Clegg & Guttmann: Humiliation am Graben
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Clegg & Guttmann. Humiliation Installation am Graben in Wien

Clegg & Guttmann, Humiliation, Kunstplatz am Graben, Wien, I, 2012, Foto: Iris Ranzinger, 2012.

Clegg & Guttmann, Humiliation, Kunstplatz am Graben, Wien, I, 2012, Foto: Iris Ranzinger, 2012.

„Humiliation“ bedeutet auf Deutsch Demütigung, Erniedrigung und Beschämung. Die gleichnamige Skulptur von Clegg & Guttmann am Kunstplatz Graben im 1. Wiener Gemeindebezirk offenbart ihre Bedeutung jedoch nicht auf den ersten Blick.

Das Objekt besteht aus drei Teilen, die zusammengefügt eine schwierig zu entschlüsselnde Form ergeben. Der untere Teil erinnert an einen Käfig, dann etwas, das einem Fass ähnlich sieht und mit einem Zahnrad abgeschlossen zu sein scheint, darüber eine metallene Hackenvorrichtung. Das Künstlerduo ließ sich zu dieser eigentümlichen Form durch Erniedrigungsinstrumente inspirieren, war der Graben doch bis ins 18. Jahrhundert hinein Ort für öffentliche Hinrichtungen und Folterungen. Weniger lebensbedrohliche aber sozial folgenreichere Strafen waren, das öffentliche Inhaftieren im Schandkorb sowie das Tragen eines Schandmantels (sah wie ein Fass aus) oder einer Schandflöte (ein flötenartiges Instrument, in das die Finger eingespannt wurden).

Clegg & Guttmann setzen sich in ihrem multimedialen Arbeiten immer wieder mit Strategien der Macht auseinander. So fotografierten sie in den 80er- und 90er-Jahren beispielsweise Freunde und Verwandte in Pose und feinem Nadelstreif als wichtige Vertreter ganzer Branchen oder experimentierten in Auftragsporträts mit den Grenzen des Genres, bis ihre Aufnahmen zurückgewiesen wurden. In ihren „Knowledge Sculptures“ transportieren Bücherregale in Form der Möbius-Schleife oder als Renaissance-Studiolo verschiedene Aspekte der Wissensspeicher (→ Clegg & Guttmann. Portraits and Other Cognitive Exercises). Genauso verhält es sich auch mit „Humiliation“! Als Objekt führt es verschiedene Arten der Bestrafung und sozialen Ächtung zusammen, um sie dem Vergessen zu entreißen. Wenn sich auch diese frühere Nutzung des Grabens nicht in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, so erinnert Clegg & Guttmanns ortsbezogenes Kunstwerk an der teuersten Wiener Einkaufsmeile an eine grausame Vergangenheit, in der Vergehen mit öffentlicher Demütigung geahndet wurden.

MICHAEL CLEGG, geb. 1957, und MARTIN GUTTMANN, geb. 1957, leben und arbeiten in New York, Berlin und Wien.

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.