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Joseph Beuys: Biografie Lebenslauf des deutschen Künstlers mit dem Filzhut und der Fettecke

Joseph Beuys (1921-1986), Paris, 1985 © Laurence Sudre / Bridgeman Images

Joseph Beuys (1921-1986), Paris, 1985 © Laurence Sudre / Bridgeman Images

Joseph Beuys (1921–1986) war ein deutscher Künstler, der vor allem in den 1960er und 1970er Jahren mit seinem künstlerischen Œuvre alle herkömmlichen Gattungsgrenzen sprengte. Er ist bekannt für prozesshafte Kunstaktionen, plastische Werke, Aquarelle, Zeichnungen, Rauminstallationen, Multiples und Schriften. Zu Beuys‘ wichtigsten Konzepten gehört der „Erweiterte Skulpturbegriff“ und die Soziale Plastik, das Retten der Natur (vor dem Menschen).

Kindheit

Am 12. Mai 1921 wurde Joseph Beuys in Krefeld am Niederrhein, nordwestlich der Landeshauptstadt Düsseldorf geboren. Sein Vater Josef Jakob Beuys (1888–1958) war Kaufmann und Düngemittelhändler; seine Mutter hieß Johanna Maria Margarete Beuys, geborene Hülsermann (1889–1974). Im Herbst übersiedelte die Familie in ein kleines Dorf nördlich des Neuen Tiergartens in Kleve, in Nordrhein-Westfalen, wo der Vater ab 1930 eine Mehl- und Futterhandlung betrieb.

Schulausbildung in Kleve

Beuys besuchte die katholische Volksschule und danach das Staatliche Gymnasium in Kleve (heute: Freiherr-vom-Stein-Gymnasium). Während seiner Schulzeit lernte er Klavier und Cello, er zeigte schon während der Schulzeit ein zeichnerisches Talent. Daneben besuchte er den in Kleve lebenden flämischen Maler und Bildhauer Achilles Moortgat (1881–1957) häufig in dessen Atelier, der Beuys die Werke des belgischen Bildhauers und Malers Constantin Meunier (1831–1905) und des flämischen Malers und Bildhauers George Minne (1866–1941) näher brachte. Auch Werke von Edvard Munch (1863–1944), William Turner (1775–1851) und Auguste Rodin (1840–1917) beeindruckten ihn sehr.

Im Hof des Gymnasiums fand am 19. Mai 1933 eine von den Nationalsozialisten organisierte Bücherverbrennung statt. Aus diesen aufgetürmten Büchern schaffte es Beuys, das Buch „Systema Naturae“ vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) zu retten. Beuys wurde 1936 Mitglieder der Hitler-Jugend war, als er im HJ-Bann 238/Altkreis Kleve am reichsweiten großen Sternmarsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg teilnahm.

Durch einen Ausstellungskatalog lernte er 1938 die Kunst des deutschen expressionistischen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) kennen. Beuys entschloss sich daraufhin Bildhauer zu werden, was er während des Kriegs 1943 noch einmal bekräftigte.

Ein Jahr vor dem Abitur brannte Beuys durch und schloss sich für einem Wanderzirkus an, um dort als Tierpfleger und Plakat- und Flugblattausträger zu arbeiten (1939). Die Eltern fanden ihn 1940 am Oberrhein wieder und wollte ihn als Lehrling an die Margarinefabrik in Kleve geben. Stattdessen wurde er aber wieder vom Lehrerkollegium aufgenommen, um ein Jahr zurückgestuft und konnte das Gymnasium abschließen. Er las viel: Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis, Hamsun; unter den Malern schätzte er Munch und unter den Komponisten Erik Satie und Richard Strauss. Sören Kirkegaard prägte ihn mit der Vorstellung, dass die Existenz die Synthese de Zeitlichen und des Ewigen und der Mensch das Absolute wäre.

1941 verließ Joseph Beuys das Gymnasium mit dem sogenannten „Reifevermerk“ (ein sogenanntes Notabitur, d. h. eine Erleichterung der Reifeprüfung während des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Deutschland. In Österreich hieß diese Art der Reifeprüfung Kriegsmatura). Laut Hans Peter Riegel (geb. 1959), einem Schweizer Autor, Fotografen und Konzeptkünstler, verließ Beuys das Gymnasium bereits 1940 ohne einen Abschluss. Halbherzig gab er beim Einberufungsbefehl an, er hätte Medizin studieren und Kinderarzt werden wollen.

Joseph Beuys im Zweiten Weltkrieg

Im Frühjahr 1941 meldete sich Joseph Beuys freiwillig zur Luftwaffe der Wehrmacht, wo er sich für zwölf Jahre verpflichtete. Aufgrund einer Rot-Grün-Blindheit konnte er nicht wie erhofft, Pilot werden. Im Mai begann er eine Ausbildung zum Bordfunker und Bodenschützen in der Luftnachrichten-Schule in Posen/Polen beim späteren Tier und Dokumentarfilmer sowie Publizisten Heinz Sielmann (1917–2006). Durch ihn wuchs das Interesse Beuys‘ an Botanik, Zoologie und Geografie, woraufhin er als Gasthörer, sieben Monate lang an der Reichsuniversität Posen Vorlesungen in diesen Fächern besuchte. Er wandte sich auch der spekulativen Kosmologie und Anthropologie von Paracelsus und in der Folge der Lehre Rudolf Steiners zu.

Nach Abschluss seiner Ausbildung, war Beuys im Juni 1942 am Luftkampf um die Festungsstadt Sewastopol – die größte Stadt auf der Halbinsel Krim, als Bordfunker beteiligt. Ab dem 1. Dezember 1942 war er in Königgrätz stationiert. Der Unteroffizier Beuys wurde als Bordschütze und Funker in einem Sturzkampfflugzeug (Stuka) vom Typ Ju 87 eingesetzt. Er schrieb am 18. Mai 1943 in einem Brief an seine Eltern, dass er daran dachte, nach Ende des Kriegs Künstler werden zu wollen. Im Sommer kam er zum Luftwaffenstab nach Kroatien, wo er bis 1944 stationiert war. Dort entstanden zahlreiche Skizzen und Zeichnungen.

Absturz auf der Krim

Am 16. März 1944 stürzten Joseph Beuys und der Pilot mit ihrer Stuka östlich des Feldflughafens Karankut (heute: Ukraine), in der Nähe der Ortschaft Znamyanka bei Schneefall und schlechter Sicht ab. Die Maschine zerschellte am Boden, woraufhin der Pilot starb, Beuys überlebte schwer verletzt. Er wurde unter der Maschine eingeklemmt und zog sich (angeblich) einen doppelten Schädelbasisbruch sowie Brüche der Rippen, Beine und Arme zu. Das Nasenbein wurde zertrümmert, und die Haare verbrannten bis zu den Wurzeln. Im Krankenbuch von Kruman-Kemeltschi findet sich die Diagnose Gehirnerschütterung und Platzwunde über dem Auge.

Am 17. März wurde Beuys in das mobile Militärlazarett 179 nach Kurman-Kemeltschi auf der Krim eingeliefert und am 7. April 1944 entlassen. Beuys litt seitdem an einem Absturztrauma. Später erzählte er gerne die Geschichte, dass er schwer verletzt angeblich von Tataren gefunden und pflegt worden wäre. Sie hätten ihn acht Tage mit Filz gewärmt und seine schweren Wunden mit tierischem Fett behandelt. Diese von dem Künstler selbst genährte Geschichte wurde zu einem Mythos und sollte auch spätestens ab 1976 eine Erklärung dafür sein, warum für Beuys Filz und Fett wichtige Bestandteile seiner Kunst1 waren, und weshalb er stets einen Hut trug.

Im August 1944 wurde Joseph Beuys an die Westfront versetzt, wo er als Oberjäger in der Fallschirmtruppe diente. Beuys erhielt das Verwundetenabzeichen. Am 8. Mai 1945 kam Beuys nach Cuxhaven in Niedersachsen in britische Kriegsgefangenschaft. Das Lager konnte er am 5. August 1945 körperlich schwer angeschlagen verlassen. Er kehre sofort nach Neu-Rindern bei Kleve zurück.

Kleve (1945/46)

Zurück in Kleve schloss sich Joseph Beuys der dortigen Künstlergruppe um die Maler Hanns Lamers (1897–1966) und Walther Brüx (1917–2006) an. Er trat der von Hans Lamers und Walther Brüx neu gegründeten „Klever Künstlerbundes“ (auch: „Profil“) bei. Mit Hilfe der beiden Künstler bereitete er sich auf das Kunststudium vor. Beuys beteiligte sich drei Mal an Gruppenausstellungen, die im Atelierhaus des niederländischen Landschaftsmalers Barend Cornelis Koekkoek (1803–1862) stattfanden.

Zwischen 1945 und 1949 arbeitete er an zoologischen Filmen über nördliche Wildschwäne, Gänse und Enten im Schwemmland der Ems und über das Leben des weißen Storches im schleswig-holsteinischen Bergenhausen mit.

Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf (SoSe 1946–1950)

Zum Sommersemester 1946 immatrikulierte sich Beuys an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Dort studierte er drei Semester lang bei Joseph Bernhard Hubert Enseling (1886–1957) Monumentalbildhauerei. In der Akademie machte er Bekanntschaft mit den deutschen Künstlern Erwin Heerich (1922–2004), Holger Runge (* 1925) und Elmar Hillebrand (1925–2016).

Im Wintersemester 1947/48 wechselte Beuys in die Klasse des deutschen Bildhauers, Medailleur und Malers Ewald Mataré (1887–1965), dessen Spezialgebiet die Tierskulptur war. Lehmbruck und Mataré, die beide von den Nationalsozialisten verfemten Künstler, prägten Beuys maßgeblich. So beschäftigte sich Joseph Beuys wie sein Lehrer Mataré mit dem Thema der Frau (Zeichnungen 1945–1960) und mit religiösen Motiven wie Kreuze und Tierdarstellungen. Das geometrische Gerüst, das Beuys seinen Pflanzen- und Tierdarstellungen unterlegt, aber auch seine frühen Holzschnitte und Flachreliefs dokumentieren den Einfluss seines Lehrers. 1950 führte Beuys nach einem Entwurf von Ewald Mataré ein Grab für den Heerdeter Friedhof in Düsseldorf.

Im Arbeitskreis des österreichischen Architekten, Kunsthandwerker und Anthroposophen Max Benirschke (1880–1961) lernte Beuys die esoterischen Lehren des Österreichers Rudolf Steiners (1861–1925) kennen. Vor allem Steiners Schrift „Kernpunkte der sozialen Frage“ waren für seine späteren Ideen der Sozialen Plastik wichtig.

Meisterschüler von Ewald Mataré (1951–WS 1952/53)

Ewald Mataré ernannte Beuys 1951 zu seinem Meisterschüler. Gemeinsam mit Erwin Heerich bezog er bis 1954 das Meisterschüleratelier in der Kunstakademie (für zwei Jahre). Beuys arbeitete an Aufträgen seines Lehrers mit, so unter anderem an den Türen des Südportals des Kölner Doms, der sogenannten „Pfingsttür“, oder am Westfenster im Westwerk des Aachener Doms, für die Gedenkstätte in Alt St. Alban, Köln. Obwohl Mataré und Beuys einander schätzten, war ihr persönliches Verhältnis schwierig. Der Schüler distanzierte sich bereits Ende 1951 wieder von seinem Lehrer, da er nach „Selbstverwirklichung“ strebte.

In seiner ersten größeren plastischen Arbeit, dem „Torso“ (1949/51), ist der Einfluss von Lehmbruck besonders greifbar; in „Pietà“ zeigte er sich noch stärker von Mataré geprägt. Gemeinsam mit Heerich arbeitete Beuys an einer Kopie der Skulptur von Käthe Kollwitz (1867-1945) „Trauerndes Elternpaar“ von 1914. Beuys schuf für den Vater der deutschen Theater- und Filmschauspielerin Ruth Niehaus (1925–1994), Fritz Niehaus einen Grabstein für dessen Grab am Friedhof in Meerbusch-Büderich.

Das Brüderpaar Hans (1929–2002) und Franz Joseph van der Grinten (* 1933) begannen Beuys‘ Werke zu sammeln und halfen ihm damit über finanzielle Schwierigkeiten hinweg. Sie kauften zunächst Druckgrafiken und vor allem Zeichnungen, die in Beuys‘ Frühwerk dominierten. Außerdem organisierten sie Beuys‘ erste Einzelausstellung: „Josef Beuys. Plastik, Graphik“ (22.2.–15.3.1953). Damit konnte der junge Künstler Harald Seiler, den Direktor des Von der Heydt-Museums in Wuppertal, so sehr beeindrucken, dass dieser kurz darauf Teile daraus für eine Werkschau im eigenen Haus übernahm.

Frühe Werke

Bis 1952 dominierten in Beuys‘ Werk die grafischen Blätter; seine Plastiken waren vor allem Auftragsarbeiten. Mit dem Eisenguss „Pietà“ von 1951 gewann Joseph Beuys 1952 einen Preis im Rahmen des Wettbewerbs „Eisen und Stahl“, ausgeschrieben vom Verband der Eisenhüttenwerke Düsseldorf. Beteiligte sich mit „Brunnen“ an der Industrieausstellung „Rhein-Maas“. 1953 entwarf Joseph Beuys Möbestücke.

Erst mit „Bienenkönigin I“, „Bienenkönigin II“ und „Bienenkönigin III“ (1952) schuf Joseph Beuys außergewöhnliche Plastiken, mit denen er einen eigenständigen Weg einschlug. Der Einsatz von Wachs, Schokolade und Fett ist zukunftsweisend für das Werk von Beuys –erweiterte aber auch generell die Materialwahl bildhauerischen Arbeitens. Für den „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ entstand sein erstes Multiple unter dem Titel „Aschenbecher“ in einer Auflage von 63 Exemplaren.

Künstlerische Krise und Selbstfindung (1952–1958)

Joseph Beuys zog nach seiner Exmatrikulation in ein eigenes Atelier in Düsseldorf-Heerdt, das er bis 1958 nutze. Zu dieser Zeit zog er sich immer mehr von seinen künstlerischen Freunden zurück und durchlebte eine Schaffenskrise. Er begann viele naturwissenschaftliche Schriften zu lesen und sich intensiv mit Texten Novalis, Rudolf Steiner (v.a. „Kernpunkte der sozialen Frage“) und James Joyce zu beschäftigen. Joseph Beuys verband Steiners Konzept des „Dreigliederung des sozialen Organismus“ mit seiner Idee der Sozialen Plastik. Beuys war sich bewusst, dass

„zweifellos Kriegsereignisse nach[wirkten], aber auch aktuelle, denn im Grunde musste etwas absterben. Ich glaube, diese Phase war für mich eine der wesentlichsten insofern, als ich mich auch konstitutionell völlig umorganisiert habe. […] Auch beschäftigte ich mich damals mit Dada; ich suchte einen Schlussstrich unter diese Bewegung zu ziehen […].“2

1955 zog sich der Künstler zunehmend zurück. Anfang des folgenden Jahres isolierte er sich vollständig. Er tauchte wochenlang in seinem Atelier oder in der Wohnung von Adam Rainer Lynen unter. In dieser Zeit begann Beuys, an einem (nicht realisierten) Entwurf für ein „Ausschwitz-Denkmal“ für das Comité International d’Auschwitz zu arbeiten.

Die Sommermonate 1957 verbrachte Beuys auf dem Bauernhof der Familie van der Grint in Kranenburg am Niederrhein. Dort entstanden etliche Entwürfe und Konzepte für Plastiken. Er widmete sich dem Studium naturwissenschaftlicher Schriften aus Chemie, Physik, Botanik, Zoologie und Humanmedizin sowie der Literatur von James Joyce und Novalis – später würde er behaupten, er hätte „Naturwissenschaften“ studiert. In Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Standardwerken wie Hans Sedlmayrs „Verlust der Mitte“ (1948) und der zeitgenössischen Kunst gelangte Beuys zur Überzeugung, dass Kunst das Leben in sich aufnehmen muss. Die Zeit seines Rückzugs beendete Beuys 1958 mit einer Reihe von Aktivitäten. Er mietete sich ein Atelier im alten Kurhaus am Tiergarten und lernte die Tochter des Zoologen Hermann Wurmbach (1903–1976), Eva-Maria Wurmbach (* 1933), kennen. Ein Jahr später heiratete das Paar.

Neuanfang und Beuys‘ Erweiterter Kunstbegriff

Beuys erster großer öffentlicher Auftrag war das Büdericher Ehrenmal, ein Mahnmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Zudem traf er den Galeristen Alfred Schmela, den er von sich überzeugen konnte. Beuys bewarb sich für die Professur für monumentale Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf, was am Einspruch seines Lehrers Mataré scheiterte.

Eurasier (1958)

Für die Kleinplastik „Eurasier“ verwendete Joseph Beuys erstmals Filz. Der Titel leitet sich von der verschmolzenen Landmasse Europa und Asien ab, die für den Künstler einen grenzenlosen Kontinent symbolisieren. Interessiert am nomadischen Lebensstil der Eiszeit und an herumziehenden Tierherden, übernahm Beuys den Namen von Rudolf Steiners anthroposophischen Schriften. Steiner unterschied bereits zwischen einem rationalistisch geprägten „Westmenschen“ und einem intuitiv agierenden „Ostmenschen“. Für Joseph Beuys war wichtig, die Vorteile der gegensätzlich empfundenen Wesenszüge miteinander zu verschmelzen. Der Eurasier Beuys vereinte beide Zugänge in sich und überwand so die Grenzen. Dieses Konzept führte er 1958 in einem 14 x 33,5 x 16,5 Zentimeter kleinen Objekt aus, das sich heute im Block Beuys im Hessischen Landesmuseum Darmstadt befindet. Das aus Filz, Metall, Mull bestehende Objekt besteht als einer Filz-Fläche und einer kleinen, Figur aus Draht und Mull, die einen Krummstab hält.

Gleichzeitig begann Joseph Beuys das Zeichnungskonvolut „4 Bücher Aus: Projekt Westmensch“ (1958–1965), die je dreihundert Seiten umfassen. In ihnen finden sich Ideen für Plastiken und Räume, die Joseph Beuys in den folgenden Jahren realisierte. Dafür verwendete er Materialien wie Fett, Filz oder Honig und entwickelte Werke rund um die Figur Dschingis Khans und schamanistische Praktiken. Beuys führte diesen Komplex Ende der 1960er Jahre weiter aus: „Transsibirische Eisenbahn“ (1961), „Sibirische Symphonie“ (ab 1963) und die Aktion „Eurasienstab“ von 1967 – Relikt ist ein 50 Kilogramm schwerer, an einem Ende um 180° gebogener Kupferstab in vier hölzernen Winkelprofilen (Stiftung museum kunst palast, Düsseldorf).

Ende der 1950er Jahre entwickelte Beuys seinen „Erweiterten Kunstbegriff“ – der sich mit Kunsttheorie und Sozialphilosophie beschäftigte. Er versuchte das Denken, das Erkennen, die Diskussion darüber und die Kunst als Einheit zu verstehen. Er ging auch davon aus, dass jeder Mensch ein Künstler sei und in der Lage wäre Kunst zu schaffen. Demnach sind Kunst und Leben nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern sie durchdringen einander.

Berufung an die Kunstakademie Düsseldorf (1961)

Der Fotograf Fritz Getlinger schuf eine Mappe mit 50 Abbildungen von Werken Beuys‘. Damit bewarb sich Beuys, der zu diesem Zeitpunkt eher regional bekannt war, um die Professur für monumentale Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf und wurde einstimmig als Nachfolger von Josef (Sepp) Mages (1895–1977) bestellt.

Beuys galt als sehr innovativer, zuverlässiger und offen kritischer Lehrer, der jedoch weit abseits der gängigen Lehrmethoden unterrichtete. Er war ein sehr gewissenhafter Professor, der fast täglich in der Universität anwesend und sogar an Wochenenden und in den Semesterferien dort oft anzutreffen war. Sein Bruch mit der Lehrtradition bestand darin, dass er seinen Studierenden große Freiheiten einräumte. Gleichzeitig hielt er an klassischen Disziplinen wie dem Aktzeichnen oder dem Naturstudium fest.

Seine Auseinandersetzung mit dem Professorenkollegium, dem Rektorat und dem Ministerium begannen 1967, als er sich offen hochschulpolitisch engagierte. Unter den Akademieprofessoren formierte sich im folgenden Jahr Widerstand gegen Beuys und seine Lehrpraxis. Im Oktober forderte er die Abschaffung jedes Zulassungsverfahrens an der Kunstakademie (wiederholt im Juli 1969). Stattdessen verlangte er eine zweisemestrige Probezeit. Spätestens seit dieser Zeit wird Beuys mit dem missverstandenen Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ zitiert. Seine Überzeugung, dass die Lehre Teil seiner künstlerischen Praxis ist, drückte Beuys 1969 in dem Text „To be a teacher is my greatest work of art“ aus.

Der Konflikt mit der Düsseldorfer Akademie steigerte sich in den Jahren 1971 und 1972, da Joseph Beuys mit den abgewiesenen Studienwilligen das Sekretariat besetzte, damit diese in seiner Klasse aufgenommen werden konnten. Im Jahr 1971 handelte es sich um 17 Personen, 1972 waren es – aufgrund auch der gestiegenen Bekanntheit des Professors – 54 Abgewiesene. Daraufhin wurde er vom Wissenschaftsminister Johannes Rau (1931–2006) fristlos entlassen. Beuys sprach am 12. Oktober in einer Pressekonferenz über die Entlassung als „das letzte Glied in einer Kette ständiger Konfrontationen“. Nach dem Rauswurf Beuys erreichten das Wissenschaftsministerium zahlreiche Protestbriefe aus aller Welt. In einem offenen Brief forderten die Unterzeichnenden seine. Unter ihnen waren unter anderem Peter Handke (* 1952), Jim Dine (* 1935), David Hockney (* 1937), Gerhard Richter (* 1932) und Martin Walser (* 1927). Beuys klagte das Land Nordrhein-Westfalen wegen der fristlosen Kündigung und erhielt 1978 Recht.

In seiner Zeit als Lehrer betreute Beuys sehr viele Studenten, darunter vor allem Jörg Immendorf (1945–2007), Kalus Felix Droese (* 1950), Katharina Sieverding (* 1944) und Blinky Palermo (1943–1977).

Gastprofessuren

Joseph Beuys erhielt im Wintersemester 1974/75 eine Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Beide Parteien handelten einen Kompromiss aus, Beuys durfte seinen Professorentitel behalten und das Atelier im „Raum 3“ in der Akademie weiterhin nutzen. Noch im gleichen Jahr erhielt Beuys eine Gastprofessur an der Universität für Angewandten Kunst in Wien, Lehrstuhl Gestaltungslehre. 1980 wurde er für eine Gastprofessur an der Frankfurter Städel-Schule berufen.

Beuys, Fluxus und Aktionen

Joseph Beuys lernte 1962 die Protagonisten der Avantgarde in der Düsseldorfer Kunstszene kennen: Nam June Paik, George Brecht und George Maciunas, deren musikalische Praxis ihm auffiel. Er schloss sich der Fluxus-Bewegung an, nutzte ab 1963 Fett als Material und trat erstmals auf Fluxus-Konzerten auf. Anfang Februar 1963 führte er im Rahmen eines „Fluxus-Abends“ in der Aula der Akademie „Festum Fluxorum Fluxus, Musik und Antimusik – Das Instrumentelle Theater“ seine ersten beiden Aktionen auf: „Sibirische Symphonie 1. Satz“. Seine erste Einladung zur „documenta 3“ in Kassel zeigt Beuys‘ steigende nationale Anerkennung. Er beteiligte sich mit Plastiken und Zeichnungen. Zudem schrieb er „Joseph Beuys Lebenslauf Werklauf“, in dem er 50 Ereignisse seines Lebens von 1921 bis 1964 zusammenfasste.

1965 stellte Joseph Beuys zum ersten Mal in einer kommerziellen Galerie aus: Die Galerie Schmela in Düsseldorf präsentierte „Joseph Beuys … irgend ein Strang …“ (27.11.–31.12.1965) mit der Aktion „wie man einem toten Hasen die Bilder erklärt“. Dabei erkundete Beuys mit vergoldetem Haupt und einem toten Hasen im Arm den Ausstellungsraum, in dem u.a. die Plastik „Schneefall“ zu sehen war. In „Schneefall“ (1965) übersetzte er die Schichtung erstmals in Dreidimensionale, indem er 32 quadratische Filzmatten übereinanderlegte. Drei Fichtenstämmchen ohne Äste ragen auf einer Seite unter den Matten hervor. Beim Aufbau ließ der Künstler die Filzmatten aus geringer Höhe fallen und richtete den Stapel dann nur noch geringfügig her. Daraus ergibt sich eine gewisse „Ungenauigkeit“ der Lagerung, die Beuys‘ Werke von jenen der Minimal Art unterscheiden.

Joseph Beuys reiste im Januar 1974 zum ersten Mal in die USA, um dort Vorträge an Hochschulen in New York, Chicago und Minneapolis zu halten. Der Galerist Ronald Feldmann und seine Frau Frayda hatten eine zehntägige Vortragstournee, unter dem Titel „Energy Plan for the Western Man“ durch Amerika organisiert. In Chicago schlüpfte er in die Rolle des Ganoven John Dillinger. Er stellte dessen Erschießung 1934 spontan vor dem Kino nach; Klaus Staeck filmte die Aktion. Zur Eröffnung der Galerie René Block in New York: Drei Tage lang lebte er von 10 bis 18 Uhr mit einem Kojoten in der Galerie, der für ihn die unbewältigte Vergangenheit der Eroberung Amerikas symbolisierte.

Straßenbahnhaltestelle (1976)

1976 beteiligte sich Joseph Beuys mit dem Environment „Straßenbahnhaltestelle/Tram Stop/Fermata del Tram“ (Kröller-Müller-Museum, Otterlo) an der 37. Biennale in Venedig. Im deutschen Pavillon führte er die Plastik als befristetes Ereignis, als Aktion weiter. Die Aktion Straßenbahnhaltestelle „Straßenbahnhaltestelle“ begann schon im April 1976, da Joseph Beuys zu diesem Zeitpunkt das Friedensmonument des brandenburgischen Statthalters Johann Moritz von Nassau-Siegen in Kleve (1648) abgießen ließ. Beuys übernahm davon das nahezu vier Meter lange Kanonenrohr und die Mörserhüllen seiner „Straßenbahnhaltestelle“, das gemeinsam mit einer Schiene der Düsseldorfer Straßenbahn und einem mehrteiligen Gestänge am 1. Juni nach Venedig transportiert wurde. Beuys ließ das Kanonenrohr samt Bronzekopf an der Spitze im deutschen Pavillon aufstellen. Dafür musste ein 20 Meter tiefes Loch für die Säule und ein Bett der versenkten Schienen gegraben werden. Den Aushub – darunter auch Ziegel des 1902 eingestürzten Markusturms – wurde hinter der Installation aufgeschichtet. Die Farbe der Wände blätterte ab und gab Namensschilder von berühmten Männern frei. Damit schuf Beuys eine Referenz auf die Biennale von 1972, als Gerhard Richter an der Stelle „48 Porträts“ installiert hatte. Im Begleitheft der Biennale kommentierte der Künstler seine Aktion mit der Bemerkung: „Medien durch Monumente ersetzen“ Am Tag nach der Eröffnung (15.7.) feierte Beuys mit seinem Aufbauteam, dass sie die Arbeit so gut geschafft hatten.

Honigpumpe am Arbeitsplatz (1977)

Auf der „documenta 6“ von 1977, zeigte Beuys seine Installation „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ und rief die „100 Tage Freie Internationale Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Forschung [Free International University; F.I.U.]“ aus. 100 Tage lang diskutierte er mit dem Publikum, hielt Vorträge, organisierte Diskussionen von Arbeitsgruppen und Bürgerinitiativen aus verschiedenen Ländern (von Atomenergie bis Menschenrechte). Auf Schautafeln notierte er während der Gespräche Zeichnungen, Diagramme und Sentenzen. Diese von Beuys signierten Tafelarbeiten wurden später Teil der Installation „Das Kapital Raum 1970–77“.

„Honigpumpe am Arbeitsplatz“ besteht aus Honig, Margarine, Schiffsmotoren, einer Pumpe, Stahlbehältern, Plastikschläuchen, drei Bronzekübeln, mit Zinn galvanisierte Edelstahlrohre und einer Kupferwalze. Das heute in seine Bestandteile zerlegte Objekt/Rauminstallation im Louisiana Museum in Humlebæk (Dänemark) lässt sich, so der Eindruck, jederzeit in Betrieb nehmen. Sie zählt zu den bekanntesten Werken Beuys‘. Auf der „documenta 6“ ließ Beuys zwei Tonnen mit destilliertem Wasser verdünnten Honig durch das Friderizianum zirkulieren. Der Weg des Honigs begann in einem zylindrischen Stahlbehälter, von wo er durch das Stahlrohr unter das Dach des Treppenhauses gepumpt wurde. Dort schloss der Plexiglasschlauch an, der durch den Treppenschacht, den daran anschließenden Seminarraum der Freien Internationalen Hochschule, dann umgelenkt und wieder zum Stahlbehälter zurückgeführt wurde. Daneben wurden 100 Kilogramm Margarine von der Kupferwalze (angetrieben von den Schiffsmotoren) bewegt. Durch die Reibungsenergie verflüssigte sich das Fett teilweise. Die drei leeren Bronzekrüge, Abgüsse eines Honigtopfs aus Keramik, standen dicht zusammengedrängt in einer Ecke des Maschinenraums. Joseph Beuys hat sich dezidiert gegen einen erneuten Aufbau der Installation ausgesprochen, da der Arbeitsraum der Freien Internationalen Hochschule fehlen würde. Deshalb begegnet man den Relikten wie einer plastischen Arbeit im Raum.

Seit den späten 1940er Jahren beschäftigte sich Joseph Beuys mit dem Material Honig und dem Sozialverhalten von Bienen. Ausgehend vom Blutkreislauf verband der Künstler das Zirkulieren mit gesellschaftlichen Kreislaufmodellen (wie Geld- oder Wirtschaftskreislauf). Auf die Biene brachte Joseph Beuys die Lektüre von Rudolf Steiner. Die Entstehung eines Bienenstocks, die gemeinschaftliche Arbeit an der Architektur bzw. Plastik, und am Produkt Honig als Ergebnis eines Arbeitskollektivs faszinierten ihn. Für Beuys‘ Denken spielt der Vorgang des plastischen Gestaltens des ungeformten Wachses zur geometrischen Form des Hexagons eine wichtige Rolle. Zwischen dem Unbestimmten (der Wille) und dem Bestimmten (das Denken) vermittelt die Bewegung (das Gefühl). Die Kupferwalze und die Margarine ordnete Beuys den Willen zu. Der Honigkreislauf und die Pumpe standen für das Gefühl und das Herz. Die Krümmung des Stahlrohres unter dem Dach des Friderizianums gereichte ihm zum Bild des plastischen Denkens, strömte der Honig doch zuvor durch den Arbeitsraum der F.I.U.

„Als nächstes muss ich in Dänemark die „Honigpumpe“ installieren, […]. Sie muss dort einen neuen Sonn bekommen. Auf der documenta 6 war sie das Symbol für die Menschen der F.I.U., die dort 100 Tage lang zusammengearbeitet haben. Das entfällt jetzt natürlich. Die „Honigpumpe“ muss jetzt einen ganz autonomen skulpturalen Ausdruck erhalten.“3 (Joseph Beuys im Gespräch mit Bertram Müller, 23.7.1983)

Beuys politisch

Joseph Beuys politisierte sich während der 1960er Jahre, war ein Mitbegründer der Partei „Die Grünen“ und verlegte Ende der 1970er Jahre seine Aktivitäten verstärkt auf die politische Bühne. 20 Tage nach der Protestkundgebung gegen den Besuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi in West-Berlin, bei der der Student Benno Ohnesorg (1940–1967) von einem Polizisten erschossen wurde, gründete Beuys die „Deutsche Studentenpartei“ (22.6. 1967), die 1970 in die „Organisation der Nichtwähler“ (später „Freie Volksabstimmung“) überführt wurde (2.3.).

Am Zenit seines Erfolgs als Künstler verlagerte Beuys 1979 seine Aktivitäten auf das politische Engagement. Er war Mitbegründer der Partei DIE GRÜNEN und kandidierte für das Europaparlament. 1980 trat er für die Grünen zur Bundestagswahl und für den nordrhein-westfälischen Landtag an. Als er 1983 erneut für den Bundestag kandidieren wollte, verweigerten ihm die Grünen einen vorderen Listenplatz, woraufhin Joseph Beuys aus der Partei zurückzog.

Beuys und Warhol

1979 traf Joseph Beuys in der Galerie Denise René und Hans Mayer in Düsseldorf zum ersten Mal Andy Warhol (1928–1987) in dessen Ausstellung. Warhol schoss daraufhin einige Polaroids von Beuys, die Porträtaufnahmen dienten ihm später als Vorlage für mehrere Serigraphien mit Diamantstaub (Diamond-Dust). Im November trafen die beiden Künstler anlässlich der Ausstellung „Kunst = Kapital – Joseph Beuys, Robert Rauschenberg, Andy Warhol“ in der Galerie Denis René und Hans Mayer wieder aufeinander. Am 1. April 1980 trafen sich Beuys und Warhol in der Galerie Lucio Amelio in Neapel. Dort stellte Warhol die neuen Siebdruckportraits mit dem Titel „Joseph Beuys by Andy Warhol“ aus.

Am 12. Januar 1985 nahm Beuys zusammen mit Andy Warhol und dem japanischen Künstler Kaii Higashiyama (1908–1999) am „Global-Art-Fusion-Projekt“ teil. Hierbei handelte es sich um ein international angelegtes Fax-Art-Projekt, das vom Konzeptkünstler Ueli Fuchser (* 1948) initiiert wurde. Alle drei Künstler schickten innerhalb von 32 Minuten ein Fax mit einer Zeichnung um die Welt. Von Düsseldorf über New York nach Tokyo. Empfangen wurde das Fax, im Wiener Palais Liechtenstein. Die Aktion, sollte ein Zeichen des Friedens während des Kalten Krieges sein.

Beuys‘ Bäume

Nachdem Joseph Beuys 1975 einen Herzinfarkt erlitten hatte, wandte er sich verstärkt den Themen Verletzung und Tod zu. Er entwickelte die Überzeugung, dass nur sichtbare Wunden geheilt werden könnten (Einzelperson und Gesellschaft). Mithilfe seiner Kunst sollte die Gesellschaft gesunden – aber auch die Natur durch die Kunst gerettet werden.

In diesem Sinne präsentierte er auf der „documenta 7“ (1982) die Skulptur „Stadt-Verwaldung anstelle von Stadt-Verwaltung. 7.000 Eichen“. Beuys pflanzte dafür mit der Hilfe von Freiwilligen in den kommenden Jahren 7.000 Bäume an unterschiedlichsten Orten in Kassel, dazu ein begleiteter Basaltstein. Bis zu Beuys Tod, waren 5.500 Eichen mit dazugehörigen Steinen gepflanzt worden. Den letzten Baum setzte sein Sohn Wenzel während der documenta 8 am 12. Juni 1987 – sieben Meter neben der ersten. Die Eiche ist seither Beuys‘ Baum schlechthin.

Im Mai 1984 pflanzte Joseph Beuys die ersten 400 Bäume auf einem Land von 15 Hektar, das sich in der Nähe der Ortschaft Bolognano befindet. Beuys hatte das Ackerland von Baron Giuseppe Durini und seiner Ehefrau Lucrezia De Domizio Durini (* 1936) zur Verfügung gestellt bekommen. Innerhalb von zwölf Jahren wollte er 7000 verschiedene Baumsorten pflanzen, um ein „Paradies“ (eigentlich ein Naturschutzgebiet) zu erhalten. Die Stadt Bolognano verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde.

Krankheit und Tod

Ende Mai 1985 wurde bei Beuys eine seltene Form einer Lungenerkrankung diagnostiziert. Zur Erholung reiste er im Spätsommer nach Capri und Neapel. Von Dezember 1985 bis Mai 1986 zeigte das Museo di Capodimonte in Neapel die letzte von Beuys eingerichtete große Rauminstallation „Joseph Beuys. Palazzo Regale“ (23.12.1985–31.5.1986).

Kurz nachdem Joseph Beuys am 12. Januar 1986 den Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg erhalten hatte, erlag er am 21. Januar seiner Lungenerkrankung in Düsseldorf. Todesursache war eine seltene Entzündung des Lungengewebes und daraus resultierendem Herzversagen. Er wurde 64 Jahre alt. Am 14. April 1986 wurde seine Asche in die Nordsee gestreut.

Ehefrau

  • Eva-Maria Wurmbach (* 1933): ⚭ 19.5.1959. Eva-Maria Wurmbach war Kunsterzieherin und die Tochter des Zoologen Hermann Wurmbach (1903–1976). Sie heirateten in der katholischen Kirche St. Maria und Clemens in Bonn Schwarzheindorf.

Kinder

  • Boien Wenzel Beuys (* 22.12.1961)
  • Jessyka Beuys (* 10.11.1964)

Weitere Beiträge zu Joseph Beuys

Biografie von Joseph Beuys (1921–1986)

  • 12.5.1921

    Am 12. Mai 1921 wurde Joseph Beuys in Krefeld am Niederrhein, nordwestlich der Landeshauptstadt Düsseldorf geboren. Sein Vater Josef Jakob Beuys (1888–1958) war Kaufmann und Düngemittelhändler, seine Mutter war Johanna Maria Margarete Beuys, geborene Hülsermann (1889–1974). Im Herbst übersiedelte die Familie in ein kleines Dorf nördlich des Neuen Tiergartens in Kleve, in Nordrhein-Westfalen, wo der Vater ab 1930 eine Mehl- und Futterhandlung betrieb.
  • 1927

    Beuys besuchte die katholische Volksschule und danach das Staatliche Gymnasium in Kleve (heute: Freiherr-vom-Stein-Gymnasium). Während seiner Schulzeit lernte er Klavier und Cello. Beuys zeigte schon während der Schulzeit ein zeichnerisches Talent. Daneben besuchte er den in Kleve lebenden flämischen Maler und Bildhauer Achilles Moortgat (1881–1957) häufig in dessen Atelier, der Beuys die Werke des belgischen Bildhauers und Malers Constantin Meunier (1831–1905) und des flämischen Malers und Bildhauers George Minne (1866–1941) näher brachte. Auch Werke von Edvard Munch (1863–1944), William Turner (1775–1851) und Auguste Rodin (1840–1917) beeindruckten ihn sehr.
  • 19.5.1933

    Im Hof des Gymnasiums fand eine von den Nationalsozialisten organisierte Bücherverbrennung statt. Aus diesen aufgetürmten Büchern schaffte es Beuys, das Buch „Systema Naturae“ vom schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) zu retten.
  • 1936

    Beuys wurde Mitglieder der Hitler-Jugend war, als er im HJ-Bann 238/Altkreis Kleve am reichsweiten großen Sternmarsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg teilnahm.
  • 1938

    Er lernte die Kunst des deutschen expressionistischen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) durch einen Ausstellungskatalog kennen. Beuys entschloss sich daraufhin Bildhauer zu werden. Beuys spielte während seiner Zeit im Gymnasium, im sogenannten „Bannorchester“ der Hitler-Jungend Cello. Der 17-jährige Beuys entdeckte das Werk von Wilhelm Lehmbruck, das von größter Bedeutung für seinen Wunsch, Bildhauer zu werden, und die spätere Entwicklung der Sozialen Plastik wurde.
  • 1939

    Ein Jahr vor dem Abitur brannte Beuys durch und schloss sich für einem Wanderzirkus an, um dort als Tierpfleger und Plakat- und Flugblattausträger zu arbeiten.
  • 1940

    Die Eltern fanden ihn am Oberrhein wieder und wollte ihn als Lehrling an die Margarinefabrik in Kleve geben. Stattdessen wurde er aber wieder vom Lehrerkollegium aufgenommen, um ein Jahr zurückgestuft und konnte das Gymnasium abschließen. Er las viel: Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis, Hamsun; unter den Malern schätzte er Munch und unter den Komponisten Erik Satie und Richard Strauss. Sören Kirkegaard prägte ihn mit der Vorstellung, dass die Existenz die Synthese de Zeitlichen und des Ewigen und der Mensch das Absolute wäre.
  • 1941

    Beuys verließ das Gymnasium mit dem sogenannten „Reifevermerk“ (ein sogenanntes Notabitur, d. h. eine Erleichterung der Reifeprüfung während des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Deutschland. In Österreich hieß diese Art der Reifeprüfung Kriegsmatura). Laut Hans Peter Riegel (geb. 1959), einem Schweizer Autor, Fotografen und Konzeptkünstler, verließ Beuys das Gymnasium bereits 1940 ohne einen Abschluss. Halbherzig gab er beim Einberufungsbefehl an, er hätte Medizin studieren und Kinderarzt werden wollen.
  • Frühjahr 1941

    Joseph Beuys meldete sich freiwillig zur Luftwaffe der Wehrmacht, wo er sich für zwölf Jahre verpflichtete. Aufgrund einer Rot-Grün-Blindheit konnte er nicht wie erhofft, Pilot werden.
  • Mai 1941

    Im Mai begann Joseph Beuys eine Ausbildung zum Bordfunker und Bodenschützen in der Luftnachrichten-Schule in Posen/Polen beim späteren Tier und Dokumentarfilmer sowie Publizisten Heinz Sielmann (1917–2006). Durch ihn wuchs das Interesse Beuys an der Botanik, Zoologie und Geografie, woraufhin Beuys als Gasthörer, sieben Monate lang an der Reichsuniversität Posen Vorlesungen in diesen Fächern besuchte. Er wandte sich auch der spekulativen Kosmologie und Anthropologie von Paracelsus und in der Folge der Lehre Rudolf Steiners zu.
  • 1942

    Nach Abschluss seiner Ausbildung, war Beuys im Juni am Luftkampf um die Festungsstadt Sewastopol – die größte Stadt auf der Halbinsel Krim, als Bordfunker beteiligt. Ab dem 1. Dezember 1942 war er in Königgrätz stationiert.
  • 1943–1944

    Der Unteroffizier Beuys wurde als Bordschütze und Funker in einem Sturzkampfflugzeug (Stuka) vom Typ Ju 87 eingesetzt. Er schrieb am 18. Mai 1943 in einem Brief an seine Eltern, dass er daran dachte, nach Ende des Kriegs Künstler werden zu wollen. Im Sommer kam er zum Luftwaffenstab nach Kroatien, wo er bis 1944 stationiert war. Dort entstanden zahlreiche Skizzen und Zeichnungen.
  • 16.3.1944

    Beuys und der Pilot stürzten mit ihrer Stuka östlich von Freifeld/Kowalówka in Polen bei Schneefall und schlechter Sicht ab. Die Maschine zerschellte am Boden, woraufhin der Pilot starb, Beuys überlebte schwer verletzt. Er wurde unter der Maschine eingeklemmt und zog sich einen doppelten Schädelbasisbruch (?, vermutlich nicht) sowie Brüche der Rippen, Beine und Arme zu. Das Nasenbein wurde zertrümmert, und die Haare waren bis zu den Wurzeln verbrannt.
  • 17.3.1944

    Am 17. März wurde Beuys in das mobile Militärlazarett 179 nach Kurman-Kemeltschi an der Krim eingeliefert und am 7. April 1944 entlassen. Beuys litt seitdem an einem Absturztrauma. Später erzählte er gerne die Geschichte, dass er schwer verletzt von Tataren gepflegt wurde. Sie hätten ihn acht Tage mit Filz gewärmt und seine schweren Wunden mit tierischem Fett behandelt. So wäre das Leben gerettet worden. Diese Geschichte wurde zu einem Mythos und sollte auch eine Erklärung dafür sein, warum für Beuys Filz und Fett wichtige Bestandteile seiner Kunst waren, und warum er stets einen Hut trug.
  • August 1944

    Beuys wurde an die Westfront versetzt, wo er als Oberjäger in der Fallschirmtruppe diente. Beuys erhielt das Verwundetenabzeichen. 8.5.1945: Kriegsgefangenschaft und Heimkehr nach Kleve Einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht kam Beuys nach Cuxhaven in Niedersachsen in britische Kriegsgefangenschaft. Das Lager konnte er am 5. August 1945 körperlich schwer angeschlagen verlassen. Er kehre sofort nach Neu-Rindern bei Kleve zurück.
  • 1945

    Beuys schloss sich in Kleve der dortigen Künstlergruppe um die Maler Hanns Lamers (1897–1966) und Walther Brüx (1917–2006) an.
  • 1945–1949

    Beuys arbeitete an zoologischen Filmen über nördliche Wildschwäne, Gänse und Enten im Schwemmland der Ems und über das Leben des weißen Storches im schleswig-holsteinischen Bergenhausen mit.
  • 1946

    Er trat der von Hans Lamers und Walther Brüx neu gegründeten „Klever Künstlerbundes“ (auch: „Profil“) bei. Mit Hilfe der beiden Künstler bereitete er sich auf das Kunststudium vor. Beuys beteiligte sich drei Mal an deren Gruppenausstellungen, die im Atelierhaus des niederländischen Landschaftsmalers Barend Cornelis Koekkoek (1803–1862) stattfanden.
  • Frühjahr 1946: Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf

    Zum Sommersemester immatrikulierte Beuys an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Dort studierte er drei Semester lang bei Joseph Bernhard Hubert Enseling (1886–1957) Monumentalbildhauerei. In der Akademie machte er Bekanntschaft mit den deutschen Künstlern Erwin Heerich (1922–2004), Holger Runge (* 1925) und Elmar Hillebrand (1925–2016).
  • 1947/48: Ewald Mataré nahm Joseph Beuys in seine Klasse auf

    Im Wintersemester 1947/48 wechselte Beuys in die Klasse des deutschen Bildhauers, Medailleur und Malers Ewald Mataré (1887–1965), dessen Spezialgebiet die Tierskulptur war. Lehmbruck und Mataré, die beide von den Nationalsozialisten verfemten Künstler, prägten Beuys maßgeblich. So beschäftigte sich Joseph Beuys wie sein Lehrer Mataré mit dem Thema der Frau (Zeichnungen 1945–1960) und mit religiösen Motiven wie Kreuze und Tierdarstellungen. Das geometrische Gerüst, das Beuys seinen Pflanzen- und Tierdarstellungen unterlegt, aber auch seine frühen Holzschnitte und Flachreliefs dokumentieren den Einfluss seines Lehrers. Teilnahme an „Junge Ernte“ in der Kunsthalle Düsseldorf mit drei Landschaftsaquarellen (12.1.–23.2.).
  • 1948

    Joseph Beuys besuchte den Arbeitskreis des österreichischen Architekten, Kunsthandwerker und Anthroposophen Max Benirschke (1880–1961), wo er die esoterischen Lehren des Österreichers Rudolf Steiners (1861–1925) kennen lernte. Vor allem Steiners Schrift „Kernpunkte der sozialen Frage“ waren für seine späteren Ideen der sozialen Plastik wichtig.
  • 1950

    Nach einem Entwurf von Ewald Mataré führte Beuys die Grabstätte für eine stehende Grabplatte aus einer Schiefertafel in Form eines Vogels aus. Das Grab befindet sich auf dem Heerdeter Friedhof in Düsseldorf.
  • 1951: Meisterschüler von Ewald Mataré

    Ewald Mataré ernannte Beuys zu seinem Meisterschüler. Gemeinsam mit Erwin Heerich bezogen die beiden Schüler bis 1954 ihr Meisterschüleratelier unter dem Dach der Kunstakademie (für zwei Jahre). Beuys arbeitete an Aufträgen seines Lehrers mit, so unter anderem an den Türen des Südportals des Kölner Doms, der sogenannten „Pfingsttür“, wo Beuys das Mosaik setzte, oder am Westfenster im Westwerk des Aachener Doms. Obwohl Mataré und Beuys einander schätzten, war ihr persönliches Verhältnis schwierig. Der Schüler distanzierte sich bereits Ende 1951 wieder von seinem Lehrer, da er nach „Selbstverwirklichung“ strebte. Das Brüderpaar Hans (1929–2002) und Franz Joseph van der Grinten (* 1933) begannen Beuys‘ Werke zu sammeln und halfen ihm damit über finanzielle Schwierigkeiten hinweg. Sie sammelten zunächst Druckgrafiken und vor allem Zeichnungen, die in Beuys‘ Frühwerk dominierten. In seiner ersten größeren plastischen Arbeit, dem „Torso“ (1949/51), ist der Einfluss von Lehmbruck besonders greifbar; in „Pietà“ zeigte er sich noch stärker von Mataré geprägt. Gemeinsam mit Heerich arbeitete Beuys an einer Kopie der Skulptur von Käthe Kollwitz (1867-1945) „Trauerndes Elternpaar“ von 1914. Beuys schuf für den Vater der deutschen Theater- und Filmschauspielerin Ruth Niehaus (1925–1994), Fritz Niehaus einen Grabstein für dessen Grab am Friedhof in Meerbusch-Büderich.
  • 1952

    Mit dem Eisenguss „Pietà“ von 1951 gewann Joseph Beuys einen Preis im Rahmen des Wettbewerbs „Eisen und Stahl“, ausgeschrieben vom Verband der Eisenhüttenwerke Düsseldorf. Beteiligte sich mit „Brunnen“ an der Industrieausstellung „Rhein-Maas“. 1952 schuf Joseph Beuys mit „Bienenkönigin I“, „Bienenkönigin II“ und „Bienenkönigin III“ außergewöhnliche Plastiken, mit denen er einen eigenständigen Weg einschlug. Der Einsatz von Wachs, Schokolade und Fett ist zukunftsweisend für das Werk von Beuys –erweiterte aber auch generell die Materialwahl bildhauerischen Arbeitens. Für den „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ entstand ein erstes Multiple unter dem Titel „Aschenbecher“ in einer Auflage von 63 Exemplaren.
  • 1953

    Ewald Mataré erhielt den Auftrag für eine Gedenkstätte in dem ältesten romanischen Kirchengebäude Kölns, Alt St. Alban (1172 erstmals erwähnt). Er gab den Auftrag an seine beiden Meisterschüler Beuys und Heerich weiter. Beuys fertigte dafür die Mutter, Heerich den Vater an.
  • 22.2.–15.3.1953 Joseph Beuys‘ erste Einzelausstellung

    „Josef Beuys. Plastik, Graphik“ im Haus van der Grinten in Kranenburg fand Beuys erste Einzelausstellung mit 85 Werken statt, organisiert im Haus der Sammler am Niederrhein. Die Ausstellung beeindruckte Harald Seiler, den Direktor des Von der Heydt-Museums in Wuppertail, so dass er kurz darauf Teile daraus für eine Werkschau im eigenen Haus übernahm.
  • 1953

    Zum Ende des Wintersemesters 1952/53 schloss Beuys sein Studium ab. Entwurf einiger Möbelstücke, wie die Tische „Chest“ aus Ebenholz und „Tete“ aus Brinbaum/Ebenholz, ein Regal mit der Bezeichnung „Royal Pidge-Pine“, die sich allesamt in einer Privatsammlung in Athen befinden, sowie einen weiteren Tisch namens „Monk“ aus Birnbaum/Ebenholz, das im „Block Beuys“ in Darmstadt zu besichtigen ist.
  • 1954

    Joseph Beuys exmatrikulierte und zog in ein eigenes Atelier in Düsseldorf-Heerdt, das er bis 1958 nutze. Zu dieser Zeit zog er sich immer mehr von seinen künstlerischen Freunden zurück und durchlebte eine Schaffenskrise. Nachdem sich seine damalige Verlobte von ihm trennte, verfiel Beuys in eine schwermütige und antriebslose Phase. Er begann viele naturwissenschaftliche Schriften zu lesen und sich intensiv mit Texten Novalis, Rudolf Steiner (v.a. „Kernpunkte der sozialen Frage“) und James Joyce zu beschäftigen. Joseph Beuys verband Steiners Konzept des „Dreigliederung des sozialen Organismus“ mit seiner Idee der Sozialen Plastik. Beuys lernte durch Heinz Sielmann in der westfälischen Wasserburg in Buldern der Familie Romberg, den österreichischen Zoologen und Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903–1989) kennen.
  • 1955

    Der Künstler zog sich zunehmend zurück.
  • 1956

    Anfang des Jahres isolierte sich der Künstler vollständig. Er tauchte wochenlang in seinem Atelier oder in der Wohnung von Adam Rainer Lynen unter.
  • 1956: Aufarbeitung der Kriegserfahrungen

    Joseph Beuys begann an einem Entwurf für ein „Ausschwitz-Denkmal“ für das Comité International d’Auschwitz zu arbeiten, um sich damit ein Jahr später an einem internationalen Wettbewerb für ein Denkmal im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu beteiligen. Es reichten 426 Künstler ihre Entwürfe ein. Der Entwurf von Beuys wurde nicht verwirklicht.
  • 1957

    Verbachte die Sommermonate auf dem Bauernhof der Familie van der Grint in Kranenburg am Niederrhein. Dort entstanden etliche Entwürfe und Konzepte für Plastiken. Er widmete sich dem Studium naturwissenschaftlicher Schriften aus Chemie, Physik, Botanik, Zoologie und Humanmedizin sowie der Literatur von James Joyce und Novalis. Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Standardwerken wie Hans Sedlmayrs „Verlust der Mitte“ (1948) und der zeitgenössischen Kunst gelangte Beuys zur Überzeugung, dass Kunst das Leben in sich aufnehmen muss. Gegen Ende des Jahres zog Beuys zurück nach Kleve zu seinem kranken Vater.
  • 1958

    Tod des Vaters (15.5.). Die Zeit seines Rückzugs beendete Beuys mit einer Reihe von Aktivitäten. Er mietete sich ein Atelier im alten Kurhaus am Tiergarten und lernte die Tochter des Zoologen Hermann Wurmbach (1903–1976), Eva-Maria Wurmbach (* 1933), kennen. Sein erster große öffentlicher Auftrag ist das Büdericher Ehrenmal, ein Mahnmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, an dem er in seinem Atelier in Kleve arbeitete. Zudem traf er den Galeristen Alfred Schmela, den er von sich überzeugen konnte. Beuys bewarb sich für die Professur für monumentale Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf, was am Einspruch seines Lehrers Mataré scheiterte. Für die Kleinplastik „Eurasier“ verwendete Beuys erstmals Filz.
  • 1958–1965: „4 Bücher Aus: Projekt Westmensch“

    Beuys begann das Zeichnungskonvolut „4 Bücher Aus: Projekt Westmensch“, die je dreihundert Seiten umfassen. In ihnen finden sich Ideen für Plastiken und Räume, die Joseph Beuys in den folgenden Jahren realisierte. Dabei verwendete er Materialien wie Fett, Filz oder Honig. Neben seinen künstlerischen Arbeiten, betrieb Beuys auch weiterhin seine naturwissenschaftlichen und zoologischen Studien.
  • 1959

    Für den Alten Kirchturm der Pfarrkirche St. Mauritius von Büderich im Rhein-Kreis Neuss entstand das monumentale Eichenkreuz und das Tor für das Brüdericher Mahnmal für die Gefallenen der Weltkriege. Das Ehrendenkmal gilt als Abschluss von Beuys‘ konventionellen bildhauerischen Phase. Hochzeit mit der Kunsterzieherin Eva-Maria Wurmbach (19.5.).
  • 1960

    Anfang der 60er Jahre musste Beuys nach einem Sturz eine Niere entfernt werden. Der Unfall ereignete sich, als Beuys in seinem Klever Atelier ein Ofenrohr reinigen wollte und er dabei stürzte und mit dem Rücken auf den Rand des Kohleofens fiel.
  • 1961

    Beuys und seine Frau zogen in eine Atelierwohnung in Düsseldorf-Oberkassel, der Künstler nutzte zudem ein Atelier im Haus von Georg Pehle, Sohn des Bildhauers Albert Pehle (1874–1948) und Neffe des deutschen Malers und Graphikers Walter Ophey (1882–1930), der neben August Macke (1887–1914) und Heinrich Nauen (1880–1940), zu den wichtigsten Vertretern des Rheinischen Expressionismus zählte. Das Atelier am Oberkassler Drakenplatz 4 behielt Beuys bis zu seinem Tod. Zweite Einzelausstellung des Künstlers im Museum Haus Koekkoek in Kleve: „Joseph Beuys. Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder, plastische Bilder aus der Sammlung van der Grinten“ (8.10.–5.11.1961)
  • 1961: Berufung an die Kunstakademie Düsseldorf & Geburt von Boien Wenzel

    Beuys, der zu diesem Zeitpunkt eher regional bekannt ist, bewarb sich erneut um die Professur für monumentale Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf und wurde einstimmig als Nachfolger von Josef (Sepp) Mages (1895–1977) bestellt. Der Fotograf Fritz Getlinger schuf eine Mappe mit 50 Abbildungen von Werken Beuys‘. Beuys galt als sehr innovativer, zuverlässiger und offen kritischer Lehrer, der jedoch weit von den gängigen Lehrmethoden entfernt unterrichtete. Er war ein sehr gewissenhafter Professor, der fast täglich in der Universität anwesend war und sogar an Wochenenden und in den Semesterferien oft anzutreffen war. Ein Bruch mit der Lehrtradition bestand darin, dass er seinen Studierenden große Freiheiten einräumte. Gleichzeitig hielt er an klassischen Disziplinen wie dem Aktzeichnen oder dem Naturstudium fest. Beuys begann ab 1961 mit seinem „Lebenslauf-Werklauf“ einem Verzeichnis, in dem er seine Erinnerungen aus seiner Kindheit, Jugend und Soldatenzeit niederschrieb. Mit „Szene aus der Hirschjagd“ führte den Typus der „Ablage“ in seinem Werk ein. Geburt von Boien Wenzel Beuys (22.12.).
  • 1962

    Joseph Beuys lernte die Protagonisten der Avantgarde in der Düsseldorfer Kunstszene kennen: Nam June Paik, George Brecht und George Maciunas, deren musikalische Praxis Beuys auffiel. Er schloss sich der Fluxus-Bewegung an.
  • 1963: erster Einsatz von Fett & erstes Fluxus-Konzert mit Beuys

    Beuys organisierte zwei sogenannte „Fluxus-Abende“ in der Aula der Akademie „Festum Fluxorum Fluxus, Musik und Antimusik – Das Instrumentelle Theater“ (2.–3.2.1963). Beuys‘ führte dabei seine ersten beiden Aktionen auf: „Sibirische Symphonie 1. Satz“. Er widmete mit „JOSEPH BEUYS FLUXUS“ im Gehöft van der Grinten eine Ausstellung in Kranenburg der Fluxus-Bewegung und stellte eine Reihe von „plastischen Bildern“ aus (26.10.–24.11.1963). Beuys schrieb im Katalog seine Notizen aus dem Jahr 1961 fort.
  • 1964: Teilnahme an der „documenta 3“ & Geburt von Jessyka

    Die Aktion „kukei akopee-Nein!, braunkreuz, fettecken, modellfettecken“ wurde am 20. Juli 1964 im Rahmen des „Festival der Neuen Kunst“ an der Technischen Hochschule Aachen realisiert. Joseph Beuys nahm mit Plastiken und Zeichnungen an der „documenta 3“ in Kassel teil. Dafür schrieb er „Joseph Beuys Lebenslauf Werklauf“, in dem er 50 Ereignisse seines Lebens von 1921 bis 1964 zusammenfasste. Geburt der Tochter Jessyka (10.11.).
  • 1965

    Die Galerie Schmela in Düsseldorf präsentierte „Joseph Beuys … irgend ein Strang …“ (27.11.–31.12.1965). Damit stellte er zum ersten Mal in einer kommerziellen Galerie aus; er zeigte die Aktion „wie man einem toten Hasen die Bilder erklärt“. Dabei erkundete er mit vergoldetem Haupt und einem toten Hasen im Arm den Ausstellungsraum, in dem u.a. die Plastik „Schneefall“ zu sehen war. 1966–1972: „Ringgespräche“
  • ab 1966: Ringgespräche

    Ab 1966 veranstaltete Beuys regelmäßig sogenannte „Ringgespräche“ mit seinen Studenten. Initiiert wurden diese Treffen vom Bildhauer Anatol Herzfeld (1931–2019), genannt Anatol. In einem zweiwöchigen Rhythmus wurden Theorien entworfen und diskutiert. Diese Ringgespräche waren öffentlich und fanden bis zur fristlosen Entlassung Beuys durch das Wissenschaftsministerium im Jahre 1972 statt.
  • 1967

    20 Tage nach der Protestkundgebung gegen den Besuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi in West-Berlin, bei der der Student Benno Ohnesorg (1940–1967) von einem Polizisten erschossen wurde, gründete Beuys die „Deutsche Studentenpartei“ (22.6.). Das Städtische Museum in Mönchengladbach zeigte die erste umfassende Ausstellung mit dem Titel „BEUYS“ (13.9.–29.10.1967), die die erste umfassende Werkschau des Künstlers war. Der deutsche Unternehmer und Kunstsammler Karl Ströher (1890–1977) erwarb die Arbeiten. Er verpflichtete sich vertraglich, dass der Werkkomplex geschlossen blieb und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würde. Am 30. November demonstrierte Beuys, unterstützt von Henning Christiansen, bei der Immatrikulationsfeier in Düsseldorf das Grundvokabular seiner Kunst: ÖÖ Programm. Im Dezember 1967 fällte das Finanzministerium Nordrhein-Westfalen die Entscheidung, den Künstler nicht in ein Beamtenverhältnis zu übernehmen, da er sich hochschulpolitisch engagierte.
  • 1968

    Heiner Bastian (* 1942), der deutsche Lyriker, Übersetzer, Autor und Kunsthändler, wurde sein enger Vertrauter, Vermittler und Privatsekretär. Unter den Akademieprofessoren formierte sich Widerstand gegen Beuys und seine Lehrpraxis. Im Oktober forderte er die Abschaffung jedes Zulassungsverfahrens an der Kunstakademie (wiederholt im Juli 1969). Stattdessen verlangte er eine zweisemestrige Probezeit. Spätestens seit dieser Zeit wird Beuys mit dem missverstandenen Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ zitiert. Am 24. November ergeht das erste Misstrauensvotum neuer Professorenkollegen gegen Beuys. „BEUYS“ bringt seine Kunst in das Stedelijk van Abbemuseum, Eindhoven (22.3.–5.5.1968).
  • 1969

    Am 27. Februar 1969 kam es bei der Fluxus-Aktion „Ich versuche dich freizulassen (machen)“ in Berlin zu Tumulten. Ausstellung des Kunstwerkes „Revolutionsklavier“ in der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Überzeugung, dass die Lehre Teil seiner künstlerischen Praxis ist, drückte Beuys in dem Text „To be a teacher is my greatest work of art“ aus. Im Mai wurde die Akademie nach einem Polizeieinsatz eine Woche geschossen. Zunehmende Bekanntheit vergrößerte die Schar der Studierenden bei Beuys. Am 4. Oktober drehte Maurizio Kagel für seinen Beethoven-Film „Ludwig van“ mit Beuys: Im Atelier Drakeplatz wurde die Küche des imaginären Beethoven-Hauses realisiert. Das Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel zeigte die Ausstellung „Joseph Beuys Zeichnungen, kleine Objekte“. Im selben Jahr gelang Beuys mit Hilfe des Galeristen, Kunstsammlers, Kurators und Autors René Block (geboren 1942) auf dem Kölner Kunstmarkt sein kommerzieller Durchbruch. Für die Installation „The pack (das Rudel)“ (1969) erzielte René Block einen Verkaufspreis von 110.000 DM. Das entsprach dem Verkaufswert eines großen Bildes des Objekt- und Pop Art Künstlers Robert Rauschenberg (1925–2008). Die Galerie Schmela organisierte „Joseph Beuys FOND III“ (29.1.–21.2.1969). Das Kunstmuseum Basel präsentierte „Zeichnungen, kleine Objekte“ (5.6.–1.8.1969). Zur Jahreswende war „Joseph Beuys. Werke aus der Sammlung Karl Ströher“ im Kunstmuseum Basel zu sehen (16.11.1969–4.1.1970, verlängert bis 11.1.1970). Grund war dass das Komitee der Kunsthalle Bern sich geweigert hatte, die Ströher-Sammlung mit dem Beuys-Teil zu zeigen. Die zunehmende internationale Beachtung von Beuys‘ Kunst kulminierte 1969 an seiner Aufnahme in Harald Szeemanns Ausstellung „When Attitudes Become Form“ in der Kunsthalle Bern (2.3.–23.4.1969), die weiter nach Humlebæk und Edinburgh weiterreiste. Dadurch erhielt Joseph Beuys gestärkte Aufmerksamkeit im englischsprachigen Raum.
  • 1970

    Die Aktion/Installation „Transsibirische Bahn“, später „Block Beuys“, wurde im Louisiana Museum Humlebæk (Dänemark) im Rahmen der Ausstellung „Tabernakel“ (Januar–Februar) gezeigt und auch als Film festgehalten. Die „Deutsche Studentenpartei“ wurde in die „Organisation der Nichtwähler“ (später „Freie Volksabstimmung“) überführt (2.3.). Im Hessischen Landesmuseum Darmstadt fand eine umfassende Ausstellung von Zeichnungen, plastischen Bildern und der vierteiligen Rauminstallation dem sogenannten „Beuys Block“ statt. Beuys fertigte ein Grabkreuz für den Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Dominikaner-Krankenhauses in Düsseldorf-Heerdt, Karl Wiedehage an, der Beuys Anfang der 60er Jahre operierte, als ihm bei einem Sturz eine Niere entfernt werden musste. In der Eat Art Galerie Daniel Spoerri fand am 30. Oktober 1970 das „Freitagsobjekt ‚1a gebratene Fischgräte‘“ statt. „Zeichnungen von Joseph Beuys aus der Sammlung van der Grinten“ im Museum Groningen (30.7.–30.8.1970), in der Galerie im Taxis Palais, Innsbruck (6.11.–6.12.1970) und der Galerie nächste St. Stephan, Wien (5.1.–30.1.1971). Der Kunstverein Ulm zeigte „Joseph Beuys. Zeichnungen 1946–1962“ (18.10.–15.11.1970). Im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig stellte Beuys „Zeichnungen 1946–1962“ (11.12.1970–31.1.1971).
  • 1971

    Am 15. Oktober 1971 besetzte Beuys mit siebzehn Studenten das Sekretariat der Akademie. Er war der Meinung, dass alle, die studieren wollen, nicht durch eine Aufnahmeprüfung oder das Abgeben einer Mappe darüber entschieden werden dürfte. Deshalb nahm er alle 142 von anderen Professoren abgelehnten Bewerber in seiner Klasse auf – davon erschienen 17 am Tag der Einschreibung. Als das Wirtschaftsministerium davon erfuhr, teilte es die Studenten auf andere Akademien auf. Vier Ausstellungen brachten Beuys‘ Denken und Kunst u.a. nach Österreich und Schweden: „Zeichnungen von Joseph Beuys aus der Sammlung van der Grinten“ war nach Groningen und Innsbruck in der Galerie nächste St. Stephan, Wien, zu sehen (5.1.–30.1.1971). „Joseph Beuys. Aktionen, Zeichnungen und Objekte aus der Sammlung van der Grinten und Jost Herbig“ im Moderna Museet, Stockholm (16.1.–28.2.1971). Der Schleswig-Holsteinischer Kunstverein, Kunsthalle zu Kiel, präsentierte „Joseph Beuys. Handzeichnungen“ (7.3.–11.4.1971). Im Von der Heydt-Museum in Wuppertal wurden „Objekte und Zeichnungen aus der Sammlung van der Grinten“ ausgestellt (20.3.–25.4.1971). Im Herbst präsentierte die Galerie Schmela, Düsseldorf, „BARRAQUE D’ULL ODDE von 1961–1967 und Videodoppel Celtic + Basel 1971“ (17.9.–2.10.1971).
  • 1972: Freie Internationale Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung & Entlassung

    Beuys besetzte am 10. Oktober 1972 erneut das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf mit 54 abgewiesenen Studenten, um deren Aufnahme in seine Klasse zu erzwingen. Daraufhin wurde er vom Wissenschaftsminister Johannes Rau (1931–2006) fristlos entlassen. Beuys sprach am 12. Oktober in einer Pressekonferenz über die Entlassung als „das letzte Glied in einer Kette ständiger Konfrontationen“. Nach dem Rauswurf Beuys erreichten das Wissenschaftsministerium zahlreiche Protestbriefe aus aller Welt. In einem offenen Brief forderte man, die Wiedereinsetzung einen der bedeutendsten Künstler der deutschen Nachkriegszeit. Unter den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern waren unter anderem, Peter Handke (* 1952), Jim Dine (* 1935), David Hockney (* 1937), Gerhard Richter (* 1932) und Martin Walser (* 1927). Beuys klagte das Land Nordrhein-Westfalen wegen der fristlosen Kündigung. Im selben Jahr stellte er auf der „documenta 5“ in Kassel seine Arbeit „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Documenta V“ aus. Erste Ausstellung in Italien: In Neapel fand am Eröffnungstag der Ausstellung „Arena – dove sarei arrivato se fossi stato intelligente“ die Aktion „Vitex Agnus Castus“ beim italienischen Kunsthändler und Galeristen Lucio Amelio (1931–1994) in der Modern Art Agency in Neapel statt (ab 15.6.). Die Ausstellung wurde einige Monate später auch in der Galleria l´Attico in Rom (ab 30.10.1972) und im Studio Marconi in Mailand (ab 6.3.1973) gezeigt.
  • 1973

    Gründung des Vereins „Freie Internationale Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung e.V.“ (F.I.U.). Gemeinsam mit Heinrich Böll hatte er seit 1972 ein Konzept für eine zukunftsweisende Bildungsinstanz entwickelt.
  • 1974: erste Reise in die USA

    Beuys reiste im Januar 1974 zum ersten Mal in die USA, um dort Vorträge an Hochschulen in New York, Chicago und Minneapolis. Der Galerist Ronald Feldmann und seine Frau Frayda hatten eine zehntägige Vortragstournee, unter dem Titel „Energy Plan for the Western Man“ durch Amerika organisiert. In Chicago schlüpfte er in die Rolle des Ganoven John Dillinger. Er stellte dessen Erschießung 1934 spontan vor dem Kino nach; Klaus Staeck filmte die Aktion. Zur Eröffnung der Galerie René Block in New York: Drei Tage lang lebte er von 10 bis 18 Uhr mit einem Kojoten in der Galerie, der für ihn die unbewältigte Vergangenheit der Eroberung Amerikas symbolisierte. Joseph Beuys erhielt im Wintersemester eine Gastprofessur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.
  • 1975

    Joseph Beuys erlitt einen Herzinfarkt. Danach wandte er sich den Themen Verletzung und Tod verstärkt zu. Er entwickelte die Überzeugung, dass nur sichtbare Wunden geheilt werden könnten (Einzelperson und Gesellschaft). Mithilfe seiner Kunst sollte die Gesellschaft gesunden. Beuys stellte 1977 in Kassel, Maastricht, Freiburg i. Br. Und Hannover aus: „Joseph Beuys. Multiples, Bücher und Kataloge aus der Sammlung Speck“ im Kunstverein Kassel (20.4.–18.5.1975), „Dokumentation zu Joseph Beuys“ im Bonnefantenmuseum in Maastricht (12.4.–19.5.1975), „Zeichnungen, Bilder, Plastiken, Objekte, Aktionsphotographien“ im Kunstverein Freiburg, und Ende des Jahres eröffnete die Kestner Gesellschaft in Hannover „Joseph Beuys“ (19.12.1975–8.2.1976).
  • 1976: Biennale von Venedig

    Beuys beteiligte sich mit dem Environment „Straßenbahnhaltestelle/Tram Stop/Fermata del Tram“ an der 37. Biennale in Venedig, im deutschen Pavillon aus. Er erhielt den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg. 1976 stellte Joseph Beuys drei Mal groß aus: „Joseph Beuys. Eurasier“ in der Galerie Schmela in Düsseldorf (14.5.–21.6.1976), „Example Joseph Beuys. Multiples, Drawings, Videotapes“ in der University of California Art Galleries in Riverside (CA) (15.5.–15.6.1976) sowie “Die drei Teile des Aktionssockels von ‚24 Stunden‘, 5. Juni 65 0–24“ in der Galerie Konrad Fischer, Düsseldorf (9.9.–30.9.1976).
  • 1977: „documenta 6“

    Beuys installierte in der Nationalgalerie Berlin die Arbeit „Richtkräfte – 100 Tafeln“. Auf der „documenta 6“, zeigte Beuys seiner Installation „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ und rief die „100 Tage Freie Internationale Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Forschung“ aus. 100 Tage lang diskutierte er mit dem Publikum. Auf Schautafeln notierte er während der Gespräche Zeichnungen, Diagramme und Sentenzen. Sie wurden später Teil der Installation „Das Kapital Raum 1970–77“. Während der documenta lernte Beuys Rudi Duschke kennen. Für Münster schuf er die Arbeit „Unschlitt/Tallow (Wärmeskulptur auf Zeit hin angelegt)“, die sich heute als Teil in der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin befindet.
  • 1978

    Beuys bekam in dem Rechtsstreit bezüglich der fristlosen Kündigung der Kunstakademie Düsseldorf Recht. Beide Parteien handelten einen Kompromiss aus, Beuys durfte seinen Professorentitel behalten und das Atelier im „Raum 3“ in der Akademie weiterhin nutzen. Ihm wurde die Thorn-Prikker-Ehrenplakette der Stadt Krefeld verliehen. Beuys erhielt eine Gastprofessur an der Universität für Angewandten Kunst in Wien, Lehrstuhl Gestaltungslehre. Die „Frankfurter Rundschau“ druckte am 23. Dezember sein Manifest „Aufruf zur Alternative“.
  • 1979: Beuys traf Warhol und war Mitbegründer der Partei DIE GRÜNEN

    Beuys traf in der Galerie Denise René und Hans Mayer in Düsseldorf, zum ersten Mal Andy Warhol (1928–1987), der dort gerade seine Bilder ausstellte. Warhol fertigte daraufhin einige Polaroid Fotos von Beuys an, die ihm später als Vorlage für mehrere Serigraphien mit Diamantstaub (Diamond-Dust) dienten. Im November trafen die beiden Künstler anlässlich der Ausstellung „Kunst = Kapital – Joseph Beuys, Robert Rauschenberg, Andy Warhol“ in der Galerie Denis René und Hans Mayer wieder aufeinander. Im New Yorker Guggenheim-Museum richtete Beuys seine zu Lebzeiten größte Einzelausstellung ein. Die als Retrospektive angelegte Gesamtschau in 24 Stationen sollte einen Überblick über sein bisheriges Werk bieten (2.11.1979–2.1.1980). Sie begann mit der Plastik „Badewanne“ (1960), mit der er auf seine Geburt anspielte, und führte zu den Relikten der „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ (1977). Beuys war der erste deutsche Künstler, dem diese Ehre zu Teil wurde. Kandidatur für das Europaparlament.
  • 1980

    Joseph Beuys bezog ein zweites Atelier in Düsseldorf in der Wildenbruchstraße 74, das er ebenfalls bis zu seinem Tod 1986 benutzte. Am 1. April trafen sich Beuys und Warhol in der Galerie Lucio Amelio in Neapel. Dort stellte Warhol seine neuen Siebdruckportraits mit dem Titel „Joseph Beuys by Andy Warhol“ aus. Beuys hatte eine Gastprofessur an der Frankfurter Städel-Schule. Kandidatur für den nordrhein-westfälischen Landtag als Vertreter der Grünen. Am Zenit seines Erfolgs als Künstler verlagerte Beuys seine Aktivitäten auf das politische Engagement. Er kandidierte für die Grünen zur Bundestagswahl.
  • 1981

    In Rom entstand die Aktionsplastik „Terremoto“ im Palazzo Braschi. Sie war Teil der Ausstellung in Neapel, die zugunsten der Opfer des verheerenden Erdbebens in Neapel vom 23. November 1980 initiiert wurde.Beuys reiste im August mit seiner Familie in einem Wohnmobil durch Polen, um die Orte zu besuchen, die er als junger Mann kennen gelernt hatte. Dem Muzeum Sztuki in Łódz schenkte er über 800 Zeichnungen, Graphiken, Poster, Texte und Schriften. Im Oktober fand die erste Ausstellung einiger Arbeiten Beuys in der DDR statt.
  • 1982

    Beuys präsentierte auf der „documenta 7“ seine Skulptur „Stadt-Verwaldung anstelle von Stadt-Verwaltung. 7.000 Eichen“. Beuys pflanzte dafür mit der Hilfe von Freiwilligen in den kommenden Jahren 7.000 Bäume zusammen mit einem begleiteten Basaltstein, an unterschiedlichsten Standorten in Kassel. Bis zu Beuys Tod, waren 5.500 Eichen mit dazugehörigen Steinen gepflanzt worden. Den letzten Baum setzte sein Sohn Wenzel während der documenta 8 am 12. Juni 1987 ein. Am 27. Oktober traf Beuys in Bonn den Dalai Lama zu einem Gespräch über die Menschheit. Der Künstler erläuterte sein Konzept der Sozialen Plastik. Auf der Zeitgeistausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin, zeigte Beuys sein Werkensemble „Hirschdenkmäler“.
  • 1983

    Es entstand die „Farboffset-Serie“. Beuys erhielt einen Auftrag für Spülfelder in Altenwerder, die heute als Containerterminal genutzt werden. Als er erneut für den Bundestag kandidieren wollte, verweigerten ihm die Grünen einen vorderen Listenplatz, woraufhin Joseph Beuys aus der Partei zurückzog.
  • 1984

    Im Mai 1984 pflanzte Joseph Beuys die ersten 400 Bäume auf einem Land von 15 Hektar, das sich in der Nähe der Ortschaft Bolognano befindet. Beuys hatte das Ackerland von Baron Giuseppe Durini zur Verfügung gestellt bekommen. Innerhalb von zwölf Jahren wollte er 7000 verschiedene Baumsorten pflanzen, um ein „Paradies“ (eigentlich ein Naturschutzgebiet) zu erhalten. Die Stadt Bolognano verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde. In der Galerie Watari in Tokio (15.5.–17.7.1984) und danach im Seibu-Museum in Tokio (2.6.–2.7.1984) fanden zwei Ausstellungen des Künstlers statt, der zu dieser Zeit gesundheitlich schon schwer angeschlagen war.
  • 1985

    Am 12. Januar 1985 nahm Beuys zusammen mit Andy Warhol und dem japanischen Künstler Kaii Higashiyama (1908–1999) am „Global-Art-Fusion-Projekt“ teil. Hierbei handelte es sich um ein international angelegtes Fax-Art-Projekt, das vom Konzeptkünstler Ueli Fuchser (* 1948) initiiert wurde. Alle drei Künstler schickten innerhalb von 32 Minuten ein Fax mit einer Zeichnung um die Welt. Von Düsseldorf über New York nach Tokyo. Empfangen wurde das Fax, im Wiener Palais Liechtenstein. Die Aktion, sollte ein Zeichen des Friedens während des Kalten Krieges sein. Ausstellung im Suermondt-Ludwig Museum und Museumverein Aachen „Kreuz und Zeichen – Religiöse Grundlagen im Werk von J.B.“. Teilnahme an der Eröffnung der Londoner Ausstellung „German Art in the Twentieth Century Painting and Sculpture 1905-1985“. Ende Mai wurde bei Beuys eine seltene Form einer Lungenerkrankung diagnostiziert. Zur Erholung reiste er im Spätsommer nach Capri und Neapel. Dort entstand die Skulptur „Scala Libera, Scala Napoletana“, sowie ein Prototyp für das Multiple „Capri-Batterie“. Im Oktober stellte Lucio Amelio die „Capri-Batterie“ aus, die er später in einer Auflage von 200 Exemplaren produzieren ließ. Von Dezember 1985 bis Mai 1986 zeigte das Museo di Capodimonte in Neapel die letzte von Beuys eingerichtete große Rauminstallation „Joseph Beuys. Palazzo Regale“ (23.12.1985–31.5.1986).
  • 1986: Wilhelm-Lehmbruck-Preis

    Am 12. Januar erhielt Beuys den Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg.
  • 23.1.1986: Tod

    Am 23. Januar 1986 erlag Joseph Beuys in seinem Atelier am Drakeplatz 4 in Düsseldorf-Oberkassel. Todesursache war eine seltene Entzündung des Lungengewebes und daraus resultierendem Herzversagen. Er wurde 64 Jahre alt. Am 14. April 1986 auf See beigesetzt, wo seine Asche in die Nordsee gestreut wurde.
  • 12.6.1987: Eröffnung der „documenta 8“

    Joseph Beuys‘ Sohn Wenzel pflanzte vor dem Kasseler Fridericianum die 7.000ste Eiche, sieben Meter neben der ersten.
  1. Joseph Beuys im Gespräch mit Georg Jappe über Schlüsselerlebnisse, Beuys packen, Regensburg 1996, S. 210.
  2. zit. n. Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas, Joseph Beuys, Leben und Werk, Köln 1973/1981/1994, S. 40.
  3. Joseph Beuys im Gespräch mit Bertram Müller, in: Rheinische Post, Nr. 168 (23.7.1983), o.S., zit. n. Carmen Alonso, Honigpumpe am Arbeitsplatz, in: Joseph Beuys. Parallelprozesse (Ausst.-Kat. Düsseldorf, K20, 11.9.2010–16.1.2011), München 2011, S. 250.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.