David Hockney

Wer ist David Hockney?

David Hockney (* 1937) ist ein britischer Maler, der in den 1960er Jahren nach Kalifornien übersiedelte, wo er mit Bildern vom Leben einer gutbürgerlichen Gesellschaft im sonnigen Bundesstaat berühmt wurde.

Seit den 1950er Jahren schuf David Hockney ein freudvolles, innovatives und forschendes Werk. Indem er das Erbe der Gründer der Moderne fortführte, zeigte Hockney welche Lehren man aus deren revolutionären Regelbrüchen ziehen konnte: Von Henri Matisse borgte er sich die Verwendung von intensiven und expressiven Farben und das Ziel, jedes Gemälde zu einem Fest der Freude zu machen. Von Pablo Picasso lernte Hockney die Freiheit der Stilwahl und dessen Neubegründung des räumlich-zeitlichen Sehens im Kubismus. Die Künstler der Klassischen Moderne waren sich der Problematik von Bewegung und Stillstand bewusst, des Vergehens der Zeit während des Wahrnehmungsprozesses. Die Frage, ob Malerei im Zeitalter der Technologien überhaupt noch relevant wäre, beantwortete er mit unterschiedlichsten Mitteln: Er produzierte Bilder mit Hilfe von Fotograie, der Fax-Maschine, dem Fotokopiere, dem Bewegtbild, dem Tablet. Innerhalb von 60 Jahren künstlerischen Arbeitens schuf David Hockney mehr als die hedonistischen und oberflächlichen Kalifornien-Bilder, mit denen er berühmt wurde. Das Werk des britischen Malers stellt sich in der Rückschau als eine komplexe Recherche zum Wesen und Status von Bildern, ihren phänomenologischen Gesetzen, ihrer Konzeption und Perzeption heraus.

„What else can you do? Picasso worked every day. Matisse worked every day. That’s what artists do, until they drop dead.“ (David Hockney)

Ausbildung

In den Jahren 1953 bis 1957 erhielt David Hockney eine traditionelle Kunstausbildung an der Bradford School of Art, die auf Aktzeichnen sowie genauer Beobachtung und naturalistischer Wiedergabe der Außenwelt beruhte. Hockneys früheste Arbeiten waren dem industriellen England gewidmet und belegen den sozialen Realismus seiner Lehrer von der Braford School of Art, die der so genannten Kitchen Sink School (späte 1950er und frühe 1960er Jahre) zuzurechnen und mit Werken der Euston Road School der 1930er Jahre verwandt sind.

„Ich gehörte zu den Letzten, die in der alten Tradition ausgebildet wurden. Das bedeutete viel genaues Zeichnen […], eines der wenigen Dinge, die eine Kunstschule überhaupt lehren kann.“1 (David Hockney über seine Ausbildung)

Ende der 1950er Jahre begeisterte er sich für Stanley Spencer (1891–1959) und dessen Gemälde „The Resurrection, Cookham“ (Tate, London). Hockney ahmte die äußere Erscheinung des Exzentrikers nach, indem er sich einen Topfschnitt zulegte und zum Transport seiner Malmaterialien einen Kinderwagen benutzte. 1959 zog David Hockney nach London und wurde für ein dreijähriges Masterstudium am Royal College of Art aufgenommen.

Er entdeckte dort die englische Rezeption des Abstrakten Expressionismus, representiert durch Alan Davie. Rasch stellte er fest, dass zwei Gruppen von Kunststudenten unterschieden werden konnten: jene, die im realistischen Stil weitermachten, und jene, die sich mutig mit den jüngsten Werken der amerikanischen Kunst auseinandersetzten. Im Bestreben, ein „moderner“ Künstler zu werden, wandte sich Hockney vom sozialen Realismus ab und experimentierte mit der Bildsprache des Abstrakten Expressionismus. Jackson Pollock (1912–1956) gab seit der Ausstellung „New American Painting“ 1959 in der Tate Gallery in der Londoner Kunstszene den Ton an und wurde zum wichtigen Vorbild des sich formenden Künstlers (→ Jackson Pollock 1958 in London).

Figuration, Abstraktion und Homosexualität im frühen Werk

Doch schon 1960 lässt sich in Hockneys Werk eine Abkehr von der Abstraktion bemerken. Seine Homosexualität, zu jener Zeit noch strafbar, wurde neben der Selbstverortung als Künstler zum beherrschenden Bildthema der Frühzeit. Der fünf Jahre ältere Kommilitone Ronald B. Kitaj ermutigte Hockney, darzustellen, was ihm ganz persönlich eigen sei.2

Für dieses Anliegen war die Bildsprache der Abstraktion nicht geeignet, weshalb er sich aus Elementen von Malerei und Graffiti (von Toiletten der Londoner U-Bahn), kombiniert mit Ziffern und Zitaten aus Gedichten von Walt Whitman eine neue Ausdrucksweise erarbeitete. Dieser neue, selbstreferenzielle Ansatz trat 1960 in „Doll Boy“ und „The Third Love Painting“ deutlich sichtbar zutage.

In Jean Dubuffets Werk fand er einen von Gaffiti und „naiver Kunst“ geprägten Stil (→ Jean Dubuffets Art Brut!), der mit seiner Suche nach einer expressiven und zugänglichen Kunst entsprach. Bei Francis Bacon entdeckte er den Mut, Homosexualität direkt zu thematisieren, als er 1960 eine Ausstellung mit Bacons Werken in der Londoner Marlborough Gallery besuchte. Weitere Referenzen beziehen sich auf Werke von Roger Hilton und Larry Rivers.

Stilvielfalt nach Picassos Vorbild

Als er 1960 in einer wichtigen Retrospektive der Tate Pablo Picasso entdeckte, führte das zur Ablehnung des Begriffs Pop für sich selbst. Nachdem Hockney acht Mal die Picasso-Ausstellung besucht und sich intensiv mit der stilistischen Spannweite und Entwicklung von dessen Werk auseinandergesetzt hatte, kam er zur Überzeugung, dasss ein Künstler sich nicht auf nur einen Stil beschränken sollte: So nannte er eine seiner frühen Ausstellungen „Demonstrations of Versatility [Demonstrationen der Vielseitigkeit]“. Picasso lehrte Hockney früh, dass die Vorstellung von einem einheitlichen Stil eines Künstlers als überholt angesehen werden konnte. Zudem sollten Bilder als gemalte Objekte erkennbar werden, wobei die Stilvielfalt eine große Menge an verfügbaren Stilen voraussetzt.

Im Februar 1962 stellte David Hockney in der Ausstellung „Young Contemporaries“ vier Werke unter dem Titel „Demonstrations of Versatility [Demonstrationen der Vielseitigkeit]“ aus: „Tea Painting in an Illusionistic Style“, „A Grand Procession of Dignitaries in the Semi-Egyptian Style“, „Swiss Landscape in a Scenic Style“ (1961, Kunstpalast Düsseldorf), umbenannt in „Flight into Italy – Swiss Landscape“, und „Figure in a Flat Style“ (Privatsammlung). Er verwischte mit ihnen die Grenzen zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit und verwendete schematische Figuren, Graffiti und Codes. Erklärtes Ziel war, vier völlig unterschiedliche Bilder malen zu können - wie Picasso. „Tea Painting in an Illusionistic Style“ zeigt eine Packung der Lieblingsteemarke von Hopper, ist gleichzeitig eine Parodie auf die Flächigkeit des Abstrakten Expressionismus, eine Hommage an Francis Bacons sitzende Figuren und erstmals auf einer geformten Leinwand gemalt. Für Gregory Salter stellt das Bild aber auch eine „behutsame, spielerische Auseinandersetzungen mit Männlichkeit, Homosexualität und künstlerischer Identität“3 dar.

„Nie wieder kam ich der Pop Art so nahe wie bei Tea Painting in an Illusionistic Style […] Um das Bild einer Teepackung illusionistischer zu gestalten, kam ich auf die Idee, sie mit der Form der Leinwand zu ,zeichnen‘. Der Keilrahmen besteht aus mehreren Teilen, die ich selbst gebaut habe. Es war ziemlich kompliziert, sie aneinanderzufügen – die Rückseite ist fast so kompliziert wie die vordere; es hat mich fünf Tage gekostet. Ich glaube nicht, dass jemand vor mir so mit Formen gearbeitet hat.“4

Nachdem er seine Ausbildung am Royal College abgeschlossen hatte, reiste er im Sommer 1962 nach München und Berlin, von deren Schwulenszenen er in den Schriften von Christopher Isherwood gelesen hatte. Er begann in Deutschland eine Reihe von Doppelfigurenbildern, in denen er mit kontrastierenden Stilen spielte und auf inhaltlicher Ebene Beziehungen verhandelte. „The First Marriage (A Marriage of Styles I)“ konnte Hockney bereits 1963 an die Tate verkaufen. Wie er in einem Brief an die Tate schrieb, hatte er in einem Westberliner Hotel Vorzeichnungen für das Gemälde angefertigt, nachdem er mit einem Freund von einem Besuch des Pergamonmuseums zurückgekommen war:

„Als ich in dem Museum nach ihm schaute, sah ich, dass er in einiger Entfernung neben einer geschnitzten (ich glaube, ägyptischen) Holzfigur ähnlich der sitzenden Figur in dem Gemälde stand. Aus der Ferne wirkten sie wie ein Paar, das für ein Hochzeitsfoto posiert. Erst amüsierte es mich nur, dann aber gefiel mir die Idee dieser – sozusagen – Vermählung von Stilen. Die mächtig stilisierte Holzfigur – mit dem realen Menschen.“5

Hockneys „A Rake’s Progress“

Der 16-teilige Radierzyklus „A Rake’s Progress [Werdegang eines Wüstlings]“ (1961–1963) entstand bald nach Hockneys Rückkehr aus den USA. In den Druckgrafiken verarbeitete er Erlebnisse und Begegnungen in New York. Damit griff er die gleichnamige Serie von William Hogarth auf, der in acht Gemälden (1732/33) und acht Kupferstichen (1735) das liederliche Leben von Tom Rakewell als moralisches Lehrstück vorstellte. Für seine eigene Interpretation nutzte Hockney fein gestochene Linien und Aquatintaflächen.

„Hogarth […] war der Erste, der in seinen Bildern derart starke Geschichten gestaltete […]. Er blickte eindeutig gerne auf das Leben und hatte keine Angst zu zeigen, was er sah. [...] Bedeutend ist er für mich auch als ein Mann, der glaubte, dass Kunst in der Breite wahrgenommen werden sollte […]. Dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen Kunst sehen, ist etwas, woran auch ich leidenschaftlich glaube – weshalb ich nahezu jedes Medium aus­probiert habe: Fax, Druckgrafik, Oper, Malerei, Fotografie.“6

Der Zyklus besteht aus:

  • 1. The Arrival
  • 1a. Receiving the Inheritance
  • 2. Meeting the Good People: Hockney mit den drei berühmten Monumenten in Washington: der Lincolnstatue im Lincoln Memorial, dem Jefferson Memorial und dem Washington Monument.
  • 2a. The Gospel Singing (Good People) (Madison Square Garden)
  • 3. The Start of the Spending Spree and the Door Opening for a Blonde
  • 3a. The Seven Stone Weakling
  • 4. The Drinking Scene
  • 4a. Marries an Old Maid
  • 5. The Election Campaign (with Dark Message)
  • 5a. Viewing a Prison Scene
  • 6. Death in Harlem
  • 6a. The Wallet Begins to Empty
  • 7. Disintegration
  • 7a. Cast Aside
  • 8. Meeting the Other People
  • 8a. Bedlam: junge Männer mit Kopfhörern, von hinten gesehen

Der Erfolg des Zyklus ermöglichte David Hockney, nach Amerika zu gehen.

Maler in Kalifornien

Bevor David Hockney in die USA übersiedelte, knüpfte er bereits erste Kontakte zu Künstlern und Galerien in der Neuen Welt. 1961 reiste er nach New York, wo er in der Green Gallery bei Richard Bellamy Claes Oldenburg kennenlernte. Mit der Radierung „My Bonnie Lies Over the Ocean“ schuf Hockney ein erstes Werk in den USA. Der Titel bezieht sich auf ein bekanntes schottisches Volkslied, während der Künstler die amerikanische Fahne und eine weitere Figur den Union Jack schwenken, während sie auf dem Dach eines New Yorker Wolkenkratzers stehen. Zwei Jahre später, im Dezember 1963, steht er in einer Fotografie neben Andy Warhol und Henry Geldzahler, Kurator für die Kunst des 20. Jahrhunderts am Metropolitan Museum und einer der ersten wichtigen Beobachter der Pop Art.

Im Januar 1964 entdeckte David Hockney die West Coast der USA, wohin er bis 1968 übersiedelte. Das erste in Kalifornien entstandene Gemälde Hockneys ist „Building, Pershing Square, Los Angeles“ (1964, Privatsammlung). Hockney malte das Gebäude der Versicherungsgesellschaft am Pershing Square, weil dieser Platz ein Zentrum des homosexuellen Lebens in Los Angeles war. In Los Angeles wurde Hockney zum Maler des sonnigen und hedonistischen Kalifornien. Der britische Maler lebte in Santa Monica und ließ sich von dem Milieu der Villen und des Wohnstands zu Bildern anregen. Er präsentiert Palmen, Schwimmbäder, Licht und Sonnenschein, das Nichtstun der Dargestellten. Diese Atmosphäre malte David Hockney in klaren Farben und einfachen Raum-Konzeptionen, konzentrierte sich auf ornamentale Wiedergabe von bewegtem Wasser, gemusterte Stoffe, Alltagsgegenstände. Der Kauf einer Pentax-35-mm-Kamera machte Hockney zum Fotografen, der sich mit Licht und Schatten auseinandersetzte. In dieser Phase kam er in seiner Kunst der Pop Art am nähesten. Der kunsthistorisch äußerst versierte Maler benennt aber auch Vorbilder aus der ägyptischen Antike (kein Individualismus), der Malerei der Renaissance (Piero della Francesca, Fra Angelico), die feinen Porträtzeichnungen von Ingres bis zu den Werke Pablo Picassos der 1920er Jahre. Wenn er auch die Anonymität schätzt, so verband Hockney doch seine alltäglichen Motive mit seiner eigenen Biografie und Lebenserfahrung als homosexueller Mann.

Spritzendes Wasser: „A Bigger Splash“

Zu den bekanntesten Bildern von David Hockney gehören seine Darstellungen von in den Pool springenden Männern, die ab 1964 in Los Angeles entstanden. Seine Faszination für die Darstellung gegossenen und bewegten Wassers erklärt der Maler selbst mit dessen beinahe abstrakter Anmutung:

„Der Gedanke, bewegtes Wasser in einer sehr langsamen und sorgfältigen Manier zu malen, war (und ist noch immer) sehr reizvoll für mich“, sagte Hockney. „Es ist ein inte­ressantes formales Problem, Wasser darzustellen, Wasser zu beschreiben, denn es kann alles sein – es kann jede Farbe haben, es ist beweglich, es gibt keine festgesetzte visuelle Beschreibung davon.“7

Obschon Hockney für diese Bilder eine Darstellungsform für Wasser suchte, wählte er doch in dieser Phase eine möglichst einfache Maltechnik, hatte er sich doch 1964 in Santa Monica der Acryl-Farbe zugewandt:

„Ich glaube, die hier verwendete Maltechnik ist sehr einfach. Ich arbeitete damit bis ungefähr 1970, als ich kompliziertere Lasurtechniken mit Acrylfarbe anzuwenden begann, z. B. ‚Mr + Mrs Clark + Percy‘. Das geschah, denke ich, aus mehreren Gründen. Das klare Licht in Kalifornien legte einfache Techniken nahe, so wie das Licht in einem Londoner Raum eine alte ‚Chiaroscuro‘-Technik nahelegte.“8

David Hockneys Gemälde „Bigger Splash“ (1967) erzielte bald einen ikonischen Status und wurde 2018 für $ 92 Mio. versteigert (→ David Hockney: Retrospektive des Werks).

Doppelporträts

Gleichzeitig begann er sich mit großen Doppelporträts zu beschäftigen, in denen er den Realismus und die Perspektive der Fotorafie erforschte. In den USA wurde Hockney mit den kritischen Einflüssen des abstrakten Formalismus von Minimal Art, Colour Field Painting konfrontiert. Auf das minimalistische Raster antwortet er mit Gemälden von Gebäudefassden und geometrisch gemähten Rasenflächen. Auf die „stain colour field painting“9 reagierte er mit einer Serie von Arbeiten auf Papier mit Dartellungen von Schimmbädern in verschiedenen Lichtsituationen.

Neue Raumkonzepte

In seinen Kostümen und Bühnenbildern für die Oper entfernte sich David Hockney vom fotografischen Realismus, dessen Möglichkeiten er inzwischen als ausgeschöpft empfand. Indem er Ende der 1970er Jahre die klassische Perspektive verließ – oder wie er es nannte „the perspective of a paralysed Cyclops“ – experimentierte er mit verschiedenen Arten der Raumkonstruktion. Zweifellos standen dafür Werke von Picasso aber auch chinesische Rollbilder Pate.

„Es gibt in der chinesischen Malerei ein Prinzip, das ‚bewegter Fokus‘ genannt wird. Es trägt den Augen- und Körperbewegungen der Betrachtenden Rechnung. […] Die meisten dieser Druckgrafiken versuchen diese Idee in irgendeiner Form zu nutzen. Wenn der Körper in Bewegung wahrgenommen wird, verändert sich die Raumabbildung von einem statischen ‚Aushöhlen‘ zu einer eher dynamischen, rastlosen […], die, meine ich, unserem Erleben näherkommt.“10 (David Hockney in „Moving Focus“, 1986)

Der Kubismus11 inspirierte Hockney, der eine Polaroidkamera verwendete, „joiners“ zu fertigen. Dafür fotografierte er das Subjekt mehrfach und verband die Bilder miteinander. Als es ihm gelungen war, die „polyfocale“ Ansicht zu systematisieren, schuf er „Pearblossom Highway“ aus mehr als 100 Fotos, die er aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen hatte. Hockney fand weitere Inspiration in chinesischen Rollbildern, in denen der Sehakt als bewegt angenommen wird. In Verbindung mit den multiplen Ansichten des kubistischen Raums erlaubte ihm „Nichols Canyon“ zu malen, eine Wiedergabe seiner Autoreise von Los Angeles zu seinem Atelier in den Hügeln.

„Ich male was ich will, wann ich will und wo ich will.“ (David Hockney)

Landschaften aus Yorkshire

Im Jahr 1997 kehrte David Hockney nach Nordengland und der Landschaft seiner Kindheit zurück. Dort arbeitete er sowohl mit Wasserfarbe - inspiriert von den Aquarellen des britischen Künstlers Thomas Girtin (1775–1802) - als auch mit Öl, häufig in großem Format. Gleichzeitig setzte sich Hockney mit den Aquarellen von William Turner auseinander und kuratierte 2007 den bis dahin umfangreichsten Überblick über dessen Aquarelle, darunter wenig gezeigte Farbstudien. Aus seinen Bemerkungen über Turners Kunstwollen lässt sich auch sein eigener Standpunkt in der Landschaftsmalerei ableiten:

„Die Bilder, mit denen wir für diese Ausstellung gearbeitet haben, sind atemberaubend schön. Bei Turner ist zu spüren, dass er ständig neue Orte aufsuchen und räumliche Spannungsmomente aufnehmen wollte. Letztlich ist Landschaft für mich ein räumliches Spannungsmoment. Man denke an Yosemite oder den Grand Canyon – sie sind räumliche Spannungsmomente. Sogar die Bäume in England sind das. Als wir auf den Platz draußen vor der Tate schauten, dachte ich an die fantastischen Gebilde, die sie mit nur ein paar Laubblättern an ihren Ästen schaffen. Mag sein, dass wir das Interesse an solchen Dingen verloren haben, weil wir das Interesse am Raum verloren haben. Die Kamera kann wahrscheinlich nicht zeigen, wie eine Landschaft wirklich ist. Sie kann einem die Erhabenheit nicht zeigen.“12

Seine nunmehr realistischen Landschaften reflektieren seine komplexen Überlegungen zur Frage der Raumwiedergabe. Nun setzte David Hockney hochauflösende Kameras ein, er brachte Bewegung in den kubistischen Raum seiner Polaroid „joiners“, indem er Videoscreens in einem Kreis aufstellte, um einen Jahreszeiten-Zyklus entstehen zu lassen. Desgleichen suchte er auch in den monumentalen, aus mehreren Leinwänden zusammengestellten Bildern aus Yorkshire wie den „Woldgate Woods“. Der britische Künstler sieht den Wald als eine Summe von individuellen Bäumen, die es lohnt, genau betrachtet zu werden.

Für sein bislang größtes Gemälde, das 4,5 x 12 Meter messende “Bigger Trees Near Warter Or/Ou Peinture Sur Le Motif Pour Le Nouvel Age Post-Photographique“ (2007, Tate), nutzte er digitale Fotografien. Während er das monumentale Werk im Freien malte, konnte er einzelne Elemente abfotografieren und so seine Entwicklung nachvollziehen.

„In The Studio, December 2017“ (Tate) ist eines der aktuellsten Werke von David Hockney. Aus 3000 Fotos seines Ateliers in den Hollywood Hills, Los Angeles, kombinierte er eine Panoramafotografie. Einmal mehr sind die einzelnen Elemente seines Arbeitsbereichs aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen und wie eine Collage miteinander verwoben. Die an den Wänden hängenden Arbeiten spielen mit der geformten Leinwand und kunsthistorischen Zitaten. So analysiert Hockney offenbar die berühmte „Allee von Middelharnis“ (1689) des niederländischen Barockmalers Meindert Hobbema (1638–1709) aus der National Gallery London. Tiefenillusion und Baumstudien treffen in diesem Werk kongenial aufeinander.

„Das Auge ist in ständiger Bewegung. Bewegt es sich nicht, ist man tot. Die Perspektive verändert sich, je nachdem, wie ich etwas ansehe, das heißt, sie verändert sich laufend. Wenn man im richtigen Leben sechs Menschen anschaut, gibt es tausend Perspektiven.“13

Digitaler Hockney

In den 1980ern begann David Hockney mit den neuen, digitalen Graphikprogrammen am PC zu experimentieren und produzierte neue Arten von Bildern. Den Computer folgte das Smartphone und dann das iPad (→ David Hockneys iPad Zeichnungen). Hockneys Zeichnungen zirkulierten unter seinen Freunden genauso wie im Web.

„Nicht die Fotografie wird überleben, sondern die Malerei. Sie ist die Avantgarde.“ (David Hockney, 2005)

Literatur über David Hockney

  • David Hockney. Die Tate zu Gast, hg. von Kathrin Baumstark, Andreas Hoffmann (Ausst.-Kat. Bucerius Kunst Forum, Hamburg, 1.2.–10.5.2020), München 2020.
  • Hockney - Van Gogh: The Joy of Nature, hg. von Hans den Hartog Jager (Ausst.-Kat. Van Gogh Museum, Amsterdam), Amsterdam 2019.
  • David Hockney. Retrospective, hg. von Didier Ottinger (Ausst.-Kat. Tate Britain, London, 9.2.–29.5.2017; Centre Pompidou, Paris, 21.6.–23.10.2017), London 2017.
  • Nikos Stangos (Hg.), David Hockney by David Hockney, London 1976.

Beiträge zu David Hockney

28. Januar 2020
David Hockney, My Parents, Detail, 1977 (Tate, London, © David Hockney, © Foto: Tate, London 2019)

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25. Juni 2019
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London | National Portrait Gallery: David Hockney Erste Ausstellung zu den Porträts Hockneys seit über 20 Jahren

Die erste große Ausstellung zu David Hockneys Zeichnungen seit über zwanzig Jahren widmet die Londoner National Portrait Gallery dem Künstler im Frühjahr 2020. Unter dem Titel „David Hockney: Drawing from Life“ stellt die Schau Hockney als Beobachter seines Umfelds vor, von dessen Anfängen in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart.
2. März 2019
David Hockney, More Felled Trees on Woldgate, Detail, 2008, Öl auf 2 Leinwände, 91,4 x 122 je, 152,4 x 243,8 cm gesamt (© David Hockney, Foto: Richard Schmidt)

Van Gogh Museum: Hockney – Van Gogh „Die Freude an der Natur“ zeigt Landschaftsbilder und Einfluss des Niederländers

David Hockney ließ sich für seine Yorkshire Landschaften intensiv von Vincent van Gogh und dessen Bilder beeinflussen. Das Van Gogh Museum zeigt 2019 beide!
26. September 2017
David Hockney, The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire in 2011 (twenty eleven), Detail (Centre Pompidou, Paris, © David Hockney, Foto: Jonathan Wilkinson)

David Hockney schenkt Paris „The Arrival of Spring“ Frühlingsanfang in Yorkshire für Frankreich

Wie gerade bekannt wurde, schenkt David Hockney (* 1937) der Stadt Paris sein größtes Gemälde: „The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire in 2011 (twenty eleven)”, bestehend aus einem panoramaartigen Wandgemälde sowie 51 iPad-Zeichnungen, ausgedruckt auf Papier. Anlässlich seiner Retrospektive im Centre Pompidou, noch bis zum 23. Oktober 2017 zu sehen, zeigt sich der britische Maler großzügig.
20. Juni 2017
David Hockney, A Bigger Splash, 1967, Acryl auf Leinwand, 242,50 x 243.90 x 3 cm © David Hockney, Collection Tate, London

David Hockney: Retrospektive des Werks Große Ausstellung zum 80. Geburtstag in Paris, London und New York

Anlässlich des 80. Geburtstags von David Hockney (* 1937) widmen die Tate London, das Centre Pompidou in Paris und das Museum of Modern Art in New York ihm eine große Ausstellung mit den wichtigsten Werken des britischen Malers. Berühmt wurde Hockney für seine Swimming Pool Paintings der 1960er Jahre (er war 1964 nach Kalifornien übersiedelt).
14. Juni 2017
David Hockney, März 2011 © David Hockney, Photo Credit: Jean-Pierre Goncalves de Lima

David Hockney: Biografie Leben des britisch-amerikanischen Malers

Biografie von David Hockney (1937), dem britisch-amerikanischen Pop-Art Maler
8. Mai 2011
David Hockney, Me draw on iPad, 2011

David Hockneys iPad Zeichnungen Neues Medium – alte Technik

David Hockney, der sich selbst als „Advokat der Zeichnung“ bezeichnet, hat ein neues Lieblingsmedium entdeckt: das Zeichnen auf iPhone und iPad. Seit Winter 2008 nutzt er das einfache App „Brushes“, zeichnete anfangs als Rechtshänder mit dem Daumen seiner linken Hand und hat sich im Laufe der letzten zweieinhalb Jahre eine beachtenswert variantenreiche Strichführung angeeignet - vor allem seitdem er nicht mehr auf dem kleinen iPhone sondern dem größeren iPad und mit einem Zeichenstift arbeitet.
  1. Zitiert nach Helen Little, David Hockney und die Tate, in: David Hockney. Die Tate zu Gast, hg. von Kathrin Baumstark, Andreas Hoffmann (Ausst.-Kat. Bucerius Kunst Forum, Hamburg, 1.2.–10.5.2020), München 2020, S. 14–25, hier S. 15; Siehe auch: William Hewison, Drawing Away, in: The Radio Times, 17. November 1978, S. 5.
  2. Nikos Stangos (Hg.), David Hockney by David Hockney, London 1976, S. 41.
  3. Gregory Salter, David Hockney und die Queer History in den 1960er Jahren, in: Ebenda, S. 26-37, hier S. 27.
  4. Zitiert nach Ebenda, S. 49.
  5. Ebenda, S. 17.
  6. Ebenda, S. 18.
  7. Ebenda, S. 19.
  8. Ebenda, S. 19.
  9. Hierfür nutzten Maler verdünnte Farbe, um die Leinwand selbst einzufärben.
  10. Ebenda, S. 22.
  11. Im Kubismus versuchten Künstler synthetisch, das Bild einer sich bewegenden Betrachters zu einem Werk zusammenzuführen.
  12. Ebenda, S. 23.
  13. Ebenda, S. 24.