Rudolf von Alt, Der Stephansdom in Wien (klein)
Rudolf von Alt (1812–1905) zählt zu den profiliertesten Aquarellisten und Landschaftsmalern des 19. Jahrhunderts in Österreich. „Der Stephansdom in Wien“ ist eines seiner bekanntesten Motive, und der Stephansdom das von ihm am meisten verwendete Motiv. Nach eigener Aussage hatte er ihn im Laufe seines langen Lebens etwa hundertmal gezeichnet oder gemalt.1
Rudolf von Alt war der Sohn des Vedutenmalers Jakob Alt (1789–1872) und wurde schon vor seinem Akademiestudium von seinem Vater in der Aquarellmalerei ausgebildet. Auch sein Bruder Franz (1821–1914) waren als Zeichner und Maler tätig. Die Söhne erhielten ihren ersten Unterricht zu Hause, wobei das zeichnerische Talent von Rudolf das des Bruders bald in den Schatten stellen sollte. Das Studium an der Akademie von 1825 bis 1831, zunächst bei Karl Gsellhofer (1779–1858), dann bei Josef Rebell (1787–1828) und Josef Mössmer (1780–1845), brachte ihm den letzten Schliff.
Mit 19 Jahren wandte sich Rudolf Alt erstmals Motiven aus Wien zu. 1831, als dieses Aquarell entstand, bewarb sich der Landschaftsmaler für zwei Preise der Akademie, von denen er den Grundel’schen Preis auch gewann. Neben dem Preisgeld von acht Silbertalern war die Befreiung vom Militärdienst ein wichtiges Anliegen für den aufstrebenden Künstler. In den folgenden Jahren arbeitete er gemeinsam mit seinem Vater an Vedutenserien sowie den Guckkastenbildern für den Thronfolger Erzherzog Ferdinand. Dafür bereisten sie die österreichischen Erblande, allen voran aber das Salzkammergut, die Alpenregion, Italien, Böhmen und Mähren.
Das Aquarell „Der Stephansdom in Wien“ entstand im Zusammenhang mit der zwölfteiligen lithografierten Bilderserie „Wiens Plätze und Umgebungen nach der Natur gezeichnet“, die 1832 von den beiden Alt herausgegeben wurde. Das Hauptblatt dieser Sammlung war eine Darstellung des Stephansdoms, wie er sich vom Stock-im-Eisen-Platz aus präsentierte. Vater und Sohn etablierten Anfang der 1830er Jahre eine fruchtbare Zusammenarbeit, wobei Rudolf von Alt die Vorlagen zeichnete und der Vater diese lithografierte. „Der Stephansdom in Wien“ ist ein frühes Hauptwerk Rudolf von Alts und zeigt erstmals das berühmte Motiv. Er stellt sich der romanisch-gotischen Kathedrale mit ihrer komplexen Architektur und nimmt sie vom Stock-im-Eisen-Platz bzw. Graben in Angriff. Vor allem der mächtige, gotische Südturm erstreckt sich über die gesamte Höhe des Blattes, während das romanische Riesentor nur schräg angeschnitten ist. Maria Luisa Sternath, ehem. Chefkuratorin der Albertina, vermutet, dass es sich hierbei um eines der ersten sogenannten Guckkastenbilder für den damaligen Kronprinzen Ferdinand handeln könnte.2 Interessant an dieser Ansicht ist vor allem die Perspektive, mithilfe derer Rudolf von Alt die beengte Situation auf dem Platz vor dem gotischen Dom vergrößerte.3 So ist der Kirchenbau von einem tief liegenden Blickpunkt aus wiedergegeben und nur vom Himmel hinterfangen, was die solitäre Funktion als Wahrzeichen und Zentrum der Stadt Wien durchaus betont. Diese Perspektive etablierte sich in den 1830er Jahren als die markante Ansicht – sowohl in der Malerei als auch auf Biedermeier-Gläsern.
Kurz darauf übertrug Alt diese Ansicht in ein Ölgemälde, wofür er den Dom noch näher an den Bildrand heranrückte und dessen Präsenz damit ein weiteres Mal steigerte. Das sogenannte Lanzansky-Haus rechts und das Gebäude mit den Markisen links stabilisieren dabei die Komposition, die bunten Staffagefiguren beleben die Szene und veranschaulichen das städtische Treiben rund um den Dom. Zugleich handelt es sich dabei um das erste Ölgemälde überhaupt, auf dem der 1792 auf Veranlassung von Kaiser Franz II. (I.) planierte Stephansplatz zu sehen ist. Rudolf von Alt präsentierte dieses Bild 1832 in der Akademie-Ausstellung,4 wo es für die kaiserliche Gemäldegalerie erworben wurde.
Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entdeckten Wiener Maler rund um Johann Christian Brand die Umgebung von Wien. Doch erst das Biedermeier – und hier führend Rudolf von Alt – machte aus dem Stephansdom den zentralen Identifikationsort für die Stadt. Rudolf von Alt trug mit diesem Bild vom solitär am Stephansplatz stehenden, alles überragenden Bau nicht unwesentlich zur Festschreibung eines charakteristischen Wienbildes bei. Der Dom wurde in der Bevölkerung nicht nur als Denkmal für die als Bauherren auftretenden Monarchen empfunden, sondern stand als Hauptpfarrkirche im Zentrum der bürgerlichen Stadt.5