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Picasso. Die erste Museumsausstellung 1932 Wendepunkt zum modernen Ausstellungsbetrieb

Zürcher Kunstgesellschaft Kunsthaus Zürich (Hg.): Picasso. Die erste Museumsausstellung 1932, 2012, Prestel Verlag

Zürcher Kunstgesellschaft Kunsthaus Zürich (Hg.): Picasso. Die erste Museumsausstellung 1932, 2012, Prestel Verlag

Die erste Museumsausstellung von Pablo Picasso 1932 im Kunsthaus Zürich ist nicht nur als Wegmarke in der Rezeption des Künstlers, sondern auch als Wendepunkt zum modernen Ausstellungsbetrieb zu sehen. Eindrucksvoll und selbstkritisch präsentieren Tobia Bezzola, Christian Geelhaar, Simonetta Fraquelli und Michael FitzGerald die Entstehungsgeschichte jener Ausstellung, die die Beziehung zwischen zeitgenössischer Kunstproduktion, Kunsthändlern, Sammlern und Museum völlig veränderte. Zum 110. Geburtstag schenkte sich das Kunsthaus Zürich eine „Wiederaufnahe“ dieses so wichtigen Kunstereignisses. Von den heute in der ganzen Welt verstreuten Arbeiten konnten für die Reprise der Schau mehr als 70 wieder nach Zürich gebracht werden.

Picasso 1932

34.027 Besucher sahen in neun Wochen – für damalige Verhältnisse eine Sensation (!) – die erste von Picasso selbst kuratierte Werkschau des Pariser Künstlers. Dies belegt die Anerkennung des den neuen Selbstbilds als „Museums für zeitgenössische Kunst“. 1932 wurde damit in der Schweiz die museale „Großretrospektive eines lebenden Künstlers“ aus der Taufe gehoben, denn Museen in England, Spanien und Italien erwarben keine zeitgenössische Kunst. Bis heute prägt dieses Konzept den Museumsbetrieb, wobei die Interessensgemeinschaft von Künstlern, Galeristen, Sammlern und Museumsverantwortlichen immer wieder auch hinterfragt werden muss. Selten wurde deren Verflechtung so schonungslos offengelegt, wie hier.

Picasso präsentierte seine Werke in chronologischer Hängung, wie auch der Reprint des Katalogs von 1932 deutlich belegt. Im Gegensatz zur großen Matisse-Retrospektive im Jahr davor (in Paris in den Galleries Georges Petit, dann Kunsthaus Basel und weiter ins MoMA in New York), war der Künstler sein eigener Chefkurator und malte wie ein Besessener zwischen Dezember 1931 und April 1932 30 neue Gemälde. Die berühmten Marie-Thérèse Walter Bilder mit den dramatisch fließenden Linien und den kräftigen Farben antworten gleichsam auf die Matiss`sche Linienkunst und scheinen eine Zuwendung zu den Themen der Surrealisten (z.B. Traum) zu sein. Die seit der Mitte der 1910er Jahre beobachtbare stilistische Heterogenität im Werk Picassos trat in der Zürcher Ausstellung offen zutage. Damit wurden die Kritiker in ihrem Bild einer eindeutigen stilistischen Entwicklung enttäuscht, denn sie empfanden die Schau als schwer zugänglich, verwirrend und chaotisch.

Fazit: Spannende Artikel rund um die Beziehung zwischen Künstler und Museum (Bezzola), zwischen Künstler und den Galeries (Fraquelli) George Petit und der weiteren Entwicklung bis zwischen 1932 und Guernica (FitzGerald). Dem Reprint des Ausstellungskatalogs folgt ein bebildertes Werkverzeichnis, das die Auswahl des Künstlers – auch damals schon abhängig von der Verfügbarkeit der Bilder – verdeutlicht.

Picasso. Die erste Museumsausstellung: Ausstellungskatalog

Zürcher Kunstgesellschaft Kunsthaus Zürich (Hg.)
22×28 cm, ca. 288 Seiten
302 farbige Abb., 72 s/w Abb., Gebundenes Buch
ISBN: 978-3-7913-5068-4
Prestel Verlag

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.