Wer ist Richard Prince?
Richard Prince (*6.8.1949, Panamakanalzone) ist ein zeitgenössischer Künstler, der seit den späten 1960er Jahren mit dem Medium Fotografie, jüngst auch ergänzt um Malerei und Skulptur, arbeitet. Prince gilt als einer der bedeutendsten und radikalsten Vertreter der Appropriation-Art. Seit den späten 1970er Jahren eignet er sich Bilder aus Werbung, Sub- und Populärkultur an und befragt dabei provokant und humorvoll die visuellen Kommunikationscodes einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft. Zusätzliche Fragen nach Autorenschaft, Originalität und der Produktion von Bildbedeutung durchziehen sein gesamtes Werk. Prince ist zugleich ein zentraler Vertreter der Pictures Generation – jener heterogenen Gruppe US-amerikanischer Künstler:innen der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, die sich intensiv mit Medienbildern und Konsumkultur auseinandersetzten.
Kindheit & frühe Jahre in der Kanalzone
Richard Prince wurde am 6. August 1949 in der US-amerikanischen Panamakanalzone geboren, einem Ort, der administrativ und kulturell zwischen den USA und Mittelamerika schwebte – eine Art Nicht-Ort, der keine eindeutige Herkunft erlaubte.
Über seine frühe Biografie und Ausbildung ist wenig bekannt; Prince hat immer wieder dazu beigetragen, die Grenzen zwischen autobiografischer Tatsache und Fiktion zu verwischen. Bereits in frühen Texten – etwa den 1976 in der Zeitschrift „Tracks“ veröffentlichten „Eleven Conversations“, vorgeblich basierend auf Elvis-Presley-Zitaten von Kaugummiverpackungen – tritt Prince als unzuverlässiger Erzähler auf, der durch einen Wechsel zwischen erster und dritter Person Fakt und Fiktion kunstvoll verschmelzen lässt.1
Werke
Frühwerk und frühe Collagen (bis 1977)
„Ich habe Bilder gemalt und Collagen gemacht und dabei habe ich mich sehr langsam dem Problem der Repräsentation genähert. Es passierte eher zufällig. Ich hatte angefangen, meine Collagen zu photographieren und auf einmal fiel mir auf, daß mir die Photos besser gefielen als die Collagen selbst. Und das hat mir zu denken gegeben. Ich begriff, daß Photographie im Gegensatz zum gemalten Bild oder zur Collage eine bestimmte Wahrheit beinhaltet. Man glaubt den Photos einfach.“2 (Richard Prince, 1994)
Das Frühwerk des Künstlers, das von den späten 1960ern bis ins Jahr 1977 dauerte, ist stark durch traditionelle Collagetechniken geprägt. Prince montierte selbst aufgenommene Fotografien auf Papier und kombinierte sie mit Zeichnungen, Texten und Übermalungen. In einer Reihe früher Foto-Text-Collagen hinterfrug er die dokumentarische Evidenz der Fotografie und erprobte zentrale Strategien, die sein späteres Werk prägten: Es finden sich interessante Bild-Text-Kombinationen, die sich gegenseitig ergänzen, erläutern oder widersprechen; serielle Anordnungen, die zeitliche Prozesse darstellen; die Destabilisierung kohärenter Bedeutung durch disparate Teile.3
Während seiner Tätigkeit in der sogenannten „Schnippeldienstabteilung“ des Verlags Time-Life, Inc. in den späten 1970er Jahren schnitt Prince für Redakteure Artikel aus Zeitschriften heraus. Was auf den Seiten zurückblieb, waren anonyme Werbeanzeigen – deren visuelle Kraft faszinierte ihn nachhaltig. Er begann, sie mit einer Kamera abzufotografieren:
„Ich wollte nichts mit Collage zu tun haben. Ich wollte keine sichtbaren Nähte, kein zerschnittenes Papier, kein Kleben, keinen Bleistift.“4
Die Fotokamera wurde so zur „elektronischen Schere“ – einem intellektuellen Instrument, das eine nahtlose Angleichung an die Vorlage erlaubte, während es deren Fiktion steigerte. 5
People Looking & erste Appropriationen (1977–1983)
Ab 1977 entstehen die ersten appropriierten Fotografien von Richard Prince: Er refotografiert Werbeanzeigen für Wohnzimmereinrichtungen („Untitled (Living Rooms)“, 1977), Modezubehör, Uhren und Models und stellt sie in Gruppen von mindestens drei, meist vier Einzelbildern zusammen. Das strukturierende Prinzip ist die differente Wiederholung: Dasselbe Produkt oder dieselbe Pose erscheint in leicht abweichenden Versionen, wodurch das massenmediale Ursprungsmaterial in einen neuen, autonomen Bildraum überführt wird.
Diese Praxis speist sich aus filmischen Verfahren: In seinem frühen unveröffentlichten Text „Instructions for Filming“ (1977) beschreibt Prince das Betonen der Pose und der Geste als zentral. Bildgruppen wie „Untitled (Three Women Looking in the Same Direction)“ (1980) oder „Untitled (Four Women with Hats)“ (1980) erzeugen durch die serielle Anordnung von Blickrichtungen eine filmische Montagestruktur, in der der Raum außerhalb des Bildes – der „Off-Raum“ – zum integralen Teil wird.6
Prince verändert seine Vorlagen durch gezielte Eingriffe: Er variiert den Bildausschnitt, entfernt Werbetexte und Logos, modifiziert Farbigkeit (indem er etwa Schwarz-Weiß-Bilder mit Farbfilm oder Farbbilder mit Schwarz-Weiß-Film ablichtet) und montiert Farbfolien auf das Ausgangsmaterial, bevor er es neu abfotografiert (siehe: „Sunsets“, 1981/82; „Entertainers“, 1982/83).7
Cowboys (ab 1980)
Mit der Serie „Cowboys“ (ab 1980, weiterentwickelt bis 2016) beginnt Prince, Werbefotografien des ikonischen Marlboro-Cowboys zu refotografieren und in großformatige Einzelwerke zu überführen. Die verführerische Fiktion des archetypischen amerikanischen Mythos – Weite, Männlichkeit, Freiheit – wird durch die Herauslösung aus dem Werbekontext sichtbar gemacht, ohne dabei vollständig dekonstruiert zu werden. Vielmehr steigert Prince die Kraft dieser Bilder:
„Jeder Dummkopf kann mit Cowboyhut gut aussehen.“8 (Annie Proulx über Prince)
Die Cowboys markieren auch einen Wendepunkt in Princes öffentlicher Rezeption. Genau in dem Moment, als er die Figur in den Kunstkontext überführte, erreichte die öffentliche Diskussion über die an Krebs erkrankten Werbedarsteller ihren Höhepunkt – was die Arbeiten unwillkürlich mit einer anderen Bedeutungsebene auflud.9
Spiritual America (1983)
Im September 1983 eröffnete Richard Prince in der New Yorker Lower East Side eine ungewöhnliche Galerie, die er schlicht „Spiritual America“ nannte und die nur ein einziges Werk zeigte: eine Aktfotografie der damals zehnjährigen Brooke Shields, von Garry Gross für eine Playboy-Press-Publikation aufgenommen, von Prince appropriiert und mit einem Goldrahmen versehen. Das Werk entstand, nachdem Prince in der New York Post von einem Rechtsstreit um das Bild erfahren hatte, ohne es je gesehen zu haben – erst durch eine Freundin, die für eine Fotoagentur arbeitete, konnte er eine Ausgabe des Heftes kurz ausleihen.10
„Spiritual America“ wurde zu einem der umstrittensten Werke der Kunstgeschichte. Prince provoziert bewusst nichtästhetische Reaktionen: Indem er ausschließlich dieses eine Bild zeigte, wurden die Besucher:innen in eine kompromittierende Lage gebracht. Das Werk wurde mehrfach zensiert – durch Polizeibehörden 2007 in der Tate Modern, auf Instagram 2014 und nach Mitarbeiter:innenprotesten im Kunstmuseum Winterthur 2024. 2005 schuf Prince eine Fortsetzung: „Spiritual America 4“, für die er mit dem Fotografen Sante D'Orazio zusammenarbeitete und Brooke Shields – nun vierzigjährig – in fast identischer Pose neu fotografieren ließ.11
Gangs (ab 1984)
Abgeleitet von der fotografischen Dunkelkammertechnik des „Gangings“ – bei der mehrere Negative auf einem einzigen Internegativ kombiniert werden –, vereint Prince in seinen „Gangs“ neun bis zwölf Bilder in einem gemeinsamen Bildrahmen. Die angeeigneten Motive stammen nun nicht mehr ausschließlich aus der Werbung, sondern aus einem breiten Spektrum von Sub- und Populärkultur: „Waves, Falls, & Bikini“ (1987), „Men's Torsos“ (1987/88), „Bangs, Waves, Palms“ (1987), „Untitled (War)“ (1986).12
Die „Gangs“ potenzieren die semantischen Verschiebungen der frühen Appropriationen: Bedeutung entsteht nicht mehr allein zwischen Vorbild und Aneignung, sondern ebenso durch das relationale Nebeneinander der Bilder. Prince selbst beschreibt das Prinzip in filmischen Begriffen:
„Es ist wie bei einem Filmregisseur: Man bewegt sich um das Bild herum und filmt einen Teil davon oder das gesamte Bild.“13
Girlfriends (1987–2012)
Die Serie „Girlfriends“ (1987–2012) besteht aus Amateuraufnahmen, auf denen Frauen in sexuell aufgeladener Selbstdarstellung für ihre (mutmaßlich männlichen) Partner posieren – Fotos, die diese wiederum Biker-Magazinen zur Verfügung stellten. Prince fotografierte diese Bilder ab und überführte sie in den Kunstkontext. Die in der Serie angelegte Ambivalenz zwischen möglicher Selbstermächtigung und der Unterwerfung unter den Blick der Partner und Fotografen löst Prince bewusst nicht auf.14
Nurses (ab 2002) & Tiffany Paintings (ab 2005)
Ausgehend von den Covern von Taschenbuch-Liebesromanen der 1950er und 1960erJahre druckte Prince im Siebdruckverfahren Reproduktionen der „kecken Krankenschwester“ auf großformatige Leinwände, die er dann mit pastosen, farbigen Pinselstrichen überarbeitete.
Die „Tiffany Paintings“ (ab 2005) hingegen basieren auf dem Format der aufgeschlagenen Zeitungsdoppelseite der New York Times: Prince kombinierte Seiten mit Nachrufen und politischen Berichten mit der täglichen Tiffany & Co.-Anzeige, die er unverrückbar oben rechts platzierte, während er den redaktionellen Inhalt weitgehend durch Malerei verdeckte.15
Upstate (1995–1999)
Die Serie „Untitled (Upstate)“ (1995–1999) besteht aus Fotografien, die sowohl anderen Quellen entnommen als auch von Prince selbst in seinem Lebensumfeld in Upstate New York aufgenommen wurden. Ein Basketballkorb auf einem überwucherten Feld, ein herbstlicher Waldweg, verlassene Baumhäuser, Bremsspuren auf der Landstraße – auch diese scheinbar dokumentarischen Motive „posieren“ für die Kamera, vergleichbar einem Bundesstaat, der sich für einen Screentest in Szene wirft.16
New Portraits (ab 2014)
Mit der Serie „New Portraits“ (ab 2014, erstmals in der Gagosian Gallery New York präsentiert) eignet sich Prince Screenshots von Instagram-Posts an – vorwiegend von Influencer:innen und Models – und überführt sie, auf Großformat vergrößert, in den Galerie- und Museumsraum. Sein Eingriff liegt weniger in der formalen Bearbeitung als in der Vergrößerung, Hervorhebung und – besonders provokativ – in Kommentaren, die er unter Nicknamen wie „richardprince1234“ unter die Posts setzte. Diese Praxis rief heftige rechtliche Reaktionen hervor: Im Januar 2024 wurde Prince zu 900.000 US-Dollar Schadenersatz an zwei professionelle Fotografen verurteilt.17
Bedeutung & Einordnung
Richard Prince zählt zu den zentralen Figuren der Appropriation-Art und der Pictures Generation, deren Kanonisierung spätestens 2009 mit Douglas Eklunds gleichnamiger Ausstellung am Metropolitan Museum of Art vollzogen wurde. Sein Werk bewegt sich im Spannungsfeld von Original und Reproduktion, Affirmation und Kritik, Voyeurismus und Bildanalyse. Prince selbst betont stets die Priorität der Fiktion vor einer eindeutigen Ideologiekritik:
„Ich interessiere mich dafür, dass Fiktion wahr wird.“18 (Richard Prince)
Literatur zur Richard Prince
- Richard Prince. Fotografie: Fiction Becoming True", hrsg. von Walter Moser (Ausst.-Kat. Albertina Wien) München 2026.
- »In the Picture: Jeff Rian in conversation with Richard Prince«, in: Rosetta Brooks, Jeff Rian und Luc Sante, Richard Prince, London und New York 2003, S. 7–34.
- »Der Hausmann. Ein Interview mit Richard Prince von Isabelle Graw«, in: Texte zur Kunst, 46, Juni 2002, S. 44–60.
- Richard Prince: Photographien / Photographs 1977–1993, hrsg. von Carl Haenlein (Ausst.-Kat. Kestner Gesellschaft, Hannover) Hannover 1994.
- »Interview mit Richard Prince«, in: David Robbins, The Camera Believes Everything, Stuttgart 1988, S. 34–53.



