Edvard Munch

Edvard Munch (1863-1944) beschreibt in seiner frühexpressionistischen Bildwelt vor allem den Lebenszyklus, das Verhältnis der Geschlechter sowie existentielle Gefühle. In einer Art privater Mythologie und mit eigentümlich starren Figuren untersuchte er das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt - sei es Natur, Gesellschaft oder Partner. Oft sind es Melancholie und Schicksalsergebenheit, die seine Werke auszeichnen. Munchs Malweise brach mit der akademischen Tradition genauso wie mit Naturalismus und Impressionismus und diente gänzlich dazu, die Themen zu verdichten: flache Figuren, symbolische Farben, expressive Verzerrung von Körpern und Raum. Dazu kommt sein experimenteller Umgang mit Drucktechniken, denn Munch ist einer der wenigen Künstler, der sowohl für seine Gemälde wie für seine Drucke berühmt ist.

„Meine Kunst ist eine Beichte! Durch die ich mein Verhältnis zur Welt klären möchte.“ (Edvard Munch)

 

Der Schrei

Edvard Munch besuchte Paris 1885 und erneut im Frühjahr 1889. Besonders die Werke von Paul Gauguin, Odilon Redon und Auguste Rodin öffneten ihm, neben der Bekanntschaft mit August Strindberg sowie der Lektüre von Hendrik Ibsen und Knut Hamsun die Augen für aktuelle Themen. Vor allem die Entdeckung, dass Wahrnehmung subjektiv ist, veränderte das Denken der Künstler und erlaubte Edvard Munch, die Handlungsräume den emotionalen Zuständen der Figuren anzupassen. Dadurch entfernt sich Munch von der Wiedergabe des Sichtbaren und konzentrierte sich auf visionäre, innere Bilder.

Munchs „Der Schrei“ ist eine Ikone der Modernen Kunst. Er zeigt den Menschen als angstgepeinigt und voller Unsicherheit. Sein Gemälde einer geschlechtslosen, verdrehten, fötalen Kreatur, deren Mund und Augen weit aufgerissen sind, schreiend vor Angst verkörpert eine Vision, die Edvard Munch in seiner Jugend hatte. Später beschrieb er den blutroten Himmel und die Beobachtung, wie die Gesichter seiner Freunde sich grell gelb-weiß verfärbten. Munch gestaltete zwei Ölgemälde, zwei Pastellzeichnungen und unzählige Drucke von diesem Bild:

  • „Der Schrei“, 1893, Öl, Tempera, Pastell und Kreide auf Leinwand, 91 × 73,5 cm (Nationalgalerie, Oslo)
  • „Der Schrei“, um 1910, Tempera und Öl auf ungrundiertem Karton, 83,5 × 66 cm (Munch Museum, Oslo)
  • „Der Schrei“, 1893, Pastell auf Karton, 74 × 56 cm (Munch Museum, Oslo)
  • „Der Schrei“, 1895, Pastell auf Karton, 79 × 59 cm (Privatbesitz). Die zweite Pastellzeichnung wurde 2012 um $ 119,922.600.- auktioniert.

Beide Ölgemälde wurden in den letzten Jahren gestohlen, jedoch kurze Zeit später wieder aufgefunden.

„Seit geraumer Zeit hat er [Edvard Munch, Anm. AM] die Erinnerung an einen Sonnenuntergang malen wollen. Rot wie Blut. Nein, es war geronnenes Blut. Aber niemand würde das gleiche fühlen wie er. Alle würden an Wolken denken. Beim Erzählen dieses Erlebnisses wurde er traurig, ein Erlebnis, das ihn mit Angst erfüllt hatte. Traurig, weil die armseligsten Mittel der Malkunst die ausreichten. „Er trachtet nach dem Unmöglichen und Verzweiflung ist seine Religion“, dachte ich, riet ihm aber, es zu malen. – Und er malte seinen merkwürdigen „Schrei“.“ (Christian Skredsvig über Munchs Aufenthalt in St. Jean)

 

Spätwerk

Das Werk Evdard Munchs lässt sich in zwei Phasen teilen: die symbolistische der 1880er und 1890er Jahre und die extrovertierte, lebensbejahende im Spätwerk ab1900. Während manche Forscher für eine Neuorientierung des Künstlers nach der Jahrhundertwende plädieren, mag auch seine erfolgreiche Behandlung in einer Nervenheilanstalt 1908 als wichtige Zäsur gelten und die friedvollere Themenwahl ausgelöst haben. Dazwischen stehen immerhin noch die höchst aufgewühlten Raumdarstellungen und konfliktträchtigen Paardarstellungen der „Grünes Zimmer“-Serie. Das Spätwerk ist zudem von Experimenten auf dem Gebiet der Maltechnik bestimmt, während die Bildsujets den bereits erfundenen folgen. Wurden diese Gemälde in den letzten Jahrzehnten als „Kopien“ bezeichnet, so setzte sich jüngst die Auffassung durch, dass es sich um malerische Neuformulierungen handelt. Edvard Munch mag zwar der Ansicht gewesen sein, dass er die bedeutendsten Themen bereits kompositionell gelöst hatte, die Faktur, der Umgang mit den Malmitteln und die expressive Farbigkeit sind in den letzten Lebensjahren völlig neu. Die Reihe von Selbstporträts des alternden Edvard Munch, der sich auf der Leinwand schonungslos analysiert, mag dafür ein beredtes Beispiel abgeben.
Edvard Munch war nie verheiratet und nannte seine Gemälde Kinder – außerdem hasste er es, von ihnen getrennt zu sein. Wenigstens 27 Jahre lang lebte der norwegische Maler außerhalb von Oslo, je berühmter er wurde, desto mehr isolierte er sich. In seinem Haus in Ekely versammelte er die letzten 27 Jahre seines Lebens sein Werk um sich. Als Munch im Alter von 80 Jahren verstarb, fand man hinter verschlossenen Türen im zweiten Stück des Hauses 1.008 Gemälde, 4.443 Zeichnungen und 15.391 Druckgrafiken1 und Fotografien.

1. Juli 2017
Edvard Munch, Selbstporträt: Zwischen Uhr und Bett, Detail, 1940–1943, Öl auf Leinwand, 149,5 × 120,5 cm (Foto: courtesy Munch Museum, Oslo)

Edvard Munch: Mehr als nur der Schrei Spätwerk des norwegischen Malers als Befragung von Leben und Ich

Der Norwegische Maler und Druckgrafiker Edvard Munch (1863–1944) ist so berühmt für seine frühen Werke (vor 1900), dass häufig übersehen wird, dass sich das Œuvre des Künstlers über mehr als sechzig Jahre erstreckt. Wenn auch „Der Schrei“, „Madonna“ und „Vampir“ schon längst ikonischen Status im öffentlichen Bewusstsein errungen haben, so gilt es doch mehr von Munchs Werk zu entdecken.
19. Oktober 2015
Edvard Munch, Selbstporträt, 1895, Lithografie, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich.

Edvard Munch: Biografie Werk und Leben des norwegischen Symbolisten

Edvard Munchs Biografie, die wichtigsten Werke, Lebensetappen, Ausstellungen
19. Oktober 2015
Edvard Munch, Der Kuss IV, 1902/1902-1914, Holzschnitt, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich.

Edvard Munchs Druckgrafik Liebe, Tod, Einsamkeit

Wenige Künstler_innen sind sowohl als Maler_innen wie Druckgrafiker_innen so bekannt wie Edvard Munch (1863–1944). Der Autodidakt beschäftigte sich 1894/95 erstmals mit Radierung und Lithografie und machte schnell aus reproduzierbaren Kunstwerken Unikate. Sein Erfindungsgeist und Spektrum an Variationsmöglichkeiten rangen sämtlichen Drucktechniken ein Maximum an Individualität und Radikalität ab.
19. Oktober 2015
Edvard Munch, Das kranke Kind, 1907, Öl auf Leinwand, 118,7 x 121 cm (Tate, Presented by Tomas Olsen 1939, Poto Credit: © Tate, London 2014)

Edvard Munch. Archetypen Wrke: Der Schrei, Das kranke Kind, Madonna, Vampir...

In Zusammenarbeit mit dem Munch-Museet in Oslo präsentiert das Madrider Museo Thyssen-Bornemisza 80 Werke des norwegischen Malers Edvard Munch (1863–1944). Die Kuratoren Paloma Alarcó und Jon-Ove Steihaug zeigen einen Künstler, der mehr ist als der Maler von Ängsten und Obsessionen, sondern der auch mit großer Sensibilität die Veränderungen in der modernen Kunst wahrnahm und verarbeitete.
19. Juli 2015
Munch : Van Gogh (Mercator Fonds)

Munch : Van Gogh Ungeahnte Parallelen in Leben und Werk

Vincent van Gogh (1853–1890) und Edvard Munch (1863–1944) - zwei Giganten der Kunst im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert - werden in einer Ausstellung erstmals (!) einander gegenübergestellt. Schon auf der legendären Sonderbundausstellung in Köln 1912 wurden sie als „Väter der modernen Kunst“ gefeiert. Heute wird der eine für die Befreiung der Farbe und seinen dynamischen Pinselstrich verehrt, während der andere die dunkle Seite der Liebe, Angstzustände, Krankheit und Tod ergiebig erforschte.
19. Dezember 2009
Edvard Munch, Madonna, 1895 bis nach 1902, Lithografie, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich.

Edvard Munch, das Unheimliche und die Frau Was seine Werke über den Maler verraten

Die Ausstellung „Edvard Munch und das Unheimliche“ im Leopold Museum präsentiert den norwegischen Künstler in Österreich erstmals im Kontext der symbolistischen Kunst des 19. Jahrhunderts. 37 Leihgaben des Munch Museums in Oslo bilden das Rückgrat der Präsentation. Ergänzt werden sie durch etwa 170 Werke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
  1. Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Litho-Steine, Holzschnitt-Blöcke, Kupferplatten