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Erwin Bohatsch Österreichischer Maler der Abstraktion

Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 2014, Acryl und Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm (Albertina, Wien)

Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 2014, Acryl und Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm (Albertina, Wien)

Kleinformatige Zeichnungen, Monotypien und Aquarelle, meist Hochformate und zirka 63 x 44 Zentimeter groß, stehen im Zentrum der retrospektiv angelegten Überblicksschau von Erwin Bohatsch (* 1951). Hierbei handelt es sich um eine zweimalige Premiere, sowohl was die Erstpräsentation der Arbeiten auf Papier anlangt wie auch den retrospektiven Charakter der Ausstellung. Immerhin besitzt die Albertina über 60 Arbeiten vom „Jungen Wilden“ der 1980er Jahre und seit nunmehr 35 Jahren eminent wichtigen Vertreter der Abstrakten Kunst in Österreich (→ Abstrakte Kunst).

Zeichnungen wie Kammermusik

Für Erwin Bohatsch sind diese Arbeiten im Vergleich zu den großformatigen Gemälden intimer - nicht nur wegen ihrer Größen, sondern auch wegen der Nähe des Künstlers zu den Blättern im Zuge des Arbeitsprozesses. Wichtig ist dem Maler in seinem Gespräch mit Kuratorin Antonia Hoerschelmann darauf hinzuweisen, dass die Arbeiten auf Papier keine Skizzen, sondern alle durch- und ausgearbeitet sind. Der 65-jährige Künstler verwendet für sie die gleichen Farben wie in seinen Gemälden, nur das Trägermaterial ist ein leichteres. Er spricht selbst von einer „kammermusikalischen Intimität“, die ihn zur Auswahl anderer Materialien inspiriere, da er in ihnen auch Bleistiftzeichnungen integriert.

 

Erwin Bohatschs untypische Monotypien

Für die Schau in der Albertina entstanden neue Monotypien, in denen Bohatsch über die Grenzen des Mediums hinausgeht. Während klassische Monotypien in einem einzigen Druckvorgang hergestellt werden, wurde dem Künstler schnell klar, dass er seine Farb- und Formvorstellungen nur in einem mehrschichtigen Prozess umsetzten konnte. Die für die jüngsten Werke charakteristischen Farbfelder und ihre Überlappungen entstanden mit Hilfe von Schablonen, weshalb die Kompositionen in mehreren Arbeitsschritten aufgebaut wurden. Auffallendster Unterschied zu älteren Werken ist der Einsatz von weniger gebrochenen Farben. Bohatsch führt seine neue Lust an der reinen Buntfarbe, die in einem starken Kontrast zum Schwarz steht, auf seine letzte Amerikareise zurück, wo er viele Werke der Klassischen Moderne und der Nachkriegabstraktion  – u.a. von Henri Matisse, Barnett Newman, Morris Louis und Mark Rothko – gesehen hat.

 

 

Vom „Jungen Wilden“ zur Abstraktion

Direktor Klaus Albrecht Schröder verortet den Künstler „zwischen den Polen Abstraktion und Gegenständlichkeit, Buntfarbigkeit und Monochromie, sichtbarer Pinselführung und unterdrückter Handschriftlichkeit“ und fasst damit die Entwicklung von Bohatschs Malerei kompakt zusammen.

Die Anfänge von Erwin Bohatsch liegt in den 1980er Jahren zwischen den „Jungen Wilden“ Siegfried Anzinger, Hubert Schmalix, Herbert Brandl, Gunter Damisch, Josef Danner, Hubert Scheibl (→ Hubert Scheibl. Fly) und Otto Zitko (→ Neue Wilde | Junge Wilde). In diesem Jahrzehnt malte er figurative Arbeiten mit schlammfarbigem Grundton. Wichtige Impulsgeber waren die Kunst von Kurt Kocherscheidt (1943–1992), die zwischen Naturstudien und Mystizismus angesiedelt war, und die Artefakte im Wiener Völkerkundemuseum (heute: Weltmuseum), wo er für wissenschaftliche Zwecke afrikanische Masken abzeichnete.

 

 

Selbstreflexive Abstraktion

Obwohl Erwin Bohatsch bereits 1983 den Otto Mauer Preis zuerkannt bekommen und die Malerei der „Jungen Wilden“ international (v.a. Deutschland und Italien) Erfolg hatte, empfand er ein zunehmendes Unbehagen vor surrealistischen Tendenzen und der Ausbeutung der Stammeskunst. Parallel zum aufkommenden postkolonialen Diskurs lehnte er ab Ende der 1980er Jahre Verweise auf so gennannte primitive Kunst ab und wandte sich der Abstraktion und einer selbstreflexiven Malerei zu. Seither versucht Bohatsch nichts darzustellen oder zu illusionieren, sondern denkt über die Möglichkeiten des Malens, der Farben, des Auftrags etc. nach. Ziel seiner Malerei, so Erwin Bohatsch, sie die Erforschung des eigenen Produktionsprozesses.

„Das Bild selbst erzählt nichts, es ist ein flaches Objekt.“1 (Erwin Bohatsch)

Die Ende der 80er Jahre entstandenen Gemälde bezeugen diese Überzeugung, wonach Bohatsch sich zum Ziel setzte, die Erzählung aus dem Bild herauszunehmen. Sie zeigen biomorphen Blasen- und Tropfenformen mit oft starken Helldunkel-Kontrasten und bewegen sich zwischen Abstraktion und (unvermeidbarem) assoziativem Denken. Anfang 90er Jahre begann Bohatsch, mit hellerer Farbigkeit zu arbeiten, auch kalte, bläuliche Töne einzubinden. Die aus einer sanften Bewegung gewonnenen Formen werden immer reduzierter, einschließlich handgemalter Linien als unverwechselbare Signatur. Gesine Borcherdt vergleicht das Werk von Erwin Bohatsch daher mit Schöpfungen von Paul Klee, Robert Ryman und Raoul De Keyser. Schlussendlich geht es dem Maler um eine Recherche zu den Fließeigenschaften von Farben. Dass sich hier Assoziationen mit Landschaftlichem ergeben, ist dem Künstler kein Anliegen, noch weniger eine Art von Symbolcharakter derselben. So fährt Bohatsch „im Kielwasser der Romantik – allerdings ohne deren Bestreben nach Vergeistigung und Erhabenheit nachzugeben“, wie Borcherdt resümiert.

 

 

Noch ein Jahrzehnt später, während der 1990er Jahre, trieb den österreichischen Maler die Frage von Figur und Grund, und wie sehr er sie auflösen könne, um. In der Folge entstanden um 2000 beinahe monochrom weiße Bilder, die wie oszillierende, lichtdurchflutete Bildräume mit meditativer Grundstimmung wirken. Erwin Bohatsch hatte dünne Ölfarbe und Kunstharz in Braun-Grau und Weißtönen mit Spachtel auf horizontaler Leinwand aufgetragen. Durch Kippen begann die Farbe in Bewegung zu geraten und träge der Schwerkraft zu folgen. Im Gegensatz zu Bohtaschs figurativem Frühwerk zeigen diese Arbeiten nun keine Handschrift mehr. Sie atmen eine fernöstliche Metaphysik, auch wenn der Künstler auf Fragen nach asiatischen Wurzeln indifferent reagiert und gotische Kathedralen genauso faszinierend findet wie japanische Kunst und Philosophie (S. 123.). Obwohl diese Gemälde bar jeder Subjektivität zu sein scheinen2, arbeitete Brigitte Huck in Ihrem schon 2006 erstmals publizierten Katalogbeitrag deren Authentizität heraus.

 

„Malen muss ja ein Abenteuer sein“

In den letzten knapp fünfzehn Jahren – von etwa 2000 bis heute – sind die Farben in Bohatschs Gemälden wieder unruhiger und leuchtender geworden. Nun kann man wieder von schwebenden Farbwolken sprechen, die auch der Ausgangspunkt für die aktuellsten Monotypien wurden. Sie bergen das Risiko eines möglichst offenen Arbeitsprozesses, denn – wie Erwin Bohatsch meint – „Malen muss ja ein Abenteuer sein“. Jüngst entstanden auch kleinformatige Gemälde, in denen er die Erfahrungen der Arbeiten auf Papier einbindet. Im Katalog sind sie ihrem Größenverhältnis entsprechend klein abgedruckt, durchaus eine ungewohnte Seherfahrung.

„Bei meiner künstlerischen Arbeit interessiert mich nicht die große Geste, sondern es interessieren mich die kleinen Verschiebungen, das Knirschen im Getriebe, das Innehalten, das Rauskippen aus gewohnten Systemen. Ich strebe nach einem Ausnahmezustand.“3 (Erwin Bohatsch, 2006)

 

 

Biografie von Erwin Bohatsch (* 1951)

1951 Erwin Bohatsch wurde in Mürzzuschlag (Steiermark, Österreich) geboren.
1966–1970 Studium an der Kunstgewerbeschule in Graz bei Otto Brunner.
1971–1976 Studium bei Walter Eckert (gestische Abstraktion) an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zeichnete am Wiener Völkerkundemuseum (heute: Weltmuseum) für wissenschaftliche Zwecke afrikanische Masken ab.
1983 Verleihung des Otto-Mauer-Preises
1984/85 DAAD-Stipendium für einen Berlin-Aufenthalt.
1984 Teilnahme an der Ausstellung „An International Survey of Recent Painting and Sculpture“ im Museum of Modern Art in New York
Las den Katalog der Ausstellung „Primitivism in 20th Century Art: Affinity oft he Tribal and the Modern“ des Museums of Modern Art, New York (1985) mit dem Ansatz von William Rubin sowie Claude Lévi-Strauss‘ „Wildes Denken“.
1992 Kursleiter an der Internationalen Sommerakademie Salzburg.
1993 Kursleiter an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, Gomera.
1994 Kursleiter an der Sommerakademie für Bildende Kunst, Berlin.
1996 Preis der Stadt Wien
seit 2005 Leiter der Klasse für abstrakte Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien.
Erwin Bohatsch lebt und arbeitet in Wien und Beistein bei Fehring (Steiermark)

 

Erwin Bohatsch: Bilder

  • Erwin Bohatsch, In einer Landschaft, 1984, Mischtechnik auf Papier, 64,5 x 47,7 cm (Albertina, Wien)
  • Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 1992, Mischtechnik auf Papier, 56,2 x 37,8 cm (Albertina, Wien)
  • Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 1994, Öl und Kunstharz auf Leinwand, 70 x 55 cm (Albertina, Wien & Schenkung Sammlung Ploner)
  • Erwin Bohatsch, Les nuits d' été, Teil 6, 2002, Lithografie mit schwarzer Acrylfarbe überarbeitet, 65 x 55 cm (Albertina, Wien)
  • Erwin Bohatsch, Les nuits d' été, Teil 7, 2002, Lithografie mit schwarzer Acrylfarbe überarbeitet, 65 x 55 cm (Albertina, Wien)
  • Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 2003 (Albertina, Wien - Schenkung Sammlung Ploner)
  • Erwin Bohatsch, Ohne Titel (06-01-2014), Öl, Acryl und Bleistift auf Papier, 63 x 43,9 cm, 2014 (Albertina, Wien)
  • Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 2014, Acryl und Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm (Albertina, Wien)
  • Erwin Bohatsch, Ohne Titel, 2015, Acryl und Öl auf Papier, 63 x 44 cm (Albertina Wien)

 

Erwin Bohatsch: Ausstellungskatalog

Antonia Hoerschelmann (Hg.)
mit Beiträgen von Gesine Borcherdt, Brigitte Huck und einem Gespräch von Erwin Bohatsch mit Antonia Hoerschelmann
ISBN 978-3-903131-04-0
Vfmk Verlag für moderne Kunst

  1. Zitiert nach Brigitte Huck, Erwin Bohatsch: Im Strafraum, in: Erwin Bohatsch (Ausst.-Kat. Albertina, Wien), Wien 2016, S. 104–107, hier S. 105.
  2. Barnett Newmans weiße Gemälde haben für Bohatsch zu starken konzeptuellen Charakter.
  3. Zitiert nach Ausstellungskatalog S. 91.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.