Félicien Rops

Steckbrief

Name

Félicien Rops

Geburt

7.7.1833, Namur (Belgien)

Tod

23.8.1898, Essonnes

Epoche / Bewegung

Symbolismus

Medium

Druckgrafik, allen voran die Radierung (ab 1862), Erfinder einer Weichgrundätztechnik, scherzhaft „Ropsenfosse“ genannt. Rops war einer der gefragtesten und bestbezahlten Illustratoren seiner Zeit in Paris.

Lehrer

Félix Braquemond

Wichtigste Werke

·       Pornocratès (La Dame au cochon) (1878),

·       La Tentation de saint Antoine [Die Versuchung des heiligen Antonius],

·       Cent légers croquis sans prétention pour réjouir les honnêtes gens [Einhundert leichte, unprätentiöse Skizzen zur Freude ehrlicher Menschen] (1879–1881, insgesamt 114 Blätter),

·       Les Diaboliques (1883–1886, sechs Grafiken und eine Umschlagillustration für Jules Barbey d'Aurevillys Kurzgeschichtensammlung)

Wichtigste Themen

Sexualität, Tod, Satanismus und die Stellung der Frau in der modernen Großstadtgesellschaft

Mitgliedschaften

Société Libre des Beaux-Arts (1868, Brüssel), Société Internationale des Aquafortistes (1869, Brüssel)

Wer war Félicien Rops

Félicien Rops (Namur, 7. Juli 1833 – Essonnes, 23. August 1898) gilt als einer der bedeutendsten Druckgrafiker des 19. Jahrhunderts. Der belgische Grafiker, Zeichner und Maler arbeitete an der Schnittstelle von gesellschaftskritischem Realismus und Symbolismus: Seine Radierungen und Zeichnungen kreisen um Sexualität, Tod, Satanismus und die Stellung der Frau in der modernen Großstadtgesellschaft. Als Schlüsselfigur im literarisch-künstlerischen Milieu des späten 19. Jahrhunderts illustrierte Rops Werke von Charles Baudelaire, Stéphane Mallarmé und Joris-Karl Huysmans und prägte damit die Bildsprache des europäischen Fin de Siècle maßgeblich mit.

Kindheit und Jugend in Namur (1833–1851)

Félicien Rops wurde am 7. Juli 1833 in Namur im belgischen Provinzmilieu geboren, als Sohn des Textilhändlers Nicolas Joseph Rops und seiner Frau Sophie. Die Familie gehörte der gut situierten Bourgeoisie an. Ab 1843 besuchte Rops das katholische Collège Notre-Dame-de-la-Paix in Namur, dessen strenge Ordensatmosphäre er mit beißenden Karikaturen quittierte: Das ist das früheste Zeugnis von Rops‘ lebenslanger Skepsis gegenüber Klerus und Konvention.1

Nach dem überraschenden Tod seines Vaters 1849 wurde Rops unter die Vormundschaft seines Cousins Alphonse Rops gestellt, gegen dessen Autorität er sich wiederholt auflehnte.2

Brüssel und die Anfänge als Karikaturist (1851–1862)

1851 zog Félicien Rops zum Studium an die Université Libre de Bruxelles. Dort schloss er sich dem Club des Crocodiles an und begann, für die studentische Satirezeitschrift Le Crocodile zu arbeiten. Gleichzeitig entdeckte er den Realismus von Gustave Courbet, der sein Gemälde Les Casseurs des pierres [Die Steineklopfer] in der belgischen Hauptstadt präsentierte. Im Vergleich zu Courbets ernster Haltung, setzte Rops jedoch stärker auf karikierende, überzeichnende Darstellungen als Strategie: 1856 gründete er gemeinsam mit dem Schriftsteller Charles De Coster die Zeitschrift Uylenspiegel, die zu einem wichtigen Organ gesellschaftskritischer Publizistik im jungen belgischen Staat wurde. Auf diesen Plattformen entwickelte Rops eine Bildsprache, die akademische Salonkunst, Klerus und politische Würdenträger gleichermaßen zur Zielscheibe nahm.3

Die frühen Arbeiten für Le Crocodile und Uylenspiegel zeigen Rops als politischen Karikaturisten, der formal Gavarni und Honoré Daumier verpflichtet ist. Die gesellschaftskritische Schärfe dieser Blätter – gerichtet gegen Klerus, Aristokratie und Großbürgertum – bleibt eine konstante Haltung, die sich durch das gesamte Werk zieht und auch in den erotischen Serien nie ganz verschwindet.

Ein Jahr nach seiner Volljährigkeit heiratete er Charlotte Polet de Faveaux, die Tochter des Gerichtspräsidenten von Namur (1857). Die Verbindung sicherte ihm finanzielle Unabhängigkeit und ermöglichte es ihm, seiner Kunst ohne wirtschaftlichen Druck nachzugehen. Das Paar lebte im Château de Thozée; aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, von denen die Tochter Juliette 1865 starb.

Paris: Druckgrafik, Baudelaire und gesellschaftliche Kritik (1862–1874)

Bereits in den frühen Ehejahren zog es Félicien Rops wiederholt nach Paris. Als Zentrum der lithografischen Verlagslandschaft war die französische Hauptstadt das Zentrum moderner Bildkultur. Im Jahr 1862 begann Rops eine künstlerische Zusammenarbeit mit dem Verleger Auguste Poulet-Malassis, der u.a. die Werke Baudelaires herausgab. Im selben Jahr studierte er in Paris die Technik der Radierung bei Félix Bracquemond, einem der maßgeblichen Erneuerer dieser Drucktechnik (→ Erklärungen zur Druckgrafik findest du hier).4 Die Entscheidung, 1862 die Lithografie zugunsten der Radierung aufzugeben, war richtungsweisend. Rops nutzte die Technik mit unorthodoxen Materialkombinationen, die malerische Effekte im Druckbild ermöglichten. Die Heliogravüre setzte er für Reproduktionen und auflagenstarke Illustrationsaufträge ein.

1864 begegnete Rops Baudelaire persönlich bei einem gemeinsamen Besuch Baudelaires und Poulet-Malassis' in Namur; es entwickelte sich eine Freundschaft. 1866 entwarf Rops das Titelblatt für Baudelaires posthum erschienene Gedichtsammlung Les Épaves – ein Bildzeichen aus Skelett, Schlange und Pflanzen, das die Verknüpfung von Eros und Tod bereits voll ausformuliert. Dies sollte für Rops‘ Gesamtwerk weiterhin charakteristisch sein.

Wieder nach Brüssel zurückgekehrt, gründete Rops 1868 mit 15 anderen Künstlern die Société Libre des Beaux-Arts, gerichtet gegen die Akademiekunst des Salons; 1869 war er Mitbegründer der Société Internationale des Aquafortistes. In dieser Zeit formulierte er seine künstlerische Überzeugung: Modernität liege nicht in der akademischen Konvention, sondern in der unverstellten Darstellung der Wahrheit. Rops glaubte diese Wahrheit vor allem auf den Straßen von Paris zu finden.5

Selbstverortung und biografische Mythenbildung

Rops konstruierte seine Identität bewusst gegen die bürgerlichen Normen, obwohl er dem Bürgertum angehörte. 1863 erklärte er sich qua Abstammung zum Ungarn – eine genealogische Behauptung, für die es keinen belegbaren Nachweis gibt.6 Stereotype Vorstellungen von der Freiheit der Ungarn, vor allem der dort ansässigen Sinti und Roma, unbelastet von gesellschaftlichen Zwängen, dürften diese Selbstzuschreibung motiviert haben. In einem Brief an Émile Hermant (1863) formulierte er programmatisch seinen Drang, die „Zügel der Konventionen“ zu brechen und sein Leben „im Fieber und in der Bewegung“ zu leben.7

Übersiedlung nach Paris: die „Frauenfrage“ und ein Skandal (1874–1888)

Im Jahr 1874 übersiedelte Rops endgültig nach Paris. Seine Frau Charlotte blieb mit dem Sohn Paul in Thozée. Aufgrund öffentlich bekannt gewordener Affären lebte das Paar ab 1875 getrennt, Charlotte verweigerte jedoch die Scheidung. Rops lebte in Frankreich in einer polygamen Beziehung mit den Schwestern Léontine und Aurélie Duluc, beide Schneiderinnen und Inhaberinnen eines erfolgreichen Pariser Modehauses.8 Aus der Verbindung mit Léontine ging die Tochter Claire hervor; der mit Aurélie gezeugte Sohn Jacques starb kurz nach der Geburt.

In Paris avancierte Rops zu einem der gefragtesten und bestbezahlten Illustratoren seiner Zeit. Er verkehrte mit Édouard Manet, Auguste Rodin und Edgar Degas und schrieb Kritiken über den jährlichen Salon. Werke wie Pornocratès (La Dame au cochon) (1878) und La Tentation de saint Antoine [Die Versuchung des heiligen Antonius] lösten öffentliche Skandale aus und sicherten ihm zugleich eine breite Rezeption. Der Sammler Jules Noilly beauftragte Rops 1878, eine Serie von 100 Zeichnungen anzufertigen – die Cent légers croquis sans prétention pour réjouir les honnêtes gens [Einhundert leichte, unprätentiöse Skizzen zur Freude ehrlicher Menschen] (entstanden bis 1881, insgesamt 114 Blätter). Die explizit erotischen Kompositionen, zunächst nur für den Privatgebrauch gedacht, operierten ohne mythologisches Deckmantel und thematisierten Klassen- und Geschlechterverhältnisse sowie die Doppelmoral bürgerlicher Gesellschaft.

Illustration symbolistischer Literatur

Rops' enge Zusammenarbeit mit den führenden Verlegern und Autoren seiner Zeit – Baudelaire, Mallarmé, Péladan, Barbey d'Aurevilly, Uzanne – macht ihn zu einer Schlüsselfigur der symbolistischen Buchkunst. Seine Frontispize und Umschlagentwürfe sind keine Illustrationen, sondern eigenständige Bildinterpretationen der literarischen Texte:

  • Les Épaves (1866),
  • Les Diaboliques (1884),
  • Le Vice suprême (1884),
  • Les Poésies von Mallarmé (1887)

Symbolismus, Les Diaboliques und Les Sataniques (ab 1883)

Über Poulet-Malassis war Rops zum gefragten Illustrator symbolistischer Literatur geworden. Zwischen 1883 und 1886 schuf er sechs Grafiken und eine Umschlagillustration für Jules Barbey d'Aurevillys Kurzgeschichtensammlung Les Diaboliques: Rops entwarf explizite, zwischen Schmerz und sexueller Lust oszillierende Bilder, die gesellschaftliche Ängste mit Gewalt und Enthemmung gleichsetzen.9

Ab 1882 arbeitete Rops an der Serie Les Sataniques [Die Satanisten], in der er die Figur der Frau als Instrument und Opfer satanischer Mächte darstellte.10 Die Serie beginnt mit Satan semant l'ivraie [Satan sät Unkraut], das eine skelettierte Figur zeigt, die über das nächtliche Paris schreitet und dabei symbolisch die Notre Dame mit Füßen tritt. Die folgenden Blätter schildern eine imaginierte satanische Messe: hochgradig sexualisiert, brutal und in bewusster Umkehrung christlicher Liturgie. Les Diaboliques und Les Sataniques riefen zwar öffentlichen Aufruhr hervor, wurden von den symbolistischen Schriftstellern jedoch begeistert aufgenommen.

Gemeinsam mit seinem Schüler und Freund Armand Rassenfosse entwickelte Rops in dieser Phase eine neue Weichgrundätztechnik, die beide scherzhaft „Ropsenfosse“ tauften. 1887 erschien Rops‘ Werkverzeichnis, herausgegeben von Eugène Rodrigues-Henriques unter dem Pseudonym Erastène Ramiro.

Die Frau als zentrales Bildmotiv

Das motivische Zentrum von Rops' Werk bildet die weibliche Figur. Dabei verhandelt Rops weniger individuelle Porträts als vielmehr typologische Konstruktionen: die Prostituierte, die Hexe, die femme fatale, die Frau als nackte Christusfigur. Diese Typen sind in den zeitgenössischen Diskurs über die „Frauenfrage“ eingebettet. Soziale Umbrüche der Industrialisierung, feministische Bewegungen und die bürgerliche Angst vor dem Verlust der Geschlechterordnung – aber auch frühsozialistische, anti-feministische Haltungen der Avantgarde – führten zu äußerst stereotypen Frauenbildern. Rops adressierte mit seiner Bildkritik stets das Bürgertum selbst und dessen Doppelmoral. Dabei bediente er sich in seinen Bildern unbefragt des weiblichen Körpers. Mit seinen Werken bestätigte der Künstler jenen Blick, den er zu kritisieren behauptete.11

Späte Jahre (1888–1898)

1888 zog Rops vom Pariser Stadtleben auf das Landgut Demi-Lune in Essonnes. Ein Schlaganfall 1890 schränkte seine Schaffenskraft ein, und er wandte sich zunehmend der Rosenzucht zu. Noch 1896 widmete die Zeitschrift La Plume dem 63-Jährigen eine Sondernummer mit Beiträgen von Huysmans, Octave Mirbeau, Joséphin Péladan und José-Maria de Heredia. Gleichzeitig ehrte ihn eine Einzelausstellung im Künstlerverein La Libre Esthétique.

Tod

Félicien Rops starb am 23. August 1898 in Essonnes im Beisein der Schwestern Duluc und seiner Tochter Claire. er befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhmes.

Einfluss und Rezeption

Rops' Wirkung auf die Kunst um 1900 war erheblich. Bade verweist auf die direkte Verbindung zwischen Rops' Le Plus bel amour de Don Juan (1879) und Edvard Munchs berühmtem Gemälde Pubertät (1894–1895).12

Die symbolistischen Schriftstellerkollegen stellten ihn in eine Reihe mit Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Rembrandt und Francisco de Goya. Heute werden diese Urteile, die von einer emphatischen Bewunderung geprägt sind, mit Recht relativiert: Rops sei kein Genie im Sinne seiner Bewunderer gewesen; sein zeichnerischer Duktus sei trocken und akademisch, sein Einfallsreichtum eher literarisch als visuell (Patrick Bade).13 Dennoch bleibt Rops als Chronist der Pariser Moderne, als Illustrator einer ganzen Epoche symbolistischer Literatur und als technischer Erneuerer der Druckgrafik eine bedeutende Persönlichkeit der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Ausstellungen (Auswahl)

  • 1896: Einzelausstellung, La Libre Esthétique, Brüssel
  • 2026: Félicien Rops, Kunsthaus Zürich (Retrospektive, in Kooperation mit dem Musée Félicien Rops, Namur)

Museen und Sammlungen

Das Musée Félicien Rops in Namur (Province de Namur) beherbergt den umfangreichsten Bestand an Werken und Archivmaterialien des Künstlers. Weitere bedeutende Bestände liegen in der Royal Library of Belgium (KBR), Brüssel, sowie in internationalen Privatsammlungen.

Literatur zu Félicien Rops

  • Félicien Rops, hg. von Jonas Beyer und Daan van Heesch (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 06.03.–31.05.2026), Zürich 2026.
    • mit Beiträgen von Juliane Au, Anastasia Belyaeva, Jonas Beyer, Elisabeth Bronfen, Véronique Carpiaux, Daan van Heesch
  • L’Album du diable. Les tentations de Félicien Rops, hg. von Véronique carpiaux und Philippe Comar (Ausst.-Kat. Musée Félicien Rops, Namur), Namur 2024.

  • «Paris ist meine Bibliothek.» Zeichnungen und Druckgraphik von Félicien Rops, hg. von Juliane Au und Andreas Stolzenburg (Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Hamburg), Petersberg 2023.

  • Patrick Bade, Félicien Rops, New York 2003.
  • Sigmund Freud, Der Wahn und die Träume in W. Jensens «Gradiva», Wien / Leipzig 1907.
  • Erastène Ramiro [Eugène Rodrigues-Henriques], Catalogue descriptif et analytique de l'œuvre gravé de Félicien Rops, Paris 1887.

Alle Beiträge zu Félicien Rops

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