Max Liebermann

Wer war Max Liebermann?

Max Liebermann (1847–1935) war ein Maler und Druckgrafiker des deutschen Impressionismus, der in Auseinanderetzung mit der Schule von Barbizon, der Haager Schule und den Alten Meistern Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Realisten heranreifte. Während der 1890er Jahre wandte er sich, bei aller Skepsis der Farbzerteilung, der helleren und lockeren Malweise der Impressionisten zu. Berühmt wurde Max Liebermann für die „Sonnenflecken“, d.h. die Beobachtung von Sonnenlicht, das durch Lauben oder Bäume auf den Weg fällt und dabei Lichteffekte hinterlässt. Heute gilt Liebermann neben Max Slevogt und Lovis Corinth zum Dreigestirn des deutschen Impressionismus.

 

Ausbildung

„Vormittags von neun bis ein Uhr wurde gearbeitet, nachmittags nach Gips gezeichnet, und abend von sechs bis acht Uhr war Aktsaal, wo neben uns angehenden Malern Architekten wie Kayser und von Großheim, Kunsthistoriker wie Wilhelm Bode die menschliche Figur studierten. Oft zeichnete Steffeck selbst mit, und es war eine Freude, zu sehen, mit welcher Leichtigkeit er das Modell hinunterfegte, fast ohne den Bleistift abzusetzen […] Er interessierte sich nur für die Arbeiten, in denen er etwas in der Natur Beobachtetes wiedergegeben fand. Routine und Schick waren ihm ein Greuel, ebenso wie sie damals auf den Akademien gelehrt wurde […] Richtig zeichnen lernen, das Übrige war ihm Hekuba. ,Zeichnet, was ihr seht‘ war seine einzige Lehre. Mit sonstiger Ästhetik behelligte er uns nicht, denn er wusste, dass alles Lernen in der Kunst in nichts anderem bestehen kann, als die Form zu finden, das Gesehene wiederzugeben […] Auf Klarheit und Richtigkeit war sein Streben in der Kunst gerichtet, wobei er leider, ohne es zu merken, in allzu große Nüchternheit und Trockenheit verfiel.“1 (Max Liebermann über den Unterricht bei Carl Steffeck)

 

Einige seiner Hauptwerke zeigen Motive aus Amsterdam: „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) und „Der Papageienmann“ (1902) entstanden in Holland. „Der Papageienmann“ (1902, Folkwang Museum, Essen), eines von Liebermanns berühmtesten Bildern, ist weniger eine Tierstudie als ein Bild mit Lichtstimmung und Farbe. Im Hintergrund flaniert die Freizeitgesellschaft, während der titelgebende Papageienmann sich um seine drei farbenprächtigen Aras kümmert. Im Gegensatz zu den französischen Impressionisten löste Liebermann die Motive nicht in einzelne Farbtupfen auf, auch malt der nicht en plein air Stimmungsbilder, sondern sucht in Studien die aussagekräftigste Komposition.

„Immer noch spukt in unseren Köpfen das berühmte Lessingsche Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne Arme geboren, der größte Maler geworden wäre. Vielleicht der größte Dichter oder der größte Musiker, jedenfalls aber nicht der größte Maler. Denn die Malerei besteht nicht in der Erfindung von Gedanken, sondern in der Erfindung der sichtbaren Form für den Gedanken. […] Ich meine natürlich nicht eine bestehende Form, die zur Formel geworden ist, wie z. B. die Raffaelische Form, die zur akademischen verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur, das unter seinen Nachahmern zur hohlen malerischen Phrase geworden ist, sondern ich spreche von der lebendigen Form, die jeder Künstler sich neu schafft. […] Was jeder Künstler an der Natur heraussieht, ist das Werk seiner Phantasie. […] Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet sich in der Linie […]. […] anders Rembrandt, dessen Phantasie sich in Licht und Schatten verkörpert. (…) man sehe seine Zeichnungen nach anderen Meistern, wie er z. B. aus dem »Grafen Castiglione« des Raffael durch Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen echten Rembrandt macht.“2 (Max Liebermann, Die Phantasie in der Malerei, 1904)

Kurz nach 1900 war Max Liebermann bereits ein international gefeierter Maler und für seine Bilder mit den „Sonnenflecken“ berühmt. Im Jahr 1920 wurde er zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste berufen (1.10.), die er bis 1932 zu einem der bedeutendsten Ausstellungsorte Berlins machte und u.a. Otto Dix‘ heftig angefeindetes Bild „Der Schützengraben“ ausstellte.

„Ich bin nicht so töricht, um nicht einzusehn, daß wir genug gesündigt haben gegen den heiligen Geist der Kunst, die weder naturalistisch noch idealistisch, sondern alles zusammen ist.“3 (Max Liebermann in einem Brief an Franz Servaes, 14.10.1900)

 

Max Liebermann am Wannsee

Das deutsche Äquivalent zur Gustav Klimts Attersee ist der Wannsee bei Berlin für den deutschen Impressionisten Max Liebermann (1847–1935). Der aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Künstler baute sich eine Villa am Seeufer, in die er am 26. Juli 1910 gemeinsam mit seiner Frau Martha, der gemeinsamen Tochter Käthe und dem Dackel Michael einzog. Der zum Landhaus gehörige Garten wurde von dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark (1852–1914), entworfen. Kunstförderung, Gartengestaltung, Lebensreform gehören in diesem Ensemble zusammen. Liebermann apostrophierte seinen Landsitz als „Ort der Muße und Freiheit“ – und formulierte damit ein Bedürfnis, das sich auch in Klimts Postkarten anklingt.

Max Liebermann war kein gärtnernder Maler. Sein Anwesen wurde als Gesamtkunstwerk, d.h. in Abstimmung des Gartens auf das Wohnhaus, entworfen und realisiert. Im Sinne der Lebensreform verband Liebermanns Garten einen Blumen- mit einem Gemüsegarten, Kontemplation und Nahrungsmittelproduktion gingen Hand in Hand. Gerade Wege führen schnurstracks zum Wasser und am Ufer entlang, während die geometrischen Beete eine architektonische Ordnung der Natur suggerierten. Im Werk von Max Liebermann wurden Gartenbilder erst ab der Mitte des Ersten Weltkriegs quantitativ relevant. Die Hinwendung zum Garten ging mit einer politischen Wandlung des Künstlers einher, am Ende derer sich der knapp 70-jährige Professor zunehmend ins Privatleben zurückzog.4 Zunehmend fand er dort seinen Freiraum vor der Kriegspropaganda, seinen Gegnern wie Kaiser Wilhelm II. oder auch der jüngeren Künstlergeneration der Expressionisten.

 

Tod

Als Max Liebermann am 8. Februar 1935 in seinem Haus am Pariser Platz verstarb, hatte er den Aufstieg Adolf Hitlers und die Machtergreifung 1933 und die antisemitische Verfolgung noch im hohen Alter hautnah miterlebt.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Liebermann rehabilitiert und gilt heute neben Max Slevogt und Lovis Corinth als bedeutendster Impressionist Deutschlands.

„Das Unsichtbare sichtbar zu machen, das ist, was wir Kunst nennen. Ein Künstler, der darauf verzichtet, das Unsichtbare, das, was hinter der Erscheinung liegt – nennen wir es Seele, Gemüt, Leben – vermittelst seiner Darstellung der Wirklichkeit auszuwirken, ist kein Künstler. Aber der Künstler, der auf die Darstellung der Erscheinung verzichten wollte zugunsten einer stärkeren Auswirkung seines Empfindens, ist ein – Idiot. Denn wie soll das Übersinnliche ohne das Sinnliche begriffen werden?“ (Max Liebermann, 1922)

 

Max Liebermanns Schriften, Atelier-Gespräche und Briefe

  • Max Liebermann, Die Phantasie in der Malerei, in: Die neue Rundschau, Bd. XV, Nr. 3, Berlin, März 1904, S. 372–380.
  • Max Liebermann, Gesammelte Schriften, Berlin 1922.
  • Fried Stern, Max Liebermann - Gespräch im Atelier, in: Hannoversches Tageblatt, 20.07.1927.
  • Max Liebermann, Siebzig Briefe, hrsg. von Franz Landsberger, Berlin 1937.
  • Alfred Lichtwark, Briefe an Max Liebermann, hrsg. von Carl Schellenberg, Hamburg 1947.
  • Max Liebermann, Die Phantasie in der Malerei, hrsg. von Ernst Volker Braun, Stuttgart 1994.
  • Max Liebermann, Vision der Wirklichkeit. Ausgewählte Schriften und Reden, hrsg. von Günter Busch, Frankfurt 1993.

 

Literatur über Max Liebermann

  • Jenns Eric Howoldt, „Von allen Ländern lächelt jenes Eckchen der Erde mich an …“. Die Gartenbilder und ihr zeitgeschlichtlicher Hintergrund, in: Jenns Eric Howoldt, Uwe M. Schneede (Hg.), Im Garten von Max Liebermann (Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, 11.6.–26.9.2004; Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin, 12.10.2004–9.1.2005), Berlin 2004, S. 11–19.
  • Matthias Eberle, Max Liebermann. Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien, Bd. 2: 1900-1935, München 1996.
  • Matthias Eberle, Max Liebermann. Werkverzeichnis der Gemälde und Ölstudien, Bd. 1: 1865-1899, München 1995.
  • Ernst Braun, Der Briefwechsel zwischen Max Lehrs und Max Liebermann, in: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 21 (1989/1990), S. 81-106.
  • Günter Busch, Max Liebermann. Maler, Zeichner, Graphiker, Frankfurt 1986.
  • Max Friedländer, Max Liebermann, Berlin 1924.
  • Gustav Pauli, Max Liebermann. Des Meisters Gemälde (Klassiker des Kunst, Bd. 19), Stuttgart/Leipzig 1911 (1. Auflage).
  • Karl Scheffler, Max Liebermann, München/Leipzig o.J. (1906).

Beiträge zu Max Liebermann

27. Mai 2018
Max Liebermann, Der Papageienmann, Detail, 1902 (Museum Folkwang, Essen)

Max Liebermann in Holland: Amsterdamer Waisenhaus und Papageienmann Sommerimpressionen

„Vergiss nicht, so schnell wie möglich nach Scheveningen zu kommen“, schrieb Jozef Israels im März 1904 an seinen Freund Max Liebermann (1847–1935). Zwischen 1870 und 1914 verbrachte der deutsche Realist und spätere Impressionist mit seinem Freund Israels einige Sommer in den Niederlanden, wo er das einfache, stille Leben und das modische Lifestyle am Strand malte.
20. Mai 2018
Hals und die Modernen, Hals - Manet

Frans Hals und die Moderne Hals trifft Manet, Singer Sargent, Van Gogh

Der Einfluss des niederländischen Barockmalers Frans Hals (1580–1666) auf die Moderne war enorm! Die Ausstellung im Frans Hals Museum in Haarlem thematisiert die Wiederentdeckung des lange vergessenen Künstlers durch die französischen Impressionisten vor 150 Jahren. Seither schätzten und schätzen Maler wie Manet, Liebermann, Singer Sargent und Van Gogh den Holländer für seine gestische Malerei, in der Unschärfe genauso einen Stellenwert hat wie präzise herausgearbeitete Partien.
  1. Zit. n. Katharina Erling, Max Liebermann – Biographie, in: „Nichts trügt wenigr als der Schein“. Max Liebermann der deutsche Impressionist (Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen, 16.12.1995–24.3.1996), München 1995, S. 239.
  2. Max Liebermann, Die Phantasie in der Malerei, in: Die neue Rundschau, Bd. XV, Nr. 3, Berlin, März 1904, S. 372–380.
  3. Zit. nach: Franz Landsberger (Hg.), Max Liebermann. Siebzig Briefe, Berlin 1937, S. 29.
  4. Jenns Eric Howoldt, „Von allen Ländern lächelt jenes Eckchen der Erde mich an …“. Die Gartenbilder und ihr zeitgeschlichtlicher Hintergrund, in: Jenns Eric Howoldt, Uwe M. Schneede (Hg.), Im Garten von Max Liebermann (Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, 11.6.–26.9.2004; Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin, 12.10.2004–9.1.2005), Berlin 2004, S. 11–19, hier S. 13.