Wilhelm Leibl

Wer war Wilhelm Leibl?

Wilhelm Leibl (1844–1900) war ein deutscher Maler des späten 19. Jahrhunderts. Der Hauptvertreter des Münchner Realismus entwickelte die Idee des „Reinmalerischen“. Der Anhänger von Gustav Courbets Realismus hielt sich 1869/70 kurz in Paris auf, wo er erste Erfolge feierte. Zurück in München konnte Leibl mit seinen Werken nicht überzeugen. Daraufhin wandte er sich den Alten Meistern zu und entwickelte den nahezu fotorealistischen „Holbeinstil“. Während der 1890er Jahre fand Wilhelm Leibl zunehmend Anerkennung auch in Deutschland, sein Stil wurde wieder weicher und die Gemälde von ihrem Duktus getragen.

Kindheit und Ausbildung

Wilhelm Leibl wurde am 23. Oktober 1844 als Sohn des Domkapellmeisters Karl Leibl und seiner Frau Gertrud in Köln geboren. Bereits während der Schulzeit zeigte sich Leibls Zeichentalent. Er erhielt Zeichenunterreicht bei Everhard Bourel. 1861 verließ Leibl das Gymnasium und begann eine Schlosserlehre, die er allerdings nach nur wenigen Wochen abbrach. Er hatte den Entschluss gefasst, Künstler werden zu wollen. Deshalb trat er in das Atelier des Kölner Malers Hermann Becker ein. Unter dessen Anleitung schuf Wilhelm Leibl erste kleinformatige Porträts, Stillleben und Zeichnungen. Die frühesten bekannten Zeichnungen des Künstlers zeigen ihn selbst, enge Freunde und Familienmitglieder. Bereits als 16-jähriger malte Leibl seine Eltern in Öl (Museum im Kulturspeicher Würzburg). Schon die jugendlichen Selbstporträts zeigen die Entschlossenheit im Blick, für die der Maler zeitlebens gerühmt wurde.

„Ich meine mich zu erinnern daß ich schon bevor ich in die Schule ging, Dich auf der Schiefertafel abzeichnete. Also mit 4 Jahren.“ (Wilhelm Leibl in einem Brief an seine Mutter, 18.11.1879)

Münchner Akademie

Am 2. November 1863 schrieb sich Leibl in die Antikenklasse der Münchner Akademie ein, die als die fortschrittlichste der Zeit galt. Hier lernte er Theodor Alt, Karl Haider, Rudolf Hirth du Frênes und Johann Sperl kennen, mit denen er sich anfreundete. Nach bestandener Probezeit wurde Wilhelm Leibl im März 1864 offiziell als Schüler der Akademie immatrikuliert.

„Über meine Beschäftigung ist eigentlich nicht viel zu sagen und besteht darin, daß ich jeden Tag um 8 Uhr in der Frühe auf die Akademie gehe und dort und im Antikensaal Köpfe und Figuren nach Gips zeichne; in der Mal-Classe zugleich ist nicht erlaubt zu arbeiten, und ich glaube, daß mir das Zeichnen für jetzt noch nützlicher ist […]. Wir hören des Abends Vorlesungen über Kunstgeschichte, Perspective und Anatomie. Von 5 bis 7 Uhr ist jeden Abend Aktzeichnen.“1 (Briefentwurf an seine Eltern, Gertrud und Karl Leibl, München, November 1863)

Von November 1864 bis Anfang 1866 besuchte er die vorbereitende Malklasse von Hermann Anschütz, wo zwei seiner Mitschüler ihn mit einem römischen Helm porträtierten. Im Frühjahr 1866 trat er in die Meisterklasse des neu berufenen Akademieprofessors Arthur von Ramberg ein. Die Gruppe um Leibl, Hirth, Alt und Sperl bildete den Kern der Rambergschule und kann bereits als früher „Leibl-Kreis“ bezeichnet werden. Ramberg vermittelte seinen Schülern eine von französischer Kunst, aber auch von den Alten Meistern beeinflusste hohe Malkultur. Leibl und seine Freunde arbeiteten in enger Gemeinschaft. Sie malten Kopien nach Alten Meistern in der Alten Pinakothek, porträtierten sich gegenseitig und arbeiteten nach dem gleichen Modell. Einflüsse der Barockmalerei – Anthonis van Dyck und Peter Paul Rubens – lassen sich in diesen frühen Porträts einfach nachweisen: wie Posen und der lockere Duktus, mit dem die subjektive Empfindung vermittelt werden kann. 1866 wechselte Leibl in die Meisterklasse Karl Theodor von Pilotys, der 1855 mit dem Monumentalgemälde „Seni vor der Leiche Wallensteins“ seinen Durchbruch gefeiert hatte und sehr populär war. Gerade Piloty und dessen historische Treue jedoch wurde der Inbegriff all dessen, wogegen er sich auflehnte, nämlich die pompöse, auf die Bravour der Malerei und die Dramatik des erzählerischen Inhalts setzende Historienmalerei.

1869 entstand mit dem „Bildnis der Frau Mina Gedon“ (1869, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München – Neue Pinakothek) Leibls erstes Hauptwerk, das in seiner Realitätstreue und dem nüchternen Blick bei gleichzeitiger höchster Feinheit malerischer Töne geradezu ein Gegenentwurf zu den Historienbildern seines Lehrers war. Die Ausstellung des Bildes auf der „Internationalen Kunstausstellung“ im Münchner Glaspalast brachte ihm die Bewunderung des verehrten Malers Gustave Courbet und eine Einladung nach Paris ein. Courbet war durch den Frankfurter Maler Victor Müller

Leibl in Paris: das „Reinmalerische“

„Darum weg mit allem Kram, wie großen Namen, Vermögen und wie all dieser Plunder heißt, und studiert die Natur, denn daraus ergibt sich allein die wahre Befriedigung und Freude.“ (Wilhelm Leibl in einem Brief an seinen Bruder Ferdinand, Februar 1870)

Während seines Pariser Aufenthalts Ende 1869 bis Mitte 1870 traf Wilhelm Leibl auf Frankfurter Künstler wie Louis Eysen und Otto Scholderer. Da er nur schlecht französisch sprach, bewegte er sich hauptsächlich im Kreis von deutschen Künstlern. In Frankreich malte Leibl das Porträt einer Madame de Saux und die „Junge Pariserin“. In seinen Bildern verarbeitete er die französische Moderne, darunter Gustav Courbet, Edouard Manet und Alfred Stevens. Der „Schlafende Savoyardenknabe“, die „Junge Pariserin“ (1869, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln) und die „Alte Pariserin“ oder auch der sogenannte „Revolutionsheld“ gehören zu den in Paris entstandenen Werken, die Wilhelm Leibl auf seinem eigenen Weg bestätigte. Zunehmend arbeitete Leibl freier. Sein Pinselstrich löst die Form fast auf. Für das „Bildnis der Frau Gedon“ erhielt der Münchner Maler eine goldene Medaille. Wegen des Deutsch-Französischen Kriegs verließ Wilhelm Leibl Paris noch 1870.

In den Jahren um 1870 formte sich bei Wilhelm Leibl und seinen Freunden die Überzeugung, dass das „Wie“ in der Kunst wichtiger sei als das „Was“. Damit wurde die reine Malerei bedeutender als der dargestellte Gegenstand. Je mehr die Malerei selbst dem Auge zu bieten hat, umso bedeutender kann das Bildthema sein. Daher wählten die jungen Künstler die in der akademischen Tradition eher untergeordneten Gattungen Porträt, Stillleben und Landschaft. Die Abkehr vom Idealismus ging mit der Hinwendung zur Natur einher.

„Durch dieses Haschen nach guten Sujets, was mit der Kunst der Malerei nichts gemein hat, werden in Deutschland keine Maler hervorgebracht und ist alle Malerei bis auf den heutigen Tag dort zum Teufel gegangen.“ (Wilhelm Leibl in einem Brief an seinen Bruder Ferdinand, Paris, 12.5.1870)

Der Leibl-Kreis

Wieder zurück in München traf Wilhelm Leibl auf den aus Frankfurt stammenden Hans Thoma, der ebenfalls mit Scholderer befreundet war. Ein Jahr nach seiner Rückkehr, im Sommer 1871, lernte der Realist weitere Maler kennen, die später zu den wichtigsten Vertretern des Leibl-Kreises zählten: Carl Schuch und Wilhelm Trübner. Leibl begegnete ihnen beim Landschaftsmalen in Bernried und diskutierte mit ihnen über seine Kunstauffassung.

Zum Leibl-Kreis zählten der Maler selbst, Wilhelm Trübner, Carl Schuch, Albert Lang, Rudolf Hirth du Frênes, Theodor Alt, Karl Haider, Johan Sperl, Fritz Schider und Ernst Sattler, außerdem Hans Thoma als „Hospitant“. Weiters gelten auch die Frankfurter Künstler Victor Müller, Otto Scholderer und Louis Eysen zum Umkreis von Leibl. Wenn man den Rahmen weit hält, lassen sich auch noch Franz von Defregger, Ernst Zimmermann und Albertin von Keller zum „Reinmalerischen“ zuordnen.2 Für alle war die Kenntnis von Gustave Courbets Werk von großer Bedeutung. Leibl und seine Freunde gebrauchten zur Charakterisierung ihrer Bestrebungen den Begriff des „Reinmalerischen“ oder des „Reinkünstlerischen“ (Wilhelm Trübner). Leibl selbst betonte das Primat des „Wie“ über das „Was“. Das Bild wird dabei ganz aus dem Kolorit und dem Duktus herausentwickelt, während die grafischen Elemente in den Hintergrund treten. Desgleichen auch das Geschichtenerzählen, die Handlung, das Psychologisieren. Der Farbauftrag erfolgt „alla prima“, also in einer Nass-in-Nass-Malerei.

„Man muss nicht glauben, dass ich gerade das Hässliche malen will. Ich will nur malen, was wahr ist und das hält man für hässlich, weil man nicht mehr gewohnt ist, etwas Wahres zu sehen.“ (Wilhelm Leibl nach Julius Mayr)

Mit den in Paris entwickelten Bildern im Stil des Realismus konnte Wilhelm Leibl und der Leibl-Kreis anfangs nicht reüssieren. Bis auf wenige liberale, progressive Kunstschriftsteller äußerten jedoch die Kritiker meistenteils Unverständnis. Vielleicht als Reaktion auf die allgemeine Ablehnung ging Leibl im Frühjahr 1873 aufs Land, nach Graßlfing bei Dachau. Von da an war er nie mehr länger als ein paar Wochen in München. Dort malte er seine ersten Bilder mit bäuerlichen Motiven. Das erste Bild mit den neuen Modellen waren die „Dachauerinnen im Wirtshaus“ (1875/75, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, Kriegsverlust). Leibls Weg zum „Reinmalerischen“ führte ihn zu den Malern von Barbizon, von denen er Jean-François Millet bewunderte. 1875 übersiedelte Leibl nach Unterschondorf am Ammersee, wo er bis 1877 hauptsächlich lebte.

Holbeinstil: „Die drei Frauen in der Kirche“

Seit 1875 änderte Wilhelm Leibl seinen Stil. Anstelle der breiten, fleckauflösenden Pinselschrift malte Leibl zunehmend mit einer an den Altdeutschen geschulten, detaillierten Malweise, die als „Holbeinstil“3 bezeichnet wird. Die ersten dieser Bilder schuf er in Unterschondorf am Ammersee. Wilhelm Leibl verliebte sich in die Stieftochter des örtlichen Wirtes, Therese Bauer, die am 11. Juni 1876 ein Kind von ihm bekam. Der uneheliche Sohn wurde zu Pflegeeltern gegeben und starb bereits im März 1877. Im folgenden Herbst schien Wilhelm Leibl die Beziehung zu der jungen Frau wieder aufgelöst zu haben.

In dieser Zeit verdiente er vor allem mit Porträts, darunter jenes des Freiherrn von Stauffenberg und der Gräfin von Treuberg (beide 1877). Gleichzeitig arbeitete er an einer ehrgeizigen mehrfigurigen Komposition, die später als „Bauern im Gespräch [Die Dorfpolitiker]“ (1877, Museum Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur) berühmt wurde. Mit ihr errang Wilhelm Leibl sogar in Paris Aufmerksamkeit. „Die drei Frauen in der Kirche“ entstand im Dorf Berbling bei Aibling im Kreis Rosenheim.

„Ihr wißt aber, daß ich gewohnt bin, nach der Natur zu malen, und daß es mir gleich ist, ob ich Landschaft, Menschen oder Vieh male […].“4 (Brief an seine Mutter Gertrud Leibl, Schloss Holzen, 12. Juli 1877)

Gleichzeitig wandte sich Wilhelm Leibl erstmals der Radierung zu. Zwischen 1873 und 1877 entstanden insgesamt 19 Radierungen. Neben Porträts, seinem bevorzugten Bildsujet, schuf Leibl auch einige Landschaftsradierungen, in denen er sich von Rembrandt van Rijn und der Schule von Barbizon beeinflusst zeigt. Zweifellos erhoffte sich Leibl von den Druckgrafiken eine Einnahmequelle und außerdem eine Verbreitung seiner Kunst. Einige Blätter wurden auch in Zeitschriften publiziert, darunter in einem Album der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien und „L’Art“. Da die Resonanz eher enttäuschend war, gab Leibl das Arbeiten in Druckgrafik rasch wieder auf. Erst 1895, als seine Kunst auf größere Zustimmung stieß, erschien die erste größere Auflage im Kunstverlag Gurlitt.

Zu Weihnachten 1878 besuchte der Maler seine Familie in Zell bei Würzburg; in Kloster Oberzell, wohin seine Mutter nach dem Tod des Vaters übersiedelt war, zeichnete er ihr Porträt. Damit erzielte er einen großen Erfolg bei der Internationalen Ausstellung in München 1879 und im gleichen Jahr im Pariser Salon.

Im März 1880 starb die Mutter von Wilhelm Leibl in Oberzell, woraufhin der Maler in eine tiefe Krise stürzte. Zum persönlichen Verlust kamen die Schwierigkeiten, die Leibl während der Vollendung des fast fotorealistisch gemalten Bildes „Die drei Frauen in der Kirche“ (1878–1881, Hamburger Kunsthalle) hatte. Seit 1881 lebte der Maler in Aibling, wo er täglich zu Fuß in das nahegelegene Berbling gehen musste. Erst Ende Dezember 1881 konnte er das Gemälde abschließen. Die Ausstellung des Werks im Künstler-Unterstützungsverein in München zog ein großes Echo, aber eher gemischte Kritiken nach sich. Im Anschluss wurde es in Wien bei der Internationalen Kunstausstellung zu sehen. Den erhofften Preis erzielte Wilhelm Leibl ebenfalls nicht. Der Wormser Baron Schön erwarb das Werk für 40.000 Mark. Bald nach der Vollendung des „Kirchenbildes“ wandte sich Wilhelm Leibl von seinem altdeutschen „Holbeinstil“ ab.

1880er: dunkle Phase

Im Juni 1882 begann Wilhelm Leibl mit einem neuen Bild, in dem er sich vom „Holbeinstil“ löste: „Die Wildschützen“ (1882–1886). Darin rang er um einen kraftvollen Farbauftrag und einen neuen emotionalen Ausdruck, wie er seiner Schwester im Frühjahr 1884 schrieb. 1887 stellte er es in Paris in der Galerie Georges Petit aus, wo es allerdings kaum Aufmerksamkeit auf sich zog und unverkauft blieb. Wilhelm Leibl in vier Fragmente zerschnitt es 1889 oder 1890.

Gemälde wie „Mädchen mit der Nelke“ und drei Kniestücke, zu denen das Bauernmädchen Maria Noichl Modell gestanden hatte, wurden ebenso zerschnitten: „Kopf eines Bauernmädchens“ (Belvedere, Wien), „Rechte Hand des ‚Mädchens mit der Nelke‘“ und die „Linke Hand“ (beide Staatliche Kunsthalle Karlsruhe) sind die Fragmente eines Bilder, dessen Gesamtkomposition ihn später unbefriedigend erschein. Man könnte, wie Boris Röhrl, ab 1886 von Leibls „dunkler Phase“ sprechen. Leibls pessimistische Stimmung und finanzielle Schwierigkeiten fanden in diesen Jahren ihren Niederschlag. In den 1880er stellte Wilhelm Leibl auch kaum mehr aus. Auch folgten ihm nur wenige seiner Freunde in seiner Hinwendung zum Altdeutschen eines Albrecht Dürer und Hans Holbein d. J.

Späte Werke: rein malerisch

Anfang der 1890er Jahre wandte sich das Blatt und die Malerei Wilhelm Leibls genoss zunehmend Anerkennung. Den Auftakt bildeten eine Einzelausstellung in der Galerie Gurlitt in Berlin in Januar 1889 und die Teilnahme an der von Max Liebermann organisierten deutschen Kunstausstellung bei der Pariser Weltausstellung im gleichen Jahr. Wilhelm Leibl stellte zunehmend aus und verkaufte erstmals an Museen. 1891 war Leibl mit neun Bildern neben denen seiner Konkurrenten Franz von Lenbach, Kaulbach und Arnold Böcklin im „Ehrensaal“. Der bisher geschmähte Realismus Leibls erfreute sich nun auch bei den Kritikern zunehmend Anerkennung, da sich ihre Ablehnung nun auf den Impressionismus konzentrierte. Noch im gleichen Jahr ernannte ihn das Bayerische Staatsministerium des Inneren zum Professor ehrenhalber; 1892 wurde er Ehrenmitglied der Berliner Akademie. Der Verkauf seiner Genrebilder ermöglichte Wilhelm Leibl die Pacht eines Bauernhauses im Bauerndorf Kutterling (1891, 14 km südlich von Aibling). Zunächst behielt Wilhelm Leibl das Atelier in Aibling, zog allerdings dann zusammen mit Johann Sperl ganz in das „Oberwalchen-Anwesen“ in Kutterling. Das zunehmende Badeleben in dem Kurort Aibling waren dem Maler lästiggefallen. Das Dorf Kutterling bestand aus nur neun Bauernhäusern und war von Obstgärten malerisch umgeben.

1895 präsentierte Wilhelm Leibl über Vermittlung von Wilhelm Trübner 19 Werke auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“, darunter Hauptwerke wie die „Frauen in der Kirche“. Anlässlich dieser Mini-Retrospektive wurde der Berliner Möbelhändler, Sammler und stille Teilhaber der Kunsthandlung Keller & Reiner Ernst Seeger auf Leibl aufmerksam. In Seeger fand der Künstler einen äußerst effizienten Manager und Händler für seine Bilder. So kaufte Seeger alle noch in Aibling befindlichen frühen Arbeiten Leibls; zudem sicherte er sich das Vorkaufsrecht für alle neuen Bilder. Der Geschäftsmann fühlte sich Leibl und Johann Sperl auch freundschaftlich verbunden und besuchte sie häufig in Kutterling. Er nahm auch Leibls Nichte, Felicia Kirchdorffer, bei sich in Berlin auf, um ihre Pianistenlaufbahn voranzutreiben. Durch diese Unterstützung konnte sich Wilhelm Leibl ganz auf seine malerischen Überlegungen konzentrieren. Diese kreisen um malerische Probleme, die Vorläufer waren noch immer Rembrandt und die Alten Meister.

Reife Werke

Die Bilder der 1890er Jahre, wie „In der Küche I“ und „In der Küche II“ oder „Interieur“, sind gekennzeichnet durch eine wieder gelockerte Malweise, feine Tonmalerei und eine Konzentration auf die Wiedergabe von Atmosphäre, Licht und Schatten aus. Trotz seiner seit 1899 schwer beeinträchtigten Gesundheit schuf Leibl in seinem letzten Lebensjahr mit den Bildern des Bauernmädchens Babette Maurer, genannt „die Wab’n“, einige seiner vollendetsten Bildnisse. Aufgrund dieser Bildnisse bezeichnete ihn Julius Meier-Graefe Leibl als den „größten Bildnismaler seit Rembrandt“.

Tod

Wilhelm Leibl starb am 4. Dezember 1900 in Würzburg.

Literatur über Wilhelm Leibl

  • Wilhelm Leibl (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 25.10.2019–19.1.2020; Albertina, Wien, 31.1.–10.5.2020), München 2019

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  1. Zit. n. Wilhelm Leibl (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, Albertina, Wien), München 2019, S. 115.
  2. Diese Definition geht zurück auf: Georg Jacob Wolf, Leibl und sein Kreis, 1974; Eberhard Ruhmer, Kunsttheorie des Leibl-Kreises, 1974.
  3. Der „Holbeinstil“ wird auch „Holbein-Stil“ bezeichnet.
  4. Zit. n. ebenda, S. 175.