Arnulf Rainer: Biografie

Arnulf Rainer, Ausstellungskatalog (Cover)
Arnulf Rainer (Baden 8.12.1929−18.12.2025 Enzenkirchen) war ein österreichischer Künstler im Umfeld der Wiener Aktionisten. Das Frühwerk umfasst erste surrealistisch inspirierte Zeichnungen über die bekannten Zentralisationen, unerwartete Proportionsstudien hin zu den Fotoübermalungen und Kreuzübermalungen. Ende der 1950er Jahre erhielt Arnulf Rainer internationale Aufmerksamkeit für seine Übermalungen; in den 1970er Jahren wurde der Maler und Grafiker mit Foto-Übermalungen berühmt. Die Bedeutung der Zeichnung – oder auch des Zeichnens – ist für die Genese seines Werks kaum zu überschätzen.
Biografie von Arnulf Rainer (Baden bei Wien 8.12.1929–18.12.2025 Enzenkirchen)
8.12.19298.12.1929: Geburt
Arnulf Rainer wurde am 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien geboren.1944 1944: erste realistische Landschaftsaquarelle
Erste realistische Landschaftsaquarelle in Kärnten.1947/481947/48: erstes Studium internationaler Kunst
Im British Council in Klagenfurt konnte Arnulf Rainer erstmals internationale zeitgenössische Kunst in Zeitschriften sehen. Besuchte Ausstellungen am Französischen Kulturinstitut in Villach und im Künstlerhaus in Klagenfurt. Erste surrealistische Porträts, u. a. von Maria Lassnig.19491949: 4 Tage Studium
Rainer studierte einen Tag an der Hochschule für angewandte Kunst (heute: Angewandte) und drei Tage an der Akademie der bildenden Künste in Wien.19501950: Hundsgruppe
Arbeitete in Gainfarn, Bad Vöslau. Gründung der „Hundsgruppe“ mit Maria Lassnig, Ernst Fuchs, Arik Brauer, Anton Lehmden.19511951: Paris
Reise nach Paris mit Maria Lassnig. Zusammentreffen mit André Breton, das beide enttäuschte. Besuch der Ausstellung „Véhémences confrontées“ mit Werken von Wols und Hans Hartung, die Arnulf Rainer tief beeindruckten. In „Mikrostrukturen“ und „Atomisationen“ suchte Rainer eine neue Bildsprache. Während er mit Blindmalerei experimentierte, entdeckte er die „Zentralisation“ und die „Vertikalgestaltung“. Ausstellung mit der „Hundsgruppe“ und Beteiligung an der Grafikmappe „Cave Canem“. Arnulf Rainer signierte mit dem Pseudonym TRR oder TRRR. Von der Eröffnungsrede Ernst Fuchs so enttäuscht, dass er sich spontan auf einen Tisch stellte und das Publikum beschimpfte. Erste Einzelausstellung in der Galerie Kleinmayer in Klagenfurt. Im Künstlerhaus Klagenfurt organisiert er gemeinsam mit Maria Lassnig die Gruppenausstellung „Junge unfigurative Malerei“, auf der er unter dem Pseudonym leere Bilderrahmen unter dem Titel „Nadamalerei“ sowie seine „Atomisationen“ und Blindmalerei zeigte.19521952: erste Einzelausstellung
Einzelausstellung in der Zimmergalerie Franck in Frankfurt a. M.: „TRR. Automatik, optische Auflösung, Blindmalerei, Zentralgestaltung“. Erster Ankauf durch den Sammler informeller Kunst Ottomar Domnick.19531953: Übermalungen
Aus den „Reduktionen“ entstanden die „Übermalungen“ in Gainfarn. Seine „Proportionsstudien“, Papiercollagen aus einfarbigen Buntpapieren in parallelen Streifen, erklärte Arnulf Rainer 1954 als kalte und nüchterne Arbeiten, die aus Gleichgewichtigkeit der Formen heraus entstanden waren. Traf Monsignore Otto Mauer, den Gründer und Leiter der Galerie St. Stephan, die ab 1964 den Namen Galerie nächst St. Stephan trug.19541954: Proportionsordnungen
Die Galerie Würthle und deren künstlerische Leiter Fritz Wotruba präsentierten „Proportionsordnungen“.19551955 : erste Ausstellung in der Galerie St. Stephan
Erste Ausstellung in der Galerie St. Stephan mit Kreuzbildern und Proportionsstudien. Auf dem Plakat wurde Rainers Text „Die Form ist Physignomie“ abgedruckt.19561956: erste Kaltnadelradierungen und „Kruzifikationen“
Teilnahme an der Gruppenausstellung „Comparaisons“ im Musée d`Art Moderne in Paris. Erste Kaltnadelradierungen und „Kruzifikationen“ entstanden.19571957: internationale Ausstellungsbeteiligungen
Teilnahme an der Ausstellung „Monochrome Komplexe 1955–1957“ in der Wiener Secession. Ausstellungen in der Galerie Arnaud, Paris, und dem Museum für Völkerkunde, Hamburg.19581958: Manifest „Architektur mit Händen“ mit Markus Prachensky
Vortrag „10 Thesen zu einer progressiven Malerei“ in der Galerie St. Stephan, Wien, sowie das Manifest „Architektur mit Händen“ gemeinsam mit Markus Prachensky.19591959: Umzug nach Wien & „Pintorarium“
Umzug nach Wien, Wollzeile. Gründung des „Pintorarium“ mit Ernst Fuchs und Friedensreich Hundertwasser. In Peter Kubelkas Film „Arnulf Rainer“ sind nur schwarze und weiße Flächen zu sehen. Befreundete Künstler, wie Victor Vasarely, Emilio Vedova, Sam Francis, Georges Matthieu, stellten Werke zum Übermalen zur Verfügung.19601960: „Kreuz und Nacht“
In der Galerie St. Stephan zeigte Arnulf Rainer „Überzeichnungen und Übermalungen 1955–1960“. Seine Publikation „Kreuz und Nacht“ erschien im Panderma-Verlag, Basel. Er war vertreten in der Ausstellung „Monochrome Malerei“ (mit Yves Klein, Lucio Fontana, Mark Rothko, …) im Städtischen Museum Leverkusen, Schloss Morsbroich. Eröffnung eines Atelier in Frankfurt, Weserstraße 13.19611961: übermalte Radierungen
Ausstellungsbeteiligungen in Wolfsburg, Venedig, Brüssel. Begann Radierungen zu übermalen und zu überzeichnen, darunter die prämierte Radierung einer jungen Künstlerin in Wolfsburg, wofür er von der Staatsanwaltschaft angeklagt wurde.19621962: durchsichtige Bildträger
Erster Einsatz von Ultraphan und Pausleinen. Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Mailand (Grafikbiennale), Paris (Comparaisons), Düsseldorf (Galerie Schmela), Karlsruhe (Galerie Rottloff), Japan (Minami Gallery, Taura).19631963: Umzug nach Westberlin
Umzug nach Westberlin, Wilmersdorfer Straße (bis 1967). Die Mappe „Haute Coiffure“ mit zehn Radierungen erschien. Ausstellungsbeteiligungen in Amsterdam (Stedelijk Museum), Baden-Baden (Staatliche Kunsthalle), Kyoto (National Museum of Modern Art) und Wien (Museum des 20. Jahrhunderts).19641964: „Gilgamesch. Eine Erzählung aus dem Orient“
Ausstellung in Berlin (Galerie Springer) und Übermalung des Buches „Gilgamesch. Eine Erzählung aus dem Orient“.19651965: figurativ-halluzinatorische Phantasien
Arnulf Rainer zeichnete teils auf Ultraphan figurativ-halluzinatorische Phantasien (Rückgriff auf die surrealen Kompositionen der Anfangsjahre).19661966: Zeichnen unter dem Einfluss halluzinogener Drogen
Rainer erhielt den Österreichischen Staatspreis für Grafik. In der Universitätsklinik von Lausanne zeichnete er unter dem Einfluss halluzinogener Drogen. Der Film „Künstler unter Psilocybin“ dokumentierte diese Experimente.19671967: Kunst von sog. „Geisteskranken“
Arnulf Rainer entdeckte immer mehr die Kunst von sog. „Geisteskranken“. Ausstellungen in der Galerie nächst St. Stephan, Wien und der Galerie Richard P. Hartmann, München. Erste Körperbemalung in München: schwarzer Vertikalstrich auf dem Rücken eines nackten Modells.19681968: Umzug nach München
Umzug nach München, im Max-Planck Institut in München erneut Experimente, unter LSD-Einfluss zu zeichnen. Erste Selbstbemalungen und Präsentation in der Wiener Innenstadt. Fertigte im Passbildautomaten grimassierende Selbstbildnisse nach Vorbild von „Geisteskranken“. Große Retrospektive im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien. 1969 Übermalte und –zeichnete vergrößerte Aufnahmen aus dem Automaten oder von Fotografen. Arnulf Rainer entdeckte so an sich selbst „neue, unbekannte Menschen“.19701970: überarbeitete Fotografien
Mit Hilfe von Gummibändern und Strümpfen veränderte Arnulf Rainer sein Gesicht und seinen Körper weiter und ließ sich so fotografieren. Diese Aufnahmen überarbeitete er mit Schwarz oder Farben.19711971: erste Retrospektive in Deutschland
Erste Retrospektive in Deutschland im Hamburger Kunstverein. Vertrat Österreich auf der Biennale de São Paulo.19721972: „Selbstdarstellungen“ im Atelier
Film- und Videoaufnahmen von seinen „Selbstdarstellungen“ im Atelier. Teilnahme an der documenta 5 „Kreuzübermalungen“ und „Face Farces“.19731973: „Gestische Handmalerei“
„Gestische Handmalerei“ verband die Übermalung der Fotografie mit Handmalerei. Zusammenarbeit mit Dieter Roth; „Körpersprache – Arnulf Rainer“ (1974/75) von Peter Kubelka entstand. Einzelausstellungen in der Albertina und der Gallerie LP 220 in Turin.19741974: Zusammenarbeit mit Diether Roth
Der Kunstpreis der Stadt Wien wird Rainer zwar zugesprochen, da er sich aber weigerte, an der Übergabezeremonie teilzunehmen, wurde er ihm aberkannt und nicht ausgezahlt. Es entstanden Filme und Zusammenarbeit mit Diether Roth „Misch- und Trennkunst“.19751975: internationale Ausstellungen
Arnulf Rainer hatte Ausstellungen in New York (Ariadne), Wien (Gal. Grünangergasse), Chicago, Paris, Los Angeles, Mailand und Graz.19761976: Umzug in ein Atelier in der Nähe von Passau
1976 Umzug in ein Atelier in der Nähe von Passau, Bayern. Hinwendung zum kleinen Format.19771977: Übermalung von Fotos der Messerschmidt-Köpfe
Übermalungen der Fotos von Messerschmidt-Köpfen sowie Charakter-Köpfen von Leonardo und Totenmasken, dazu die Zyklen „Schlangenfrauen“, „Frauensprache“ und „Frauenrausch“. Teilnahme an der documenta 6 in Kassel.19781978: Biennale von Venedig & Großer Österreichischer Staatspreis
Arnulf Rainer vertrat Österreich auf der Biennale von Venedig, erhielt den Großen Österreichischen Staatspreis. Für das Preisgeld kaufte er originale Totenmasken, die er immer wieder überarbeitete.19791979: Film „Körpersprache – Körperkunst“
Für den Film „Körpersprache – Körperkunst“ organisierte der ORF zwei Schimpansen, mit denen Rainer malte, und deren Werke er zu imitieren bzw. zu übertreffen suchte. Mit Dieter Roth wiederholte er dieses Experiment auf der Grafikbiennale in der Secession. Miete eines weiteren Ateliers in der Nähe von Passau. Ausstellungen in Wien (Belvedere), Frankfurt (Kunstverein, Galerie ak), München (Lenbachhaus, Galerie van der Loo), Bochum (Galerie m), Innsbruck (Ferdinandeum).19801980: Kreuze
Kauf eines alten Bauernhofs in Oberösterreich, den er zum Atelier umbaute. Erneute Beschäftigung mit der Kreuzform, „Kistenwallhalla“, Übermalungen von Selbstporträts von Vincent van Gogh. Teilnahme an der 39. Biennale von Venedig, Einzelausstellungen in Eindhoven, London, Minneapolis.19811981: Professur, Hand- & Fingermalerei
Arnulf Rainer wurde zum Professor an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen und zum Mitglied der Akademie der Künste in Berlin gewählt. Verleihung des Max-Beckmann-Preises in Frankfurt. 1982 Serie „Hiroshima“ mit Fotografien von den Städten Hiroshima und Nagasaki nach den Atombombenabwürfen. Teilnahme an der documenta 7 mit Hand- und Fingermalereien.19841984: Ausstellungen
Ausstellungen im Städtischen Museum Abteiberg, Mönchengladbach, Musée National d‘ Art Moderne/Centre Pompidou, Paris, San Francisco Museum of Modern Art, im Stedelijk van Abbemuseum, Eindhoven.19851985: wissenschaftliche Forschung
Die Abbildungstafeln von illustrierten Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts wurden zu „Animalia“, „Botanika“, „Aus der Schlangengrube“ und „Orchideen“ weiterverarbeitet. Zusammenarbeit mit Günter Brus.19871987: übermalte Schulwandtafeln und Christusfotos auf Kreuzen
Arnulf Rainer übermalte Schulwandtafeln und Christusfotos auf Kreuzen.19881988: „Shakespeare“-Zyklus
„Shakespeare“-Zyklus19891989: Preis des International Center of Photography in NY
Kauf eines Teils des ehemaligen Klosters in der Nähe von Passau. Erhielt den Preis des International Center of Photography in New York. Die Retrospektive des Guggenheim Museums wandert weiter nach Chicago und das Historische Museum der Stadt Wien (heute: Wien Museum).19901990: „Katastrophen“-Serie,
1990 „Katastrophen“-Serie, Ausstellungen in Turin, Den Haag, Zundert, Maastricht, Saarbrücken, Bonn.19911991: „Märtyrerbilder“
„Märtyrerbilder“19921992: „Engelsbilder“ und „Geologica“
„Engelsbilder“ und „Geologica“19931993 „T-Kreuze“ & Arnulf Rainer Museum in NY
„T-Kreuze“. Eröffnung des Arnulf Rainer Museum im New York, das bis 1996 existiert.19941994: „Kosmosbilder“
„Kosmosbilder“19951995: Emeritierung
Arnulf Rainer emeritierte auf eigenen Wunsch der Akademie. „Mikrokosmosbilder“ und „Makrokosmosbilder“19961996: Arnulf Rainer-Bibel
Arnulf Rainer erhielt den Auftrag eine Bibel zu gestalten und übermalte dafür Illustrationen von Doré und alten Bibeln.19971997: Teneriffa
Erster Winteraufenthalt in Teneriffa, „Mimenporträts“19981998: Bibel
Der Pattloch Verlag briachte Arnulf Rainers Bibel heraus.19991999: Auseinandersetzung mit Victor Hugo
„Traumland“ und „Victor Hugo“ entstehen über Faksimiles von Hugos malerischem Werk.20002000: Auseinandersetzung mit Canova und Caspar David Friedrich
Überarbeitungen von Antonio Canova und Caspar David Friedrich.20012001: „Klassizismus“, „Selbstübermalungen“
Arnulf Rainer schuf die Serien „Klassizismus“ und „Selbstübermalungen“20032003: eigene Fotografien auf Teneriffa
Erste eigene Fotografien auf Teneriffa, „Kanarien“-Serie abstrakter Papierarbeiten. Erhielt den Rhenus-Kunstpreis in Mönchengladbach.20042004: „Masken“-Serie
Verleihung der Ehrendoktorwürde der Katholischen-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms Universität, Münster. „Masken“-Serie20052005: Arnulf Rainer arbeitete an allenThemen gleichzeitig
Arbeit an allen Themen gleichzeitig.20062006: Preise
Verleihung des Ehrendoktorats der Katholischen-Theologischen Privatuniversität Linz. Erhielt den Aragón-Goya-Preis als erster nicht spanischer Künstler für sein Lebenswerk und seine künstlerische Verwandtschaft mit Goya.20082008:
Ausstellung im Belvedere zur „Misch- und Trennkunst von Arnulf Rainer und Dieter Roth“20092009: Arnulf Rainer Museum in Baden b. Wien
Eröffnung des Arnulf Rainer Museum im Frauenbad, Baden bei Wien.20122012: „Schwarze Bögen und Kurven“
„Schwarze Bögen und Kurven“18.12.202518. Dezember 2025: Tod
Arnulf Rainer starb am 18. Dezember in Enzenkirchen (Oberösterreich). Der Künstler wurde 96 Jahre alt.
