Lisette Model
Wer war Lisette Model?
Lisette Model (Wien 10.11.1901–30.3.1983 New York) war eine in Österreich geborene US-amerikanische Fotografin der Street Photography und eine der einflussreichsten Lehrpersönlichkeiten der Fotografiegeschichte. Als Autodidaktin, die erst im Alter von 33 Jahren zur Fotografie fand, entwickelte sie in kürzester Zeit eine radikal eigenständige Bildsprache: direkt, unsentimentalisch, körperbetont und tief im Geist der Wiener Moderne verwurzelt. Ihre Aufnahmen erschienen in „PM's Weekly", „Harper's Bazaar" und „U.S. Camera"; von 1951 bis zu ihrem Tod unterrichtete sie an der New School for Social Research in New York City. Zu ihren bekanntesten Schülerinnen und Schülern zählen Diane Arbus, Bruce Weber, Larry Fink und Shelly Rusten.
Zu den bekannten Persönlichkeiten, die sie porträtierte, gehören Frank Sinatra, Georges Simenon, Valeska Gert, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald. Models Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und befinden sich immer noch in mehreren ständigen Sammlungen, darunter die der National Gallery of Canada und des J. Paul Getty Museums.
„Die Kamera ist ein Erkennungsinstrument; wir fotografieren nicht nur das, was wir kennen, sondern erforschen neue Aspekte einer sich ständig verändernden Welt.“1 (Lisette Model)
Kindheit
Lisette Model wurde am 10. November 1901 als Élise Amélie Félicie Stern im Haus der Familie in der Josefsgasse 9 im 8. Wiener Gemeindebezirk, Österreich-Ungarn, geboren. Ihr Vater Victor Hypolite Josef Calas Stern war ein italienisch-österreichischer Arzt und Privatier jüdischer Konfession, der der österreichisch-ungarischen kaiserlichen und königlichen Armee und später dem Internationalen Roten Kreuz angehörte; ihre Mutter Francoise Antoinette Félicié (geb. Picus) war Französin und Katholikin.2 Lisette Model wurde römisch-katholisch getauft.
Im großbürgerlichen und multilingualen Elternhaus, in dem Deutsch, Französisch und Italienisch gesprochen wurden, stand die musikalische Ausbildung im Mittelpunkt. Victor Stern, selbst ein passionierter Klavierspieler, ließ Lisette Violine lernen; das Klavierspiel eignete sie sich aus eigenem Antrieb an. Im Februar 1903 änderte der Vater den Familiennamen aus Gründen der Assimilation in Seybert. Lisette hatte einen älteren Bruder, Salvator (geb. 1900), und eine jüngere Schwester, Olga (geb. 1909).
Model erhielt eine bürgerliche Erziehung, wurde hauptsächlich von einer Reihe von Privatlehrern unterrichtet und sprach fließend Italienisch, Deutsch und Französisch. Auch als die Familie nach dem Ersten Weltkrieg finanziell angespannt war, wurde ihre private Ausbildung weitergeführt. Trotz ihrer privilegierten Erziehung erinnerte sich die Künstlerin häufig an ihre schwierige Kindheit. Laut einer Interviewaussage ihres älteren Bruders wurde sie von ihrem Vater sexuell belästigt, obwohl das volle Ausmaß seines Missbrauchs unklar bleibt.
Ausbildung
Lisette erhielt ab 1918 Klavierunterricht von Eduard Steuermann. Im Oktober 1919 meldete sich Lisette als externe Studentin für das Seminar „Komposition, Harmonielehre und Analyse" bei Arnold Schönberg an der von Eugenie Schwarzwald geleiteten Schwarzwald-Schule an. An dieser progressiven Lehranstalt, an der auch Oskar Kokoschka und Adolf Loos unterrichteten.3
Im Jahr 1920 begann die 19-Jährige an der Schwarzwald Schule ein zweijähriges Musikstudium bei dem Komponisten – und Vater ihrer Jugendfreundin Gertrude – Arnold Schönberg (Harmonielehre und Kontrapunkt) sowie Gesang bei Marie Gutheil-Schoder (1924-1926). Lisette war den Mitgliedern seines Kreises vertraut. „Wenn ich jemals in meinem Leben einen Lehrer und einen großen Einfluss hatte, dann war es Schönberg“, sagte sie. Über ihre Kunstausbildung ist wenig bekannt, aber ihre Verbindung zu Schönberg brachte sie in Kontakt mit der zeitgenössischen Kunstszene und führenden Avantgarde-Künstlern. Der frühe Kontakt mit dem Expressionismus beeinflusste möglicherweise Models Interesse an der Beobachtung von Menschen und später an der Fotografie.
Nach dem Krebs-Tod ihres Vaters (1924) verließ sie mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Olga 1926 Wien, um Gesang bei der polnischen Sopranistin Marya Freund zu studieren, die sie bei Schönberg getroffen hatte. Zudem besuchte Model den Salon der Sängerin, Felicie und Olga zogen weiter nach Nizza, aber Lisette blieb in Paris, dem neuen kulturellen Zentrum nach dem Ersten Weltkrieg, um ihr Musikstudium fortzusetzen.
Von 1926 bis 1933 unterzog sich Lisette einer Psychoanalyse wegen ihrer Kindheitstraumata; es ist jedoch wenig darüber bekannt, welche genauen Probleme sie hatte, außer dass sie vermutlich in ihrer Kindheit von ihrem Vater missbraucht wurde. Diese Jahre wurden als ihre einsame Zeit bezeichnet, da sie allein Cafés besuchte und darum kämpfte, in eine radikal andere soziale Gruppe einzutauchen als die bürgerliche Klasse, von der sie umgeben war.
Im Jahr 1933 gab Lisette die Musik auf und widmete sich wieder dem Studium der bildenden Kunst, zunächst als Malerei-Schülerin von André Lhote (zu dessen weiteren Schülern Henri Cartier-Bresson und George Hoyningen-Huene gehörten). Bei einer Reise nach Nizza lernte sie ihren Mann, den konstruktivistischen Maler Evsa Model (1901–1976), kennen. Model gehörte zur Pariser Gruppe „Cercle et Carré“, gemeinsam mit Piet Mondrian, Michel Seuphor und Sophie Taeuber-Arp. In Nizza produzierte Lisette 1934 eine ironische Bilderserie über die Nobelurlauber:innen an der Promenade des Anglais, die 1935 mit einem sozialkritischen Kommentar in der Zeitschrift „Regards“, einem Organ der kommunistischen Partei, veröffentlicht wurde. Damit gelang ihr der Durchbruch im Bereich der Straßenfotografie. 1937 war sie Schülerin bei der surrealistischen Fotografin Florence Henri und heiratete im September 1937 Evsa Model.
Werke
Von Wien nach Paris: Fotografische Anfänge (1926–1938)
Pariser Kunstszene und politisches Umfeld
In Paris verkehrte Lisette Model im künstlerischen Epizentrum des Viertels Montparnasse, blieb den damaligen Experimenten des Surrealismus und der Abstraktion (→ Abstraction-Création) jedoch auf Distanz.4 Zu ihrem damaligen Freundeskreis gehörten Personen mit starkem linken Engagement, darunter der deutsch-österreichische Komponist Hanns Eisler, der ihr 1933 in Anbetracht der politischen Lage in Europa eindringlich zur Erlernung eines praktischen Berufs riet – ein Gespräch, das den Anstoß zu ihrer Laufbahn als Fotografin gab.5 Ihre Schwester Olga, die bereits bei der Atelierfotografin Lotte Meitner-Graf in Wien gelernt hatte, brachte ihr die Grundlagen der Fototechnik bei. Weitere praktische Unterweisungen erhielt sie von der Fotografin Rogi André, erste Ehefrau von André Kertész, die ihr den prägenden Leitsatz mitgab - „Fotografiere niemals etwas, an dem du nicht leidenschaftlich interessiert bist.“6 - und zeigte ihr den Umgang mit der Rolleiflex. 1937 war Model Schülerin bei der surrealistischen Fotografin Florence Henri; im September desselben Jahres heiratete sie den konstruktivistischen Maler Evsa Model (1899–1976).
Zwischen 1933 und 1938 schuf Lisette Model ihre ersten extrem direkten, aber dennoch respektvollen Fotografien in Paris und an der Côte d‘Azur. Model kaufte ihren ersten Vergrößerer und ihre erste Kamera, als sie nach Italien reiste. Model interessierte sich am meisten für den Dunkelkammerprozess und wollte Dunkelkammertechnikerin werden. Sie benutzte ihre Schwester als Modell, als sie anfing zu fotografieren. Model behauptete, dass sie „einfach eine Kamera in die Hand genommen habe, ohne den Ehrgeiz, gut oder schlecht zu sein“. Ihre Freunde aus Wien und Paris bestätigten jedoch, dass Lisette Model hohe Ansprüche an sich selbst und einen starken Wunsch hatte, sich hervorzutun – bei allem, was sie tat. Model überarbeitete später das Zitat von Rogi André und forderte ihre Student:innen in der Straßen von New York auf:
„Schießt aus dem Bauch.“
Ende 1933 oder Anfang 1934 fällte sie den Entschluss, professionelle Fotografin zu werden, nachdem sie mit dem Wiener Emigranten und ehemaligen Schönberg-Schüler, Hanns Eisler, gesprochen hatte. Eisler warnte sie vor der Notwendigkeit, in einer Zeit hoher politischer Spannungen zu überleben, und drängte sie, ihren Lebensunterhalt mit dem Fotografieren zu verdienen.
Promenade des Anglais (1934): Der Durchbruch
Im Sommer 1934 entstand bei Besuchen ihrer Mutter in Nizza Models erste, heute ikonische Serie: „Promenade des Anglais“. Mit der Rolleiflex fotografierte sie wohlhabende Müßiggängerinnen und Müßiggänger an der Strandpromenade – Porträts, die Eitelkeit, Unsicherheit und gesellschaftliche Dekadenz mit schonungsloser Direktheit bloßlegten.7 Im Februar 1935 veröffentlichte die kommunistisch orientierte Zeitschrift „Regards“ einige dieser Aufnahmen unter dem Pseudonym „Lise Curel“ neben einem Artikel von sozialkritischer Schärfe:
„Die Promenade des Anglais ist ein zoologischer Garten, in dem sich die abscheulichsten Exemplare der Spezies Mensch in weißen Sesseln räkeln.“8
Diese Veröffentlichung, die Model später aus Furcht vor Repressionen zu verleugnen suchte, brachte ihr den Durchbruch im Bereich der dokumentarischen Straßenfotografie. Die Bilder der Serie gehören bis heute zu ihren meistausgestellten und -reproduzierten Werken.
Die formale Besonderheit ihrer Aufnahmen lag in der radikalen Dunkelkammerarbeit: Durch starkes Beschneiden der Negative mit dem 2¼-Zoll-Quadratformat schärfte sie den Fokus auf das Individuum und eliminierte ablenkende Hintergrundinformationen.9 Gleichzeitig wählte Model Abzugsgrössen von 16 × 20 Zoll – ungewöhnlich groß für die damalige Straßenfotografie10 –, was die körperliche Wucht ihrer Motive noch verstärkte. Damit entwickelte Lisette Model jene Charakteristika, die zu ihren Markenzeichen werden sollte: Nahaufnahmen, unsentimentale und unberührte Darstellungen von Eitelkeit, Unsicherheit und Einsamkeit. Noch immer gehören sie zu ihren am häufigsten reproduzierten und ausgestellten Bildern.
Wiener Moderne als künstlerische Prägung
Die emotionale Intensität und die grotesken Körperbilder, für die Lisette Model so berühmt wurde, lassen sich auf ihre Sozialisation im Wien der Jahrhundertwende zurückführen. Durch Arnold Schönberg gelangte sie in Kontakt mit dem österreichischen Frühexpressionismus und dessen zentralen Figuren. Schönbergs Konzept der „Emanzipation der Dissonanz“ – die Aufwertung des als fehlerhaft geltenden Misstons zum eigenständigen künstlerischen Mittel – findet in Models Fotografien ein visuelles Äquivalent: der Bruch mit harmonischem Bildaufbau, der durch knappe Ausschnitte eng bemessene Bildraum, den die Körper regelrecht sprengen, die Wiedergabe von Menschen im Moment höchster Anspannung.11
Auch die expressiven Körperdarstellungen von Egon Schiele und Oskar Kokoschka – deformierte Physiognomien, angespannte Gesten, ins Extreme gesteigerte Mimik – weisen deutliche Parallelen zu Models fotografischen Charakteren auf. Die Kunstkritikerin Elizabeth McCausland hatte dies bereits 1942 in einem vielzitierten Aufsatz formuliert:
„Lisette Models Fotografien scheinen auf den ersten Blick in die Kategorie der Antitechnik oder des Impressionismus zu gehören. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich eine andere Moral, nämlich dass Fotografien so persönlich, intuitiv und emotional sein können wie der Mensch, der sie macht.“12
Model selbst betonte immer wieder den humanistischen Kern ihrer Arbeit. Auf die Frage, warum sie „so unterschiedliche Extreme in den Menschen“ festhalte, antwortete sie 1979 lakonisch: „Es sind extreme Menschen. Ich fotografiere nie den Durchschnitt.“13
New York: Street Photography und Magazinfotografie (1938–1950)
Ankunft im Exil
Im Oktober 1938 emigrierten Lisette und Evsa Model nach New York.14 Der vorgebliche Anlass – ein Besuch bei Evsas Schwester, Luba Ash, – verdeckte den Plan einer dauerhaften Emigration; die faschistische Bedrohung und die nahende Kriegsgefahr hatten das Ehepaar zur Entscheidung bewogen.15
Ihr erstes Heim fanden sie in den 310 Riverside Drive, das art déco Master Apartments Building, Manhattan, New York City. Doch bald wurde ihnen das zu teuer, und das Paar zog in den ersten Jahren in New York mehrmals um. Das Künstlerpaar, insbesondere Evsa, war als sehr gesellig bekannt und besuchte Cafés und insbesondere Orte mit Künstler:innen, die Lisette gerne fotografierte.
In den ersten 18 Monaten, in denen Lisette Model in New York lebte, dürfte sie keine Fotos gemacht haben. Ein Umschlag aus dem Jahr 1939 enthielt jedoch viele Negative von Battery Park, Wall Street, Delancey Street und der Lower East Side, die gewöhnliche Amerikaner:innen abbilden.
New York begeisterte Model von Beginn an: Bereits 1939 entstanden erste Aufnahmen für die Serien „Spiegelungen [Reflections]“ (1939–1945) und „Laufende Beine [Running Legs]“ (1940–1941), in denen sie die Energie und Hektik der Metropole in avantgardistischen Bildkompositionen einfing. Stilistisch und thematisch unterscheiden sie sich von ihrem übrigen Werk, in dem sie sich auf Porträts spezialisierte. Model interessierte sich für die amerikanischen Konsumkultur und eine neue Lebensweise. In „Reflections“ untersuchte sie Produkte oder Verbraucher:innen in Fensterreflexionen. Sie wurde für ihre radikale Abweichung vom traditionellen Standpunkt und ihre Beschäftigung mit Vorstellungen von Glamour und Anti-Glamour anerkannt. Diese Serie erregte zusammen mit ihrer Arbeit „Running Legs“ die Aufmerksamkeit der Redakteure Carmel Snow und Alexey Brodovitch von „Harper's Bazaar“. Letzterer machte die Fotografin mit Beaumont Newhall, Direktor der gerade erst gegründeten Fotoabteilung am Museum of Modern Art, bekannt. Im Oktober 1940 traf sie Newhall und Ansel Adams, der zwei von Models Fotografien erwarb und eine Freundschaft mit ihr begann.
Harper's Bazaar
Lisette Model wurde in New York schnell zu einer prominenten Fotografin. Der Durchbruch in der amerikanischen Öffentlichkeit gelang 1941, als Ralph Steiner, Fotograf und Art Editor der Wochenzeitung PM's Weekly, die Qualität ihrer Arbeit erkannte und sie mit dem Magazinbetrieb in Kontakt brachte.16 Durch ihn lernte sie Alexei Brodowitsch, den legendären Art Director von Harper's Bazaar, kennen. Das Magazin wurde in den 1940er Jahren ihr wichtigster Auftraggeber. Im Juli 1941 führte sie ihr erster Bazaar-Auftrag nach Coney Island, wo die berühmte Fotografie „Badende auf Coney Island, New York [Coney Island Bather]“ entstand – ein Bild von überwältigender Körperlichkeit, das später das Cover ihrer einzigen Monografie (Aperture, 1979) zieren sollte.17
Im Jahr 1941 veröffentlichte Lisette Model ihre Arbeiten bereits in „Cue“, „PM's Weekly“ und „U.S. Camera“. Sieben Fotografien der Serie „Promenade des Anglais“ erschienen im Januar 1941 in „PM’s Weekly“ unter dem Titel „Why France Fell“. Bis 1955 arbeitete sie für das Magazin „PM’s Weekly“.
Ihre Vision war für die Redakteure von „Harper's Bazaar“ von großem Interesse, wo Models bekannte Serien aus der Lower East Side und der Bowery, darunter Sammy’s Bar, Gallagher’s und das Metropole Café, erschienen. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre nahmen die Aufträge für „Harper’s Bazar“ kontinuierlich ab. Ihre Freundin, die Tänzerin, Kabarett-Künstlerin und Besitzerin der Beggar‘s Bar Valeska Gert, porträtierte sie 1941. In dieser Zeit reiste Lisette Model mehrere Male an die Westküste, wo sie Intellektuelle, Künstler:innen und Fotograf:innen ablichtete, darunter Henry Miller, Dorothea Lange, Edward Weston, Salvador Dalí und Imogene Cunningham (1947 in „Harper’s Bazar“), aber auch Besucher:innen der San Francisco Oper.
In den 1950er Jahren nahm ihr Engagement dramatisch ab und sie veröffentlichte nur zwei Aufträge: „A Note on Blindness“ und „Pagan Rome“. Es entstanden in dieser Zeit noch Aufnahmen am New York Jazz Festival (1954–1956) und auf der Pferderennbahn, aber zunehmend wandte sich die Künstlerin dem Unterrichten zu. Das führte dazu, dass die Fotografin zwar noch weiter ihrer Tätigkeit nachging, die Aufnahmen aber weder entwickelte noch vergrößerte (bis 1974).
Lisette Model und die New York Photo League
Lisette Model wurde zeigtleich ein prominentes Mitglied der New York Photo League (gegr. 1936), einem sozialbewussten Kameraclub mit linksprogressiver Ausrichtung, der aus Vorläufern der Komintern hervorgegangen war.18 Model studierte bei deren Gründer Sid Grossman (gemeinsam mit Sol Libsohn). Dort traf die Fotografin Berenice Abbott und die Kritikerin Elizabeth McCausland, die 1942 eine erste tiefschürfende Analyse verfasste. Von Mai bis Juni 1941 organisierte die New York Photo League Lisette Models erste Einzelausstellung in den USA. Die begeisterte Rezension ihrer Freundin, der Kunstkritikerin Elizabeth McCausland, prägte das Bild der Fotografin für Jahrzehnte: Model fotografiere mit einer „aktiven Linse“, einer Metapher für politisches und ästhetisches Engagement, die ihre Motive in Handlungsmacht versetzt.19
Trotz der Bemühungen der New York Photo League, zu behaupten, sie sei eine kulturelle, fotografische Organisation, führte politischer Druck 1951 zum Niedergang der Liga. Während ihres Bestehens war Model ein aktives Mitglied und fungierte als Preisrichterin bei Bewerben der Mitglieder.
Im Jahr 1944 wurden Lisette Model und Evsa eingebürgert. Briefe aus demselben Jahr zeigen, dass Models Familie in Europa finanziell angeschlagen und dass ihre Mutter am 21. Oktober 1945 an Krebs verstorben war.
Serien der New Yorker Jahre
Die wichtigsten Werkgruppen der New Yorker Phase umfassen:
- Promenade des Anglais / Why France Fell (ab 1941 in PM's Weekly): Die Riviera-Bilder erhielten im politischen Klima des Kriegsbeginns eine neue, explizit antifaschistische Lesart.
- Lower East Side (1939–1945): Porträts der von Immigrantinnen und Immigranten bevölkerten Straßen und Treppen, in denen Model die »europäischen Gesichter und Charaktertypen« wie zu Hause empfand.20
- Sammy's Bar / Nick's Tavern (1940–1944): Ekstatische Barszenen, die 1944 als »Sammy's on the Bowery« in Harper's Bazaar erschienen – Bilder, die zeitgenössische Kritiker an die Chaplin-Filme des frühen Stummfilms erinnerten.21
- Museum (um 1944–1948): Kontaktnegative zeigen Museumsbesucherinnen und -besucher in einer der für Model typischen Verbindung von öffentlichem Raum und menschlicher Intimität.
McCarthy-Ära und innere Emigration (1950er Jahre)
Die 1950er Jahre stehen in scharfem Kontrast zu den erfolgreichen 1940er Jahren. Das Federal Bureau of Investigation (FBI) begann auf Veranlassung des Senators Joseph McCarthy, Models Aktivitäten zu untersuchen. Ihre Mitgliedschaft in der Photo League – die 1947 auf die schwarze Liste des US-Justizministeriums gesetzt worden war – sowie ihre frühe Publikation in der kommunistischen Zeitschrift „Regards“ machten sie zur Zielscheibe.22
Obwohl die Photo League offiziell keine politische Organisation war, nutzten viele ihrer Mitglieder Fotografie als Mittel für soziales Bewusstsein und Veränderung. Obschon Model sich selbst nicht als politische oder dokumentarische Fotografin empfand, datierte sie ihre Fotoserie über die Promenade des Anglais im Nachhinein auf 1937 vor. Damit wollte sie das FBI während der McCarthy-Ära von ihrer Bilderserie in „Regards“ abzulenken. Die New York Photo League wurde schließlich vom FBI als kommunistische Organisation eingestuft
Am 8. Februar 1954 verhörten zwei FBI-Agenten Model in ihrer Wohnung in der West 13th Street in New York und versuchten, sie als Informantin zu rekrutieren.23 Sie verweigerte die Kooperation; ihr Name wurde auf die National Security Watchlist gesetzt. Die Folge war ein rapider Rückgang ihrer Auftragsarbeit: Die Zusammenarbeit mit Harper's Bazaar endete 1955.
Dieser politische Druck hatte tiefgreifende künstlerische Konsequenzen: Model fotografierte zwar weiterhin, entwickelte und vergrößerte ihre Negative jedoch kaum noch. Reisen nach Italien (1953) und Venezuela (1954) – letztere auf Einladung der venezolanischen Regierung – ergaben Aufnahmen, die eine melancholische Distanz zu ihren früheren Werken zeigen: in Rom zerfallende antike Skulpturen, deren grotesker Charakter (kopflose Statuen, fehlende Gliedmassen) ein Echo ihrer expressionistischen Körperbilder darstellt.24 In Venezuela entstand im Atelier des Malers Armando Reverón eine bedeutende Serie über dessen lebensgroße Puppen [muñecas], die Model zu ihrem späteren Projekt über Glamour anregten.
Jazzfotografie: Billie Holiday, Louis Armstrong und Miles Davis
Ein bislang wenig bekanntes, aber herausragendes Kapitel von Models Werk ist ihre Jazzfotografie. Ihr Nachlass enthält rund 1.700 Jazz-Negative, die überwiegend unveröffentlicht blieben.25 Als Model im Oktober 1938 in New York ankam, stand der Swing auf seinem Höhepunkt. Sie erinnerte sich:
Ich war völlig überwältigt vom Jazz, weil ich wusste, dass das Amerika war. Und das wollte ich unbedingt fotografieren.26
Bereits kurze Zeit nach ihrer Ankunft besuchte Model regelmäßig die Nachtclubs von Manhattan – Gallagher's Steakhouse, Nick's Tavern, Stuyvesant Casino und das Metropole Café. Im Mai 1956 traf sie im Café Bohemia auf Miles Davis, der einem Quintett zuhörte; die dabei entstandenen Nahaufnahmen zeugen von einer selbstverständlichen Vertrautheit im Musikermilieu. Zwei Wochen später begleitete sie Billie Holiday bei einer privaten Probensession in deren Appartement, bei der auch der Pianist Herbie Nichols anwesend war – aus deren Zusammenarbeit entstand der Song Lady Sings the Blues.27 1959 fotografierte Model Holiday bei deren Begräbnis; das Bild der im Sarg aufgebahrten Sängerin ging um die Welt.
Beim Newport Jazz Festival (5.–7. Juli 1956) und beim New York Jazz Festival auf Randall's Island (24. August 1956 und 1957) entstanden Aufnahmen von Ella Fitzgerald, Bud Powell, Percy Heath und Louis Armstrong. Model war unter all ihren Fotografenkolleginnen und -kollegen zumeist die einzige Frau.28
Lisette Model als Lehrerin: Diane Arbus und die New School
Lisette Model begann in der zweiten Hälfte ihres Lebens eine produktive Karriere als Lehrerin, sowohl institutionell als auch privat. Im Jahr 1946 besuchte sie zum ersten Mal Kalifornien und freundete sich mit Mitgliedern der von Ansel Adams gegründeten Abteilung für Fotografie der CSFA an. Während sie im Westen waren, vertrieb ihr Vermieter illegal Mieter aus ihrer Wohnung in der Grove Street in New York. Die Gründe des Vermieters dafür sind unbekannt, aber als die Models nach New York zurückkehrten, hatten sich ihre Freunde um ihre Habseligkeiten gekümmert.
Im Jahr 1949 unterrichtete Lisette Model Fotografie am San Francisco Institute of Fine Arts, vermittelt über Anselm Adams. Die Fotografin zog nach Kalifornien, um zu unterrichten, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen und aufgrund ihrer Freundschaft mit Ansel Adams, der eine informelle Einladung zu einem Lehrauftrag aussprach. Von August bis mindestens November desselben Jahres lehrte Model als „Sonderlehrerin für Dokumentarfotografie“ im Fachbereich Fotografie. Sie produzierte zu dieser Zeit nicht viele eigene Arbeiten, möglicherweise weil sie im Vorjahr das Guggenheim-Stipendium nicht erhalten hatte. Danach entschied sie sich privat Fotounterricht zu geben, um Geld zu verdienen.
Im Frühjahr 1951 wurde Model von Berenice Abbott eingeladen, an der New School for Social Research zu unterrichten, wo auch ihre langjährige Freundin Fotografie unterrichtete. Sie unterrichtete bis zu ihrem Tod 1983 – über drei Jahrzehnte lang – und gilt als eine der prägendsten Pädagoginnen der Fotografiegeschichte.29
Die New School hatte einen liberalen, humanistischen Bildungsansatz und eine hohe Anzahl europäischer Geflüchteter im Personal. Bekannt für ihre geradlinige Art, ihre Schüler:innen anzusprechen, und ihren unorthodoxen Unterrichtsstil, erkannte Model, dass sie ein Talent für das Unterrichten hatte. Ihre Unterrichtshefte beziehen sich häufig auf die Verwendung von Kinderkunst als Beispiel, um zu zeigen, dass Kunst eine Erforschung der Welt und keine Nachbildung dessen, was bereits vorhanden war. Model konzentrierte sich darauf, ihre Schüler:innen herauszufordern, nach subjektiven Erfahrungen und größtmöglicher Kreativität zu streben. Lisette Model duldete keine lauwarmen Bemühungen und war rücksichtslos kritisch gegenüber Arbeiten von Student:innen, denen es an Leidenschaft mangelte. »Ich duldete keine lauwarmen Bemühungen«, fasste sie ihr Credo zusammen.
Zwanzig Jahre lang unterrichtete sie das Programm mit wenig Variationen und folgte routinemäßig denselben Prinzipien. Nach dem Tod ihres Mannes Evsa im Jahr 1976 unterrichtete sie weiterhin in New York, sowohl an der New School als auch am International Center of Photography.
Guggenheim-Stipendium
1964 bewarb sich Model erneut um das Guggenheim-Stipendium für ein Stipendium für die Serie „Glamour: The Image of Our Image“, die sie zum Projekt „Photographic Studies of the Social and Artistic History of Our Time“ machen wollte. Im Jahr 1965 erhielt sie das Stipendium in Höhe von 5.000 US-Dollar für einen Zeitraum von einem Jahr. Daraufhin ging Lisette Model nach Los Angeles und Las Vegas, mit der Absicht, Anti-Glamour der amerikanischen Kultur zu fotografieren.
Lisette Model reiste auch nach Italien zum Fotografieren, kehrte aber aus gesundheitlichen Gründen früher als erwartet nach New York zurück, wo Gebärmutterkrebs diagnostiziert und erfolgreich behandelt wurde.
Diane Arbus und Lisette Model
Diane Arbus meldete sich 1956 auf eine Zeitungsannonce Models und absolvierte einige Workshops bei der Fotografin an der New School30 (1956 und 1957) - und gilt seither als wichtigste Schülerin von Lisette Model. Model suchte in ihren Motiven das Extreme und lehrte Arbus, ihre bürgerlichen Vorurteile abzulegen. Als Folge dieses Unterrichts verließ Arbus ihr bisheriges Themenspektrum und entdeckte in New York Lokalitäten wie Hubert’s Museum, einem Sideshow-Gauklerkeller, und den Transvestitentreff Club 82. Hier fand sie ihre ersten Modelle, die sie wiederum mit anderen Exzentrikern bekannt machten.
„Lisette befreite mich von meinen bürgerlich-puritanischen Vorurteilen. Fotografien, die Bewunderung verdienen, haben die Kraft aufzuschrecken.“31 (Diane Arbus)
Arbus' Ehemann Allan meinte sogar:
„Das war Lisette. Drei Sitzungen und Diane war Fotografin.“
Im Jahr 1962 empfahl Model Diane Arbus für ein Stipendium von der Guggenheim Foundation. Die jüngere Fotografin unterstützte ihrerseits Lisette Model 1964 bei der eigenen Bewerbung für ein Stipendium für die Serie „Glamour: The Image of Our Image“, die sie zum Projekt „Photographic Studies of the Social and Artistic History of Our Time“. Im folgenden Jahr erhielt Model 5.000 Dollar zugesprochen und konnte nach Las Vegas und Los Angeles reisen, um an ihrem Projekt zu arbeiten.
Späte Werke
In den 1970er Jahren bekam Lisette Model Rheuma in ihren Händen, unterrichtete und fotografierte jedoch weiterhin fleißig. Das erste Buch mit Fotografien von Model mit einem Vorwort von Berenice Abbott wurde 1979 von „Aperture“ veröffentlicht. Marvin Israel hat das Buch gestaltet. Zweiundfünfzig Fotografien, die zwischen 1937 und 1970 entstanden waren, wurden in einem ausreichend großen Maßstab reproduziert, um ihrer bevorzugten Größe von 16 × 20 Zoll zu entsprechen.
Anfang 1970 bewarb sich Lisette Model bei der Ingram Merrill Foundation und erhielt 2.500 US-Dollar, im März 1973 wurde ihr ein Creative Artists Public Service Program Award für 2.500 US-Dollar zugesprochen. In der zweiten Hälfte ihrer Karriere erlebte Models Arbeit einen starken Rückgang der Veröffentlichungen. Die Fotografin hatte zwar nicht aufgehört zu fotografieren, aber sie hatte einfach aufgehört, sie zu entwickeln. Ähnlich wie bei einigen der verschwommenen Details ihrer Biografie wurde der Grund für diese Änderung nicht endgültig identifiziert. Spekulationen deuten auf eine abnehmende Gesundheit und Selbstwirksamkeit, eine erhöhte Energie für das Lehren und eine prekäre finanzielle Situation als einige der Hauptursachen hin. Trotzdem fotografierte und unterrichtete Model bis zu ihrem Tod weiter. Sie wurde besonders dazu inspiriert, fern von zu Hause zu fotografieren, wie zum Beispiel ihre Fotografien von Studenten in Berkeley 1973, Luzern 1977, Venedig 1979 und so weiter. Sie kehrte sogar zum ersten Mal seit fast 30 Jahren nach Nizza, Frankreich, zurück. Allerdings fand sie dort nicht die gleiche Inspiration wie einst beim Fotografieren ihrer ersten einflussreichen Serie Promenade des Anglais.
Das Bild Models ist auf dem legendären Poster „Some Living American Women Artists“ von Mary Beth Edelson aus dem Jahr 1972 enthalten.
Im Januar 1976 erlitt Evsa einen Herzinfarkt, der eine ständige medizinische Betreuung erforderte. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1977. Sein Tod hat Lisette tief getroffen, die weiterhin in ihrer Kellerwohnung lebte.
Anerkennung
Noch in ihren letzten Jahren wurden ihre Fotografien in Italien, Japan und den Niederlanden ausgestellt (ab 1980).
- 1979 erschien Lisette Models einzige Monografie im Verlag Aperture – mit einem Vorwort von Berenice Abbott und 52 Fotografien aus den Jahren 1937 bis 1970.
- 1981 wurde ihr von der New School die Ehrendoktorwürde der Schönen Künste verliehen.
- Ebenfalls 1981 widmete das New Orleans Museum of Art Lisette Model eine große Retrospektive, die 1982 ins Museum Folkwang in Essen tourte.
- Am 5. April 1982 erhielt Model die Goldmedaille der Stadt Paris.
Tod
Am 4. März 1983 hielt Lisette Model ihren letzten Vortrag am Haverford College; die Fotografin starb am 30. März 1983 im Alter von 82 Jahren im New York Hospital an einer Herz- und Atemwegserkrankung.
Die National Gallery of Canada in Ottawa widmete Lisette Model eine große Retrospektive ihre Werk, kuratiert von Ann Thomas.
Der Nachlass von Lisette Model wird von der Bruce Silverstein Gallery, New York, vertreten. Dieser Nachlass war verantwortlich für die Veröffentlichung einer Menge von Informationen über die notorisch private Model nach ihrem Tod, darunter 25.000 Negative, persönliche Briefe, Vorträge, Presseausschnitte und viele weitere Quellen. Die Veröffentlichung dieser Informationen machte den vorherigen Mangel an genauen Informationen über das Leben von Model wett, der teilweise auf ihr Misstrauen gegenüber schriftlichen Veröffentlichungen zurückzuführen war. Die Künstlerin verweigerte die Veröffentlichung von Interviews und sabotierte angeblich sogar ein Manuskript einer Monografie von Phillip Lopate. Es wird vermutet, dass sie mehr als einmal die Wahrheit über ihre Vergangenheit gefälscht hat, und ihre Zurückhaltung war auf die Angst zurückzuführen, diese Fehlinformationen aufzudecken und ihre persönliche Geschichte zu enthüllen.
Die Stadt Wien benannte im Mai 2016 den Lisette-Model-Platz im 8. Bezirk nach ihr – neunzig Jahre nachdem sie ihre Geburtsstadt verlassen hatte.
Literatur zu Lisette Model (Auswahl)
- Lisette Model. Retrospektive, hrsg. von Walter Moser (Ausst.-Kat. Albertina, Wien, 30.10.2025–22.2.2026; Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, München, 18.2.–7.7.2026), München/London/New York 2025.
- mit Texten von Damarice Amao, Duncan Forbes, Astrid Mahler, Walter Moser, Arne Reimer, Audrey Sands und Ann Thomas
- Duncan Forbes, Renegade: Photography in the Life of Lisette Model, London 2025.
- Helene Roth, Urban Eyes. Deutschsprachige Fotografinnen und Fotografen im New Yorker Exil in den 1930er- und 1940er-Jahren, Göttingen 2024.
- Alys X. George, The Naked Truth – Viennese Modernism and the Body, Chicago/London 2020.
- Audrey Sands, Lisette Model and the Inward Turn of Photographic Modernism, New Haven, CT 2019.
- Monika Faber, The Passionate Interest, in: Self Reflections: The Expressionist Origins of Lisette Model. New York 2011.
- Lisette Model, hrsg. von Sam Stourdzé und Ann Thomas, Paris 2002.
- Lisette Model. Fotografien 1934–1960, hrsg. von Monika Faber und Gerald Matt (Ausst.-Kat. Kunsthalle Wien u. a.), Wien 2000.
- Lisette Model, hrsg. von Ann Thomas (Ausst.-Kat. National Gallery of Canada), Ottawa 1990.
- Lisette Model. Mit einem Vorwort von Berenice Abbott. Aperture, New York 1979.
- Susan Sontag, Über Fotografie. München 1978 (Originalausgabe: On Photography, New York 1977).
- Elizabeth McCausland, Camera Satire and Sympathy, in: Good Photography, 8, 1942, S. 28–33.
