Edvard Munch

Edvard Munch (1863-1944) beschreibt in seiner symbolistischen und frühexpressionistischen Bildwelt vor allem den Lebenszyklus, das Verhältnis der Geschlechter sowie existentielle Gefühle. In einer Art privater Mythologie und mit eigentümlich starren Figuren untersuchte er das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt - sei es Natur, Gesellschaft oder Partner. Oft sind es Melancholie und Schicksalsergebenheit, die seine Werke auszeichnen. Munchs Malweise brach mit der akademischen Tradition genauso wie mit Naturalismus und Impressionismus und diente gänzlich dazu, die Themen zu verdichten: flache Figuren, symbolische Farben, expressive Verzerrung von Körpern und Raum. Dazu kommt sein experimenteller Umgang mit Drucktechniken, denn Munch ist einer der wenigen Künstler, der sowohl für seine Gemälde wie für seine Drucke berühmt ist.

„Meine Kunst ist eine Beichte! Durch die ich mein Verhältnis zur Welt klären möchte.“ (Edvard Munch)

Munchs Bildwelt beschreibt vor allem den Lebenszyklus, das Verhältnis der Geschlechter (→ Munch, das Unheimliche und die Frau) sowie existentielle Gefühle. In einer Art privater Mythologie und mit eigentümlich starren Figuren untersuchte er das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt - sei es Natur, Gesellschaft oder Partner. Munchs Œuvre kreist um Melancholie, Tod, Panik, Frau, Melodrama, Liebe, nächtliche Szenen, Vitalismus und weibliche Akte. Oft sind es Melancholie und Schicksalsergebenheit, die seine Werke auszeichnen. Seine Malweise brach mit der akademischen Tradition genauso wie mit Naturalismus und Impressionismus und diente gänzlich dazu, die Themen zu verdichten: flache Figuren, symbolische Farben, expressive Verzerrung von Körpern und Raum. Dazu kommt sein experimenteller Umgang mit Drucktechniken (→ Edvard Munchs Druckgrafik), denn Munch ist einer der wenigen Künstler, der sowohl für seine Gemälde wie für seine Drucke berühmt ist.

„Um einen starken emotionalen Zustand darzustellen nur indem man direkt von der Natur arbeitet - oder Natur, gesehen durch einen starken emotionalen Zustand (…) ist eine schrecklich nervenzerreibende Arbeit. (…) Um in wenigen Stunden die vergleichweise Abgestumpftheit der Natur in einem selbst aufzunehmen. (…) Danach, während dieser wenigen Stunden, um es (in einem Gemälde) wieder sichtbar zu machen, nachdem es durch die Kammern des Auges gefiltert wurde - der Verstand - die Nerven - das Herz - erglüht im Feuer der Leidenschaft - aus dem höllischen Ofen der Seele - (all das) ist extrem ermüdend für das Nervensystem (für) Van Gogh (und) teilweise ich.“1 (Edvard Munch, um 1908)

 

Frühwerk im Stil von Impressionismus und Naturalismus

Edvard Munch wandte sich 1880 der Kunst zu und bildete sich vornehmlich als Autodidakten weiter. Er schmiss ein Ingenieursstudium hin und konnte mit erstaunlicher Geschwindigkeit in seiner Heimat so viel Aufmerksamkeit auf sich lenken, dass er 1885 ein dreiwöchiges Reisestipendium nach Paris erhielt. Weder im Louvre noch im Salon konnte Munch die jüngsten künstlerischen Entwicklungen studieren, stattdessen bewunderte er Edouard ManetDiego Velázquez und Thomas Couture. Edvard Munch hat nie kopiert, neu interpretiert oder auch nur Skizzen nach Kunstwerken gemacht. Stattdessen vertraute er seiner Erinnerung und veränderte, vermischte und verwandelte Gesehenes nach seinen Vorstellungen.

In den Jahren 1884 fand Edvard Munch zu ersten wichtigen Bildlösungen: „Morgen“ (1884), gefolgt von „Abend“ (1888, Museo Thyssen-Bornemisza). Letzteres zeigt eine junge Frau, Laura, die Schwester des Künstlers, alleine und in sich versunken vor einem Haus sitzend.2 Sie blickt starr aufs offene Meer, während im Hintergrund ein Mann mit einem Seil ein Boot am Ufer fixiert und eine schemenhaft wiedergegebene Frau auszusteigen scheint. Diese naturalistisch eingefangene Szene mit melancholischer Grundstimmung findet knapp zehn Jahre später eine symbolistische Überhöhung: „Mutter und Tochter“ (1897, Nasjonalmuseet for kunst, arkitektur og design, Oslo) haben sich vor dem Vollmond am Strand zusammengefunden.

 

Hauptwerke des Symbolismus

Im Jahr 1886 war Edvard Munch zum ersten Mal mit vier Gemälden in der von der norwegischen Secession veranstalteten Herbstausstellung vertreten. Er präsentierte dort die erste, verlorene Fassung von „Das kranke Kind“ (1885). Das Gemälde rief einen Sturm der Entrüstung hervor, gilt aber heute als das erste eigenständige symbolistische Werk des Norwegers. Wenn er auch durch Aussagen den Eindruck hervorrief, dass die Beschäftigung mit Krankheit und Tod autobiografisch motiviert wäre, so sollte man nicht darauf vergessen, dass sie im Fin-de-Siécle auch als Metaphern von Kreativität galten. Zwischen 1886 und 1927 malte Munch sechs Versionen3 von diesem Sujet und verwendete es auch (z. T. beschnitten auf den Kopf des Mädchens) in Druckgrsafiken. Für die spätere Aufnahme des Themas im Gemälde „Agonie“ (Todeskampf, 1915) drehte Munch die Komposition um 180° und füllte den Raum mit totenbleichen, starr blickenden Menschen.

Edvard Munch fand in „Abend: Melancholie“ (1892) eine weitere Formel für symbolistisches Gestalten, wie Christian Krogh anlässlich der Erstpräsentation des Gemäldes auf dem Herbstsalon 1891 in Kristiana vermeldete.4 Die männliche Figur wird vom Bildrand extrem abgeschnitten. Sie ist nicht mehr auf das Meer hinausgewandt, sondern dreht der Landschaft den Rücken zu. Am Himmel ziehen weiße Wolkenbänder genauso ornamental ihre Bahn wie die Küstenlinie zu einer ondulierenden Linie wird. Ist es Weltabkehr und melancholische Stimmung, oder ist es ein inneres Bild, eine „halluzinatorische Vision“ (Paloma Alarcó), was Munch hier entwirft? Dass sein Freund Jappe Nilssen Modell saß, ist kaum mehr erkennbar, denn Munch ersetzte das Bildnis durch eine unpersönliche Maske. Mit den allersten Pein-air Landschaften aus den frühen 1880ern, die unter dem Einfluss des Naturalisten Frits Thaulow entstanden sind, hat diese Naturschilderung aus der Erinnerung nichts mehr zu tun.

 

Munch und die Druckgrafik

Während seines Berlin-Aufenthalts 1894/95 begann der Dreißigjährige sich mit Druckgrafik zu beschäftigen.5 Anfangs stand Munchs Wunsch im Vordergrund, seine Kunst einem größeren Publikum zu präsentieren und sich eine neue Einkommensquelle zu erschließen. Er war seit 1892 in Berlin ansässig, hatte sich über die Skandal-Ausstellung im Berliner Kunstverein einen gewissen Ruf erarbeitet, aber seine Gemälde verkauften sich nicht. Harry Graf Kessler beschrieb ihn in dieser Zeit als hungrig herumstreundenden Künstler.6 Die frühen Kaltnadelradierungen, Radierungen und Lithografien waren meist Porträts, Wiederholungen oder auch Vorwegnahmen von Gemälden und zeigen eine erstaunlich geübte Hand. Die in diesen beiden Jahren entstandenen Drucke „Die Stimme (Sommernacht)“ (1894) und „Der Kuss“ (1895) sind nach Gemälden - „Die Stimme (Sommernacht)“ (1893, Museum of Fine Arts, Boston) - entstanden bzw. nahmen diese - „Der Kuss“ (1897, Munch-museet, Oslo) - voraus. Edvard Munch arbeitete vor allem mit Lithografiekreide, an der er ihrer zeichnungsartigen Qualitäten schätzte, flächiger Tusche und feiner, hineingeritzter Zeichnung wie im „Selbstporträt mit Skelettarm“ (1895, Lithografie, Privatsammlung) zu sehen. Obwohl es keine Belege dafür gibt, dass er eine professionelle Ausbildung durchlaufen hat, scheinen auch atmosphärische Effekte in Aquatinta oder Radierung dem jungen Künstler wenige Probleme bereitete zu haben.

Die positive Beurteilung von Munchs Ausstellung in Kristiania (heute: Oslo) und die Reproduktion der Lithografie „Geschrei“ in der Dezember-Ausgabe 1895 von „La Revue Blanche“, könnten ihn zum neuerlichen Aufenthalt in der französischen Metropole bewogen haben. Mit dem Gemälde „Angst“ begann Edvard Munch in der Pariser Avantgarde wahrgenommen zu werden, da sein Freund Julius Meier-Graefe ihn einlud, für Ambroise Vollards Album des Peintres-Graveurs (1896) einen Holzschnitt beizutragen. 

Der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe entdeckte Edvard Munch, als er in Berlin eine Mappe mit dessen Radierungen durchsah, für die er im Sommer 1895 den Einleitungstext schrieb. Kurz darauf übersiedelte er nach Paris, um in Siegfried Bings Galerie „L'Art Nouveau“ zu arbeiten. Schon im Frühjahr 1896 organisierte er Munchs erste Einzelausstellung in Paris, und Strindberg schrieb die Rezension in „La Revue blanche“ (Juni 1896). Während Munchs aktuelle Beträge zum Salon des Independants noch heftig diskutiert wurden, konnten Bing und Meier-Graefe mit ihm ihren Status als Händler der Avantgarde festigen. Da die Galerie auch Druckgrafik förderte, konnte Munch an deren Wänden erstmals eine Gruppe von Drucken in verschiedenen Zuständen und Farbwahl neben Gemälden mit der gleichen Komposition präsentieren.7 Dieser Schritt bedeutete nicht nur, dass Munch sich neuen Drucktechniken in experimenteller Ausführung aneignete, sondern seine Arbeit befand sich plötzlich mitten unter Werken von Pierre Bonnard, Maurice Denis, Odilon Redon, Félix Vallotton und Édouard Vuillard (vgl. → Villa Flora: Meisterwerke des Postimpressionismus).

Mit der „Julius-Meier-Graefe-Mappe“ (1894–1895), benannt nach dem wichtigen deutschen Kunsthistoriker, setzt das künstlerische Experiment Druckgrafik ein. Da sich Edvard Munch bereits seit den frühen 1880er Jahren mit dem Thema Frau beschäftigte (→ Edvard Munch, das Unheimliche und die Frau), sind fragile Mädchen und erotisch aufgeladene Frauenakte - von „Pubertät“ bis „Madonna“ - zentral in seinem druckgrafischen Werk. Munchs Pariser Aufenthalt von Februar 1896 bis Frühjahr 1897 änderte alles! Er war schon davor in Paris gewesen, aber vor seiner Rückkehr 1896 und dem neu erwachten Interesse an Druckgrafik konnte er nicht an die Avantgarde in Frankreich anschließen. In seinen Druckgrafiken und Gemälden entsponn sich seither ein kreativer Dialog, mit Hilfe dessen er seine Bildfindungen fixierte. Die Holzschnitte und Kaltnadelradierungen dienten Munch also nicht nur zur Verbreitung und Popularisierung seiner Kompositionen, sondern wurden integraler Bestandteil seines Schöpfungsprozesses.

 

Der Schrei (1892)

Edvard Munch besuchte Paris im Jahr 1885 und erneut im Frühjahr 1889. Besonders die Werke von Paul Gauguin, Odilon Redon und Auguste Rodin öffneten ihm, neben der Bekanntschaft mit August Strindberg sowie der Lektüre von Hendrik Ibsen und Knut Hamsun die Augen für aktuelle Themen. Vor allem die Entdeckung, dass Wahrnehmung subjektiv ist, veränderte das Denken der Künstler und erlaubte Edvard Munch, die Handlungsräume den emotionalen Zuständen der Figuren anzupassen. Dadurch entfernt sich Munch von der Wiedergabe des Sichtbaren und konzentrierte sich auf visionäre, innere Bilder.

Munchs „Der Schrei“ ist eine Ikone der Modernen Kunst und vermutlich das bekannteste Werk von Edvard Munch. Er zeigt den Menschen als angstgepeinigt und voller Unsicherheit. Sein Gemälde einer geschlechtslosen, verdrehten, fötalen Kreatur, deren Mund und Augen weit aufgerissen sind, schreiend vor Angst verkörpert eine Vision, die Edvard Munch in seiner Jugend hatte. Später beschrieb er den blutroten Himmel und die Beobachtung, wie die Gesichter seiner Freunde sich grell gelb-weiß verfärbten. Munch gestaltete zwei Ölgemälde, zwei Pastellzeichnungen und unzählige Drucke von diesem Bild:

  • „Der Schrei“, 1893, Öl, Tempera, Pastell und Kreide auf Leinwand, 91 × 73,5 cm (Nationalgalerie, Oslo)
  • „Der Schrei“, um 1910, Tempera und Öl auf ungrundiertem Karton, 83,5 × 66 cm (Munch Museum, Oslo)
  • „Der Schrei“, 1893, Pastell auf Karton, 74 × 56 cm (Munch Museum, Oslo)
  • „Der Schrei“, 1895, Pastell auf Karton, 79 × 59 cm (Privatbesitz). Die zweite Pastellzeichnung wurde 2012 um $ 119,922.600.- auktioniert.

Beide Ölgemälde wurden in den letzten Jahren gestohlen, jedoch kurze Zeit später wieder aufgefunden. Zudem erarbeitete Edvard Munch noch eine schwarz-weiße Lithographie. Munch beschrieb in seinen literarischen Tagebüchern der 1890er Jahre, wie er auf die Idee zu dieser Komposition gekommen war:

„Ich ging mit zwei Freunden einen Weg entlang.
Die Sonne ging gerade unter.
Ich fühlte einen Hauch Melancholie
Plötzlich wurde der Himmel blutrot
Ich blieb stehen und lehnte mich an das Geländer, totmüde
sah ich auf zu flammenden Wolken, die hingen
wie – Blut und ein Schwert über dem
tiefblauen Fjord und die Stadt.
Meine Freunde gingen weiter – Ich stand da,
Zitternd vor Angst.
Und ich fühlte das große, unendliche Geschrei durch die Natur hallen.“8

Für Edvard Munch war diese Erinnerung derart bedeutend, dass er in einigen Drucken die letzte Zeile des Gedichts sogar zitierte. Die Gegenüberstellung von Beschreibung und Bild lassen uns die Arbeitsweise des norwegischen Malers nachvollziehen. Munch malte nie nach der Natur; er malte nie was er mit den Augen sah, sondern was er mit seiner Seele wahrnahm. Für Munch war Kunst daher das Gegenteil zur Natur, da sie aus dem Innersten des Menschen kam. Der Kritiker Sigbjørn Ostfelder erkannte schon früh, dass Munch Schmerz, Schrei, Melancholie und Verfall mit Hilfe von Farben ausdrückte. In der Lithographie setzte sie der Künstler in schwarze und weiße Kraftlinien um. Obwohl der Künstler von einer persönlichen Erfahrung der Ohnmacht zu diesem Bild inspiriert wurde, steht das Werk für sich allein. Das „Geschrei“ verstört – und es ist daher eine Ikone der modernen Kunst.

„Seit geraumer Zeit hat er [Edvard Munch, Anm. AM] die Erinnerung an einen Sonnenuntergang malen wollen. Rot wie Blut. Nein, es war geronnenes Blut. Aber niemand würde das gleiche fühlen wie er. Alle würden an Wolken denken. Beim Erzählen dieses Erlebnisses wurde er traurig, ein Erlebnis, das ihn mit Angst erfüllt hatte. Traurig, weil die armseligsten Mittel der Malkunst die ausreichten. „Er trachtet nach dem Unmöglichen und Verzweiflung ist seine Religion“, dachte ich, riet ihm aber, es zu malen. – Und er malte seinen merkwürdigen „Schrei“.“ (Christian Skredsvig über Munchs Aufenthalt in St. Jean)

„Der Schrei“ verwandelt Weltangst in ein einprägsames Bild mit blutrotem Himmel, Menschen auf einer Brücke vor Kristiania (heute: Oslo) und einer kaum mehr als menschlich zu bezeichnenden Figur im Vordergrund, ein Selbstbildnis des Künstlers. Während seiner ersten Präsentation in Berlin rahmten „Abend auf der Karl Johan“ (1892) und „Angst“ (1894) das Gemälde. Alle drei zeigen anonyme Massen im öffentlichen Raum, deren, wie Munch es formulierte, „qualvoller Weg im Grab endet“9.

 

Lebensfries

Edvard Munch beobachtete schon Anfang der 1890er Jahre, dass einige seiner Gemälde nebeneinander andere Wirkungen und Inhalte entwickeln würde als einzeln. Im Jahr 1893 stellte er Unter den Linden in Berlin seinen ersten Fries über Liebe und Tod zusammen. Formale Entsprechungen, gegensätzliche Farbeffekte und unterschiedliche Formate erzeugten, wie er meinte, einen Rhythmus. Diese erste „Studie für eine Serie“ beststand aus den Bildern „Die Stimme“, „Der Kuss“, „Vampir“, „Madonna“, „Melancholie“ und „Der Schrei“; sie meinte den ersten Teil (Liebe). Bis 1902 hatte er unter dem Titel „Fries - Eine Serie von Lebensbildern“ bereits 22 wichtige Werke zu vier Aspekten zusammengefasst: Auf die „Samen der Liebe“ folgt die „Blüte“ und das „Verblühen“ der Liebe, Furcht und Tod. Auch wenn Munch und Van Gogh mit der Idee spielten, ihre „Friese“ bzw. Zyklen in architektonischen Settings zu fixieren, scheiterten sie schlussendlich daran. Das moderne Bildverständnis führte weg von Ausstattungsstücken und hin zum autonomen, veräußerbaren Werk.

 

Spätwerk

Das Werk Evdard Munchs lässt sich in zwei Phasen teilen: die symbolistische der 1880er und 1890er Jahre und die extrovertierte, lebensbejahende im Spätwerk ab 1900. Während manche Forscher für eine Neuorientierung des Künstlers nach der Jahrhundertwende plädieren, mag auch seine erfolgreiche Behandlung in einer Nervenheilanstalt 1908 als wichtige Zäsur gelten und die friedvollere Themenwahl ausgelöst haben. Dazwischen stehen immerhin noch die höchst aufgewühlten Raumdarstellungen und konfliktträchtigen Paardarstellungen der „Grünes Zimmer“-Serie. Die Überzeugung, dass übermäßiger Alkoholkonsum, nervliche Zerrüttung und die Behandlung gleichsam den kreativen Geist Munchs ausgelöscht hätten, wie lange Jahre angenommen wurde, ist mit heutigem Wissensstand abzulehnen. Das Spätwerk ist zudem von Experimenten auf dem Gebiet der Maltechnik bestimmt, während die Bildsujets den bereits Erfundenen folgen.

Bereits früh wurde beobachtet, dass Edvard Munch seine bekannten Kompositionen der 1890er Jahre wiederholte und abwandelte. Dahinter standen nicht immer kommerzielle Interessen, sondern der Wunsch ihre Sinngehalte weiterzuentwickeln. Ob in Malerei oder Druckgrafik, ob im Früh- oder Spätwerk Munch begeisterte sich in allen ihn verfügbaren Medien und aktiven Jahrzehnten für die immer gleichen Themenkomplexe. Wurden diese Gemälde in den letzten Jahrzehnten als „Kopien“ bezeichnet, so setzte sich jüngst die Auffassung durch, dass es sich um malerische Neuformulierungen handelt. Edvard Munch mag zwar der Ansicht gewesen sein, dass er die bedeutendsten Themen bereits kompositionell gelöst hatte, die Faktur, der Umgang mit den Malmitteln und die expressive Farbigkeit sind in den letzten Lebensjahren völlig neu. Die Reihe von Selbstporträts des alternden Edvard Munch, der sich auf der Leinwand schonungslos analysiert, mag dafür ein beredtes Beispiel abgeben.

„Hier ist das Wildeste versammelt, das in Europa gemalt wird – ich bin nichts als ein verblichener Klassiker – der Kölner Dom wankt in seinen Grundfesten“, formulierte Edvard Munch seine Eindrücke von der Kölner Sonderbundausstellung 1912 in einem Brief.

Im Jahr 1925 besuchte Edvard Munch die Nationalgalerie in Oslo, um einige seiner eigenen Werke zu kopieren. „Der Tanz des Lebens“ (1899/1900) war 1910 vom Museum angekauft worden. Die beiden Versionen ähneln einander sehr. Das Thema – ein Tanz an einem Strand in einer Sommernacht, das männliche Begehren und die weibliche Reaktion darauf – ist gleichgeblieben. Die Palette des späteren Bildes ist jedoch reicher, die Details ausdifferenzierter. Die flachen, ondulierenden Formen des Jugendstils sind einer „naturalistischeren“ wenn auch expressiven Auffassung im Spätwerk gewichen. Die Frage, ob es sich hierbei wirklich um eine Kopie oder eine Neuinterpretation handelt, ist mehr als nur Wortklauberei. Sie benennt die Problematik eines in der Moderne aufgekommenen und m.E. vom Kunstmarkt unterstützten Originalitäts- und Authentizitätsbegriffs.

Edvard Munch war nie verheiratet und nannte seine Gemälde Kinder – außerdem hasste er es, von ihnen getrennt zu sein. Wenigstens 27 Jahre lang lebte der norwegische Maler außerhalb von Oslo, je berühmter er wurde, desto mehr isolierte er sich. In seinem Haus in Ekely versammelte er die letzten 27 Jahre seines Lebens sein Werk um sich. Als Munch im Alter von 80 Jahren verstarb, fand man hinter verschlossenen Türen im zweiten Stück des Hauses 1.008 Gemälde, 4.443 Zeichnungen und 15.391 Druckgrafiken10 und Fotografien.

 

Edvard Munch: Sternennächte und Landschaften

Für Edvard Munch, der die Werke von Vincent van Gogh ab etwa 1889 kennen lernen konnte, wurde der Spätimpressionist eine Quelle der Inspiration, während er die Impressionisten - trotz seiner anfänglichen Auseinandersetzung mit den Großstadtbildern Caillebottes und Degas‘ - für reine Techniker hielt. Die Arbeitsweise des Holländers war für ihn ebenfalls ein abschreckendes Beispiel für Freiluftmalerei, den die starke Sonneneinstrahlung, so erzählte er einem Freund, verrückt gemacht hätte. Nach 1900 wurden dessen ungeachtet u. a. Landschaften in Munchs Werk quantitaiv deutlich mehr und auch direkter beobachtet. Die „Badenden Männer“11 (1907–1908), die nackt am Strand posieren und als Symbole erwachsener Männlichkeit im Rahmen eines Lebenszyklus-Gedankens gedeutet werden können, dürften diesen Umschwung am besten dokumentieren.

Wenn sich der Norweger auch verbal von Van Gogh distanzierte, so dürfte das Werk Van Goghs doch einen direkteren Einfluss auf Munchs künstlerische Entwicklung gehabt haben, als er selbst vermutete. Dazu zählen auch Munchs Sternennächte, die violett-blau-silberne Farbharmonien norwegischer Fjorde einfangen. Von Christian Clausen Dahl über die Nocturnes von James Abbot McNeill Whistler zu Van Gogh reicht die Traditionslinie romantischer Aufladung der Nacht als Zeit der Melancholie, Isolation, Vorahnungen, des Begehrens und Todes.

„Menschliche Schicksale sind wie Planeten - wie ein Stern, der aus dem Dunkel geboren wird - und einen anderen Stern trifft - er scheint für eine Sekunde, bevor er wieder im Dunkeln verschwindet - (es ist) so - so treffen einander ein Mann und eine Frau - gleiten zueinander[,] werden durch die Flammen der Liebe beleuchtet - um dann in ihrer eigenen Richtungen zu verschwinden.“ (Edvard Munch)

 

Vorbild für den jungen Picasso und die deutschen Expressionisten

Um 1890 hatte sich Edvard Munch völlig von Realismus und Impressionismus gelöst und seine Kompositionen zu Projektionsräumen für seine Stimmungen umgewandelt. Als seine erste Einzelpräsentation 1892 im Verein Berliner Künstler nach nur einer Woche aufgrund des öffentlichen Drucks, der Presse aber auch der konservativen Mitglieder der Vereinigung geschlossen werden musste, markierte dies einen neuen Höhepunkt in der Wahrnehmung seiner Kunst. Seine Individualität und völlige Hingabe, nur sich selbst verpflichtet zu sein, dieses Konzept von (romantischem) Künstlertum eröffnete den jungen deutschen Expressionisten (darunter Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde, → Farbenrausch. Werke des deutschen Expressionismus) aber auch für Pablo Picasso und Egon Schiele einen gangbaren Weg, womit er zu einem Rollenvorbild vor allem für jene werden konnte, die auf der Suche nach dem Ursprünglichen waren.12 Bedeutende Sammler wie Karl Ernst Osthaus erwarben bald nach 1900 erste Werke von dem Norweger. Schon zwanzig Jahr nach seinem Skandal-Erfolg in Berlin, auf der Sonderbundausstellung in Köln 1912, wurde das Werk Edvard Munchs neben den Giganten aus Frankreich Paul CézannePaul Gauguin und Vincent van Gogh präsentiert. Im Jahr 1927 organisierte die Berliner Nationalgalerie eine große Retrospektive für den nunmehr anerkannten Künstler.

 

Nachruhm und Erbe

Edvard Munch wurde 81 Jahre alt und nutzte die Zeit, um seinen Mythos als sich für die Kunst aufopfernder Künstler zu pflegen. Er hinterließ nicht nur eine große Anzahl von Werken, sondern auch eine bewusste Selbststilisierung, die es schwierig macht, hinter die Fassade zu blicken.

Da Edvard Munch 1944 kinderlos verstarb, vermachte er seinen gesamten Nachlass der Stadt Oslo. Das Munch Museum besitzt daher mehr als 1.100 Gemälde und 25.000 Arbeiten auf Papier. Dazu kamen fast 500 Druckplatten, 2.240 Bücher, Notizbücher, Dokumente, Fotografien, Werkzeug, Requisiten und Möbel. Seine Schwester Ingrid überließ dem Museum Munchs umfassende Briefsammlung, zusammen mit einer erheblichen Anzahl Originalwerken allem aus den 1880er Jahren. Am 29. Mai 1963 eröffnete das Munch-Museum in Oslo. Heute besitzt das Munch-Museum mehr als die Hälfte der Gemälde des norwegischen Malers, alle Druckplatten und alle Motive der Druckgrafiken.

1. Juli 2017
Edvard Munch, Selbstporträt: Zwischen Uhr und Bett, Detail, 1940–1943, Öl auf Leinwand, 149,5 × 120,5 cm (Foto: courtesy Munch Museum, Oslo)

Edvard Munch: Mehr als nur der Schrei Spätwerk des norwegischen Malers als Befragung von Leben und Ich

Der Norwegische Maler und Druckgrafiker Edvard Munch (1863–1944) ist so berühmt für seine frühen Werke (vor 1900), dass häufig übersehen wird, dass sich das Œuvre des Künstlers über mehr als sechzig Jahre erstreckt. Wenn auch „Der Schrei“, „Madonna“ und „Vampir“ schon längst ikonischen Status im öffentlichen Bewusstsein errungen haben, so gilt es doch mehr von Munchs Werk zu entdecken.
19. Oktober 2015
Edvard Munch, Selbstporträt, 1895, Lithografie, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich.

Edvard Munch: Biografie Werk und Leben des norwegischen Symbolisten

Edvard Munchs Biografie, die wichtigsten Werke, Lebensetappen, Ausstellungen
19. Oktober 2015
Edvard Munch, Der Kuss IV, 1902/1902-1914, Holzschnitt, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich.

Edvard Munchs Druckgrafik Liebe, Tod, Einsamkeit

Wenige Künstler_innen sind sowohl als Maler_innen wie Druckgrafiker_innen so bekannt wie Edvard Munch (1863–1944). Der Autodidakt beschäftigte sich 1894/95 erstmals mit Radierung und Lithografie und machte schnell aus reproduzierbaren Kunstwerken Unikate. Sein Erfindungsgeist und Spektrum an Variationsmöglichkeiten rangen sämtlichen Drucktechniken ein Maximum an Individualität und Radikalität ab.
19. Oktober 2015
Edvard Munch, Das kranke Kind, 1907, Öl auf Leinwand, 118,7 x 121 cm (Tate, Presented by Tomas Olsen 1939, Poto Credit: © Tate, London 2014)

Edvard Munch. Archetypen Munchs berühmteste Werke: Der Schrei, Das kranke Kind, Madonna, Vampir...

In Zusammenarbeit mit dem Munch-Museet in Oslo präsentiert das Madrider Museo Thyssen-Bornemisza 80 Werke des norwegischen Malers Edvard Munch (1863–1944). Die Kuratoren Paloma Alarcó und Jon-Ove Steihaug zeigen einen Künstler, der mehr ist als der Maler von Ängsten und Obsessionen, sondern der auch mit großer Sensibilität die Veränderungen in der modernen Kunst wahrnahm und verarbeitete.
19. Juli 2015
Munch : Van Gogh (Mercator Fonds)

Munch : Van Gogh Ungeahnte Parallelen in Leben und Werk

Vincent van Gogh (1853–1890) und Edvard Munch (1863–1944) - zwei Giganten der Kunst im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert - werden in einer Ausstellung erstmals (!) einander gegenübergestellt. Schon auf der legendären Sonderbundausstellung in Köln 1912 wurden sie als „Väter der modernen Kunst“ gefeiert. Heute wird der eine für die Befreiung der Farbe und seinen dynamischen Pinselstrich verehrt, während der andere die dunkle Seite der Liebe, Angstzustände, Krankheit und Tod ergiebig erforschte.
23. März 2009
Edvard Munch, Madonna, 1895 bis nach 1902, Lithografie, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich.

Edvard Munch, das Unheimliche und die Frau Was seine Werke über den Maler verraten

Die Ausstellung „Edvard Munch und das Unheimliche“ im Leopold Museum präsentiert den norwegischen Künstler in Österreich erstmals im Kontext der symbolistischen Kunst des 19. Jahrhunderts. 37 Leihgaben des Munch Museums in Oslo bilden das Rückgrat der Präsentation. Ergänzt werden sie durch etwa 170 Werke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
  1. Zitiert nach: Reinhold Heller: ‘In part myself’: Edvard Munch and Vincent van Gogh Compared, in: Maite van Dijk, Magne Bruteig, Leo Jansen (Hg.), Munch : Van Gogh (Ausst.-Kat. Munch museet, Oslo, 7.5.-6.9.2015; Van Gogh Museum, Amsterdam, 24.9.2015-17.1.2016), Brüssel 2015, S. 62-81, hier S. 63.
  2. Paloma Alarcó führt in ihrem Beitrag aus, dass auf Röntgenaufnahmen des Gemäldes eine weitere Frau (Inger) neben Laura stand, die im Arbeitsprozess von Munch getilgt wurde. Dadurch wirkt Laura, die am Beginn ihrer psychischen Erkrankung stand, noch einsamer. Siehe: Paloma Alarcó, Edvard Munch: Archetypes, in: Paloma Alarcó (Hg.), Edvard Munch: Archetypes (Auss.-Kat. Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid 6.10.2015-17.1.2016), Madrid 2015, S. 17-53, hier S. 23.
  3. 1886, 1896, 1907 zwei Fassungen in Warnemünde, 1925 und 1927. Siehe Paloma Alarcó, S. 29-30.
  4. Dieter Burchhart, Edvard Munch. Zeichen der Moderne (Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Riehen b. Basel 18.3.-15.7.2007; Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall 4.8.-31.12.2007), Ostfieldern 2007, S. 44.
  5. Für Edvard Munch als Druckgrafiker siehe: Elizabeth Prelinger, Edvard Munch. Master Print Maker (Ausst.-Kat. Busch-Riesinger Museum, Harvard) New York.
  6. Siehe: The Masterprintmaker, in: Edvard Munch (Ausst.-Kat. Busch Reisinger Museum, Harvard), S. 6.
  7. Von den 60 Werken, die Munch bei Bing zeigte, waren zwölf Gemälde, sechs Zeichnungen und 42 (sic!) Druckgrafiken. Einige seiner berühmtesten und wagemutigsten Bilder waren zu sehen: „Der Schrei“, „Madonna“ (die Lithografie erinnert noch an den verlorenen Rahmen des Gemäldes, der Spermien und einen Fötus zeigte) und „Vampir“. Die handbemalten Drucke der Berliner Zeit sind auf 1896 datiert, was darauf hinweist, dass sie vielleicht eigens für die Ausstellung verändert worden sind.
  8. Zitiert nach Arne Eggum (Hg.), Edvard Munch und Frankreich (Ausst.-Kat. Musée d’Orsay, Schirn Kunsthalle, Frankfurt), Paris/Frankfurt 1991/92, S. 141.
  9. Zitiert nach Ebenda, S. 33.
  10. Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Litho-Steine, Holzschnitt-Blöcke, Kupferplatten
  11. Öl auf Leinwand, 206 × 227,5 cm (Antell Collections, Ateneum Art Museum, Helsinki).
  12. Paloma Alarcó zählt im Ausstellungskatalog des Museso Thyssen-Bornemisza Werke von Egon Schiele, Ernst Ludwig Kirchner und Pablo Picasso explizit als Vergleiche zu Munchs „Pubertät“ auf.