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Wien | Leopold Museum: Neue Sachlichkeit in Deutschland Umfassende Ausstellung zum „kühlen Blick“ | 2024

Lotte Laserstein, Tennisspielerin, Detail, 1929, Öl auf Leinwand, 110 × 95,5 cm (Privatbesitz, Foto: Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Lotte Laserstein, Tennisspielerin, Detail, 1929, Öl auf Leinwand, 110 × 95,5 cm (Privatbesitz, Foto: Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Nach den physischen und psychischen Zurichtungen und abgründigen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges verlangten Kunstschaffende nach einer neuen Darstellung der Wirklichkeit. Resignation, Anklage und unbeschreibliches Elend auf der einen, Hoffnung, Sehnsüchte und aufkommende Lebenslust der sogenannten „Goldenen Zwanzigerjahre“ auf der anderen Seite sollten dieses Epochenphänomen auf eine neue Weise beschreiben: Neue Sachlichkeit - unsentimental, nüchtern, konkret und puristisch; kurz: auf eine sachlich realistische Art. Damit stand die Neue Sachlichkeit, deren Bezeichnung auf die 1925 in der Städtischen Kunsthalle Mannheim stattgefundene Ausstellung „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ von Gustav Friedrich Hartlaub zurückgeht, im Gegensatz zu und nicht zuletzt als Reaktion auf einen pathoserfüllten, illusionistischen Expressionismus, der nicht in der Lage war, die geistige und politische Krisensituation bzw. deren Wirklichkeit zu protokollieren.

Neue Sachlichkeit im Leopold Museum

Max Beckmann, Heinrich Maria Davringhausen, Otto Dix, George Grosz, Karl Hubbuch, Grethe Jürgens, Lotte Laserstein, Felix Nussbaum, Gerta Overbeck, Jeanne Mammen, Christian Schad, Rudolf Schlichter und viele weitere Künstler:innen bannten den Zeitgeist auf Leinwand und Papier. Sie waren imstande, die soziale Wirklichkeit auf pluralistische Weise in realistischen Tendenzen zu beschreiben. Bildthemen fanden sie nicht nur in den Folgen des Ersten Weltkrieges, sondern auch in der florierenden Vergnügungsindustrie, den neuen Lebensentwürfen von selbstbestimmten und selbstbewussten Frauen oder dem Eindringen der Technik und des Fortschritts in die Lebenswelt wie in die Natur.

Ein jähes Ende fand diese neue künstlerische Herangehensweise 1933 mit der Machtübernahme Adolf Hitlers und der aufkommenden nationalsozialistischen Kunstpolitik: Politisch verdächtige Künstler:innen mussten Durchsuchungen ihrer Wohnungen und Ateliers über sich ergehen lassen, Professoren wurden entlassen, Ausschlüsse aus Künstler:innenvereinigungen folgten ebenso wie Ausstellungsverbote. Manche flüchteten ins Ausland, andere zogen sich in die innere Emigration zurück, wieder andere passten sich an oder wurden zu Mitläufer:innen des Systems. Einige Mutige fanden Formen des künstlerischen Widerstandes, so etwa Hans Grundig oder Wilhelm Lachnit, was um 1933 bereits mit Haftaufenthalt oder Polizeiaufsicht geahndet wurde, ab 1940, wie im Falle Grundigs, mit Deportation ins Konzentrationslager.

Diese in Österreich bis dato erste umfassende Ausstellung zur deutschen Neuen Sachlichkeit schließt an die beiden im Leopold Museum präsentierten Ausstellungen Menschheitsdämmerung (2021) und Hagenbund. Von der gemäßigten zur radikalen Moderne (2022) an, die einen Fokus auf neusachliche und andere Strömungen in der österreichischen Kunst der Zwischenkriegszeit legten. Nun richtet sich der Blick auf ausgewählte Beispiele des neusachlichen Kunstschaffens in Deutschland.

Kuratiert von Hans‑Peter Wipplinger.

Ausgestellte Künstler und Künstlerinnen

  • Albert Birkle (Berlin-Charlottenburg 1900–1986 Salzburg)
  • Alexander Kanoldt (Karlsruhe 1881–1939 Berlin)
  • Anton Räderscheidt (Köln 1892–1970 Köln)
  • August Wilhelm Dreßler (Bettelgrün 1886–1970 Berlin)
  • Barthel Gilles (Rendsburg 1891–1977 Wees)
  • Carl Grossberg (Elberfeld bei Wuppertal 1894–1940 Laon)
  • Carlo Mense (Rheine 1886–1965 Königswinter)
  • Christian Schad (Miesbach 1894–1982 Stuttgart)
  • Curt Querner (Börnchen 1904–1976 Kreischa)
  • Dodo, eig. Dörte Clara Wolff (Berlin 1907–1998 London)
  • Eberhard Viegener (Soest 1890–1967 Bilme)
  • Emil Orlik (Prag 1870–1932 Berlin) → Emil Orlik in Japan
  • Erich Wegner (Gnoien 1899–1980 Hannover)
  • Ernest Neuschul (Aussig 1895–1968 London)
  • Ernst Fritsch (Berlin 1892–1965 Berlin)
  • Ernst Thoms (Nienburg/Weser 1896–1983 Wietzen)
  • Felix Nussbaum (Osnabrück 1904–1944 Auschwitz-Birkenau)
  • Franz Lenk (Langenbernsdorf 1898–1968 Schwäbisch Hall)
  • Franz Radziwill (Rodenkirchen 1895–1983 Wilhelmshaven)
  • Georg Schrimpf (München 1889–1938 Berlin)
  • George Grosz (Berlin 1893–1959 Berlin)
  • Gert Heinrich Wollheim (Loschwitz 1894–1974 New York)
  • Gerta Overbeck (Dortmund 1898–1977 Lünen)
  • Grethe Jürgens (Holzhausen 1899–1981 Hannover)
  • Gustav Wunderwald (Kalk 1882–1945 Berlin)
  • Hans Grundig (Dresden 1901–1958 Dresden)
  • Heinrich Hoerle (Köln 1895–1936 Köln)
  • Heinrich Maria Davringhausen (Aachen 1894–1970 Cagnes-sur-Mer)
  • Herbert Ploberger (Wels 1902–1977 München)
  • Jeanne Mammen (Berlin 1890–1976 Berlin)
  • Josef Mangold (Köln 1884–1937 Köln)
  • Karl Hofer (Karlsruhe 1878–1955 Berlin)
  • Karl Hubbuch (Karlsruhe 1891 - 1979 Karlsruhe)
  • Karl Rüter (Limmer 1902–1986 Bremen)
  • Kate Diehn-Bitt (Berlin 1900–1978 Berlin)
  • Käthe Kollwitz (Königsberg in Preußen 1867–1945 Moritzburg)
  • Lea Grundig-Langer (Dresden 1906–1977 während einer Mittelmeerreise)
  • Lotte Laserstein (Pasłęk 1898–1993 Kalmar)
  • Manfred Hirzel (1905–1932)
  • Max Beckmann (Leipzig 1884–1950 New York)
  • Otto Dix (Untermhaus 1891–1969 Singen)
  • Otto Griebel (Meerane 1895–1972 Dresden)
  • Rudolf Schlichter (Calw 1890–1955 München)
  • Wilhelm Schnarrenberger (Buchen 1892–1966 Karlsruhe)
  • Willy Jaeckel (Breslau 1888–1944 Berlin)

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