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Otto Mueller und die Malerei der Moderne zwischen Berlin und Breslau Deutsch-polnische Kunstgeschichte der 1920er Jahre

Otto Mueller, Selbstbildnis mit Pentagramm, Detail, um 1924 (© Von der Heydt-Museum, Wuppertal, Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal)

Otto Mueller, Selbstbildnis mit Pentagramm, Detail, um 1924 (© Von der Heydt-Museum, Wuppertal, Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal)

„Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau“ stellt erstmalig den enormen Einfluss des ehemaligen Brücke-Künstlers und Expressionisten Otto Mueller (1874–1930) in den Mittelpunkt: Der Maler lehrte länger als zehn Jahre an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau, die seinerzeit zu den fortschrittlichsten Kunstschulen in Europa zählte. Vor allem seit den 1920er Jahren –durch die zahlreichen Neuberufungen des damaligen Direktors Oskar Moll –genoss die Breslauer Akademie den Ruf von Weltoffenheit und Liberalität. Hier standen gleichberechtigt die vielfältigen Strömungen der modernen Malerei nebeneinander: der Expressionismus mit Otto Mueller, die französische Peinture der Académie Matisse mit Oskar Moll, die Neue Sachlichkeit mit Alexander Kanoldt und Carlo Mense sowie das Bauhaus mit Oskar Schlemmer, Georg Muche oder Johannes Molzahn.

Otto Mueller und sein Netzwerk erlebten in Breslau eine schöpferische Phase, die sie angeregt durch Austausch und gegenseitige Einflussnahme als höchst produktiv beschrieben (→ Wie deutsch ist die Neue Sachlichkeit?). Ersichtlich wird diese Beeinflussung der Maler-Kollegen untereinander durch thematische Übereinstimmungen und andere Querverweise: in Gemälden, Arbeiten auf Papier, schriftlichen Äußerungen oder Fotografien. Vor allem der charismatische, von Sehnsucht und Freiheitsdrang getriebene Otto Mueller hatte maßgeblichen Einfluss auf die Breslauer Kunstszene. Ein „Romantiker“ und sogar ein „Magier“ soll Otto Mueller nach Aussagen seines unmittelbaren Umfeldes, darunter auch Kunstkritiker und Schriftsteller, gewesen sein. Carl Hauptmann setzte ihm bereits in der Künstlerbiografie „Einhart der Lächler“ (1907) ein Denkmal –damit leistete der Dichter seinen entscheidenden Beitrag für die Grundsteinlegung eines „Künstler-Mythos“.

Otto Muellers auffällige Erscheinung und sein bohemienhafter, anti-bürgerlicher Lebenswandel übten eine enorme Faszination auf seine Schüler und Schülerinnen an der Akademie aus. Sie schätzten Muellers vollkommene Hingabe an die Kunst, dessen unkonventionelle Lehrmethode und Humor. Einige seiner Schüler –wie Alexander Camaro oder Horst Strempel –gingen von Breslau aus nach Berlin und erlebten hier den Höhepunkt ihrer Maler-Karrieren.

 

 

Besondere Gäste

„Gäste“, das sind ausgewählte Bilder, verweisen spotlightartig, epochenübergreifend und interkulturell, insbesondere im deutsch-polnischen Kontext, auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Das Einbeziehen Polnischer Expressionisten ermöglicht einmalige Sehvergleiche und neue Zusammenhänge, zugleich verschränken sie die deutsch-polnische Ausrichtung dieser Ausstellung.

Die immense Wertschätzung von Otto Muellers Wirken –aus der Perspektive seines Künstlernetzwerks –reicht bis in die Nachkriegsmoderne: Ein wichtiges Kapitel deutsch-polnischer Kunstgeschichte wird unter besonderer Berücksichtigung der Wechselbeziehung zwischen den Städten Berlin und Breslau/Wrocław neu erzählt.
Denn auch die Beziehungen zwischen der Nationalgalerie in Berlin und dem ehemaligen Schlesischen Museum der bildenden Künste in Breslau (heute: Muzeum Narodowe in Wrocław) waren durch intensiven Austausch und Zusammenarbeit charakterisiert. Paradigmatisch ist die Otto-Mueller-Gedächtnisausstellung, die 1931 – kurz nach dem Tod des bedeutenden Expressionisten –durch Direktor Erich Wiese in Breslau initiiert und noch im gleichen Jahr von Ludwig Justi, Direktor der Nationalgalerie, als Gedenk-Ausstellung nach Berlin übernommen wurde.

 

 

Ausgestellte Künstlerinnen und Künstler

Jankel Adler (→ Jankel Adler und die Avantgarde), Alexander Archipenko, Isidor Aschheim, Henryk Berlewi, Alexander Camaro, Johnny Friedlaender, Grete Jahr-Queißer, Alexander Kanoldt, Ernst Ludwig Kirchner, Ludwig Peter Kowalski, Margarete Kubicka, Stanisław Kubicki, Wilhelm Lehmbruck, Carlo Mense, Oskar Moll, Marg Moll, Johannes Molzahn, Georg Muche, Otto Mueller, Żdzisław Nitka, Oskar Schlemmer, Willy Schmidt, Horst Strempel, Heinrich Tischler, Witkacy, u.a.

 

Maler. Mentor. Magier. Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau: Ausstellungskatalog

Dagmar Schmengler, Agnes Kern und Lidia Głuchowska (Hg.)
mit Beiträgen von Magdalena Droste, Lidia Głuchowska, Barbara Ilkosz, Florian Karsch, Iwona Luba, Gerhard Leistner, Piotr Łukaszewicz, Tanja Pirsig-Marshall, Sarah M. Schlachetzki, Dieter Scholz, Peter Sprengel, Małgorzata Stolarska-Fronia et al.
352 Seiten ca. 230 Farbabb.
Klappenbroschur, ca. 24 x 29,5 cm
ISBN 978-3-86828-873-5 (Deutsch)
ISBN 978-3-86828-891-9 (Polnisch)
Kehrer Verlag

Quelle: Pressetext

 

Otto Mueller und die Malerei der Moderne: Bilder

  • Otto Mueller, Selbstbildnis mit Pentagramm, um 1924 (© Von der Heydt-Museum, Wuppertal, Foto: Antje Zeis-Loi, Medienzentrum Wuppertal)
  • Otto Mueller, Zwei Mädchen, um 1925, Leimfarbe auf Rupfen, 175 x 111 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Oskar Moll, Inge II in Dunkelblau, mit Zigarette, 1930/32, Öl auf Leinwand, 100 x 73 cm (Privatsammlung)
  • Oskar Schlemmer, Akt, Frau und Kommender, 1925, Öl auf Leinwand, 128 x 64,2 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie)
  • Witkacy, Die letzte Zigarette des Verurteilten (Selbstporträt), 1924, Öl auf Karton, 72 x 51 cm (Literaturmuseum Warschau)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.