615.000 Pfund) zu erkennen.

 

 

Im Zeichen einer Künstlerfreundschaft: Alexander Calder und Joan Miró

Die Galerie Thomas (München) widmete ihren Stand mit Alexander Calder und Joan Miró zwei Künstlern, die lebenslang in einem künstlerischen und freundschaftlichen Dialog miteinander standen. „Verwandt im kompositorischen, formalen und ästhetischen Ansatz, verband die beiden die Suche nach einer neuen Sprache in der Kunst“, erläuterte Heide Grossmann, die Direktorin der Galerie. Präsentiert wurden Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier. Als „besondere Juwelen“ bezeichnete Grossman ein 1,60 Meter durchmessendes Mobile von Alexander Calder („Black Tulip in the Air“, 1975) sowie ein kleinformatiges Ölgemälde von Joan Miró, das einen grünen Mond sowie einen blauen Stern zeigt und in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die in eine Sternschnuppe verliebt ist („Femme amoureuse de l’étoile filante“, 1966).

 

 

Black Art Movement bei Michael Rosenfeld

Die Galerie Michael Rosenfeld (New York) widmete ihren Stand parallel zur grandiosen Ausstellung „Soul of a Nation“ in der Tate Modern den Vertretern des Black Art Movement. Zu sehen waren hier etwa die kubistischen Mixed Media-Collagen von Romare Bearden, die aus gefundenen Materialien gefertigten Assemblagen von Betye Saar oder ein Gemälde des abstrakten Malers William T. Williams.

 

 

Gagosian erinnerte an „Bilderstreit“

Mit „Remembering Bilderstreit“ betitelte die Galerie Gagosian (London) ihre Präsentation. Bei „Bilderstreit“ handelte es sich um eine legendäre Ausstellung, die 1989 in Köln auf 10.000 Quadratmetern mehr als 1.000 Werke von insgesamt 127 Künstlern versammelte. Eine der Ideen, die man mit der Schau verfolgte, war die Gegenüberstellung oder Konfrontation von Werken, die in ihrer Erscheinung radikal unterschiedlich waren und dennoch ähnliche Ziele verfolgten. Bei der Frieze Masters brachte man in Anlehnung daran die neoexpressiven Gemälde von Georg Baselitz und die coolen grafischen Interventionen von Roy Lichtenstein zusammen (→ Roy Lichtenstein. Bilder in Schwarz und Weiß). Beide Künstler nahmen bereits an der Ausstellung von 1989 teil, wie damals beschränkte sich Gagosian auf Werke aus den 1980er Jahren, eines davon, Lichtensteins „Paintings: Oriental Still Life“ (1984), war bereits in der Originalschau zu sehen.

 

 

Enrico Baj's Wohnzimmer

Luxembourg & Dayan (London) und Gió Marconi (Mailand) stellten mit ihrer Installation „The Artists Home“ das Wohnzimmer des italienischen Avantgardisten Enrico Baj nach. Mit seinem Haus, das mit Gemälden und Skulpturen gefüllt war, schuf der Künstler ein Gesamtkunstwerk. Am Stand wurden sowohl einige von dessen bekanntesten Gemälden und Collagen als auch ein Sofa aus der Villa mit von Baj selbst gefertigten Kissen präsentiert.

 

Eleanor Antin in der Sektion „Spotlight“

Die Sektion „Spotlight“ zeigte Künstlerinnen und Künstler, die bisher zu wenig Anerkennung erfahren haben und deren Werk einer Neubewertung unterzogen werden sollte. Ein Stand war dabei der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin und Fotografin Eleanor Antin gewidmet. Zu sehen war deren bekannteste Serie „100 Boots“ (1971–73), Fotografien von schwarzen Gummistiefeln an verschiedenen Orten, die auf mysteriöse Weise leer wirken (zu dieser Serie → open spaces | secret places).

 

Dialog zwischen klassischer und zeitgenössischer Kunst

Freunde der klassischen Kunst kamen etwa bei Colnaghi (London) auf ihren Kosten, der eine „Vanitas“ von Andrés de Leito, einem spanischen Maler des 17. Jahrhunderts, präsentierte. Salomon Lilian (Amsterdam) hatte erst kürzlich entdeckte Werke der niederländischen Altmeister Jacob Jordaens und Simon Luttichuys im Gepäck. Traditionelle Kunst aus Indien, Tibet und Nepal und Surrealismus setzt man bei der Londoner Galerie Prahlad Bubbar in einen Dialog. Eine mit einer Zeichnung von Salvadore Dalí versehene Kopie des von Paul Eluard und André Breton verfassten Textes „L’Immaculée Conception“ mit handschriftlichen Notizen der beiden Surrealisten stand im Zentrum der Präsentation. Weitere Highlights waren eine doppelbelichtete Aktaufnahme von Man Ray („Demain“, 1929/62) sowie ein kosmisches Diagramm aus Nepal (18. Jhdt.), Minitaturgemälde aus verschiedenen Teilen Indiens (17. bis 19. Jhdt.) und antike Terrakotta-Figuren aus dem 3. Jahrhundert vor Christus.

Doch auch anderenorts versuchte man sich an Gegenüberstellungen. So konfrontierten die Galerien Salon 94 und Antiquarium Ltd. (beide New York) an ihrem gemeinsamen Stand antike Kunst aus Ägypten mit zeitgenössischer Kunst. Augenfälligste Kombination war dabei die von Niki de Saint Phalle’s goldenem Thron mit Vogelkopf („Horus“, 1990) und einem ägyptischen Sarkophag.

 

 

Frieze Masters 2017: Bilder

  • Jerónimo Jacinto de Espinosa bei Caylus © Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Hans Bellmer bei David Lévy © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Ernst Ludwig Kirchner bei Dickinson © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Paul Klee, Blumen in Gläsern, Detail, 1925 bei Dickinson © Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Paul Klee, Blumen in Gläsern, 1925 © Galerie Dickinson
  • Egon Schiele bei Dickinson © Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Emil Nolde bei Dickinson © Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Antony Gormley und Georg Baselitz bei Thaddaeus Ropac © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Tony Cragg bei Thaddaeus Ropac © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • William T. Williams bei Michael Rosenfeld © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Tom Wesselmann bei Almine Rech Gallery © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Alexander Calder und Jóan Miro bei Galerie Thomas © Künstler und Galerie, Foto: Eva Pakisch
  • Ernst Ludwig Kirchner, Nächtliche Phantasielandschaft in Grün und Schwarz, 1930–1932, Öl/Lw, 110 x 150 cm (courtesy Gallery Dickinson, London)