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Christian Schad Der kühle Blick der Neuen Sachlichkeit

Christian Schad, Sonja, Detail, 1928, Öl auf Leinwand, 90 x 60 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Eigentum Verein d. Freunde d. Nationalgalerie. Erworben aus den Mitteln der „Stiftung von Ingeborg und Günter Milich“, Berlin © Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg)

Christian Schad, Sonja, Detail, 1928, Öl auf Leinwand, 90 x 60 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Eigentum Verein d. Freunde d. Nationalgalerie. Erworben aus den Mitteln der „Stiftung von Ingeborg und Günter Milich“, Berlin © Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg)

Christian Schad (Miesbach 21.8.1894–25.2.1982 Stuttgart) ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Neue Sachlichkeit in Deutschland, ein geachteter Porträtist, einfühlsamer Psychologisierer, experimentierfreudiger Ismenverwerter. Wenigen ist bekannt, dass der Maler des „unterkühlten Blickes“ zwischen 1925 und 1927 in Wien wohnte, und dass er hier seinen realistischen Porträts jene geschliffene Eleganz und dekadente Erotik verlieh, die seinen Ruhm begründeten. Gleichzeitig überrascht die Vielfalt des Œuvres: beginnend mit kubo-futuristischen Experimenten über dadaistische Schadographien, dann die bekannten Porträts der 20er Jahre über die innere Emigration zu einem neuen Werkblock der Nachkriegszeit.

Frühe Förderung und ein Schweizer „Sanatoriumsaufenthalt“

Dass Christian Schad ein Maler wurde, lag ihm vielleicht schon im Blut, als er am 21. August 1894 im oberbayrischen Miesbach geboren wurde. Sein Vater war ein angesehener Notar in München und seine Mutter entstammte einer einflussreichen Industriellenfamilie. Der wichtige Landschaftsmaler aus dem Kreis der Nazarener Carl Philipp Fohr gehörte zu seinen Vorfahren. Schad wuchs in einer kultivierten, bildungsbürgerlichen Atmosphäre auf, seine Eltern förderten seine künstlerischen Neigungen und unterstützten ihren Sohn finanziell bis in die frühen 30er Jahre. Siebzehnjährig verließ Schad das Gymnasium ohne Matura, um sich seinem Kunststudium zu widmen. 1914 war es ihm noch möglich Holland zu bereisen, aber bereits 1915 musste er zurück nach Bayern, wo er – einen Herzfehler vortäuschend – nur knapp dem Kriegsdienst entkam. Ein ärztliches Attest verordnete ihm einen „Sanatoriumsaufenthalt“ in der Schweiz.

Christian Schad trifft Dada

Dort traf Christian Schad auf den österreichisch stämmigen Juristen Dr. Walter Serner, der zum wichtigsten Freund wurde. Serners Ideen faszinierten den jungen Maler, seine Aktivitäten wie die Publikation der Zeitschrift „Sirius“ trug Schad begeistert mit. Die in der Schweiz entstandenen Porträts lassen noch nichts von der später für den Maler so typischen Gelassenheit der Abgebildeten erahnen. Expressionismus, Futurismus und Kubismus führte er in dynamische Kompositionen von nahezu monochromer Farbigkeit zusammen. Obwohl Christian Schad und seine Freunde in der sicheren Schweiz Zuflucht gefunden hatten, zeigten sie sich von der Entwicklung des Krieges tief erschüttert. Die Welt schien ihnen nicht mehr wirklich, 1916 wurde Dada aus der Taufe gehoben.

„Dada war keine Richtung, vielmehr die Idee der ungebändigten Freiheit – alles machen zu dürfen, alles machen zu können, ohne das Damoklesschwert der schwerfälligen und zähen Dogmen einer Tradition über sich zu fühlen. Das Bestehende und als ehrwürdig Geltende wurde mit solchem Elan zerfetzt, dass nur der neue Impuls übrigblieb. Eine Katharsis für die Zeit und jeden einzelnen von uns.“1

Die Erfindung des Fotogramms

Christian Schad verwendete erstmals das Fotogramm künstlerisch, später von Tristan Tzara „Schadographie“ genannt. Waren Fotogramme während des 19. Jahrhunderts für Illustrationen in wissenschaftlichen Büchern verwendet worden, so wurde die Technik erst durch Schad (später noch einmal sowohl durch Man Ray als auch Lázlò Moholy-Nagy) als Möglichkeit der Reproduktion gefundener Objekte genutzt. Spielerisch ordnete er seine Fundgegenstände an und belichtete das Fotopapier in der Sonne. Alles Althergebrachte wie überlieferte Bildinhalte und Mythen sollte so über Bord geworfen werden, der Alltag wurde zur wichtigsten Herausforderung und der Zufall zu einem Kompositionsprinzip erhoben.

Jahre in Rom und Wien

Als Christian Schad 1920 wieder in seine Heimatstadt München zurückgekehrt war, wollte er diesen eingeschlagenen Weg mit dadaistischen Wort-Bild-Experimenten fortsetzen. Doch angesichts von bürgerkriegsähnlichen Zuständen und der Not der Bevölkerung erschienen ihm diese unsinnig. Sein Vater empfahl eine Reise nach Italien, zu den Wurzeln der Kunst. In Rom entdeckte Christian Schad die Gemälde der Hochrenaissance: Raffael, Leonardo da Vinci, Carpaccio wie Sandro Botticelli und Perugino. In ihren Porträts fand er jenen Menschentyp – unabhängig und würdevoll, den er sich nach den Kriegswirren ersehnte. Christian Schad begann wieder zu malen, die altmeisterliche Technik übte er in Zeichen- und Malkursen an der Akademie in Neapel.

In den Gemälden dieser Jahre lässt sich eine zunehmende Verhärtung der Form und Nüchternheit der Porträtauffassung feststellen. Die Skizzen und Zeichnungen in Kohle leben von der Qualität des Materials: dunkelste Schwärze neben unberührtem Weiß, fein abgestufte Graunuancen neben farbigen Akzenten.

„Die Augen sind es, die bei einem Porträt zuerst lebendig werden, wenn alles andere noch ungeformt ist. … Der andere Pol der Lebendigkeit und des malerischen Reizes bei einem Porträt ist für mich die Haut.“2

Seit seiner Ankunft in Italien kreiste das Schaffen von Christian Schad ausschließlich um den Menschen, meist die neapolitanische Frau, die für ihn Sinnbild von Erotik und Lebensfreude war. Privat fand Schad in Marcella Arcangeli, der Tochter eines angesehenen Arztes, eine Partnerin. Der nur vier Jahre andauernden Ehe entsprang der Sohn Nikolaus. 1924 hatte Christian Schad die Erlaubnis erhalten, Papst Pius XI. zu porträtieren. Nachdem Schad im Jahr davor den Franziskanerpater Aquilin Reichert gemalt hatte, verschaffte ihm dieser als Pönitentiar an der Römischen Kurie Zugang zum Papst. Pius XI. saß jedoch nicht im klassischen Sinne Porträt, sondern er gestattete dem Künstler Skizzen während seines Tagesablaufes zu fertigen. Im Gegenzug blieb Schad im Besitz des Gemäldes und konnte die Reproduktionsrechte an einen Berliner Verlag verkaufen.

Als Papst-Porträtist bekannt geworden, nahm die Wiener Gesellschaft Christian Schad und seine Familie im Sommer 1925 freundlich auf. Hier entstanden Porträts der besseren Gesellschaft aber auch exzentrischer Persönlichkeiten des Wiener Parketts. Der schonungslose Umgang mit dem Material „Mensch“, die Offenlegung von Brüchen und Dissonanzen sind die neuen Ingredienzien seiner Gesellschaftsporträts. Unter diesem Aspekt muss auch das gefühlskalt wirkende „Selbstbildnis mit Modell“ von 1927 gesehen werden. Der Maler sitzt auf einem Bett mit seiner Muse, sie würdigen sich keines Blickes. Die Narzisse zwischen den beiden symbolisiert ihre Selbstverliebtheit (Narzismus), die jegliche Verbindung aussichtslos erscheinen lässt. Nach der Trennung von seiner Frau Marcella, die nur wenige Jahre später bei einem Badeunfall ums Leben kommen wird (1930), zog Schad nach Berlin.

Sonja und andere Berliner Nachtschwärmer

„Beim Zeichnen und Malen eines Menschen beginne ich immer mit den Augen. Sie sind für mich sozusagen der archimedische Punkt. Die Augen sind es auch, die bei einem Porträt zuerst lebendig werden, wenn alles andere noch ungeformt ist.“

So sind es immer die Augen, die Schad faszinieren, die zum Zentrum seiner Bilder werden. Intuitiv wählte er interessante, außergewöhnliche Typen und Charaktere als seine Modelle. Durch seine Herkunft begünstigt, musste sich der Künstler weder um Auftragsarbeiten kümmern noch für den Kunstmarkt arbeiten. So hätte sich wohl auch Sonja keines seiner meisterhaft ausgeführten Werke leisten können, denn sie war weder reich noch berühmt. Sie arbeitete tagsüber als Sekretärin, aber nachts wurde sie zu einer der berüchtigten, unabhängigen Berlinerinnen, die sich ungeniert in Cafés und Varietés amüsierten. Accessoires wie die Packung amerikanischer, also „guter“ Zigaretten, ihre lackierte Puderdose und das metallene Gehäuse ihres Lippenstiftes am Tisch sind genauso wie Kleidung und Haarschnitt Belege für ihren Lebensstil. Sonja gilt heute als Idealtyp der unverheirateten, selbst bestimmten Frau der 20er Jahre. Sie fühlte sich in Nachtlokalen zu Hause, weshalb sie Schad mitten in das „Romanische Café“, inmitten von Literaturstars wie Max Hermann-Neisse links hinter ihr, setzte. Und dennoch scheint die Verkörperung der modernen Frau, Sonja, nicht glücklich; ihre großen Augen starren ins Leere, sie wirkt erschöpft.

In Berlin entstanden Porträts von Künstlern und Bohémiens wie der Sekretärin „Sonja“ (1928) und den Schaustellern „Agosta, der Flügelmensch und Rasha, die schwarze Taube“ (1929). Hatte Christian Schad in den vergangenen Jahren kaum finanziellen Druck verspürt und sich seine Modelle immer selbst ausgesucht, so führte die Weltwirtschaftskrise zu einer deutlichen Veränderung. Gegen 1930 sah sich der Maler gezwungen, seine Porträts idealisierter, blonder Mädchen Modezeitschriften anzubieten, um sich so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Heute gelten gerade die Werke der späten 1920er Jahre als Innbegriff der Neuen Sachlichkeit (→ Wie deutsch ist die Neue Sachlichkeit?).

Porträt Dr. Haustein und der „Neue Mann“

Das „Porträt Dr. Haustein“ von 1928 ist ein sprechendes Beispiel dafür, wie Christian Schad während der 20er Jahre auf den Diskurs um den „Neuen Mann“ reagierte.3 Als Kunstwerk vereint es biografische Aspekte, die Vision des Malers und Elemente des damals aktuellen Geschlechterkonflikts. Der 1894 in  Berlin geborene Haustein studierte Medizin in Berlin und Freiburg. Noch bevor er sein Staatsexamen ablegen konnte, meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Arzt in unterschiedlichen Lazaretten. In den 20er Jahren schloss er eine Facharztausbildung als Dermatologe und Venerologe ab. Dennoch promovierte er im Fach „Sozialhygiene“ über die „Betätigung der Landesversicherung“. Hausteins Forschungsinteresse galt also der Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung in den Großstädten, die vor allem von Tuberkulose, Syphilis und anderen Geschlechtskrankheiten bedroht war. Auch seine Ehefrau Friedl Haustein war auf diesem Gebiet tätig und forschte gemeinsam mit ihrem Mann. Aufgrund seiner Tätigkeit im Verein sozialistischer Ärzte wurde ihm im Juni 1933 die Zulassung als Kassenarzt entzogen. Da er ein „Leben ohne Arbeit als zwecklos erachtete, nicht fliehen wollte und inhaftiert wurde, beendete 1933 sein Leben.

Christian Schad stieß über den Salon von Friedl Haustein auf das Ehepaar. Da es sich um kein Auftragsporträt handelt, dürfte der Maler selbst die Bildidee entwickelt haben. Die berufliche Tätigkeit Hausteins wird über den silbernen Stab vermittelt, ein nicht genau identifizierbares medizinisches Instrument aus der Frauenheilkunde. Seine hyperrealistische Malweise, der enge Bildausschnitt und der geheimnisvolle Schatten über dem Porträtierten zählen zu den auffallendsten Charakteristika des Bildes. Der geisterhafte Schatten wird aufgrund der Kurzhaarfrisur und der Art, eine Zigarette zu halten bzw. den Rauch langsam auszuatmen, als Frau identifiziert. Für Schad steckt Dr. Haustein in einer doppelten Krise: zum einen bedroht von der emanzipierten „Neuen Frau“ und zum anderen durch seine Tätigkeit als Arzt, der vermutlich auch verbotene Schwangerschaftsabbrüche vornahm. Indem er Frauen bei der Familienplanung unterstützte, half er ihnen, sich weiter von der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter zu lösen. In der Gestalt des verführerischen Vamps konnten sie allerdings auch zum Albtraum des „Neuen Mannes“ werden.

Rekonstruktion von Grünewald und „coolen“ Porträts

1942 gelangte Christian Schad durch einen Porträtauftrag in die bayrische Stadt Aschaffenburg. Seine Beschäftigung mit altmeisterlichen Maltechniken verschaffte ihm den Auftrag, für die Stadt die „Stuppacher Madonna“ des Matthias Grünewald zu kopieren. Christian Schad malte das Gemälde des frühen 16. Jahrhunderts jedoch nicht einfach ab, sondern rekonstruierte es Schicht für Schicht.

Die Kunstproduktion von Christian Schad in der Nachkriegszeit ist mannigfaltig. Er beschäftigte sich erneut mit den Techniken der Schadographie und der Druckgraphik, schuf Collagen und malte Porträts, die zunehmend allegorisch ausgedeutet wurden und seine Begeisterung für fernöstliche Philosophie dokumentieren. Als Realist schätzten ihn vor allem die Machthaber der DDR, die ihm sogar eine Professur in Ost-Berlin anboten. Obwohl Schad diese nicht antrat, bezeugen doch die Bildnisse von Ulrich Hachulla und in der Folge Michael Triegel die Vorbildwirkung des Malers der „coolen Blicke“, des Malers von sinnlich-verletzlicher Menschlichkeit für die realistische Kunst des 20. Jahrhunderts.

Christian Schad: Bilder

  • Christian Schad, Selbstbildnis mit Modell, 1927, Öl auf Holz, 76 x 62 cm (Privatsammlung, Courtesy Tate Gallery London)
  • Christian Schad, Sonja, 1928, Öl auf Leinwand, 90 x 60 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Eigentum Verein d. Freunde d. Nationalgalerie. Erworben aus den Mitteln der „Stiftung von Ingeborg und Günter Milich“, Berlin © Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg)
  • Christian Schad, Agosta, der Flügelmensch, und Rasha, die schwarze Taube, 1929, Öl auf Leinwand, 120 x 80 cm (Privatsammlung, Courtesy Tate Gallery London)
  • Christian Schad, Operation, 1929, Öl auf Leinwand (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München)

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  1. Christian Schad: Dada, Surrealismus, Neue Sachlichkeit, in: Günter A. Richter (Hg.): Christian Schad. Texte, Materialien, Dokumente, Rottach-Egern 2004.
  2. Ebenda.
  3. Für dieses Kapitel siehe: Änne Söll, Der Neue Mann?. Männerporträts von Otto Dix, Christian Schad und Anton Räderscheidt 1914-1930, München 2016.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.