Vally Wieselthier
Wer war Vally Wieselthier?
Vally Wieselthier (Wien 25.5.1895–1.9.1945 New York) gilt als die bedeutendste Keramikerin der Wiener Werkstätte (WW) und als Schlüsselfigur der expressiven Keramikbewegung der Zwischenkriegszeit in Österreich. Als Mitbegründerin der sogenannten „Keramischen Plastik" revolutionierte sie in den 1920er Jahren das Medium Ton: durch eine kühne, unverwechselbare Farbwahl, bewusst grobe Modellierung und einen humorvollen, selbstbewussten Umgang mit weiblicher Figürlichkeit. Ihr Werk umfasst neben Keramik auch Textildesign, Gebrauchsgrafik, Schaufenstergestaltung und Innenraumgestaltung – und reicht vom Wiener Künstleratelier bis zu den Kaufhausfassaden New Yorks.
Herkunft und Ausbildung
Vally Wieselthier wurde am 25. Mai 1895 in Wien als Tochter des Rechtsanwalts Dr. Wilhelm Wieselthier und seiner Frau Rosalie, geb. Winkler, in eine großbürgerliche jüdische Familie geboren.1 In ihrer Jugend fiel sie durch außergewöhnliche sportliche Leistungen auf – im Schwimmen, Tauchen, Skifahren, Tennis und Hockey.
Trotz der elterlichen Pläne, die für ihre Tochter ein Leben als Ehefrau und Mutter vorgesehen hatten, legte Wieselthier heimlich die Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunstgewerbeschule (KGS) ab.2 Dort studierte sie in den Fachklassen für Textil (bei Rosalia Rothansl), Architektur (bei Josef Hoffmann) und Keramik (bei Michael Powolny) – zunächst ohne jede Vorbildung im Töpfern.
Vally Wieselthier in der Wiener Werkstätte (1917–1922)
1917 holte Josef Hoffmann Wieselthier in die neu eingerichtete Keramikabteilung der Wiener Werkstätte – zu diesem Zeitpunkt, wie er selbst staunte: „Jetzt weiß ich, dass Vally eine Bildhauerin ist!"3 Ihre ersten datierten Entwürfe stammen vom 18. September 1917.
Für Wieselthier bedeutete die WW ein experimentelles Paradies. Später erinnerte sie sich:
„Wir hatten ein riesiges Atelier, alle hatten wir einen eigenen Schlüssel. Wir machten nur, was uns gefiel, und wenn die Wiener Werkstätte eines unserer Produkte verkaufte, richtete der oder die Glückliche immer ein großes Fest aus."4
Wieselthier entwarf Glasdekore, Stoffmuster, Kinderspielzeug, war an der Wandgestaltung der WW-Filiale in der Kärntner Straße 32 beteiligt – und entdeckte vor allem die Keramik als ihr zentrales Ausdrucksmittel. Als 1922 ein neuer Direktor ein fixes Gehalt und geregelte Strukturen einführen wollte, empfand Wieselthier dies als unverträgliche Einschränkung ihrer Freiheit:
„Mit unserem Paradies war es vorbei."5 Sie verließ das Unternehmen.
Werke
Eigenes Atelier und internationale Erfolge (1922–1927)
1922 gründete Wieselthier ihre eigene Keramische Werkstätte. Sie war eine exzellente Selbstvermarkterin: Sie präsentierte sich auf in- und ausländischen Messen, veröffentlichte eigene Artikel in Zeitschriften wie „Deutsche Kunst und Dekoration", lernte den einflussreichen Verleger Alexander Koch kennen und arbeitete mit Firmen wie Augarten, J. & L. Lobmeyr und der Gmundner Keramik zusammen.6 In einem dieser Artikel formulierte sie ihr künstlerisches Credo mit unverkennbarer Schärfe:
„Das Wort ‚Kunstgewerbe' wird viel zu sehr mißbraucht, als daß ich meine Arbeit als ‚kunstgewerblich' bezeichnen möchte. […] Ich möchte bei meiner Arbeit überhaupt das Künstlerische vom Handwerklichen gar nicht getrennt wissen; denn beide müssen so selbstverständlich miteinander verwachsen sein, wie die Farbe mit dem Bilde."7
Auf der berühmten „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ in Paris 1925 feierte sie große Erfolge – und war, ihren eigenen Erinnerungen zufolge, die treibende Kraft hinter den legendären Künstlerfesten der WW-Delegation, die sich bei „rauschenden Festen mit Champagner bis zum nächsten Nachmittag" feierten.8
Rückkehr zur WW und Leitung der Keramikwerkstätte (1927–1929)
1927 kehrte Vally Wieselthier als Leiterin der Keramikwerkstätte zur Wiener Werkstätte zurück. Dabei verkaufte sie ihre Werkstätte inklusive aller Modellrechte an die WW.9 In dieser Phase gab die Künstlerin ihr Wissen an junge Kolleginnen weiter, darunter Gudrun Baudisch, mit der sie gemeinsam den schwarz-orangen Reliefeinband der WW-Jubiläumsschrift 1928 gestaltete. Wieselthiers expressive Frauenköpfe – mit ihren charakteristischen ungleichmäßig aufgetragenen leuchtenden Glasuren, den scheinbar geschminkten Gesichtern und bewusst groben Modellierungen – wurden zum Markenzeichen der WW-Keramik dieser Jahre und prägten eine ganze Generation von Keramikerinnen.
Emigration und Neuanfang in den USA (1928–1945)
Im Herbst 1928 reiste Wieselthier für eine Einzelausstellung im Art Center nach New York – und entschied sich aufgrund der überwältigenden Resonanz zu bleiben. Nach der endgültigen Schließung der Wiener Werkstätte 1932 emigrierte sie 1933 dauerhaft in die USA.
In New York schuf Vally Wieselthier überlebensgroße Skulpturen wie „Modern Youth“ (1929) und „Look Out“ (1928). Diese Werke gelten als selbstbewusste Signale eines Neuanfangs in der Neuen Welt. Sie gründete gemeinsam mit amerikanischen und europäischen Künstlern die Vereinigung „Contempora“ und arbeitete an kommerziellen Projekten: Schaufensterplastiken für New Yorker Kaufhäuser, Wandfriese für das Kings County Hospital in Brooklyn, Fahrstuhltüren aus Metall für das Squibb Building an der Fifth Avenue.10 In ihrem 1929 erschienenen Aufsatz „Ceramics" in der Zeitschrift „Design“ fasste sie ihr Verhältnis zum Material zusammen:
„Die Grundlage des Töpferns ist immer der Topf. Egal, ob es sich um eine Figur, ein Tier, einen Kerzenhalter oder etwas anderes handelt – es muss immer aus dem Material erwachsen, das heißt, es muss auf dieselbe Weise gemacht werden wie der Topf: innen hohl, von innen nach außen gearbeitet."11
Die 1,34 Meter hohe Skulptur der „Salome" (1938) gilt als beredtes Beispiel für den Konflikt zwischen gesellschaftlichem Anspruch und der Kraftanstrengung, sich als Frau im Berufsleben zu behaupten.
Tod
Vally Wieselthier verstarb am 1. September 1945 in New York.
Wirkung und Nachleben
Wieselthier hob in ihrem Werk die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und bildender Kunst konsequent auf. Sie gilt heute als Pionierin, die die Keramik als autonomes Ausdrucksmaterial etablierte – und deren zumeist weibliche Figuren das Bild der souveränen, unabhängigen und (sexuell) selbstbestimmten Frau der Zwischenkriegszeit verkörpern.
Die Künstlerin Kiki Kogelnik (1935–1997) brachte ihre Bedeutung auf den Punkt:
„Was Hoffmann in der Architektur, Schiele und Klimt in der Malerei, Mahler und Schönberg in der Musik, haben die Frauen der Wiener Werkstätte in der Keramik vollbracht."12
Gundi Dietz (*1942) knüpft bewusst an Wieselthiers Tradition der keramischen Plastik an und führt ein zentrales Thema weiter: die Stärke und zugleich Zerbrechlichkeit der Frau – und arbeitet, wie sie selbst schreibt, gegen die „Gefälligkeit der keramischen Form".13
Ausstellungen (Auswahl)
- 1925: Exposition internationale des arts décoratifs, Paris (Gold- und Silbermedaillen)
- 1928: Erste Einzelausstellung, Art Center, New York
- 1934: Ford Motor Co., Chicago (Wandrelief, „Century of Progress")
- 1939: Weltausstellung, New York
- 2022/23: Golden Girls No. 2: Vally Wieselthier, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (in Kooperation mit dem MAK Wien)
- 2026: Vally Wieselthier, MAK, Wien
Literatur & Quellen
- Svenja Kriebel, Vally Wieselthier, Begleitheft zur Ausstellung im mpk, Kaiserslautern 2022.
- Megan Brandow-Faller, Weibliche Gefäße: Expressive Keramik der Wiener Werkstätte, in: Die Frauen der Wiener Werkstätte (Ausst.-Kat. MAK, Wien, 21.4.-3.10.2021) Wien 2021, S. 156-179.
- Vally Wieselthier, Ceramics, in: Design, 1929.
- Archiv der Wiener Werkstätte im MAK Wien.
