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Oskar Kokoschka. Werke und Fotografien Ausstellung "Das Ich im Brennpunkt"

Trude Fleischmann, Oskar Kokoschka und Olda Palkovska, London 1939 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum

Trude Fleischmann, Oskar Kokoschka und Olda Palkovska, London 1939 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum

Oskar Kokoschka (1886–1980) ist einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts in Österreich und des Expressionismus. Vier Jahre älter als sein ebenso wichtiger Zeitgenosse Egon Schiele, hatte er seine Ausbildung an der Kunstwerbeschule in Wien erhalten. Früh fiel er als außergewöhnlich begabter aber wenig anpassungsfähiger Student auf, der ab 1908/9 die Wiener Moderne um verstörende Porträts, mit denen er sich vom Jugendstil abwandte. In Adolf Loos fand Kokoschka einen frühen Förderer wie in Herwarth Walden aus Berlin. Oskar Kokoschka und Alma Mahler lernten einander 1912 kennen und führten bis 1915 eine genauso geheime wie von Eifersuchtsszenen geprägte Beziehung. Während seines Kriegseinsatzes wurde der Künstler zweifach schwer verwundet, seine Geliebte wandte sich von ihm ab. Das Angebot, eine Professur an der Kunstakademie in Dresden anzunehmen, kam nach dem Ersten Weltkrieg gerade recht. Gleichzeitig ermöglichte ein Vertrag mit dem Kunsthändler Paul Cassirer eine intensive Reisetätigkeit rund um das Mittelmeer. Mitte der 1920er Jahre kehrte Kokoschka wieder nach Wien zurück, verließ die Stadt an der Donau jedoch bald in Richtung Prag. Nach dem Anschluss floh Oskar Koksochka mit seiner zukünftigen Frau Oldiska Aloisie Palkovská nach London, wo das Paar die Kriegsjahre verbrachte. Der Pazifist engagierte sich früh für die leidende Bevölkerung in Österreich. In der Nachkriegszeit zählte Kokoschka, der sich in der Schweiz niederließ, zu den profiliertesten Porträtisten und Malern von Stadtansichten. Mit seiner farbintensiven, expressiven Malweise interpretierte Kokoschka auch Allegorien und monumentale Spätwerke.

Dandyhafter Boehmien?

Die frühesten Aufnahmen zeigen Oskar Kokoschka und seine Kommilitonen von der k.k. Kunstgewerbeschule in Wien in ihrer Aktzeichenklasse aus dem Studienjahr 1905/06. Seit 1904 studierte Kokoschka in der Klasse von Anton Ritter von Kenner (1871–1951) in der „Abteilung für Lehramtskandidaten für das Freihandzeichnen an Mittelschulen“. Die Aktmodelle werden fragmentiert ins Bild mit aufgenommen, die Studenten tragen Anzüge und darüber Malerkittel, sind ausgelassen oder studieren eifrig in ihren Büchern. Vielleicht liegt in dieser durchaus bürgerlichen Auffassung des Künstlertums – Studium, Handwerk, traditioneller Kleidungsstil, der nur manchmal durchbrochen wird – auch eine wichtige, bis zum Lebensende Kokoschkas nachvollziehbare Prägung.

Bereits die ersten Porträtaufnahmen des jungen Oskar Kokoschka aus dem Jahr 1909 zeigen eine spannende Mischung aus traditionell bürgerlichem bis dandyhaftem Kleidungsstil und geschorenem Haupt, mit Hilfe dessen er sich als Außenseiter stilisierte. Auch die Wahl des angesehenen Hoffotografen Wenzel Weis (1858–1929) lässt darauf schließen, dass Kokoschka mit dem Diktum „Oberwildling“1 inszenatorisch und medial geschickt umzugehen wusste. Auf der „Internationalen Kunstschau“ von 1909 war Kokoschka mit aufsehenerregenden Kunstwerken und der Uraufführung seiner Drama-Komödie „Mörder Hoffnung der Frauen“ vertreten. Das in der Ausstellung gezeigte und inzwischen ikonenhafte Plakat bewirbt die Aufführung mit einer Beweinung: Eine bleiche Frau hält einen blutroten, scheinbar toten Mann in ihren Armen. Über den beiden schweben Sonne und Mond als Symbol für das männliche und weibliche Prinzip. Bei der Uraufführung am 4. Juli 1909 geriet das Publikum über die expressionistisch-schauspielerische Umsetzung des Geschlechterkampfes in Rage. Daraufhin rasierte sich der Künstler eine Glatze und inszenierte sich sowohl in einer Fotografie als auch einem Plakat für die Präsentation der Zeitschrift „Der Sturm“ als verkannter, von der Gesellschaft ausgestoßener Künstler. Er zeigt sich als weiße Figur vor rotem Grund, mit kahl geschorenem Haupt, wie Christus auf eine Seitenwunde zeigend. In seiner Autobiografie schrieb der Künstler über die zweite Version des Plakats, das er 1912 für einen Vortrag in Wien wiederverwendete: „Es war als ein Vorwurf an die Wiener gerichtet.“2

 

Herwarth Walden

Die ersten Jahre fand Oskar Kokoschka nicht nur wohlwollende Aufnahme im Kreis rund um Gustav Klimt (1862–1918) und stellte mit der Klimt-Gruppe 1908 und 1909 auf den beiden Kunstschauen aus, sondern auch Unterstützung durch Adolf Loos (1870–1933 → Josef Hoffmann, Adolf Loos und die Folgen). Loos brachte Kokoschka mit Mäzenen der Wiener Gesellschaft zusammen und finanzierte dessen erste Reise in die Schweiz, wo sich Kokoschka erstmals mit der Landschaftsmalerei beschäftigte.

Frühe Erfolge stellten sich, unterstützt vom Berliner Galeristen und Verleger Herwarth Walden (1879–1941)3 und Alma Mahler (1897–1964), vor allem in Deutschland ein, wohin der Künstler auch nach der Trennung von Mahler und den dramatischen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg zog.

Walden war nach Aussage Kokoschkas „eine Art von Mahdi, Prediger einer exaltierten Lehre als Weg zu einer höheren geistigen Existenz in einer besseren und neuen Welt. Ein Fanatiker des Expressionismus.“4 Er könnte Kokoschka mit dessen späteren Galeristen Paul Cassirer bekannt gemacht haben. Aufgrund Kokoschkas Aufenthalt in Berlin und dessen Mitarbeit in der Sturm-Redaktion ab Mai 1910 dürfte das der Ausstellung gezeigte „Bildnis Herwarth Waldens“ (Stuttgart) daher auf Juni 1910 zu datieren sein. Diese Erfolge in Deutschland ermunterten Kokoschka vielleicht den Großteil des Jahres 1910 in Berlin zu verbringen und die Gestaltung der Zeitschrift maßgeblich mitzuprägen.

 

Alma Mahler

Alma Mahler lernte Oskar Kokoschka 1912 anlässlich eines Porträtauftrags in Wien kennen. Die „Salonlöwin“ hatte sich ihre finanzielle Unabhängigkeit gesichert und in ihrem Haus verkehrten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Kokoschka verliebte sich Hals über Kopf in sein Modell – wobei ihn wohl mehr ein erträumtes Ideal als die wirkliche Person faszinierte. Aus Eifersucht, vielleicht auch aus der irrigen Annahme, die Gesellschaft stünde zwischen ihnen, wollte er Alma aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißen. Als die Beziehung im Juni 1915 schlussendlich zerbrach, meldete sich Kokoschka freiwillig zum Kriegsdienst und wurde als Kavallerist zwei Mal nahezu tödlich verwundet. Im Jahr 1918 ließ sich der Traumatisierte und „verstoßene Liebhaber“, wie sich Kokoschka selbst sah, einen Alma-Fetisch anfertigen. Die Münchener Malerin und Puppenmacherin Hermine Moos (1888–1928) sollte ihm einen Ersatz für die verlorene Geliebte anfertigen. Trotz intensiver Bemühungen der Puppenmacherin, die sich mit ihrem Geschöpf auch ablichten ließ (!), war dem Künstler der Puppenkörper jedoch zu wenig realistisch. Obwohl er die Puppe als ein missratenes Monstrum empfand, nutzte Kokoschka sie zwei Jahre lang als Modell. 1922 zerstörte er sie.

 

Der „Foto-Skeptiker“ als Modell berühmter Fotografen

Oskar Kokoschka besaß wahrscheinlich selbst keine Kamera und hatte ein gespaltenes Verhältnis zur Fotografie. Das Ablichten war für Kokoschka eine einfache mechanische Wiedergabe der Wirklichkeit und kein künstlerischer Akt. Der Künstler, so war er sich sicher, hätte einen interpretierenden Blick. Im Gegensatz dazu dürfte seine spätere Frau Olda jedoch schon sehr früh eine Kamera besessen haben, denn einige der privatesten Aufnahmen aus den 30er Jahren stammen von ihr selbst.

Nichtsdestotrotz ließ sich Kokoschka immer wieder porträtieren. In der Zwischenkriegszeit fand er sich sogar im Pariser Atelier von Madame d’Ora (eigentlich Dora Kallmus, 1881–1963 → Madame d’Ora: Pionierin der Porträtfotografie in Wien und Paris) ein, die ihn in einem weißen Anzug mit kurzer Hose wie einen zu groß geratenen Schulbuben aussehen lässt. Brassaï (eigentlich Gylua Halasz, 1899–1984) machte die scheinbar spontansten inszenierten Aufnahmen des 1930 völlig Mittellosen. Eine Ausstellung der Galerie Cassirer war in Paris gefloppt, Kokoschka lebte in der Villa Camélias, in der sich kurz zuvor Jules Pascin (1885–1930) das Leben genommen hatte. Kokoschka mochte das Haus nicht, beschrieb es als karg, kalt und finster. Die Fotos zeigen einen im Garten sich amüsierenden Maler im Morgenmantel, einen Gestürzten und einen Kokoschka im Atelierraum mit großem Spiegel, der raucht und Café trinkt. Die prekäre finanzielle Lage des Künstlers scheint dessen Lebenslust nicht getrübt zu haben.

 

Reisekünstler und Lehrer

In den Jahren 1919 bis 1923 hatte Oskar Kokoschka eine Professur an der renommierten Dresdner Kunstakademie inne. In diesen Jahren fand er zu reinen, leuchtenen Farben wie der Bildvergleich zwischen „Die Freunde“ (1917/18) und „Der Maler II (Maler und Modell II)“ (1923) offenkundig werden lässt. Im Jahr 1925 schied Kokoschka freiwillig aus dem Kollegium in Dresden aus, denn er wollte frei sein und reisen. Finanziert wurden die Malexpeditionen rund um das Mittelmeer vom Berliner Galeristen Paul Cassirer, der die so entstandenen Bilder gleich erwarb. Wie sich Oskar Kokoschka im Schützengraben während des ersten Weltkriegs geschworen hatte, widmete er sich nun nur mehr der Schönheit der Welt.

Paris, London, Venedig gehörten zu den ersten Zielen in Europa, gefolgt von Nordafrika im Frühjahr 1928. Ein Angestellter der Galerie, Helmuth Lütjens, begleitete ihn und machte zahlreiche Fotografien, die Jahre später von Olda in ein Album geklebt wurden. Man sieht Kokoschka im Gespräch mit Beduinen, auf einem Esel reitend in der Wüste oder bei der Rast in einer Oase. Vom algerischen Biskra aus fuhr Kokoschka zwischen dem 22. und 29. Februar täglich in das nahe gelegene Col de Sfa. Von einer Anhöhe des Aurès-Gebirges hielt er im Bild „Exodus (Col de Sfa bei Biskra)“ die Wüste fest: tiefblau-violette Schatten treffen auf goldocker-orangefarbene Dünen in einer unendlichen Tiefe. In einem Brief  nach Hause schrieb der Maler: „Ich sitze in der Wüste und male. Ich werde von einem Wagen hin und zurückgefahren mit meinem Zeug. Hie und da kommen Karawanen vorbei, die auf´s Bild kommen sollen. Sie ziehen jetzt schon langsam mit ihren Tieren, Kamelen und Schafen ins Gebirge, weil es im Süden, wo die wirkliche Wüste ist, schon siedet.“5

Die Wochen zwischen seinen Reisen verbrachte Kokoschka ab 1925 wieder in Wien, denn er hatte seiner Familie im Sommer 1920 im Liebhartstal (16. Bezirk) ein Haus gekauft. 1934 reiste er nach Prag, um Tomáš Garrigue Masaryk zu porträtieren. Noch im selben Jahr lernte er den Prager Rechtsanwalt Dr. Palkowsky kennen. Dieser hatte selbst eine kleine Kunstsammlung und war mit Kokoschka über die Kunsthandlung Paul Cassirer bekannt geworden. Seine Tochter Olda hatte gerade ihr Studium der Rechtswissenschaften begonnen, das sie 1938 mit einer Dissertation abschloss. Die privaten Fotos des Paares Oskar und Olda dokumentieren den unbeschwerten, zwanglosen Umgang zwischen ihnen. Nichts deutet auf die immer schwierigeren Verhältnisse im Land hin. Nach Abschluss von Oldas Studium 1938 gelang ihnen gemeinsam die Flucht nach England, wobei die junge Juristin beide Flugtickets aus eigener Tasche bezahlte. 1941 heirateten Oskar Kokokschka und Olda. Zeit seines Lebens wird sie die umsichtige Organisatorin seiner Kunst, seiner Ausstellungen und seines Heims sein. Ihr ist es zu verdanken, dass die Universität für angewandte Kunst in Wien den privaten Fotoschatz der Kokoschkas erbte.

 

Kokoschkas politisches Engagement

Für die Ausstellung der Galerie Wolfberg in Zürich schuf Kokoschka eines seiner schönsten Plakate: ein jugendliches Selbstbildnis, das seine Auseinandersetzung mit dem Kubismus verrät. Den Nationalsozialisten sollte es im Katalog der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 als Beleg für Kokoschkas Unzurechnungsfähigkeit dienen. Die im Juli 1937 in München eröffnete NS-Hetzschau „Entartete Kunst“ präsentierte neun Gemälde von Oskar Kokoschka. Davor waren bereits 417 Werke aus Museen und öffentlichen Sammlungen entfernt und gewinnbringend – etwa in Auktionen in der Schweiz – verkauft worden. Kokoschkas Situation war prekär, als er 1938 Prag verließ, um nach London zu fliehen: Er war ein geächteter Maler, seine Kunstwerke aus den Museen entfernt und im Katalog zur Ausstellung „Entartete Kunst“ wurden zwei seiner Grafiken abgebildet. Die Beschriftung stellt die höhnische Frage: „Welche von diesen drei Zeichnungen ist wohl von Insassen eines Irrenhauses? Staunen Sie: Die rechte obere! Die beiden anderen dagegen wurden einst als meisterliche Graphiken Kokoschkas bezeichnet.“6 Die Ausstellung tourte von München beginnend durch Deutschland und endete in Wien. Ironischerweise organisierte Carl Moll, bedeutender Kunst-Promotor, Landschaftsmaler und Stiefvater von ALma Mahler, noch im Jahr 1937 im MAK - Museum für angewandte Kunst die allererste Retrospektive Oskar Kokoschkas. Der 50-jährige Maler erlebte Entwürdigung in Hitler-Deutschland und Ehrung in seiner alten Heimat zur gleichen Zeit.

Kurz nachdem Oskar Kokoschka 1938  im englischen Exil angekommen war, begann er sich politisch zu engagieren: Zur sich verschlimmernden politischen Lage äußerte sich der Maler künstlerisch in Form von Allegorien (→ Oskar Kokoschka. Exil und Heimat (1934–1980)). Das sind höchst komplexe Bilder, in denen allgemeine Begriffe, Gedanken und Theorien mit Hilfe von Figuren ausgedrückt werden wie „Anschluss – Alice im Wunderland“ (1942). Darin kritisierte der Künstler die zögerliche Haltung der Alliierten gegenüber der aggressiven Kriegspolitik Hitlers. Einen entsprechenden Kommentar dazu liefert eine von Kokoschka selbst stammende Beschriftung auf einer Fotografie von diesem Gemälde: „The „Anschluss“ 1939. Speak not evil, see not evil, hear not evil, this is how the three monkeys in the Buddhist legend are remembered. Die Wahrheit darf nicht genannt, gehört noch gesehen werden, obwohl sie ein Feigenblatt trägt, aber Wien kann ruhig abbrennen und die Kinder dort verhungern. Dies stört auch heute noch die Großmächte nicht, die ihre Generalpolitik ruhig weiterbetreiben. OK“7.

Alice ist das nackte Mädchen rechts, das Feigenblatt macht aus ihr auch eine Eva nach dem Sündenfall. Die drei Personen in der Mitte tragen englische, deutsche und französische Stahlhelme, ihre Kleidung verrät sie als Vertreter von Staat, Militär und Kirche. Den Engländer kann man durch den Schriftzug „Our times 1938“ als den britischen Premier Arthur Neville Chamberlain identifizieren. Er hatte nach dem Münchener Abkommen davon gesprochen, den „Frieden für unsere Zeit“ - „Peace for our times“ - gerettet zu haben. Der Deutsche neben ihm lässt jedoch gerade eine Granate fallen, der Madonnenstatue rechts außen sind bereits die Köpfe abgeschlagen, und im Hintergrund brennt schon Wien.

Wenn Kokoschka auch immer wieder betonte, dass er eigentlich kein politischer Mensch wäre, so zeugen seine Werke und auch sein Handeln in dieser schwierigen Zeit von Mut und einem menschenfreundlichen Charakter. Das Eintreten für die Unterdrückten und Schwachen der Gesellschaft, immer wieder Kinder, die er durch Hilfsaktionen und Spenden unterstützte, ließen ihn nach dem Kriegsende zur moralischen Instanz in Europa werden.

 

Der Maler mit der gestreiften Küchenschürze

Das Bild Kokoschkas in der Öffentlichkeit wurde nach 1945 von der Fotografie geprägt. Man kann ihren Wert nicht hoch genug einschätzen, das beweist die Ausstellung des Leopold Museums. Man könnte mit der Frage, wie wird ein moderner Künstler von den Medien gemacht, durch die Ausstellung gehen und die Mediengeschichte der Fotografie bis hin zur Beobachtung, dass erst Erich Lessing des Künstler in Farbe ablichtete, Revue passieren lassen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist durch den enormen Zuwachs an Massenmedien wie Zeitschriften und Illustrierten gekennzeichnet. Den Künstler zu Wort und auch ins Bild kommen zu lassen, lag daher nahe. Er selbst sollte seine Werke erklären, seine Bedeutung wird über Fotostrecken und seine Bekanntschaft mit wichtigen Politikern der Zeit. Er porträtierte Konrad Adenauer und Theodor Körner, beschäftigte sich für die Salzburger Festspiele mit Bühnenbildern und Kostümentwürfen und lehrte an der „Schule des Sehens“ (ab 1949). Viele Fotografien zeigen den Künstler bei der Arbeit, wie jene eines anonymen Fotografen, der ihn auf der Rampe im Kölner Dom besuchte, als Kokoschka im Oktober 1956 vor dem Motiv (singulär in seinem Werk!) malte. Franz Votava beobachtet den Künstler beim Ausführen des Bildes „Die Wiener Staatsoper“ (1956), von einem anonymen Fotografen stammt das Bild von Kokoschka vor „Berlin – 13.August 1966“: in beiden Aufnahmen trägt Kokoschka ein weißes, kurzärmeliges Hemd mit Krawatte, das Jackett hängt säuberlich auf einem Kleiderbügel an der Wand, eine gestreifte Küchenschürze schützt ihn vor Farbflecken. Repräsentative Porträts inszenieren ihn als ehrwürdigen, nachdenklichen Maler. Ab den 50er Jahren ist eine zunehmende Konzentration auf den Kopf oder das Gesicht des Künstlers feststellbar. Kokoschka wird in manchen Aufnahmen ganz Kopf! Das Geistige der Schöpfung wird dabei zulasten des Handwerklichen betont.

 

Jerusalemer Gesichter

Zwischen dem 15. und 22. März 1973 hielt sich der 87-jährige Kokoschka in Jerusalem auf, um Porträts von führenden Persönlichkeiten der Stadt für die „Jerusalem Foundation“ zu zeichnen: Golda Meir, der 96. Griechisch-Orthodoxen Patriarch von Jerusalem, Benedictos I., der Vorstand der Omar-Moschee, Scheich Mustafa Khalil el-Ansari, der Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kolleck aber auch den israelischen Verteidigungsminister Moshe Dayan. Diese Porträtsitzungen mündeten 1975 in einer Lithografie-Folge, die unter dem Titel „Jerusalem Faces“ in London herausgegeben wurde. Die Verleger stifteten der „Jerusalem Foundation“ die Herstellungskosten und den Verkaufsgewinn. Friedlich sind die politischen und geistlichen Führer in der Lithographiefolge vereint. Nichts deutet auf den knapp ein halbes Jahr später aufflammenden kriegerischen Konflikt hin, der als der Jom-Kippur-Krieg in die Geschichte eingehen und in Europa die Ölkrise auslösen sollte.

 

Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt

Die Ausstellung im Leopold Museum gibt einen guten Überblick über Schaffen, Selbstverständnis und Karriere Kokoschkas. Wie zwei Brennpunkte einer Ellipse sind Fotografien und Werke einander im dialog gegenübergestellt, die Besucher_innen bewegen sich auf der Suche nach Kokoschkas „ICH“ zwischen fotografischen Erinnerungen an ihn und Spuren seiner Person in verdichteter Malerei.

Zirka 230 Fotografien, 30 Gemälde und 50 Arbeiten auf Papier ist die Bilanz der Herbstausstellung des Leopold Museums, Wien. Das Kuratorenteam Tobias G. Natter, Franz Smola, Patrick Werkner und Bernadette Reinhold wählten aus den ca. 5.000 erhaltenen Aufnahmen, die Dr. Olda Kokoschka (1915–2004) der Universität für angewandte Kunst in Wien hinterlassen hat, knapp 230 Fotos zum Werdegang und zur medialen Wirkung des berühmten Künstlers aus und ergänzten sie durch wichtige Leihgaben aus aller Welt. Der Titel „Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt“ fokussiert auf die repräsentative Funktion der Medien: Im Zentrum steht Kokoschka, Fotografien und Kunst gewähren einen Einblick in dessen Leben von seinen Postkartenentwürfen für die Wiener Werkstätte über die berühmten Städteansichten bis zum späten Gemälde „Amor und Psyche“ und der Lithografiefolge „Jerusalem Faces“ (1973).

 

Verwendete Literatur

Ludwig Hevesi, Altkunst – Neukunst. Wien 1894-1908, Wien 1909, hg. von Otto Breicha, Wien 1986.
Oskar Kokoschka, Mein Leben, Wien 2008, S. 113.
Tobias G. Natter, Kokoschka und Wien (Begleitband zum Ausst.-Kat. Kokoschka und Dresden 18.12.1996–2.3.1997), Wien 1996
Tobias G. Natter, Franz Smola (Hg.), Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt. Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Oskar Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst Wien, (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 4.10.2013–27.1.2014), Wien 2013.
Heinz Spielmann, Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003, S. 261.

 

Biografie von Oskar Kokoschka (1886-1980)

Am 1.3.1886 in Pöchlarn bei Wien (Niederösterreich) geboren
1887 Umzug nach Wien
1892 Aufnahme in die Volksschule, der Vater schenkt ihm eine Ausgabe von Comenius` „Orbis picuts“.
1895 Besuch der Staatsrealschule Währing in Wien, Aufnahme in den Chor der unweit der elterlichen Wohnung gelegenen Piaristenkirche.
1904-1909 Studium an der Kunstgewerbeschule (heute: die Angewandte) mit Hilfe eines Staatssipendiums, Lehrer: Anton R. von Kenner (1905), Carl Otto Czeschka (Oktober 1906 bis Sommer 1907), Bertold Löffler.
1907 Eröffnung des Cabaret Fledermaus durch die Wiener Werkstätte, Oskar Kokoschka schreibt dafür das Märchen „Das getupfte Ei“ und bastelt Schattenfiguren dazu. Entwirft Bilderbögen und Postkarten für die Wiener Werkstätte.
1908 Publikation der Dichtung „Die träumenden Knaben“ bei der Wiener Werkstätte als Künstlerbuch mit Farblithographien. Erste Teilnahme an einer Ausstellung: „Kunstschau 1908“ (ab 1.6.), die von Gustav Klimt und Freunden organisiert wird. Die Werke Kokoschkas werden stark kritisiert, er lernt den Architekten Adolf Loos kennen. Am 12.6. findet der Festzug zur Feier des 60.Regierungs-Jubilöums von Ks Franz Joseph statt – Gruppe der Winzer und Winzerinnen nach Entwurf Kokoschkas. Im Herbstentwirft er Fächer für die Wiener Werkstätte. Arbeit an der Dichtung „Der weiße Tiertöter“ und zugehörigen Zeichnungen.
1909 Arbeit an den Dichtungen „Groteske (später: Sphinx und Strohmann)“ sowie „Mörder, Hoffnung der Frauen“. Leitet den Abendkurs an der Kunstgewerbeschule und lässt nach sich bewegenden Modellen zeichnen.
Teilnahme an der „Internationalen Kunstschau“ (ab 1.6.): Kokoschka ist beeindruckt von Arbeiten von Georg Minne, Edvard Munch und Vincent van Gogh. Die Aufführung von „Mörder, Hoffnung der Frauen“ im Gartentheater der Kunstschau (4.7.) endet mit der Verhaftung Kokoschkas und seiner Entlassung aus dem Lehrbetrieb Ende des Sommersemesters. Kokoschka schließt sich eng an Adolf Loos an, malt Porträts von ihm und seinen Freunden.
1910 Reise mit Adolf Loos nach Leysin (Schweiz), wo sie Loos` Freundin, die Tänzerin Bessie Bruce, im Lungensanatorium in Les Avants besuchen und Kokoschka Porträts von Patienten macht. Malt im Jänner den Blick auf den Genfersee von Le Avants aus und nennt das Bild „Dent du Midi“, porträtiert den Naturforscher Auguste Forel sowie Bessie Bruce, Conte Verona, die Herzog und Herzogin von Montesquiou-Fezensac. Nach Rückkehr Bekanntschaft mit Herwarth Walden. Hält sich im März in Berlin auf, wohnt bei Walden, Mitarbeit an dessen Zeitschrift Der Sturm. Im Juni erste Einzelausstellung im „Salon“ von Paul Cassirer Berlin. Einzelausstellung im Folkwang-Museum in Hagen, Karl Ernst Osthaus (→ Museum Folkwang) kauft das Porträt der Herzogin von Montesquiou an – der erste Museumsankauf!
1911 im Jänner verlässt Kokoschka Berlin. Im Februar Teilnahme an der Frühjahrsausstellung des Hagenbundes in Wien. Arbeit am Bühnenstück „Der brennende Dornbusch“. Lehrt Zeichnen an der privaten Mädchenschule der Eugenie Schwarzwald, deren Ehemann Hermann er in diesem Jahr bereits porträtiert hatte, die Schulbehörde erzwingt jedoch seine Entlassung.
12.April 1912 bis Anfang 1915 erste Begegnung und leidenschaftliche Beziehung zu Alma Mahler, der Witwe von Gustav Mahler (1860-1911), die Kokoschka zeitweilig von Loos und seinen Freunden entfremdet.
1912 Im August Reise nach Mürren (Schweiz), wo er eine Alpenlandschaft und ein Porträt von Alma malt. Malt für sie Fächer. Schreibt, inspiriert durch einen Film, den „Weißen Tiertöter“ zu „Der gefesselte Kolumbus“ um. Reise zur Sonderbund-Ausstellung in Köln, an der er beteiligt ist. Alma Mahler erwartet ein Kind von ihm, lässt es nach der Rückkehr in Wien aber abtreiben. Kokoschka wird Assistent von Prof. Kenner an der Kunstgewerbeschule.
1913 Das Doppelporträt Oskar Kokoschka und Alma Mahler wird im März beendet und soll ihre Verlobung darstellen. Im März reisen beide nach Venedig, Neapel und Pompeij. Beginnt die Arbeit am Gemälde „Die Windsbraut“. Ende August bis Ende September Reise in die Dolomiten, wo das Landschaftsbild „Cima Tre Croci“ (Leopold Museum) entsteht.
1914 Häufig mit Alma Mahler am Semmering, malt dort über dem Kamin ein Fresko. Im Mai 1914 beendet Alma Mahler die zweite Schwangerschaft in einer Wiener Klinik. Im November freiwillige Meldung zum Kriegsdienst bei der Kavallerie.
1915 Im Jänner militärische Ausbildung in Wiener Neustadt. Ende Juni/Anfang Juli Alma Mahler trennt sich von Kokoschka und geht eine Beziehung mit dem Architekten Walter Gropius ein. Ab Mitte Juli im freiwilligen Fronteinsatz bei einem Dragonerregiment an der Ostfront in Galizien, um einem Arrest zu entgehen.
Ende August 1915 bei Luck in der westlichen Ukraine durch einen Kopfschuss und einen Bajonettstich in die Lunge verwundet, wird im Feldlazarett und in Brünn gerettet. Entwickelt dort erste Gedanken zum Drama „Orpheus und Eurydike“, in dem er seine Liebe zu Alma und das Ende der Beziehung in mythischen Bildern verarbeitet. Von 13.10.1915 bis Februar 1916 hält er sich in einem Wiener Militärspital im Palais Palffy auf. Wird für drei Monate für felduntauglich erklärt, danach erneute freiwillige Meldung zum Frontdienst.
Am 14.Juli 1916 wird Kokoschka Kriegsmaler und Verbindungsoffizier an der Isonzofront. Wird von einer Granate bei lebendigem Leib verschüttet und von einem Beobachter gerettet. Wird Ende August nach der Verschüttung durch eine nahe einschlagende Granate zum „Kriegszitterer“ (posttraumatische Belastungsstörung) und nach Wien in ein Militärlazarett gebracht. In der Folge als „kriegsuntauglich“ vom Militärdienst freigestellt.
Ab 9.9.1916 in Berlin, wo er einen Vertrag mit dem Galeristen Paul Cassirer abschließt, der ihn mit Unterbrechungen bis 1931 finanziell absichert. Hält sich im Sanatorium Weißer Hirsch in Dresden auf. Freundet sich mit Literaten und Schauspielern – darunter Käthe Richter, Ernst Deutsch, Walter Hasenclever, Ivar von Lücke – an.
1917 Kokoschka leidet an Gleichgewichtsstörungen in Folge der Verwundung. Arbeit am Drama und Lithografien „Hiob“ als erweiterter Fassung von „Sphinx und Strohmann“. Uraufführung seiner Dramen im Albert-Theater in Dresden. Reise nach Stockholm im September, wo er anlässlich des internationalen „Sozialistischen Friedenskongresses“ an der Ausstellung „Moderne österreichische Kunst“ teilnimmt und wo sein erstes Stadtbild, der Hafen von Stockholm, entsteht.
1918 verbringt das Jahr mit wenigen Unterbrechungen im Sanatorium von Dr. Teuscher auf dem „Weißen Hirsch“ bei Dresden. Kokoschka vollendet „Orpheus und Eurydice“. Im Juli Bekanntschaft mit der Puppenschneiderin Hermine Moos aus München, bestellt eine lebensgroße weibliche Puppe nach dem Vorbild von Alma Mahler. Erlebt die Novemberrevolution in Berlin mit, hat dort Einzelausstellung bei Cassirer mit 30 Bildern. Publikation der ersten Kokoschka-Monografie von Paul Westheim.
1919 Kokoschka ist unruhig und depressiv, fühlt sich fremd in Deutschland. Die Puppe entspricht nicht seinen Erwartungen. Im August erhält Oskar Kokoschka eine Professur für Malerei an der Dresdner Akademie. Malt die Elbe und die Brücken.
Ab Mitte Juni 1920 mehrmonatiger Aufenthalt in Wien, lässt sich von der Akademie beurlauben, kauft am Wiener Stadtrand ein Haus.
1921 zurück in Dresden.
1922 Teilnahme an der XIII. Biennale von Venedig im deutschen Pavillon mit eigenem Saal, gleichrangig mit Liebermann, Slevogt, Corinth vertreten. Trifft zufällig Alma Mahler in der Ausstellung, vermeidet aber eine zweite Begegnung.
1923 Freistellung von der Lehrtätigkeit für zwei Jahre, Tod des Vaters am 23.10.1923. Oskar Kokoschka bleibt bis zum Frühjahr 1924 in Wien.
1924 im April Reisen nach Venedig und Florenz; mit Sebastian Isepp nach Paris; neuerlicher Vertrag mit Cassirer für zwei Jahre.
1925 beginnt Oskar Kokoschkas intensive Reisezeit: Monte Carlo, Portugal, Spanien, Niederlande (Scheveningen, Den Haag), London, Amsterdam, Frankreich. Er malt zahlreiche Städte- und Landschaftsbilder (sog. Reisebilder).
1926 Am 7.1.1926 bringt sich Paul Cassirer um. Kokoschka fährt zu einer Besprechung mit dessen Nachfolgern Grete Ring und Walter Feilchenfeldt nach Berlin. Zweiter Aufenthalt in London, wo er fast sechs Monate bleibt. Er erhält auch die Erlaubnis außerhalb der Öffnungszeiten im Zoo zu malen.
1927 beschließt das Professorenkollegium in Dresden, anstelle von Oskar Kokoschka einen anderen Maler – Otto Dix – zu berufen, da der Vielgereiste nie vor Ort ist. Im Herbst Reisen nach Venedig, Courmayeur, Chamonix; Kokoschka malt den Mont Blanc. Im November und Dezember Aufenthalte in Annecy und Lyon.
1928 Über Marseille nach Nordafrika: Tunis, Sfax nach Tozeur, Algerien, Biskra, die Oase El Kantara, Touggourt, Marokko, Gibraltar zurück nach Sevilla und Madrid. Anfang Juni erneut in London, Reise nach Irland.
1929 Reise nach Ägypten und Palästina, im August nach Schottland.
1930 wird zum Mitglied der Preussischen Akademie der Künste in Berlin berufen. Im Frühjahr malt er in Nordafrika, im Sommer in Italien. Es beginnen Übergriffe der Nationalsoziallisten auf sog. Entartete Kunst, im Weimarer Schlossmuseum werden Werke Kokoschkas beschlagnahmt. Löst den Vertrag mit Cassirer, da diese sein Gehalt senken will. Befindet sich seit längerem wieder in Geldnöten.
Von Herbst 1931 bis Frühjahr 1933 in Wien.
1932 Teilnahme an der Biennale von Venedig, kann sich offenbar aus finanziellen Gründen den Besuch der Ausstellung nicht leisten.
1933 bis Mai in Paris. Kokoschka geht es gesundheitlich und finanziell schlecht. Im Sommer stirbt Adolf Loos. Wohnt ab Sommer bei seiner Mutter in Liebhartstal. Nimmt im Aufsatz „Totem und Tabu. Denkübungen eines Zynikers“ kritisch Stellung zum Kulturmythos der Nationalsozialisten.
1934 Tod der Mutter (4.7.), Kokoschka zieht am 25.11. nach Prag, wo seine Schwester lebt. Lernt seine spätere Frau Olda Palkovská kennen. Malte 15 Ansichten von Parg.
1935 porträtiert im Juni den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Thomas G. Massaryk wird Oskar Kokoschka tschechischer Staatsbürger
1936 nimmt als Mitglied der tschechischen Delegation am Friedenskongress in Brüssel teil und überlegt, in die USA auszuwandern. Beginnt das Drama „Comenius“ und malt Ferdinand Bloch-Bauer.
1937/38 wird er in Deutschland als entarteter Künstler diffamiert, 456 Werke werden aus den Museen entfernt und einige davon ab Juli auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt. In Wien findet im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (heute: MAK) anlässlich seines 50. Geburtstags eine Retrospektive statt, die Kokoschka jedoch nicht besucht. Kokoschkas Farblithografie „Helft den baskischen Kindern“ wird in Böhmen plakatiert.
Am 18.10.1938 Flucht nach London, mit Olda. Exil in England, Aufenthalte in Cornwall und Schottland
1939 beteiligt sich an zahlreichen Ausstellungen in London. Am 9.8. übersiedelt er gemeinsam mit Olda nach Polperro in Cornwall. Am 3.9. erklärt Großbritannien Deutschland den Krieg.
1940 Im Sommer wird die Südküste Englands zum militärischen Sperrgebiet. Rückkehr nach London, durch ihre tschechische Staatsbürgerschaft werden sie als „friendly aliens“ und nicht als „enemies“ behandelt.
Am 15.5.1941 Heirat mit Olda in einem Luftschutzkeller in London. Im Herbst in Schottland.
1942 Veröffentlich „Die Wahrheit ist unteilbar“. Hält Reden und publiziert Artikel.
1944 gründet den „Oskar Kokoschka Fund of War Orphans of All Nations United in Liberated Czechoslovakia“. Sommer und Herbst wieder in Schottland.
1945 „Das Wesen der österreichischen Kultur“ als Reaktion auf die Kriegsverwüstungen in Europa und die Vorrede zu Hans Tietzes „Abriss einer österreichischen Kunstgeschichte“ erscheinen. Die Ausstellung „Klimt, Schiele, Kokoschka“ in der Neuen Galerie in Wien zweigt 23 seiner Zeichnungen.
1946 zahlreiche Ehrungen aus Wien anlässlich seines 60. Geburtstags. Bürgermeister Körner bittet ihn in einem Telegramm, die Kunstgewerbeschule und das Erziehungswesen in Österreich zu reorganisieren.
1947 Oskar Kokoschka und seine Frau werden im Februar britische Staatsbürger. Bemüht sich, das enteignete Haus in Liebhartstal zurückzubekommen.
1947/49 Besuch in Wien. Es entsteht das Porträt von Theodor Körner. Internationale Anerkennung
1948 Hätte gerne Mahatma Gandhi gemalt, der wird jedoch am 30.1. ermordet. Sonderschau von 16 Werken Kokoschkas auf der XXIV. Biennale von Venedig. Im Sommer am Gardasee, in Tirol und in Florenz, Ende des Jahres über Wien nach London zurück.
1949 Zürich, Wien, Rom; im Juli Sommerkurs in Boston, Rückkehr nach London im November.
1950 Pläne zur Gründung einer internationalen Sommerschule für Kunst nahmen Gestalt an. Erste Ausstellung seiner Werke in Deutschland nach dem Krieg im Haus der Kunst in München. Malt in Frankfurt das Porträt des Bundespräsidenten Theodor Heuss, Rückkehr nach London.
1951 Ehrungen und Ausstellungen in Deutschland. Malt den Bürgermeister von Hamburg. Im Juli und August Reisen nach Österreich, Holland, Deutschland, Italien und in die Schweiz. Am 4.11.1951 kauft das Ehepaar das Grundstück in Villeneuve am Genfersee.
1952 Gastdozent an der School of Art in Minneapolis – erneut 1957.
1953 bis 1963 Leitung der Internationalen Sommerakademie Schule des Sehens in Salzburg. Im September Umzug nach Villeneuve.
1954 Führt mit Wilhelm Furtwängler Gespräch über Kostüme und Bühnenbild für die Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen 1955.
1955 "Die Zauberflöte" wird aufgeführt (Dirigat Solti). Oskar Kokoschka ist auf der ersten documenta (15.7.-18.9.1955) mit sieben Bildern vertreten. In Wallis gründet er eine zweite „Schule des Sehens“.
Ab 1956 Reisen nach Griechenland und Italien. In Bonn wird ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Anlässlich seines 70. Geburtstags erscheinen zahlreiche Publikationen. Erstes Werkverzeichnis von Hans Maria Wingler erscheint.
1958 größte Kokoschka-Retrospektive im Künstlerhaus Wien mit 682 Katalognummern.
1959 Kokoschka malt Ludwig Erhard, den deutschen Wirtschaftsminister.
1960 wird ihm gemeinsam mit Marc Chagall der Internationalen Erasmus-Preis in Kopenhagen zugesprochen. Die Universität Oxford verleiht ihm die Erhendoktorwürde.
1964 Teilnahme an der documenta, „Bekenntnis zu Hellas“ (26 Lithographien) und „Apulia“ (20 Lithographien) erscheinen.
1965 Reise nach Marokko. Den Rest des Jahres in Villeneuve und kurze Zeit in Hamburg.
1966 zum 80. Geburtstag zahlreiche Ausstellungen und Porträtaufträge, darunter den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer.
1970 Beginn der Autobiografie. Wird zum Ehrenmitglied der Royal Academy ernannt.
1971 Publikation der Autobiografie „Mein Leben“. Ausstellungen in München und Wien anlässlich seines 85. Geburtstags.
1973 vom 15.-22.März Reise nach Jerusalem, zeichnet die Porträt-Lithografie-Serie „Jerusalem Faces“; Ende April bis Mai in Süditalien.
1974 Kokoschka erkrankt an einem Augenleiden, das sein Sehvermögen stark beeinträchtigt. Vollendung des Bildes „Theseus und Antiope“, an dem er 16 Jahre gearbeitet hat. „Jerusalem Faces“ erscheint als Lithographiefolge. Verleihung der Ehrenstaatsbürgerschaft Österreichs durch Bruno Kreisky.
1975 Staroperation in Lausanne (28.1.). Publikation des Werkverzeichnisses der Druckgrafiken
Am 4. Jänner 1980 erleidet Kokoschka am späten Nachmittag einen Schlaganfall und am 22. Februar 1980 stirbt er im Alter von 94 Jahren im Krankenhaus von Montreux (Schweiz). Am 27.2. wird er auf dem Friedhof von Clarens bei Montreux beigesetzt.

Literatur für die Biografie

Heinz Spielmann: Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003. (Sicherlich die wichtigste Monografie zu OK)

Bernadette Reinhold, Patrick Werkner (Hg.): Oskar Kokoschka – ein Künstlerleben in Lichtbildern. Aus dem Oskar Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst Wien, Wien 2013.

Andreas Meier (Hg.): Oskar Kokoschka. Beziehungen zur Schweiz (Ausst.-Kat. Seedam Kulturzentrum, Pfäffikon 13.11.2005-5.2.2006), Wabern/Bern 2005.

Weitere Beiträge zu Oskar Koksochka

30. April 2014
Oskar Kokoschka. Humanist und Rebell, Cover des Ausstellungskatalogs Wolfsburg 2014, HIRMER.

Oskar Kokoschka. Humanist und Rebell Porträts von Mensch und Tier

Noch unter der Herausgeberschaft des jüngst verstorbenen Markus Brüderlin (1958-2014) legt das Kunstmuseum Wolfsburg einen Ausstellungskatalog zu „Oskar Kokoschka. Humanist und Rebell“ vor. Das Haus feiert mit dieser Schau sein 20jähriges Bestehen und beleuchtet in elf Kapiteln Leben und Werk des international gefeierten Expressionisten. Als Rebell der Vorkriegszeit etablierte sich Oskar Kokoschka in Österreich und Deutschland innerhalb der Avantgarde, um nach schwerer Verwundung im Ersten Weltkrieg eine Professur in Dresden anzutreten. Während der Mensch schon immer im Zentrum von Kokoschkas Werk stand, wurden die Kriegserlebnisse zum Auslöser einer besonders offensichtlichen, humanistischen Haltung in den folgenden Jahrzehnten. Kokoschkas Porträts von Mensch und Tier ist diese Schau gewidmet.
12. April 2008
Oskar Kokoschka, Das rote Ei, 1940/1941, Öl auf Leinwand © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2008 (Národní Galerie, Prag)

Oskar Kokoschka. Exil und neue Heimat (1934–1980) Flucht und politische Bilder

Dem „enfant terrible“, dem „Oberwildling“ der Wiener Kunstszene kurz nach 1900 widmet die Albertina eine umfassende Schau, die nicht die epochalen Neuerungen am Beginn seiner Karriere in den Mittelpunkt stellt, sondern das Werk seiner zweiten Lebenshälfte thematisiert. Unter dem Titel „Exil und neue Heimat“ wurden 167 Arbeiten, davon 90 Grafiken aus dem Bestand der Albertina, zusammengetragen, um die künstlerische Position eines der ganz Großen der europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts neu zu bewerten. Fernab der zeitgleichen Auseinandersetzung der internationalen Nachkriegsavantgarde mit den Möglichkeiten der Abstraktion, widmete sich Kokoschka Zeit seines Lebens der figurativen Malerei, dem Malen und Komponieren mit und von Licht per se.
  1. Ludwig Hevesi, Altkunst – Neukunst. Wien 1894-1908, Wien 1909, hg. von Otto Breicha, Wien 1986, S. 313: Der Kunstkritiker Ludwig Hevesi schrieb über den Beitrag Kokoschkas für die „Kunstschau“ 1908, dass es auch an einem „wilden Kabinett“ nicht fehlen würde und der „Oberwildling“ Kokoschka hieße.
  2. Oskar Kokoschka, Mein Leben, Wien 2008, S. 109.
  3. Herwarth Walden hieß eigentlich Georg Lewin und war einer der wichtigsten Unterstützer der Avantgarde der 1910er und 1920er Jahre. Die von ihm mit Unterstützung von Karl Kraus gegründete Zeitschrift „Der Sturm“ erschien von März 1910 bis 1932. Ab 1912 betrieb er auch die Sturm-Galerie, in der Oskar Kokoschka erste Kontakte zu wichtigen Berliner Sammlern und dem Galeristen Paul Cassirer knüpfen konnte. 1932 emigrierte Herwarth Walden gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau nach Moskau, um als KPD Mitglied dem NS-Terror zu entgehen. Die stalinistische Sowjetregierung misstraute jedoch dem Lehrer Walden, da er sich öffentlich zur Avantgarde-Kunst bekannte. Am 31. Oktober 1941 starb Walden in einem Gefängnis bei Saratow, in das er aufgrund seiner deutsch-jüdischen Wurzeln „als Staatsfeind“ eingeliefert worden war. Seine Frau und seine 1933 geborene Tochter Sina konnten sich in die deutsche Botschaft retten und fliehen. Siehe: Tobias G. Natter, Kokoschka und Wien (Begleitband zum Ausst.-Kat. Kokoschka und Dresden 18.12.1996–2.3.1997), Wien 1996, S. 40.
  4. Oskar Kokoschka, Mein Leben, Wien 2008, S. 113.
  5. Zit. nach Heinz Spielmann, Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003, S. 261.
  6. Zit. nach einer Abbildung der Katalogseite im Katalog: Tobias G. Natter, Franz Smola (Hg.): Kokoschka – Das Ich im Brennpunkt. Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Oskar Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst Wien, (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 4.10.2013–27.1.2014), Wien 2013, S. 173.
  7. Zit. nach ebenda, S. 186.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.