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Giuseppe De Nittis Impressionist und Realist

Giuseppe de Nittis, La National Gallery à Londres © Petit Palais/Roger Viollet.

Giuseppe de Nittis, La National Gallery à Londres © Petit Palais/Roger Viollet.

Der italienisch-stämmige Maler Giuseppe De Nittis (1846-1884) lebte ab 1867 in Paris und stellte zwischen 1869 und 1884 am Pariser Salon aus. Nachdem er Edgar Degas kennengelernt hatte, lud ihn dieser 1874 ein, sich an der ersten Impressionistenausstellung in Nadars Fotoatelier mit fünf Werken zu beteiligen. Da De Nittis' Galerist Goupil dem Künstler geraten hatte, sich nicht im Kreis der Impressionisten zu bewegen und stattdessen weiter am Salon auszustellen, trennte sich der Italiener von seinem langjährigen Geschäftspartner. Sein finanzieller Erfolg durch die Unterstützung des Bankiers Kaye Knowles, der zehn Ansichten von London bei De Nittis bestellte, ermöglichte Giuseppe De Nittis aus dem Vertrag mit Goupil auszusteigen und seinen eigenen Weg einer realistisch-impressionistischen Malerei zu verfolgen.

 

Giuseppe De Nittis – Maler der Pariser Gesellschaft

De Nittis verstand sich als ein Maler der Pariser Gesellschaft, fand in den Salons und bei den Pferderennen in Longchamp seine Motive, beobachtete die Boulevards und hielt dabei gesellschaftliche Unterschiede fest. Dass gerade Edgar Degas den am Salon bereits erfolgreich sich präsentierenden Maler einlud, an der ersten Impressionisten-Ausstellung 1874 teilzunehmen, verwundert nicht. Immer sind De Nittis' Bilder elegant, was schon die Zeitgenossen feststellten, erzählerisch und manchmal erinnern sie in den Details und der Genauigkeit der Ausführung an fotografische Aufnahmen. Es sind aber die Lebendigkeit und die Geschwindigkeit des städtischen Lebens, die seine Bilder modern machen. So schrieb die Zeitung „la vie parisienne“ über sein 1875 am Salon ausgestelltes Gemälde „Place de la Concorde“:

„Die Place de la Concorde wird von kleinen Figuren überquert, das einzige mit Witz erfüllte und mit dem Aussehen von Modernität gefühlte [Gemälde]. Das einzige in der gesamten Ausstellung!“

 

So zeigt sich, dass De Nittis bereits in den 1870ern in London das Parlament, oder besser gesagt die Westminster Bridge davor, gemalt hatte, dass dieser jedoch im Vergleich zu seinem französischen Zeitgenossen Claude Monet, der erst um 1900 dieses Motiv wiedergab, noch die Brücke mit „Flaneuren“ aus der Arbeiterklasse bestückt. Ihre Gewänder sind zerrissen, ihre Körper von der harten Arbeit geprägt. Während sich Monets Parlament in Farbnebel fast völlig auflösen wird und dabei jegliche Schwere verliert (das Tagebuch Monets belegt, dass der Künstler nur an den Effekten von Smog und Nebel interessiert war und das Sonnenlicht „scheute“), verbindet De Nittis Gebäude und Arbeitervolk. Ob er damit die Funktion der konstitutionellen Monarchie andeuten oder Kritik an den Lebensumständen der Arbeiterschicht üben wollte, lässt sich aus dem Bild allein nicht ablesen. Als einer der führenden Exponenten des „malerischen Japonismus“ ist das Spätwerk von De Nittis von einer freien Pinselschrift geprägt, hier verschwimmen auch die Grenzen zwischen Studien und ausgeführten Werken. Seine Versuche Fächer „à la japonnaise“ zu gestalten, gehören sicherlich zu den innovativsten und originellsten Schöpfungen dieses Künstlers gegen Ende des Jahrhunderts.

 

 

 

 

Biografie von Giueppe De Nittis (1846-1884)

Am 25. Februar 1846 wurde Giuseppe De Nittis in Barletta als Sohn reicher Grundbesitzer geboren. Er hatte drei Brüder. Sein Vater wurde für seine liberalen Ideen eingesperrt. Giuseppe De Nittis und seine Brüder wurden daher von ihrem Onkel und ihrer Tante erzogen.
1849 Tod der Mutter (13.5.).
1856 Selbstmord seines Vaters.
1858 Tod des Onkels Vincenzo, dem Architekten der Saline von Barletta.
1860 Umzug nach Neapel. Er genoss den Schutz von Graf Cirelli.
1861 Aufnahme in die Akademie der schönen Künste von Neapel.
1863 Wegen disziplinärer Schwierigkeiten von der Akademie geflogen.
1863 In Begleitung von Adriano Cecioni, de Marco De Gregorio und de Federico Rossano gründete Giuseppe de Nittis die Schule von Resina.
1867 Reise nach Paris (August bis September). Lernte den Maler E. Brandon und den Kunsthändler Goupil kennen. Im Oktober hielt er sich in Florenz auf. In dieser Zeit malte De Nittis Historiengemälde in der Nachfolge von Meissonier und Fortuny.
1868 Umzug nach Frankreich im Juni. De Nittis mietete ein Zimmer in einer Pension in Bougival.
1869 Hochzeit mit Léontine Gruvelle (29.4.), die 26 Jahre alt war und aus Blois kam. Léontine war die Adoptivtochter eines „großen Kostümiers von Paris“ (Goncourt). Erste Teilnahme am Salon. Goupil und Reitlinger bestellten mehrere Gemälde bei De Nittis. Das Ehepaar zog in ein Haus zwischen Bougival und Rueil (La Jonchère).
1870 De Nittis schickte zwei Gemälde in den Salon: „La Femme aux perroquets“ und „Une Réception intime“ wurden von Cecioni kritisiert, da sie zu sehr von Fortuny beeinflusst wären. Edouard Manet und De Nittis tauschten Gemälde („Au jardin“). De Nittis malte La Grenouillère in Begleitung der Impressionisten. Umzug nach Barletta (14.11.) wegen des deutsch-französischen Kriegs.
1872 Aufenthalt in Herculanum, das durch einen Ausbruch des Vesuvs zerstört worden war. Teilnahme am Salon mit „La Route de Naples à Brindisi“. Das Gemälde brachte ihm eine Erwähnung ein. Geburt seines Sohnes Jacques (19.6.). Der Maler und Sammler Gustave Caillebotte wurde dessen Taufpate.
1873 Rückkehr nach Paris. Mit zwei Gemälden Teilnahme am Salon: „Les Cratères du Vésuve avant l’éruption de 1872“ und „La Descente du Vésuve“. Der Maler wohnte in der Avenue du Bois de Boulogne 64 (heute: Avenue Foch).
1874 Brief an Cecioni (5.4.), in dem er seinen Bruch mit der offiziellen Malerei erklärte. Anfrage, ob er ihn im „Giornale artistico“ veröffentlichen könnte. Mit drei Gemälden am Salon vertreten: „Conduite au Bois“ (zurückgewiesen). „Fait-il froid!, Dans les blés!“ Mit weiteren fünf Gemälden auf der ersten Ausstellung der Impressionisten vertreten. Löste seinen Vertrag mit Goupil.
1875 Über Vermittlung von Desboutin machte Giuseppe de Nittis die Bekanntschaft mit Jules Claretie, der ein großer Bewunderer seiner Malerei wurde. Aufenthalt in London. Stellte am Salon „Place de la Concorde“ und „Vue de Bougival“ aus.
1876 Teilnahme am Salon mit „La Place des Pyramides“ und „Sur la route de Castellammare“. Im März stellte er im Cercle des Mirlitons aus. Jules Claretie schrieb einen Beitrag über De Nittis in „La Presse“. Er erhielt am Salon eine Goldmedaille der dritten Klasse.
1877 Erwarb vermutlich auf der dritten Impressionisten-Ausstellung 1877 „Les Dindons“ von Monet. Aufenthalt in London. Stellte am Salon „Paris vu du Pont royal“ und zwei Aquarelle aus, die Degas in einem Brief an Léontine lobte.
1878 Machte die Bekanntschaft von Edmond de Goncourt. Teilnahm am Salon mit „Coin de boulevard“. Teilnahme an der Weltausstellung mit drei Werken. Aufnahme in die Ehrenlegion als Ritter.
1879 Mitarbeit an der Zeitschrift von Émile Bergerat „La Vie moderne“ (Entwurf des Covers). Stellte dreißig Werke in London (King Street Galleries) aus. Brach mit Adriano Cecioni.
1880 Erwarb ein neues Haus in der Rue Viète 3 im Viertel Monceau. Stellte nicht am Salon aus.
1881 Stellte neuerlich nicht am Salon aus. Das Ehepaar De Nittis führte ein glanzvolles, mondänes Leben.
1882 Organisirte in der Galerie Georges Petit eine internationale Gruppenausstellung. Er stellte fünfzig Werke aus.
1883 Teilnahme am Salon mit vier Gemälden. „Les Ruines des Tuileries“ wurde vom Staat angekauft. De Nittis kaufte von Goupil „La Place des Pyramides“ und „Le donne au Musée du Luxembourg“ zurück. Nahm wieder an einer internationalen Gruppenausstellung in der Galerie Georges Petit teil. Reise nach Neapel in Begleitung von Edmond de Goncourt.
1884 Erfuhr, dass gefälschte Werke im Umlauf waren. Beschickte den Salon mit „La Gardeuse d’oies“, „Le Déjeuner“, „Fleur d’automne“.
Giuseppe de Nittis starb am 21. August 1884 an einem Hirnschlag in seinem Landhaus in Saint-Germain en-Laye.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.