Gotthardt Kuehl

Wer war Gotthardt Kuehl?

Gotthardt Kuehl (Lübeck 28.11.1850–10.1.1915 Dresden) war ein deutscher Maler des Impressionismus. Nach Abschluss seiner Ausbildung in Dresden und München zog Gotthardt Kuehl 1889 nach Paris, wo er während seines zehnjährigen Aufenthalts zur Pleinairmalerei fand. Kuehl spezialisierte sich auf Interieurs und Landschaften, mit denen er ab den frühen 1890er Jahren den Impressionismus in Deutschland prägte. Von 1895 bis 1915 lehrte Gotthardt Kuehl an der Dresdner Kunstakademie.

Kindheit

Johannes Gotthardt Kuehl wurde am 28. November 1850 in Lübeck als Sohn des Volksschullehrers und Organisten Simon Kühl geboren. Er besuchte bis 1867 eine Handelsschule.

Ausbildung

Aufgrund seines Zeichentalents erhielt Gotthardt Kuehl ein Stipendium der Dresdner Kunstakademie, wo er ab 1867 bei J. C. Baehr und K. W. Schurig studierte.1 1869 gehörte er zu den letzten Schülern Ludwig Richters (1803–1884) und wechselte im folgenden Jahr in Malklasse von Wilhelm Diez (1839–1907) nach München. Dort herrschte im Vergleich zur Dresdner Akademie eine freiere Atmosphäre, und Gotthardt Kuehl schuf in Bayern seine ersten Ölgemälde.

Im Jahr 1873 gehörte Kuehl zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergesellschaft „Allotria“ und ab 1892 zur Münchner Secession, die daraus hervorging. Auf der Wiener Weltausstellung 1873 präsentierte sich Kuehl mit einem ersten großen Gemälde mit dem Titel „Leihanstalt“ (1872). Kuehl besuchte die Ausstellung gemeinsam mit Heinrich von Zügel (1850–1941) und dürfte dort erstmals mit der Malerei des französischen Impressionismus in Kontakt gekommen sein.

Von 1875 bis 1878 arbeitete Gotthardt Kuehl im Sommer mit Künstlern des Leibl-Kreises in Oberbayern. Nach dem Austritt aus der Diez-Klasse war er als freischaffender Maler tätig.

Gotthardt Kuehl in Paris (1879–1889)

Vermutlich bereits 1878 reiste Gotthardt Kuehl nach Paris, um im folgenden Jahr für ein Jahrzehnt in die französische Metropole zu übersiedeln. An der Seine arbeitete Kuehl zunächst unter dem Einfluss von Fortuny y Carló. Später wurde für ihn vor allem Bastien-Lepage wichtig, daneben auch Edouard Manet. In der Pariser Zeit fuhr Gotthardt Kuehl häufig nach Holland und studierte die Alten Meister, von denen besonders Pieter de Hooch und Jan Vermeer auf ihn Einfluss ausübten, weshalb er auch deren Werke kopierte. In den Niederlanden traf er Jozef Israels und Max Liebermann. Bereits 1880 wurden zwei seiner Werke zum Pariser Salon zugelassen.

In Straßen- und Seineansichten aber auch mit Landschaftsmotiven aus der Umgebung von Paris fand Gotthardt Kuehl zur Freilichtmalerei. In München erzeugte Kuehls Impressionismus bei den Konservativen Häme und Spott: So machte die anzügliche Verballhornung seines Namens zu „Cul de Paris [Hintern aus Paris]“ (ein Modeaccessoire, mit dem das Gesäß betont wurde) die Runde. Ab 1884 griff Kuehl mit genrehaften Figurenbildern und Interieurs zu Lübecker Handwerksbetrieben und zum Waisenhaus Themen von Max Liebermann auf, dessen Werk ihn beeinflusst haben. Die Beziehung der beiden Maler zueinander schlug sich in Kuehls Werken „Im Waisenhaus Danzig“ (1885, Leipzig, Museum der bildenden Künste), „Altmännerhaus in Lübeck“ (1886, Berlin, Nationalgalerie) und „Im Lübecker Waisenhaus“ (Triptychon 1896, Dresden, Gemäldegalerie) nieder. Die „niederen Motive“ stießen auf der „Ersten Internationalen Aquarellausstellung“ in Dresden anfangs jedoch auf heftige Ablehnung.

1888 heiratete Gotthardt Kuehl die Tochter seines früheren Dresdner Zeichenlehrers David Simonson, Henriette Simonson-Castelli (1860–1921), und ging mit seiner Frau nach Paris zurück. Das Paar behielt sich jedoch einen zweiten Wohnsitz in München. Als die deutsche Reichsregierung die offizielle Beteiligung an der Pariser Weltausstellung 1889 wegen der Hundertjahrfeier der Französischen Revolution verbat, organisierte Gotthardt Kuehl mit Liebermann eine geduldete private Ausstellung deutscher Gegenwartskunst in Paris, die anschließend auch in München für Aufsehen sorgte. Als erstes Werk eines deutschen Künstlers nach 1871 wurde Kuehls Bild „In der Küche“ vom Musée Luxembourg angekauft.

Französisch-deutscher Impressionist in München

Im Herbst 1889 zog Gotthardt Kuehl zurück nach München, wo ihn die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion durch die französische Regierung erreichte (gemeinsam mit Liebermann). Während die preußische Regierung dem Berliner Liebermann die Annahme der Ehrung verbat, durfte der in München lebende Kuehl sie annehmen. Im Jahr 1890 setzte er sich gegen den Widerstand Franz von Lenbachs vehement für die Präsentation französischer Kunst auf den Münchner Jahresausstellungen ein. Liebermann, Uhde und Kuehl gehörten zu den aus Deutschland berufenen Mitgliedern der Pariser „Marsfeldgesellschaft [Salon du Champs du Mars]“ (gegr. 1890), nach der Düsseldorfer Secession die zweite Secession in Europa. Kuehl gehörte 1893 auch zu den Gründungsmitgliedern der Freien Vereinigung Dresdner Künstler.

Nach längeren Aufenthalten in Dresden und München arbeitete Kuehl von 1889 bis 1893 mit Fritz von Uhde (1848–1911) und Ludwig Dill (1848–1940) in Dachau. Gemeinsam setzten sie sich als Ziel, das Triptychon in der modernen Kunst wieder zu etablieren.

Auf Einladung des Direktors der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, malte Gotthardt Kuehl Stadtansichten für dessen „Sammlung von Bildern aus Hamburg“. Im Dezember 1890 erhielt Kuehl in München den Professorentitel und ein Jahr später wurde seine einzige Tochter Luise geboren. Mit Uhde plädierte Kuehl für die erste offizielle Ausstellung Werken Claude Monets, Edouard Manets und Alfred Sisleys in Deutschland anlässlich der Jahresausstellung im Münchner Glaspalast. Mit seinen stimmungsvollen Interieurs und Landschaften wurde Gotthardt Kuehl zu einer Inspirationsquelle für viele Maler im deutschsprachigen Raum, darunter auch für den Wiener Carl Moll (1861–1945), der kurz nach 1890in München und Dachau weilte, sich mit Kuehl anfreundete und über ihn zum Interieur fand.2 Das City Art Museum in St. Louis erwarb ein Kircheninterieur auf der Weltausstellung in Chicago.

Kuehl als Lehrer in Dresden

1895 folgte Gotthardt Kuehl dem Ruf an die Dresdner Kunstakademie, nachdem er zuvor bereits mit den Goppeiner Freilichtmalern gearbeitet hatte. Er nutzte sein Amt zu Reformen von Akademie und Ausstellungswesen, das er der internationalen Moderne öffnete. Dresdner Motive wurden zu einem Hauptthema seiner Malerei. Mit seinen Schülern, die ihn 1902 zum Ehrenvorsitzenden ihrer Künstlervereinigung „Die Elbier“ wählten, unternahm er Studienreisen in Europa.

1910 zeigte die Münchner Galerie Thannhauser eine Einzelausstellung Kuehls. Trotz seiner Weitläufigkeit unterstützte er 1911 Karl Vinnens „Protest deutscher Künstler“. Im gleichen Jahr studierte Kurt Schwitters bei Kuehl.

Ehrungen

1913 ernannte ihn der bayerische König zum Mitglied des Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst, vom sächsischen König erhielt er 1914 die Kleine Goldene Medaille.

Tod

Kaum genesen von einer lebensgefährlichen Schilddrüsenoperation im Spätherbst 1913, starb Gotthardt Kuehl in der Nacht zum 10. Januar 1915 in Dresden an einer Lungenentzündung.

  1. Diese Biografie verdankt sich nahezu vollinhaltlich der Biografie von Gotthardt Kuehl, in: Der deutsche Impressionismus, hg. v. Jutta Hülsewig-Johnen und Thomas Kellein (Ausst.-Kat. Kunsthalle Bielefeld, 22.11.2009–28.2.2010), Bielefeld 2009, S. 26.
  2. Siehe: Kathrin Wolf, Carl Moll, in: Im Lichte Monets. Österreichische Künstler und das Werk des großen Impressionisten, hg. v. Agnes Husslein-Arco und Stephan Koja (Ausst.-Kat. Belvedere, Orangerie des Unteren Belvedere, Wien, 24.10.2014–8.2.2015), München 2014, S. 221–224, hier S. 222.