Paris | Musée d’Orsay: Renoir und die Liebe

Pierre-Auguste Renoir, Tanz in Bougival, Detail, 1883, Öl auf Leinwand, 181.9 x 98.1 cm (Museum of Fine Art, Boston)
Pierre-Auguste Renoir, einer der wichtigsten Maler des Impressionismus, muss neben Édouard Manet, Edgar Degas, Claude Monet und Gustave Caillebotte als einer der großen Schilderer des modernen Lebens des 19. Jahrhunderts betrachtet werden. Zwischen Mitte der 1860er und 1880er Jahre entwickelte er einen fließenden und leichten Malstil, der durch Licht und Farbe die Kompositionen zum Strahlen bringt. Zudem widmete er sich neuen Themen, die sich auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen konzentrierten (→ Pierre-Auguste Renoir: Biografie).
Erstmals vereint „Renoir und die Liebe“ jene „Szenen des modernen Lebens“, die den Künstler berühmt machten. Unter den 60 ausgestellten Werken befinden sich 57 Gemälde, eine Skulptur und zwei Grafiken. Gleichzeitig offenbart „Renoir der Zeichner“ anhand von rund 100 selten gezeigten Arbeiten auf Papier das ganze Ausmaß seines Talents in den grafischen Techniken. Gemeinsam erlauben sie einen Einblick in Renoirs außergewöhnliches Talent, sein Streben nach revolutionären Bildlösungen und kameradschaftlicher Liebe.
Renoir et l'amour [Renoir und die Liebe]
Frankreich | Paris: Musée d‘Orsay
17.3. – 19.7.2026
- Auguste Renoir (1841–1919), Frau mit Sonnenschirm in einem Garten, 1875, Öl auf Leinwand, 54,5 x 65 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid.
Renoir und die Liebe 2026 in Paris
Mit seinen Darstellungen freigeistiger Paare, unkonventioneller Freunde, koketter Gespräche und geselliger Mittagessen entfalte Renoir eine tiefgründige Reflexion über seine Zeit und über die Liebe. Dabei nutzte er die romantische Liebe weniger als Motiv, sondern als Methode und malerisches Prinzip: Malerei war für Renoir eine Kunst der Verbindung. Seine glückliche, schamhafte und zärtliche Gestaltung, die frei von jeglichen sentimentalen, schwülstigen oder dramatischen Elementen ist, unterscheidet Renoir von anderen Malern seiner Zeit. Die Liebe war die zentrale Triebfeder seines Werks. Die Ausstellung im Musée d'Orsay bietet einen neuen Blick auf Gemälde, die so berühmt sind, dass ihre Radikalität heute nur noch schwer zu erkennen ist.
Zum ersten Mal seit 1985, dem Jahr der letzten Renoir-Retrospektive im Pariser Grand Palais, werden einige der größten Meisterwerke des Künstlers und des Impressionismus in Frankreich zusammengeführt. Diese Einschätzung des Musée d'Orsay dürfte mit Blick auf die Ausstellung nicht übertrieben zu sein. Im Frühjahr 2026 stellt die berühmte Impressionismus-Sammlung die Frage nach der Liebe - von romantischer Liebe bis Mutterliebe. Rund um Renoirs frisch restauriertem „Ball im Moulin de la Galette“ (1876, Musée d'Orsay) finden sich weitere berühmte Gemälde, darunter „La Grenouillère“ (1869, Nationalmuseum, Stockholm), „Die Schaukel [La Balançoire]“ (1876, Paris, Musée d’Orsay), „Die Loge [La Loge]“ (1874, The Courtauld Gallery, London), „Die Regenschirme“ (um 1881/85, The National Gallery of Art, London). Aus Amerika kommen „Das Frühstück der Ruderer“ (1881, The Phillips Collection, Washington), „Der Spaziergang“ (1870, J. Paul Getty Museum, Los Angeles) sowie „Tanz in Bougival“ (1883, Museum of Fine Art, Boston) und „Badende, Versuch dekorativer Malerei (Die großen Badenden)“ (1884–1887, Philadelphia Museum of Art).
- Pierre-Auguste Renoir, Mittagessen im Restaurant Fournaise (Mittagessen der Ruderer), 1875, Öl auf Leinwand, 55 × 65.9 cm (Art Institute of Chicago, Collection Potter Palmer)
Renoir, Maler der Liebe
Geboren in eine Familie eines kleinbürgerlichen Pariser Handwerkers, sein Vater war Schneider, seine Mutter Näherin, begann Renoir seine Karriere als Porzellanmaler und wandte sich erst spät der „hohen Kunst“ zu. Er studierte im Atelier des akademischen Malers Charles Gleyre und an der École des Beaux-Arts, wandte sich aber bald dem Realismus von Gustave Courbet und Edouard Manet zu. Renoir wählte Sujets aus der zeitgenössischen Welt und setzte sie mit kühnem Pinselstrich in leuchtenden Farben um. Sein Werk offenbart nach und nach eine besondere Vorliebe für die Darstellung von Freundschaft und Liebe sowie für Themen, die er immer wieder aufgreifen sollte: das junge Paar, das Essen, die Menschenmenge und den Akt.
Orte der Liebe
Der Künstler verortet die Beziehungen und Handlungen seiner Bilder im öffentlichen Raum: an den neuen, modernen Orten der Geselligkeit wie Theater, Restaurants, Heurigen und Boulevards oder in der Natur. Diese Orte wurden von verschiedenen Gesellschaftsschichten besucht. Diese populären „Bühnen” der modernen Liebe begünstigten eine größere Freiheit der Sitten und die Entfaltung „illegitimer” Liebe in einer Zeit, in der bürgerliche Konventionen und religiöse Moralvorstellungen Liebes- und Sexualbeziehungen noch stark regulierten. Auch wenn seine Darstellungen weiterhin von traditionellen Geschlechterstereotypen geprägt sind, lässt Renoir die Erinnerung an die „galanten Feste“ von Watteau, Boucher oder Fragonard wieder aufleben, um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen neu zu verzaubern und dabei unterschwellig die Frage nach dem männlichen Begehren und der weiblichen Zustimmung zu stellen.
Sozialer und emotionaler Austausch
Renoir belässt es jedoch nicht bei Verführungsspielen. Seine Paare sind oft in ein großes Netz sozialer und emotionaler Interaktionen eingebettet (Freunde, Eltern, Kinder usw.). Die Liebe leitet seine Inspiration: Er versteht sie als grundlegende Kraft, die die Wesen untereinander und mit der Natur verbindet. Malerei sollte seiner Meinung nach „eine liebenswerte, fröhliche und hübsche Sache“ sein. Sein Blick und sein Pinsel verbinden Gesten, Blicke, Körper und Hintergründe zu Kompositionen, die für sich allein stehen.
In der entscheidenden Phase der 1860er und 1870er versuchte er sich mehrmals an großformatigen Gemälden mit Szenen moderner Geselligkeit. Bilder wie „Le cabaret de la mère Anthony [Die Taverne von Mutter Anthony]“ (1866, Stockholm), „Bal du moulin de la Galette [Ball im Moulin de la Galette]“, „Le déjeuner des canotiers [Frühstück der Ruderer]“ wirken wie Manifeste und Proteste gegen die zunehmende Einsamkeit der städtischen Existenz. Indem Renoir die sozialen Grundlagen und den anklagenden Blick einiger naturalistischer Künstler auf jene Klasse (Gesellschaftsschicht), aus der er selbst stammte, ablehnte, ignorierte er aber auch eine dunkle Realität. Elend, Alkoholismus, Prostitution und die Ausbeutung von Frauen aus der Unterschicht durch bürgerliche Männer, das Schicksal von Mädchenmüttern und verlassenen Kindern. Nur selten spielte er diskret auf diese Realitäten an, die er aus eigenem Erbeben gut kannte.
- Frédéric Bazille, Pierre-Auguste Renoir, um 1868/69, Öl auf Leinwand, 61,2 x. 50 cm (Paris, Musée d’Orsay, dépôt du musée national des Beaux-Arts d’Alger, inv. DL 1970 3 © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
- Renoir, Bazille malt „Der Reiher“, 1867, Öl auf Leinwand, 105 × 73.5 cm (Musée d’Orsay, Paris)
Szenen aus dem Bohème-Leben
Das Leben des Künstlers war geprägt von Freundschaften mit anderen Malern und seiner Liebesbeziehung mit der jungen Lise Tréhot, die um 1865/66 zu seinem Lieblingsmodell und seiner Lebensgefährtin wurde. Für Renoir, der damals in prekären Verhältnissen lebte, war dies eine Zeit des „Bohemien-Lebens“ und der Ablehnung bürgerlicher Normen. Renoir und Lise erkannten die beiden aus ihrer Verbindung hervorgegangenen Kinder nicht an, und ihre Beziehung, die als illegitim (außerehelich) galt, endete um 1872. In dieser Zeit wurden seine im Salon eingereichten Werke abwechselnd angenommen oder abgelehnt, und er erhielt kaum Unterstützung.
Das Porträt „Pierre-Auguste Renoir“ (1867, Musée d’Orsay) von Frédéric Bazille leitet die Ausstellung ein. Der jung verstorbene Bazille gehörte zu den wichtigsten Avantgardisten seiner Generation und war ein treuer Freund Renoirs. Die beiden hatten einander Anfang 1863 im Atelier von Charles Gleyre1 kennengelernt, dort stießen auch Claude Monet und Alfred Sisley rasch zur Gruppe. Gemeinsam malten sie im Wald von Fontainebleau, wo Courbet Renoir riet, seine Palette aufzuhellen, und Camille Pissarro sowie Paul Cézanne zur Gruppe stießen. Mit Bazille teilte sich Renoir 1866 ein Atelier in Paris, wo er seinen Freund an der Staffelei arbeitend malte, während eine Schneelandschaft von Monet an der Wand hängt: „Frédéric Bazille“ (1867, Musée d’Orsay, Paris). In der Ausstellung ist außerdem „Die Gaststätte von Mutter Anthony“ (Sommer 1866, Nationalmuseum, Stockholm) zu sehen, ein Gruppenporträt mit Alfred Sisley und Jules Le Cœur2.
Frühe Akte
Die frühesten erhaltenen Akte Renoirs - der Maler hat vieles aus seinem Frühwerk selbst zerstört - zeigen seine Orientierung an den Alten Meistern wie den Wunsch, etwas Neues zu schaffen. Bilder wie „Eine Nymphe an einem Bach“ (1869–1870, The National Gallery, London) belegen die Suche des jungen Malers nach Wahrhaftigkeit und seine Abkehr vom akademischen Kanon der idealisierten Frau. Was die Salonmalerei der 1860er Jahre, man denke an Alexandre Cabanel, Edouard Manet, Gustav Courbet uvm., an erotischen und sublimierten Akten hervorgebracht hatte, sollte im Werk von Renoir zu einer neuen Form von Realismus gewandelt werden.
- Auguste Renoir, Im Garten (Unter dem Baum der Moulin de la Galette), 1876-1880, Öl-Lw, 81 x 65 cm (Pushkin Museum)
- Pierre-Auguste Renoir, Die Schaukel [La Balançoire], 1876, Öl/Lw, 92 x 73 cm (Paris, Musée d’Orsay Photo © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
Fêtes Galantes
Im Sommer (Oktober) 1869 stellte Renoir zusammen mit Claude Monet seine Staffelei in Croissy vor den Bädern von La Grenouillère auf, um ein großes Gemälde für den Salon vorzubereiten. Die beiden Künstler erkannten hier in der sommerlichen Geselligkeit ein modernes Äquivalent zu Antoine Watteaus „Fête galantes“ und bezeichneten La Grenouillère in jenem Sommer als „ein vorstädtisches Kythera“.3 Die Grenouillère war gleichzeitig Café, Badeanstalt und Bootsanlegestelle am Flussufer und galt als mondäner Treffpunkt, an dem sich ein „elegantes, ausgewähltes, künstlerisches und aristokratisches Publikum“ mit „Männern von zweifelhaftem Ruf“ und „geschminkten Frauen“ mischte.4
Letztendlich entstanden nur Studien, doch heute gelten diese Skizzen [pochades] als die Initialwerke des Impressionismus. Mit breitem und flirrendem Pinselstrich beobachtete Renoir das gesellige Treiben der jungen Pariser:innen auf einer winzigen Insel namens Le Camembert neben dem titelgebenden Ausflugslokal. „La Grenouillère“ (1869) aus dem Nationalmuseum in Stockholm zeigt einen saloppen Umgang der Geschlechter miteinander - ganz im Gegensatz zu den Moralvorstellungen des Zweiten Kaiserreiches.5
Ähnlich verfährt der Maler auch in einem seiner frühen Meisterwerke, „Die Promenade“ (J. Paul Getty Museum, Los Angeles) von 1870. Das Gemälde zeigt einen jungen Mann mit dem bei Ruderern beliebten Strohhut mit rotem Band, der seiner eleganten Begleiterin hilft, einen Weg im Unterholz hinaufzusteigen. Die zurückhaltende Pariserin in ihrem makellosen weißen Sommerkleid dreht sich von ihrem Begleiter weg, so als überlegte sie noch, ob sie diesen Weg weiter beschreiten möchte. Durch eine Reihe schneller, kurzer Tupfer und Striche – mal nass in nass und pastos aufgetragen (der geblümte Hut, das Gesicht und das Kleid der Dame), mal schnell aufgetragen (das Unterholz im Hintergrund, das Gebüsch im Vordergrund) – gelingt Renoir eine nahtlose Verschmelzung von Figuren und Umgebung. Das nur 81.3 × 64.8 cm große Bild ist markant signiert und datiert, was als Zeichen für den Markt gedeutet wird (für den Salon gilt es als zu klein, durch die Signatur ist es keine Skizze). „Die Promenade“, kurz vor dem Ausbruch des Deutsch-französischen Kriegs entstanden, ist eine mutige Interpretation einer Liebelei.6 Renoir nutzte seine eigene Freundin, die damals 22-jährige Lise Tréhot, als Modell für die Pariserin; für den Mann könnte Renoirs jüngerer Bruder, Edmond, Modell gestanden haben. Lise war zu diesem Zeitpunkt ein zweites Mal von Renoir schwanger, was im Gemälde nicht thematisiert wird aber vielleicht die Themenwahl begünstigte. 7
Dennoch: In seinen Gemälden von Paaren und Gruppen vermied Renoir jegliche sentimentale oder anzügliche Anekdoten. Er feierte Freiheit und Gleichberechtigung in Liebesbegegnungen und eine Art „Kameradschaft“ (in den Worten seines Freundes Rivière) zwischen den Geschlechtern und ließ damit den Geist der Fêtes galantes von Watteau und Fragonard, Künstlern, die er bewunderte, wieder aufleben.
„Man muss zu Watteau zurückgehen, um etwas so Charmantes wie ‚Die Schaukel‘ zu finden. Wir erkennen etwas von der Pilgerfahrt zur Insel Kythira, aber mit einer besonders typisch 19. Jahrhundert-Einflüssen.“8
- Pierre-Auguste Renoir, Tanz im Moulin de la Galette, 1876, Öl auf Leinwand, 131,5 x 176,5 cm (Musée d’Orsay, Gustave Caillebotte Bequest, 1896 © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
Tanz im Moulin de la Galette
Wenige Jahre später hatte Renoir seine impressionistische Malweise zur Vollkommenheit gebracht. Nun arbeitete er in Bougival, das ebenfalls an der Seine liegt. Das dort entstandene Gemälde, das aus dem Milwaukee Art Museum nach Paris gekommen ist, lässt sich als heimlich beobachtetes Liebesspiel interpretieren. Obschon der Hund im Vordergrund und die Boote ruhig im Wasser liegen, das Paar beschäftigt sich eher miteinander. Der zur Seite gerutschte Sonnenschirm wird zum Symbol für Zwischenmenschliches, wobei der Spielraum für die Fantasie nahezu grenzenlos ist.
Insbesondere zwischen 1874 und 1877, vertiefte Renoir im Rahmen seiner Teilnahme an impressionistischen Ausstellungen seine Auseinandersetzung mit der Darstellung von Figuren in Landschaften. Er malte vor allem in Montmartre, einem damals noch ländlichen Arbeiterviertel von Paris, wo er 1876 ein Haus mietete. Seine Freunde und Modelle posierten in seinem Garten oder im Tanzsaal Moulin de la Galette, was ihn zu seinem ambitioniertesten Werk des Jahrzehnts inspirierte: „Ball im Moulin de la Galette [Le bal du Moulin de la Galette]“ (1876, Musée d'Orsay).
Das 131,5 x 176,5 cm große Gemälde zeigt eine Szene im beliebten Pariser Ausflugslokal. Die Dargestellten sind Freunde und Freundinnen des Malers, Modelle, Maler, Stammgäste des Lokals, darunter der Schriftsteller Georges Rivière, die Maler Norbert Goeneutte und Franc-Lamy, die im Vordergrund am Tisch sitzen, und ein 16-jähriges Mädchen namens Estelle, die mit ihrer Schwester Estelle auf der Bank sitzt, sowie Frédéric Samuel Cordey.9 Das Hauptwerk des Impressionismus wurde im April 1877 auf der dritten Impressionisten-Ausstellung präsentiert. Bei dieser Gelegenheit machte der Kunstkritiker Georges Rivière die überraschende Beobachtung:
„Die Eltern und die kleinen Kinder setzten sich an die Tische, aßen Kuchen, tranken Wein oder Bier, während die jungen Mädchen bis zur Abendessenszeit tanzten. [...] Die jungen Männer und Frauen, die zum Ball kamen, waren immer dieselben; sie kannen sich alle mehr oder weniger. [...] Renoir, Lamy, Goerneutte und ich waren unter den treuesten Besuchern von Le Moulin de la Galette. [...] Renoir fand dort Modelle, die in seinen Augen den Vorteil hatten, dass sie normalerweise nicht in den Ateliers der Maler Modell standen. Blumenhändlerinnen, Schneiderinnen und Hutmacherinnen. [...] Es ist ein Stück Geschichte, ein kostbares Denkmal des Pariser Lebens, von strenger Genauigkeit.“ (Rivière, 1921)
Montmartre war seit 1860 der 8. Arrondisement [Gemeindebezirk]. Niedrige Mieten lockten eine neue Bevölkerungsgruppe aus Angestellten, Arbeitern und Rentieren an.10 Renoir wohnte seit April 1875 in der Rue Cortot 12, wo er monatlich 100 Francs für zwei Mansardenzimmer und ein Erdgeschoss-Atelier in einem ehemaligen Stall zahlte. Das Moulin de la Galette, ein Open Air Restaurant und Tanzsaal in der Rue Lepic, war Anfang der 1830er Jahre von der Familie Debray auf dem Gelände einer Windmühle eröffnet worden und hatte bis in die Dritte Republik überlebt, obwohl viele andere dem öffentlichen Bauprojekt von Baron Haussmann zum Opfer gefallen waren.11 In den 1870ern trafen sich dort sonntagnachmittags die Bevölkerung der Umgebung: junge Frauen, Angestellte, zahlreiche Studenten und Künstler.
Obwohl es sich um ein großes Format handelt, arbeitete Renoir großteils vor Ort an der Komposition. Der Maler positionierte sich auf einer Treppe, die zu einer der Windmühlen hinaufführte, mit Blick auf den mit Akazien bepflanzten und mit Tischen und Bänken versehenen Hof sowie auf den überdachten Tanzsaal.12 Bildebenen und Figurengruppen verschiedener Größen werden durch seine Farbwahl - jetzt nach der Restaurierung wieder dominiert von Blautönen -, durch Lichtflecke, durch fließende, schnell gesetzte Pinselstriche vereint. Das Zusammenspiel zärtlicher Blicke und Gesten alle Figuren miteinander vermittelt den Eindruck von Harmonie. Dies wird durch die kameradschaftliche Beziehung zwischen den Geschlechtern gesteigert, auch wenn die Realität - bürgerliche Männer, die dem Bohème-Lebensstil frönen, treffen auf unterprivilegierte Frauen, die schwanger werden können - deutlicher härter war. Renoir verbindet die heitere Stimmung unter den jungen Erwachsenen mit einer Mutter-Kind-Darstellung in der linken unteren Ecke: Auf dem ersten Blick kaum erkennbar sitzt dort eine vom Bildrand überschnittene Frau mit ihrer blonden Tochter. Letztere steht für die Unschuld.13
- Pierre-Auguste Renoir, Die Regenschirme, um 1881/86, Öl auf Leinwand, 180,3 × 114,9 cm (The National Gallery of Art, London, Sir Hugh Lane Bequest, 1917. In partnership with Hugh Lane Gallery, Dublin)
- Auguste Renoir, Tanz in Bougival, 1883, Öl auf Leinwand, 180,3 x 90 cm (Musée d’Orsay, erworben, 1979
Begegnungen in der Stadt
Renoir wuchs im Herzen der Hauptstadt, unweit des Louvre, mit seinen Eltern und vier Geschwistern auf. Ab den 1860er Jahren dokumentierte er die Veränderungen der Stadt in seinen Gemälden, doch insbesondere um 1875–1880 wurde das Pariser Leben zu einer wichtigen Inspirationsquelle für ihn. Renoir war einer der Ersten, der Motive wie eine Opernloge oder eine Straße in ambitionierten Formaten darstellte, jenseits der Genremalerei. Sein besonderes Interesse galt öffentlichen Räumen – Boulevards, Cafés, Restaurants, Theatern –, die zugleich Orte sozialer Interaktion und Verführung waren. Renoir porträtierte die Stadt als einen Ort glücklicher Begegnungen und spontaner Begegnungen.
Der Künstler schildert auch das Innere seines Ateliers in der Rue Saint-Georges, das er von 1873 bis 1883 bewohnte und das ihm zeitweise als regelrechtes Wohnzimmer diente. Umgeben von Freunden und Lieblingsmodellen schuf er eine Reihe kleinformatiger Werke mit innovativen Kompositionen, die die Kunst des Gesprächs – die Freude am Knüpfen von Verbindungen durch Sprechen und Zuhören – zelebrieren.
1874: Erste Impressionistische Ausstellung in Nadars Atelier am Boulevard des Capucines 35 (April–Mai). Renoir präsentierte sechs Gemälde und ein Pastell. Stilistische Unstimmigkeiten, wie sie etwa in Renoirs „Regenschirme“ (National Gallery, London) zu finden sind – einem großen Gemälde, das zwischen 1881 und 1885 in zwei separaten Schaffensphasen entstand. Rötel war sein bevorzugtes Medium, doch interessierte er sich ebenso für die weichen, glatten Effekte, die schwarze Kreide und Kohle ermöglichten
Ein Tag auf dem Land
Ab den 1860er Jahren erkundete Renoir die Vergnügungsszene an der Seine und kehrte insbesondere im folgenden Jahrzehnt dorthin zurück. Sein Fokus lag dabei auf dem Chatou, dem Restaurant Fournaise und der Welt der Boote.
Seine Sichtweise unterscheidet sich von der gängigen Bildsprache und Literatur jener Zeit, die den ungepflegten, ja sogar ausschweifenden Charakter dieser Orte betonte, wo die Menschen mit nackten Armen tanzten, tranken und sangen. In Renoirs Werk sind Körper und gesellschaftliche Konventionen entspannt, aber ohne Exzesse. Eine beschauliche Lebensart herrscht vor, verbunden mit der Wertschätzung von Muße und menschlichen Begegnungen.
Das Thema der Mahlzeit erweist sich als wichtige Inspirationsquelle für seine originellsten Kompositionen, insbesondere für „Das Frühstück der Ruderer“, sein komplexestes Werk dieser Periode.
„Man muss manchmal Dinge versuchen, die über die eigenen Fähigkeiten hinausgehen.“
1880: Renoir brach sich bei einem Radunfall den rechten Arm und malte mit der linken Hand. Keine Teilnahme an der fünften Impressionisten-Ausstellung (April), sandte vier Werke in den Salon. Verbrachte den Sommer meist in Chatou. Malte das „Frühstück der Ruderer“.
Das Gemälde sollte sowohl ein modernes Manifest sein (niemand vor ihm hatte dieses Thema je in dieser Form dargestellt) als auch eine Aktualisierung von Veroneses „Hochzeit zu Kana“ – „das Meisterwerk schlechthin“ (Renoir). Für Renoir ist dieses zeitgenössische Festmahl eine Metapher für die soziale Harmonie, von der er träumt, aber auch für die sinnlichen Freuden, die die Malerei bietet.
Frauen und Kinder, Schwestern und Brüder
Kinder sind in Renoirs Darstellungen des modernen Lebens selten zu sehen. Isoliert, ohne Eltern, scheinen sie den Begriff der Familie selbst in Frage zu stellen und spiegeln so die Situation des Künstlers wider. Doch verkörpern diese Figuren in seinen Werken auch oft eine Art unschuldigen Blick und eine Offenheit der Gefühle, nach der sein gesamtes Schaffen zu streben scheint.
Anfang der 1880er Jahre veranlassten Aufträge für Familien- oder Geschwisterporträts Renoir, diese andere Form der Liebe zu erforschen. Er malte insbesondere Porträts der Kinder seines Händlers Durand-Ruel und seines Gönners Bérard. Trotz des bürgerlichen Kontextes dieser Aufträge, der Zurückhaltung auferlegte, verlieh Renoir ihnen eine Intimität und Zuneigung, die einen starken Kontrast zur künstlerischen Produktion der Zeit bildete.
Charles und Georges Durand-Ruel, 1882. Öl auf Leinwand, 61 × 81 cm (Privatsammlung)
Mutterschaft, 1885, Öl auf Leinwand, 92 × 72 cm (Musée d’Orsay, Paris)
Der Künstler interessierte sich auch für die Figur der Frau mit Kind und nahm damit das Bild seiner Partnerin Aline vorweg, die ihren Sohn Pierre stillt.
Pierres Geburt im Jahr 1885 markierte einen Wendepunkt in seinem Leben und Werk. Etwa zur gleichen Zeit distanzierte sich der Künstler allmählich vom Impressionismus, um seinem Malstil wieder Stabilität und Festigkeit zu verleihen, insbesondere nach seiner Italienreise 1881/82.
Tanzende
Im Sommer oder Herbst 1882 begann Renoir ein neues, ehrgeiziges Projekt: die Malerei von Tanzpaaren in fast lebensgroßen Proportionen. Das Thema stammte aus seinem Gemälde „Bal du Moulin de la Galette“, mit dem er das Tanzmotiv in die impressionistische Malerei eingeführt hatte, aber auch aus „Das Frühstück der Ruderer“, in dem bereits der Wunsch nach Monumentalisierung der Figuren erkennbar war.
Inspiration fand Renoir zudem in der Freude, die er beim Beobachten seiner neuen Lebensgefährtin Aline Charigot beim Tanzen empfand: „Deine Mutter tanzte göttlich Walzer“, erzählte der Künstler später zu seinem Sohn Jean. Nachdem er über ein Jahrzehnt lang junge Menschen beim Flanieren, Plaudern und Mittagessen gemalt hatte, vereinte der Künstler sie schließlich im Tanz – jenem Moment des öffentlichen Lebens, in dem die Körper von Mann und Frau einander am nächsten waren, insbesondere da Tänze für „geschlossene Paare“ (Walzer, Polka) Gruppentänze wie die Quadrille abgelöst hatten. Vor Renoir hatte kein Künstler dieses Thema in einem solchen Umfang dargestellt und anonymen Paaren so viel Würde verliehen.
1883: Renoir verließ den Impressionismus zugunsten eines klassischeren Stils mit trockener Zeichnung, der gemeinhin als seine „Ingres“ oder Ingreske oder Trockene Periode bezeichnet wird (bis ca. 1887). Diesen Stil bezeichnete Pierre-Auguste Renoir als „aigre“ (sauer/bittersüß).
1883/84: Es entstanden die drei berühmten Tanz-Bilder: „Tanz in Bougival“, „Tanz auf dem Land“ und „Tanz in der Stadt“.
EPILOG: Der „klassische“ Renoir
Nach dem Erfolg von „Das Frühstück der Ruderer“ und „Die Tänze“ begann paradoxerweise eine Krise für Renoir, die bis Ende der 1880er Jahre andauerte. Unzufrieden mit dem Impressionismus, wandte er sich von der Freilichtmalerei ab und versuchte, sich durch die Zeichnung neu zu erfinden. Er gab zeitgenössische Sujets auf und konzentrierte sich auf zeitlosere Figuren und Akte. So wandelte er sich vom Maler moderner Idyllen zum Maler von Badenden.
Pissarro war nicht überzeugt. „Ich schätze Renoirs Mühe sehr, und es ist ja gut und schön, voranzukommen, aber er hat sich auf die Linie beschränkt, und seine Figuren wirken voneinander losgelöst, ohne Rücksicht auf ihre Beziehung zueinander.“ Durand-Ruel, Renoirs wichtigster Galerist, der sich zu dieser Zeit in Amerika aufhielt, wurde von Monet darüber informiert, dass Renoir „ein großartiges Bild von Badenden gemalt hat, das zwar nicht von allen, aber von vielen verstanden wird.“
Obwohl der kritische und kommerzielle Misserfolg von „Die großen Badenden“ bei seiner Ausstellung in Paris im Mai 1887 Renoir vorübergehend davon abhielt, Kompositionen mit mehreren nackten Figuren zu malen, zeichnete er nun sehr häufig einzelne Akte und definierte so den Körperbau seines zunehmend zeitlosen weiblichen Ideals.
Gleichzeitig ließ sich Renoir mit Aline nieder und wurde 1885 Vater. Er war 49 Jahre alt, als er sie 1890 heiratete. „Die Regenschirme“, entstanden in dieser Zeit des Wandels, ist Renoirs letztes großes Stadtbild und das letzte Werk, in dem sein Ideal einer glücklichen und verliebten Moderne vollends zum Ausdruck kommt.
Das Thema erlaubt es ihm, die Motive des Paares, der Familie und der Menschenmenge in einer dichten Szene zu vereinen, in der Figuren, Flächen, Formen und Farben einander widerspiegeln, überlagern oder durchdringen. Trotz des Trubels und des Regens herrschen Harmonie, Zärtlichkeit und Freude vor. Die Freude am Zusammenleben und Lieben, am Lebensgefühl und am Genuss der Schönheit der Welt in jedem Augenblick, selbst im Alltäglichen.
Pierre-Auguste Renoir, Die Regenschirme, um 1881/85, Öl auf Leinwand, 180,3 × 114,9 cm (The National Gallery of Art, London)
Internationales Ausstellungsprojekt
Diese Ausstellung, die gemeinsam mit der National Gallery in London und dem Museum of Fine Arts in Boston organisiert wurde, befragt Renoirs grundlegenden Beitrag zum Impressionismus und zur Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts anhand des komplexen und universellen Konzepts der Liebe neu.
Quelle: Musée d'Orsay
Kuratiert von
- Paul Perrin, Chefkonservator und Leiter der Konservierung und der Sammlungen, Musée d'Orsay;
- Chris Riopelle, Neil Westreich Curator of Post 1800 Paintings, National Gallery, London;
- Katie Hanson, William and Ann Elfers Curator of Paintings, Art of Europe, Museum of Fine Arts, Boston; In Zusammenarbeit mit
- Chiara di Stefano, Associate curator of Post 1800 Paintings at the National Gallery, London;
- Lucie Lachenal-Tabellet, Beauftragte für dokumentarische Studien am Musée d'Orsay.
Bilder
- Pierre-Auguste Renoir, Der Spaziergang, 1870, Öl auf Leinwand, 81,3 × 64,8 cm (© J. Paul Getty Museum (Los Angeles)
- Pierre-Auguste Renoir, Tanz im Moulin de la Galette, 1876, Öl auf Leinwand, 131,5 x 176,5 cm (Musée d'Orsay, Gustave Caillebotte Bequest, 1896 © Musée d'Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
- Pierre-Auguste Renoir, Das Gespräch, 1878, Öl auf Leinwand, 45 × 38 cm (Nationalmuseum (Stockholm) © Nationalmuseum (Stockholm)
- Auguste Renoir, Alphonsine Fournaise, 1879 (Musée d'Orsay, Don D. David-Weill, 1937 © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)
- Auguste Renoir, Tanz in Bougival, 1883, Öl auf Leinwand, 180,3 x 90 cm (Musée d'Orsay, erworben, 1979 © Foto Musée d'Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)






![Pierre-Auguste Renoir, Die Schaukel [La Balançoire], 1876, Öl/Lw, 92 x 73 cm (Paris, Musée d’Orsay Photo © Musée d’Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt)](https://artinwords.de/wp-content/uploads/Pierre-Auguste-Renoir-Die-Schaukel.jpg)








