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Svenja Deininger | Gabriel Sierra | Angelika Loderer in der Wiener Secession

Svenja Deininger, Untitled, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy Galerie Martin Janda, Wien

Svenja Deininger, Untitled, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy Galerie Martin Janda, Wien

Svenja Deininger: Echo of a Mirror Fragment

Die Wiener Malerin Svenja Deininger (* 1974) arbeitet in ihren vielschichtigen Gemälden zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Sie umkreist damit Fragen zur Illusion von Räumlichkeit und Stofflichkeit, wenn auch das Kippen zwischen konkreter Wiedererkennbarkeit und Unbestimmbarkeit offenbleibt. Desgleichen ist auch die Genese der Bilder prozessual, d. h. über einen langen Zeitraum und unabgeschlossen. Svenja Deininger trägt mehrere Schichten von Grundierungen und Ölfarben auf und schleift das getrocknete Farbmaterial ab oder beizt es ab. In vielen Werken ist der unbearbeitete Malgrund als textiles Material sichtbar, manchmal bearbeitet die Wienerin ihre Leinwände auch von hinten. So entsteht in monatelanger Arbeit ein konkret abstraktes Bild, das gleichzeitig auf seiner Oberfläche Strukturen und eine Art Flachrelief ausbildet. Die Geschichte der Entstehung der Gemälde wird so sichtbarer Bestandteil der Bilder von Svenja Deininger. Entgegen der Annahme, die präzise konstruierten Kompositionen von Svenja Deininger wären minutiös vorgeplant, gibt es weder Entwurfszeichnungen noch Vorstudien für sie. Deiningers Malprozess ist offen gestaltet.

 

Svenja Deininger stellt 35 Gemälde und Wandobjekte ihrer jüngsten Serie[[Insgesamt umfasst die Serie 40 Gemälde.]] aus den letzten Monaten aus. Eine Arbeit aus dem Jahr 2015 ergänzt den Werkzyklus von 2016/17. Ein neuer Zugang ist Deinigers Entscheidung, mit shaped canvases zu arbeiten. Genauer bilden die Rahmen Formen aus, die an ihre geometrische Bildsprache in der Malerei erinnern. Manchmal spart sie dabei auch die Malfläche aus, Stoffe werden von Bildträgern zum Material des Wandobjekts. Svenja Deiningers „formale Exercitien“ (Kuratorin Jeannette Pacher) schließen Flächen der Kompositionen einzelner Bilder aufeinander bezogen sind. Das Spiel mit den Formaten erzeugt ein spannungsvolles Zueinander, Formen wiederholen sich. Der white cube der Secession wird mit Gemälden in gedeckten Farben, ergänzt durch Schwarz/Weiß und einigen kräftigen Tönen, bestimmt.

 

 

Der Hauptraum der Wiener Secession wird in der Präsentation Teil des Konzepts. Die strenge Geometrie des Innenraums, sein gerasterter Boden, seine Symmetrie und die Spiegelung des Grundrisses waren Anlass für Svenja Deininger selbst mit Geraden und Kurven zu experimentieren. Auch die große Anzahl von quadratischen Bildern in der Ausstellung verdankt sich der historischen Situation. Die Malerin arbeitet auf dem ersten Blick mit der Architektur der Ausstellung von Francis Alÿs weiter (→ Francis Alÿs / Avery Singer), veränderte sie jedoch entscheidend. Deininger ließ hohe, schmale Durchgänge in die Ausstellungswände schlagen. Damit öffnete sie die beiden Seitenschiffe für ihre Präsentation und schuf Durchblicke. Die Seitenschiffe wiederum beruhigte sie durch das Aufstellen je einer Wand in Richtung der Notausgangstüren, die den Eindruck des white cube in diesen Bereichen noch verstärken. Hoch oben an der Eingangswand der zentralen Ausstellungsfläche positioniert Svenja Deininiger zwei kreisrunde Gemälde, die an die dort befindlichen Bullaugen-Fenster von Krischanitz erinnern sollen. Mitte der 1980er Jahre als postmoderne Intervention realisiert, wurden sie bald von den ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern als störend empfunden und wieder verschlossen. Auf Fenster spielen auch die beiden „Fenster“-Bilder im rechten Seitenschiff an, befanden sich auch dort im originalen Jugendstil-Bau Lichtöffnungen. Ein Künstlerbuch erweitert die Ausstellung um selbst geschossene Fotografien der Künstlerin. Sie zeigen Formen und Linien, die sie als Inspirationsquelle nutzt.

Ausstellungsgespräch: Svenja Deininger im Gespräch mit Ulrich Loock am Donnerstag, 23. Februar 2017, 19 Uhr

 

 

Biografie von Svenja Deininger (*1974)

1974 in Wien geboren
Studium in Münster bei Timm Ulrichs
Malerei-Studium in Düsseldorf bei Albert Oehlen
Svenja Deininger lebt und arbeitet in Wien

 

 

Svenja Deininger: Bilder

  • Svenja Deininger, Untitled, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy Galerie Martin Janda, Privatsammlung, London
  • Svenja Deininger, Untitled, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy Galerie Martin Janda, Courtesy Galerie Martin Janda, Wien und Stephanie und Tim Ingrassia
  • Svenja Deininger, Untitled, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy Galerie Martin Janda, Wien
  • Svenja Deininger, Einblick in Echo of a Mirror Fragment, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Svenja Deininger, Untiteled in Echo of a Mirror Fragment, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Svenja Deininger, Detail von Untiteled in Echo of a Mirror Fragment, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Svenja Deininger, rechtes Seitenschiff, Echo of a Mirror Fragment, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Svenja Deininger, linkes Seitenschiff, Echo of a Mirror Fragment, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Svenja Deininger, Eingangswand, Echo of a Mirror Fragment, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Svenja Deininger, Echo of a Mirror Fragment (Künstlerbuch Secession, Wien), Wien 2016, S. 17.
  • Svenja Deininger, Echo of a Mirror Fragment (Künstlerbuch Secession, Wien), Wien 2016, S. 28.
  • Svenja Deininger, Echo of a Mirror Fragment (Künstlerbuch Secession, Wien), Wien 2016, S. 32.
  • Svenja Deininger, Echo of a Mirror Fragment (Künstlerbuch Secession, Wien), Wien 2016, S. 61.

 

Gabriel Sierra: The First Impressions of the Year 2018 (During the early days of the year 2017)

Gabriel Sierras Kunst kreist um das Verhältnis von Mensch und gebauter Umwelt. Wahrnehmung, Kommunikation, Konstruktion von Räumen, Architektursprache und Beeinflussung des menschlichen Verhaltens durch gebaute Räume sind wichtige Begriffsfelder, mit denen sich der aus Bogotá stammende Künstler auseinandersetzt. Dafür hat er in den letzten Jahren verschiedene Ausstellungsformate entwickelt, die auch die Zeitlichkeit sowie Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit noch miteinbeziehen.

Für die Wiener Secession entwickelte Gabriel Sierra eine ortsspezifische Arbeit in der Kreuzgalerie. Die im Souterrain liegende Raumflucht gilt als schwierig zu bespielen, sind die Säle doch höchst individuell geformt und um eine Ecke angeordnet. Sierras Ausstellung mit dem komplizierten Titel schafft eine Versuchsanordnung für genau diese Situation: Anfang des Jahres 2017 (jetzt) wirft das Publikum einen ersten Blick auf das Jahr 2018. Ausstellungsraum und Atelier des aus Kolumbien stammenden Künstlers verschmelzen miteinander, die Installation – aus überdimensionalen, rosa gestrichenen Boxen bestehend – reagiert auf die Raumsituation und verschleiert sie im gleichen Moment. Gabriel Sierra spielt in der Secession mit der Idee, dass sich die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung vorstellen sollen, wie das Jahr 2018 werden wird. In einer Zeit der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Unsicherheit, in der häufig dystopische Untergangsszenarien eingesetzt werden, wirft er die Frage auf: Und wie wird es werden? Womit füllt das Publikum die leeren Dioramen?

 

 

Sierras Metapher schließt auch die Arbeit mit Farbe und Licht ein. Die in strenger Geometrie gestalteten Boxen sind mit rosa und strukturierter Farbe gestrichen. Sie lassen sich gedanklich mit Möbeln, Skulpturen, Malerei (Oberfläche), Guckkastenbühnen und Vitrine verbinden. Die Assoziation mit Haut und Organik soll die rigide Konstruktion mildern, gleichzeitig verweist der Künstler auf die beruhigende Wirkung dieses Farbtons, der auch in Krankenhäusern verwendet würde. Licht fällt nur von außen auf diese Installation, während der Wintermonate wird LED Licht von außen als künstliche Unterstützung erforderlich sein. Um das Außen nach Innen zu lassen, ließ Gabriel Sierra das sonst unsichtbare, schmale Fensterband öffnen. Damit verändert er die Raumwahrnehmung entscheidend! Außen ist 2017 – Innen ist 2018. Die Leere spiegelt die Unsicherheit der Zukunft. Das Arrangement soll Wahrnehmung verändern, so dass – wie in einem Traum – Vorhandenes und Imaginiertes gleichwertig einander ergänzen. Womit werden die Dioramen gefüllt? Womit sollen sie gefüllt werden?

 

 

Biografie von Gabriel Sierra (* 1975)

1975 in San Juan Nepomuceno, Bolívar (Kolumbien), geboren
Gabriel Sierra lebt und arbeitet in Bogotá.

 

 

Gabriel Sierra: Bilder

  • Gabriel Sierra, Eingang von The First Impressions of the Year 2018 (During the early days of the year 2017), Installationsfoto: Alexandra Matzner ARTinWORDS.
  • Gabriel Sierra, Boxen von The First Impressions of the Year 2018 (During the early days of the year 2017), Installationsfoto: Alexandra Matzner ARTinWORDS.
  • Gabriel Sierra, Fenster von The First Impressions of the Year 2018 (During the early days of the year 2017), Installationsfoto: Alexandra Matzner ARTinWORDS.
  • Gabriel Sierra im Gespräch mit Kuratorin Bettina Spoerr in The First Impressions of the Year 2018 (During the early days of the year 2017), Installationsfoto: Alexandra Matzner ARTinWORDS.
  • Gabriel Sierra, Description of the exhibition before it happens., 2016.
  • Gabriel Sierra, Untitled (o(op(ope(open)pen)en)n), 2015, MDF und Jute, variable Größen. Installationsansicht, SculptureCenter, New York. Foto: Kyle Knodell.
  • Gabriel Sierra, Untitled (o(op(ope(open)pen)en)n), 2015, MDF und Jute, variable Größen. Installationsansicht, SculptureCenter, New York. Foto: Kyle Knodell.

 

Angelika Loderer

Das skulpturale Werk von Angelika Loderer ist häufig aus Metall gegossen oder besteht aus Werkprozessen der Metallgießerei (Wachs, formstabiler Guss-Sand). Eigenschaften und Verarbeitung von Materialien sind wesentliche Ansatzpunkte für Loderers Reflexion. Der für das Gussverfahren wesentliche, feine Guss-Sand, der bei der Herstellung traditioneller Bronzegüsse beispielsweise eine wichtige formgebende Rolle spielt, ist im fertigen Kunstwerk nicht einmal mehr zu erahnen. Angelika Loderer baut im Graphischen Kabinett der Wiener Secession temporäre Skulpturen aus dreifarbigem Guss-Sand und verweist damit auf den Anspruch der Bildhauerei auf Ewigkeit (zumindest bis etwa 1910). Das Unsichtbare sichtbar zu machen ist auch für die Formfindung der österreichischen Künstlerin von Bedeutung: in früheren Werken hat sie Maulwurfsgänge und Spechthöhlen ausgegossen und als Bronzeskulpturen in den Ausstellungsraum transferiert. Nun tragen zartgliedrige Gestänge die Sandskulpturen. Anstelle unsichtbar im Werkprozess eingesetzt zu werden, spielt das Material und seine Struktur die Hauptrolle. Der Guss-Sand trägt die Spuren seiner Formung an der Außenhaut. Gleiches ließe sich auch über die Eier-Sammlung Angelika Loderers in der Vitrine konstatieren. Aus formalem Interesse kauft sie ihre Eier ab Hof, besonders gerne jene Stücke, die es aufgrund ihrer Un-Form nie in den regulären Handel schaffen würden.

 

 

Natur und Kunst, das Veränderliche (Vergängliche) und der Ewigkeitsanspruch, das Ungestaltete und das Gestaltete zusammenzubringen und zu sehen, was über einen längeren Zeitraum damit passiert, gehört zu den zentralen Fragestellungen Angelika Loderers. In drei zwischen Bild und Objekt changierenden Wandarbeiten realisiert sie ein künstlerisch-naturwissenschaftliches Experiment. Hinter den Abbildungen setzte sie in Sägespäne und Wasser ein Pilzmyzel an. Das sind die unterirdischen, fadenförmigen Zellen eines Pilzes (der Pilz an sich ist nur die Frucht). Die Abbildung einer technischen Zeichnung offenbart die Komplexität des Bronzegusses. Das Reiterstandbild Ludwigs XV. wurde aus einem Guss hergestellt, was für das 18. Jahrhundert eine technologische Höchstleistung darstellte, die einzig in Frankreich durgeführt wurde.[[Siehe: http://inha.revues.org/3524 (letzter Besuch 31.1.2017)]] Loderer geht es einmal mehr um die Sichtbarmachung des technischen Gussverfahrens. Dass die Gusskanäle am Reiterstandbild kleben wie ein Aderngeflecht bzw. das in den folgenden Monaten sich ausbreitende Pilzmyzel, ist eine schöne formale Analogie.

 

 

Biografie von Angelika Loderer (* 1984)

1984 in Feldbach (Steiermark) geboren
Angelika Loderer lebt und arbeitet in Wien.

 

 

Angelika Loderer: Bilder

  • Angelika Loderer, Pleurotus Ostreatus 70 (Guss), 2017, Pleurotus Ostreatus Mycelium, Holz, Wasser, C-Print, Foto: Angelika Loderer
  • Angelika Loderer, Pleurotus Ostreatus 70 (Eier), 2017, Pleurotus Ostreatus Mycelium, wood, water, C-Print, Photo: Angelika Loderer
  • Angelika Loderer, Pleurotus Ostreatus 70, 2017, Mycelium, Holz, Wasser, C-Print. Courtesy die Künstlerin, Foto: Anglika Loderer
  • Angelika Loderer, Installation in der Wiener Secession, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS.
  • Angelika Loderer, Pleurotus, Installationsfoto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.