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mumok: Dorit Margreiter. Really! Erste Retrospektive der österreichischen Medienkünstlerin

Dorit Margreiter, Boulevard, 2019, Filmstill (© Dorit Margreiter)

Dorit Margreiter, Boulevard, 2019, Filmstill (© Dorit Margreiter)

Das mumok bereitet für Frühjahr 2019 eine umfassende Einzelausstellung der in Wien lebenden Künstlerin Dorit Margreiter vor. Margreiters Interesse gilt den Verbindungen von visuellen Systemen und räumlichen Strukturen, dem Verhältnis von Gegenwart und Geschichte, sowie jenem von Realität, Repräsentation und Fiktion. Die Künstlerin arbeitet unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Rollenverhältnisse, und sie tut dies im Hinblick auf populäre und künstlerische Displayformate. Dem Medium Film kommt dabei besondere Bedeutung zu.

Für ihre Personale im mumok verwandelt Dorit Margreiter den kompletten Ausstellungsraum in eine künstlerische Installation, die Display- und Architekturkomponenten, Filme und Mobiles sowie Fotografien einbezieht. Ausgangspunkt für diese Gesamtinstallation ist Margreiters aktuelle Auseinandersetzung mit Spiegelkabinetten und mit dem Essayband „Labyrinths“ des argentinischen Autors Jorge Luis Borges, eine Publikation, die bezeichnenderweise die Land-Art-Künstler_innen Nancy Holt und Robert Smithson ihrem Kollegen Ad Reinhard in den 1960er Jahren schenkten.

Als zentrales Element der Installation fungiert eine neue filmische Arbeit, die aktuell in einem Spiegelkabinett in Wien gedreht wird. In dieser labyrinthischen Architektur aus Glas und reflektierenden Oberflächen wird der Blick gezielt gebrochen, umgelenkt, fragmentiert, multipliziert und verunklärt. Die Differenzen zwischen den physischen und visuellen Grundlagen der Orientierung werden daher in Margreiters Film ebenso virulent wie die materiellen, apparativen und mentalen Determinanten filmischer Repräsentation, Projektion und Illusion.

Sowohl die neue Filminstallation selbst, als auch weitere fotografische und skulpturale Werke der Künstlerin beziehen sich in der einen oder anderen Form auf den realen Ausstellungsraum. So stellt beispielsweise ein aus Spiegelelementen gebildetes Mobile das Verhältnis von Visualität und Materialität ebenso zur Diskussion, wie eine Sammlung fotografischer Tableaus, die Abbildungen des Materials Glas zeigen. Auch weitere in der labyrinthischen Ausstellungsarchitektur präsentierte Arbeiten widmen sich dem spezifischen Schauplatz Museum und dessen Repräsentationsformen. Sie thematisieren die Geschichte und Lesbarkeit von architektonischen Fragmenten oder beleuchten Mechanismen des Sammelns.

Ergänzend zu ihrer Auseinandersetzung mit Labyrinthen und Spiegelkabinetten entwickelte Dorit Margreiter eine zweite filmische Installation, die im mumok zusammen mit einer Auswahl weiterer, bereits bestehender Werke zu sehen sein wird: Die filmische Arbeit bezieht sich auf das Neon-Museum in Las Vegas, eine Art Friedhof ausrangierter Leuchtschriften – eine Korrelation mit Margreiters langjähriger Untersuchung räumlicher Strukturen, die maßgeblich von Robert Venturis und Denise Scott Browns Klassiker der Architekturtheorie „Learning from Las Vegas“ beeinflusst wurde.

Das Neon-Museum hat vielfältige Bezüge zu bereits zuvor angesprochenen Themen und zu Margreiters früheren Werken. So korrespondieren beispielsweise dort ausrangierte Leuchtschriften mit einer bereits bestehenden Filminstallation, die sich ebenfalls mit Neonbeschriftungen beschäftigt sowie mit aus abstrahierten Buchstaben gebildeten Mobiles. Dorit Margreiter schlägt einen Bogen von Las Vegas, einem Ort, an dem sich Architektur und Illusion, Visualität und Materialität paradigmatisch verschränken, ins mumok.

Begleitet wird die Präsentation von einer umfassenden Publikation, die aus mehreren Einzelbroschüren mit Texten und Dokumentationsmaterialien zu Margreiters zentralen filmischen Werkblöcken besteht.

Kuratiert von Matthias Michalka

Dorit Margreiter (* 1967) lebt in Wien.
Ausstellungen (Auswahl): Foto Kinetik, Museum der Moderne Salzburg (2017); Titos Bunker, Kunstverein Baden-Württemberg (2017); Neue Räume, Charim Wien, (2016); Broken Sequence, Stampa, Basel (2015); Selftimer Stories, ACF, New York (2014); Performing Histories, Museum of Modern Art New York (2013); Tomorrow was already here, Museo Tamayo, Mexico City (2012); Description, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía Madrid (2011); Modernologies, Museum Moderner Kunst, Warschau (2010) und MACBA Barcelona (2009); 53rd International Art Exhibition/La Biennale di Venezia, Österreichischer Pavillon, Venedig (2009); Locus Remix: Dorit Margreiter, MAK Center for Art and Architecture, Los Angeles (2009); Poverty Housing. Americus, Georgia, MAK Wien mit Rebecca Baron (2008); analog, Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig (2006); 10104 Angelo View Drive, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (2004).

Preise und Stipendien (Auswahl): Österreichischer Kunstpreis für Video und Medienkunst (2016), Blinky-Palermo-Stipendium (2004), Preis der Stadt Wien für bildende Kunst (2003), Msgr. Otto Mauer-Preis (2002).

 

Dorit Margreiter. Really: Bilder

  • Dorit Margreiter, Boulevard, 2019, Filmstill (© Dorit Margreiter)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.