0

München | Lenbachhaus: Surrealismus + Antifaschismus Aber hier leben? Nein Danke. | 2024/25

Max Ernst, Der Hausengel (Lenbachhaus, München)

Max Ernst, Der Hausengel (Lenbachhaus, München)

Der Surrealismus war eine politische Bewegung von internationaler Reichweite und internationalistischer Haltung. Surrealist:innen prangerten die europäische Kolonialpolitik an, organisierten sich gegen faschistische Bewegungen, kämpften im Spanischen Bürgerkrieg, riefen Wehrmachtssoldaten zur Sabotage auf, wurden interniert und verfolgt, flohen aus Europa, fielen im Krieg. Sie schrieben Poesie, feilten an der Dekonstruktion einer vermeintlich rationalen Sprache in einer vermeintlich rationalen Welt, arbeiteten an Gemälden, kollektiven Zeichnungen, fotografierten und collagierten, organisierten Ausstellungen.

Die Regierung und Besatzung durch faschistische Parteien in mehreren Ländern Europas und weltweit wie auch die Welt- und Kolonialkriege politisierten den Surrealismus zur Zeit seiner Entstehung und zwangen die Leben seiner Protagonist:innen in unvorhersehbare Bahnen. Diesen Entwicklungen stehen erstaunliche Begegnungen und internationale Solidarisierungen gegenüber, deren Verbindungslinien von Prag nach Coyoacán in Mexico City, von Kairo ins republikanische Spanien, von Marseille nach Fort-de-France auf Martinique reichten.

„Wir wissen, wie die Dinge hier in Martinique stehen. [...] Von den mächtigen Bomben und anderen Kriegsgeräten, die uns die moderne Welt zur Verfügung stellt, hat unsere Kühnheit den Surrealismus auserwählt, welcher in unserer Zeit die sicherste Chance auf Erfolg bietet.“1 (Suzanne Césaire, 1943)

Surrealismus international in München 2024/25

Surrealistisches Denken und Handeln fand damals und findet heute an mehreren Orten gleichzeitig statt. Statt als didaktische, lineare Erzählung wird die Ausstellung in mehrere Episoden strukturiert, angeordnet ähnlich einer Landkarte. Ziel ist es, den Surrealismus als die streitbare, international vernetzte und hoch-politisierte Bewegung sichtbar zu machen, als die ihn seine Vertreter:innen verstanden haben. Gleichzeitig verzichtet das Lenbachhaus auf einen funktionalen oder illustrativen Kunstbegriff. Um das politische Selbstverständnis des Surrealismus erforschen und darstellen zu können, arbeitet das Lenbachhaus mit dem für den Surrealismus zentralen Begriff des Antifaschismus.

„Die menschliche Seele ist international.“2 (Bulletin International du surréalisme, Prag, April 1935)

Nicht zuletzt aufgrund seines keineswegs instrumentellen Verhältnisses zwischen Kunst und Politik wurde der Surrealismus über diese Zeit hinaus immer wieder für politische Bewegungen herangezogen: Als Standpunkt und Methode, die sich oft ganz selbstverständlich mit emanzipatorischen Anliegen verbindet, wurde er in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der 68er Bewegung und von Vertretern des Pan-Afrikanismus aufgegriffen. Die Ausstellung am Lenbachhaus sieht sich als Bündelung von Versuchen, einen immer noch eng definierten und politisch verharmlosten surrealistischen Kanon zu revidieren und die Frage zu beantworten: Was ist Surrealismus?

Ausgestellte Künstler:innen

Manuel Álvarez Bravo, Lola Álvarez Bravo, Art & Liberté, Georges Bataille, Hans Bellmer, Victor Brauner, André Breton, Claude Cahun und Marcel Moore, Leonora Carrington, Aimé Césaire, Suzanne Césaire, Óscar Domínguez, Robert Desnos, Paul Éluard, Max Ernst, Esteban Francés, Eugenio Granell, Groupe Octobre, John Heartfield, Jindřich Heisler, Jacques Hérold (geb. Herold Blumer), Ted Joans, Ida Kar, Germaine Krull, Wifredo Lam, Dyno Lowenstein, René Magritte, Dora Maar, La Main à Plume, Maruja Mallo, André Masson, Roberto Matta, China Miéville, Lee Miller, Joan Miró, Wolfgang Paalen, Pablo Picasso, Jacques Prévert, Jindřich Štyrský, Yves Tanguy, Karel Teige, Toyen, Remedios Varo, Wols

Kuratiert von Karin Althaus, Adrian Djukic und Stephanie Weber.
Quelle: Lenbachhaus

Weitere Beiträge zum Surrealismus

24. Februar 2024
Roberto Matta, Les Témoins de l’univers, 1947-1948 (© Estate Roberto Matta)

Wien | Kunstforum: Roberto Matta Retrospektive des Surrealisten | 2024

Die Ausstellung des Bank Austria Kunstforum Wien zeigt Mattas künstlerische Galaxien, seine „inneren Landschaften“, die Matta „inscape“ nannte. Mattas „Technik der psychologischen Morphologien“ inspirierte die Maler:innen des Abstrakten Expressionismus genauso wie vorher seine Kolleg:innen des Surrealismus.
21. Februar 2024
Salvador Dalí, Versuchung des hl. Antonius, 1946, Öl/Lw, 89,7 x 119,5 cm (Musée d’Art Moderne, Brüssel)

Brüssel | Königliche Museen: 100 Jahre Surrealismus IMAGINE! | 2024

Die Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel (RMFAB) feiern den Surrealismus mit einer hochkarätigen Auswahl und seinen symbolistischen Vorläufern aus Belgien.
22. Dezember 2023
Gertrude Abercrombie, Long Ago and Far Away, 1954

Gainesville | The Harn: Surrealismus Surrealismus historisch und in der Gegenwart | 2023/24

Der Surrealismus im Harn umfasst mehr als 40 Werke von 30 Künstler:innen - historische wie zeitgenössische.
27. November 2023
Salvador Dalì, Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen (Vorahnung des Bürgerkriegs), 1936, Öl auf Leinwand, 99,9 x 100 cm (Philadelphia Museum of Art, Philadelphia (Pennsylvania). The Louise and Walter Arensberg collection)

Brüssel | Königliche Kunstmuseen: Surrealist! Von de Chirico bis Pollock | 2024

Von Max Ernst bis Giorgio de Chirico, Salvador Dalí, Joan Miró und Man Ray: Entdecken Sie die Poesie der berühmtesten Surrealist:innen der Welt anhand von Themen wie dem Traum, dem Labyrinth, der Metamorphose, dem Unbekannten und dem Unterbewusstsein.
28. Oktober 2023
Sigmund Freud und die Kunst, Tübingen

Tübingen | Kunsthalle Tübingen: Sigmund Freud und die Kunst INNENWELTEN | 2023/24

Die in Kooperation mit dem Sigmund Freud Museum Wien entwickelte Ausstellung spürt der Rezeption der Freudschen Theorien in der Kunst des 20. Jahrhunderts bis heute nach: Von kreativen Verfahren zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die die Innenwelten zu materialisieren suchen, über die existenzialistischen Ansätze der Nachkriegszeit bis hin zur Konzeptkunst der 1980er Jahre und zu feministischen Positionen der Postmoderne, die das Erbe des Denkmeisters der Psychoanalyse in der Sprache der Kunst mitunter auch kritisch reflektieren.
27. August 2023
Centre Pompidou, 100 Jahre Surrealismus

Paris | Centre Pompidou: 100 Jahre Surrealismus Revolution in Kunst und Gesellschaft | 2024

1924 veröffentlichte André Breton das Erste surrealistische Manifest und begründete damit den Surrealismus als Haltung und Kunstform. Anlässlich des 100. Geburtstags der revolutionären Gruppierung organisiert das Centre Pompidou eine umfassende Überblicksausstellung.
  1. Zitiert nach Suzanne Césaire, 1943: Surréalisme et nous, in: Tropiques, Nr. 8–9, 1943.
  2. Zitiert nach: Bulletin International du surréalisme [Mezinárodní Buletin Surrealismu], Prag, April 1935.