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Carl Spitzweg Leben und Werk

Carl Spitzweg, Der strickende Wachposten, Detail, 1855, Öl auf Leinwand, 21,6 x 39,2 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. 2286)

Carl Spitzweg, Der strickende Wachposten, Detail, 1855, Öl auf Leinwand, 21,6 x 39,2 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. 2286)

Carl Spitzweg (1808–1885) begann erst nach Abschluss seines Pharmaziestudiums sich intensiv mit Malerei zu beschäftigen. Das seit 1836 entstandene Werk umfasst etwa 1700 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Entwürfe für humoristische Blätter. Berühmt ist Spitzwegs „Der arme Poet“, dessen Protagonist als Synonym für den romantischen Künstler in die Geschichte einging. Der Biedermann, der Mönch, der Soldat, der Gelehrte, das hübsche Mädel und seine Mutter – alle (spät-)biedermeierlichen Figuren – bekommen in Spitzwegs Werk ihr Fett weg. Der zeitlebens unverheiratete Künstler aus München reiste unentwegt und fand in Bayern, dem Voralpengebiet und in Werken der Alten Meister Motive wie Inspirationen. Die kleinformatigen Gemälde, die Carl Spitzweg oft auf Deckel von Zigarrenkisten malte, verkauften sich bestens. Kritikererfolg auf der Pariser Weltausstellung von 1867 und der I. Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast 1869 festigten den Ruf des Münchner Malers als einen führenden Chronisten und Gesellschaftsanalytiker seiner Zeit: Seine malerischen Kleinstädte ohne Spuren der Modernität, seine lichtdurchflossenen Landschaften mit wenig Figurenstaffage, die ruhigen, biedermeierlichen Interieurs oder seine augenzwinkernden Analysen menschlichen Versagens versprühen einen Hauch Nostalgie – und gemahnen, dass die „gute alte Zeit“ eben auch nur eine Utopie war. Heute zählt Carl Spitzweg zu den führenden deutschen Künstlern des 19. Jahrhunderts und zu den bekanntesten der Münchner Malerschule.

Carl Spitzweg – Erwin Wurm

Österreich / Wien: Leopold Museum
25.3. – 19.6.2017

Entscheidung für die Kunst

Franz Carl Spitzweg wurde als zweiter Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Simon Spitzweg in München geboren. Dass Carl Spitzweg sich anfangs der Pharmazie zuwandte, war dem Wunsch seines Vaters geschuldet. Bis 1829 ging er in die Lehre, danach studierte er Pharmazie mit den Fächern Toxikologie, Biologie, Botanik, Geologie und andere Naturwissenschaften an der Universität München und schloss das Studium 1832 mit Auszeichnung ab. Der wirtschaftlich unabhängige Spitzweg wandte sich – erst nach einer schweren Typhuserkrankung 1833 – gänzlich der Malerei zu. Während seiner Genesung lernte er den Hamburger Maler Christian Heinrich Hansonn (1790–1863) kennen, danach trat Spitzweg eine zweite Italien-Reise an, die ihn nach Venedig, Florenz, Rom und Neapel führte. Ein Jahr später bewegte er sich bereits in Künstlerkreisen in München und hatte sich entschlossen, Maler zu werden. Zu seinen wichtigsten Künstlerfreunden zählten Eduard Schleich der Ältere (1812–1874), Christian Morgenstern, Dietrich Langko und Friedrich Voltz, sowie der Landschaftsmaler Heinrich Bürkel (1802–1869). Einige Jahre später lernte er auch Moritz von Schwind (1804–1871) und Eduard Grützner (1846–1925) kennen.

 

„Seit der Zeit nun hab ich die Pharmazie totaliter an den Nagel gehängt, aber bin deswegen nicht das geworden, was Du zu glauben scheinst, nach der Schilderung Deines Privatlebens wenigstens, sondern ich war die Zeit über vielleicht so wenig müßig, als wenn ich in der Apotheke gewesen wäre. Ich wählte einen andern Stand oder vielmehr eine andere Beschäftigung und hieß Dich raten. – warum ratst denn nicht? - “1 (Carl Spitzweg in einem Brief an seinen Bruder Eduard)

 

Die frühesten Werke Spitzwegs können in die 1820er Jahre datiert werden, als er beispielsweise seine Großmutter porträtierte. Ab 1836 entstanden die ersten Gemälde des Autodidakten, der die traditionelle Ausbildung (Zeichnen nach Gipsvorlagen, Einschränkung auf religiöse, mythologische und historische Themen, unterrepräsentierte Landschaftsmalerei) an der renommierten Münchner Akademie schlichtweg ablehnte. Einer der wichtigsten Künstlerfreunde der folgenden Jahre, Eduard Schleich der Ältere (1812–1874), lehrte ihn die Landschaftsmalerei. Zudem begleitete Schleich Carl Spitzweg auf vielen Kunstreisen zwischen Oberitalien, Wien, Prag (1849), Belgien, Paris und der Weltausstellung nach London (1851). Zeit seines Lebens lebte der unverheiratete, naturwissenschaftlich interessierte Carl Spitzweg in München, Heumarkt 3, und malte kleinformatige Genrebilder voll versteckter Gesellschaftskritik.

 

Der arme Poet (1837–1839)

Bereits mit einem seiner frühesten Bilder schuf Carl Spitzweg seine berühmteste Komposition: „Der arme Poet“ zeigt einen Schriftsteller, der auf einigen Matratzen in der Ecke einer karg eingerichteten Dachkammer liegt und schreibt. Das Interieur lässt auf Armut schließen, ein Regenschirm soll den Poeten vor einbrechendem Wasser schützen. Der Blick aus dem Fenster zeigt ein winterlich verschneites Dach, und dennoch hat der Schreiber kein Feuer angemacht. Der Kälte trotzt er, indem er sich in seine Laken hüllt, oder seine Schriften verbrennt. Anstelle eines hehren Künstlergenies präsentierte Spitzweg eine bemitleidenswerte Figur. So wie man sich einen Bohémien vorstellt: antibürgerlich, arm, aber inspiriert. Inspirationsquellen könnten literarische Vorlagen wie August von Kotzebue (1761–1819) und August Friedrich Langbein (1757–1835) oder englische bzw. französische Genrebilder und Satiren gewesen sein – wie von William Turner, Honorée Daumier, Tommaso Minardis „Selbstbildnis“ (1803). Stilistisch ist das Frühwerk noch ganz von der Linie und Form her gedacht, um der anekdotenreichen Bilderzählung und allen Details volle Aufmerksamkeit zu gewähren.

 

 

In diesem Werk zeigt Carl Spitzweg bereits jene Ingredienzien, die sein Schaffen auszeichnen: Ein skurriler Sonderling, abgeschottet von der Welt, widmet sich seiner Passion – in diesem Fall dem Schreiben von Gedichten. Er liegt mit Schlafmütze und Gehrock bekleidet auf seinen Matratzen, die rund um seine Liegestatt aufgestapelten Bücher, sein angehäuftes Wissen befreien ihn jedoch nicht aus seiner finanziell prekären Lage. Dennoch lässt sich der arme Poet nicht von seiner Lebensführung abbringen. Weder familiäre Bindungen noch Einkommen können ihn von seiner Muse weglocken. Die viel diskutierte Geste des Schreibers (Skandieren eines Verses oder doch Zerdrücken eines Flohs?) ist zweifellos doppeldeutig. Erst nach langer Betrachtung des Gemäldes und ein gerütteltes Maß an Einfühlung zeigt sich Spitzwegs Sozialkritik. Ob der arme Poet auch als Anti-Revolutionär gemeint war, lässt sich nur vermuten. Die Zipfelmütze könnte auf die Figur des sogenannten „deutschen Michel“ verweisen, dessen Schlafmütze im Vormärz die Verschlafenheit ihres Trägers und dessen Rückzug in die eigenen vier Wände symbolisiert – gleichzeitig aber auch als politisches Symbol für die deutsche Einheit verstanden wurde!

Als Carl Spitzweg das gerade fertiggestellte Bild „Der arme Poet“ auf der Ausstellung des Münchner Kunstvereins der Öffentlichkeit vorstellen wollte, erntete er dafür harsche Kritik und Ablehnung seines Werks. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen der idealisierten Tätigkeit des Schreibens und den Lebensverhältnissen des Schreibers wurde von den meisten Kritikern rundweg abgelehnt. Bereits in seinem Erstlingswerk arbeitete Spitzweg mit der Verdichtung von Beobachtungen sowie ironischen Kommentaren auf seine Umwelt. Von dem Gemälde „Der arme Poet“ gibt es vier Versionen: eine Ölstudie2 und ein ausgeführtes Gemälde3 aus dem Jahr 1837, zudem zwei weitere nahezu identische Versionen des „Armen Poeten“ von 1839. Eine der späten Fassungen von „Der arme Poet“ befindet sich seit 1887 in der Münchner Neuen Pinakothek, ein Neffe des Malers hatte das Gemälde dem Museum geschenkt. Die zweite Fassung war ehemals in Besitz der Neuen Nationalgalerie in Berlin und wurde am 4. September 1989 aus der Ausstellung „Kunst des Biedermeier“ in Schloss Scharlottenburg gestohlen und gilt seither als vermisst.

 

Dichter und Illustrator

Während der 1830er und 1840er Jahre arbeitete Carl Spitzweg als Dichter und Illustrator für verschiedene humoristische Blätter, darunter die bekannten „Fliegenden Blätter“ in München. Der vorsichtige Jungkünstler hatte 1836, nachdem sein Vater verstorben und ein großzügiges Erbe ausgezahlt worden war, mit sich selbst eine Art Vertrag ausgehandelt: Er würde für 15 Jahre als Maler arbeiten. Mit 40 Jahren, im Jahr 1848, wollte er Bilanz ziehen und dann entscheiden, ob er weiterhin als Künstler arbeiten wollte. Vielleicht war es diese Vorsicht, die den umseitig begabten Spitzweg zur Mitarbeit an Magazinen reizte, vielleicht war es aber auch seine Begabung, seine Mitmenschen zu beobachten, deren Verhalten zu analysieren und daraus köstliche Szenen voller Witz und Humor zu destillieren.

Wie Moriz von Schwind und Wilhelm Busch arbeitete Carl Spitzweg für die „Fliegenden Blätter“. Der Drucker Caspar Braun gab gemeinsam mit dem Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Schneider ab November 1844 wöchentlich die Satirezeitschrift „Die Fliegenden Blätter“ heraus. Trotz Pressezensur wurden aktuelle politische Fragen aufgeworfen, aber auch das deutsche Bürgertum treffsicher charakterisiert. Ziel des Spotts war vor allem der deutsche Bildungsbürger in Gestalt von „Weilland Gottlieb Biedermaier“. Der Jurist Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul erfanden mit ihm eine Figur, deren Familienname ab 1900 zum Synonym für die gesamte Epoche zwischen Wiener Kongress und der Revolution von 1848 wurde. In Weilland Gottlieb Biedermaiers Ansichten und Werten kulminiert die zeitgenössische Kritik an der Gesellschaft: Er ist ein naiv denkender, genügsamer, nur halbgebildeter und daher Autoritäten und Ordnung verehrender Mann.

Carl Spitzweg zeichnete und schrieb zwischen 1848 und 1852 pointierte Glossen für das Blatt, in denen er die Gesellschaft und ihre Skurrilität thematisierte. Auch er schaute dafür den Menschen in seiner Umgebung auch genau aufs Maul. Charakterisierungen von Kritiklosen und Unterwürfigen, von Typen in ihren gesellschaftlichen Rollen sind Spitzwegs Spezialität. Unter dem Titel „Spießbürger und Käuze zum Lachen“ wurden seine Wort-Bild-Witze posthum als Buch herausgegeben.

 

 

Der Bücherwurm

Sonderlinge und Exzentriker gehören zum Repertoire des Spitzweg’schen Œuvres. Einer der beliebtesten ist „Der Bücherwurm“, den Carl Spitzweg in drei Fassungen ins Bild setzte. Der weißhaarige Bibliothekar, wie ihn der Maler selbst nannte, ist auf seiner Büchertreppe ins Lesen versunken. Er steht vor einer dicht gefüllten Bücherwand, die Sonne scheint auf seinen Rücken. Er hält sich einen großen Folianten dicht vors Gesicht, ein weiteres Buch in der anderen Hand aufgeschlagen, ein drittes unter den Arm geklemmt, noch ein viertes zwischen den Knien. Kleidung des „Bücherwurms“ und Bibliothek stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dem Ancien Régime. Dass er sich gerade vor der Abteilung „Metaphysik“ und über einem Himmelsglobus (links unten) ins Lesen vertieft hat, dass gleichzeitig ein Sonnenstrahl den Träger veralteter Kniebundhosen (franz. „culottes“) von hinten „erleuchtet“, gehört zur dichten Erzählung Spitzwegs. Die Aufklärung hat den Anhänger alter Theorien zu allgemeinen Weltprinzipien wohl noch nicht erleuchtet. Er versucht noch möglichst viel aus Büchern zu erfahren, während Immanuel Kant bereits in seiner Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung?“ 1784 bereits postulierte, dass der aufgeklärte Mensch in „Religionsdingen“ seinen eigenen Verstand nutzen sollte, um „seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu entfliehen.

Gelehrte und Sonderlinge

Ob Naturwissenschaftler – Schmetterlingsfänger, der Geologe, der Alchemist, der Astronom – oder Sonderlinge wie der Kaktusfreund (Kaktusliebhaber), der ewige Hochzeiter, der Sonntagsjäger und der Hagestolz – Carl Spitzweg gelang es, in seinen Zeichnungen und Gemälden als Chronist und Satiriker gleichermaßen aufzutreten. Auch wenn Spitzweg die Menschen seiner Umgebung kritisch begegnete, er stellte sie doch nie auf den Pranger. So wie er Verfehlungen aufzeigt, so würzte er alle seine Bilder mit einem guten Schuss Humor.

 

 

Deutsche Kleinstädte und ihre (spät-)biedermeierlichen „Blüten“, zwischen historisch-pittoresker Architektur agierenden Bewohnerinnen und Bewohnern, sind die Hauptdarsteller seiner Bildfantasien. Einerseits widmete er den Gelehrten, denen er sich persönlich wohl nahe fühlte, einfühlsame Bilder, in denen sein Verständnis für ihre Hingabe deutlich wird. Andererseits stellt er sie als Einzelgänger, Monaden in ihren Räumen dar, die die Welt draußen bestenfalls beobachten meist aber hinter ihren Büchern verschwinden. Nur wenn ein Vogel in ihre heile Welt einbricht, werden sie ihrer Existenz in einem selbstgewählten Gefängnis gewahr. Im Kontrast zu den vielen Männern mittleren und höheren Alters setzte Carl Spitzweg junge, hübsche Mädchen als Symbole von Verführung, Eros und Liebe ein.

 

 

Überwachung und Unbedarftheit

Nichts, so scheint es, können Spitzwegs Figuren machen, ohne beobachtet zu werden. Der Münchner Maler setzte sich gekonnt mit Fragen des „Vormärz“ auseinander, mit moralischen Tugenden und ihren Übertretungen, mit Überwachung und Strategien, sich dieser zu entziehen. Kaum eine Liebesszene, wie „Gratulant überreicht Blumenbouquet (Der ewige Hochzeiter)“ oder „Der abgefangene Liebesbrief“, darf stattfinden, ohne dass die Nachbarinnen und Nachbarn begierig daran Anteil nähmen. Keine Rose wird in stiller Privatheit überreicht. Alle Szenen sprühen vor unfreiwilliger Komik und Unbedarftheit ihrer Protagonisten. Ob sich Carl Spitzweg selbst in so mancher Figur wiedergefunden hat, ob etwa der „Hagestolz“ den unverheirateten Maler widerspiegelt, ob die Gelehrten autobiografische Züge tragen, darf zumindest vermutet werden.

Die Sitten der Zeit nahm Spitzweg zuhauf aufs Korn. Besonders häufig finden sich übertölpelte Sonntagsjäger mitten im Wald. Die Aufhebung des adeligen Jagdrechts 1849 führte zu einem neuen Freizeitsport, dem Jagen. Wenn Carl Spitzwegs Jäger meist wie modisch gekleidete Spaziergänger oder Picknicker aussehen und sich selbst vor dem Wild mehr fürchten als die Beute, so sah die Realität doch anders aus. Die Zahl der Jagdunfälle stieg dramatisch wie auch die Gefahr Wildtiere zu überjagen. Hiermit ist schon kurz angedeutet, dass Spitzwegs Werke weniger seine Umwelt abbilden als sie humoristische, überspitzte Kommentare auf menschliches Verhalten darstellen.

 

 

Carl Spitzweg und der Realismus

Auslöser für die Hinwendung Spitzwegs zu einer realistischeren Landschaftsauffassung dürften die Landschaftsgemälde von Eduard Schleich d. Ä. gewesen sein. Spitzwegs bedeutendster Freund wurde in diesen Jahren ein Wegbereiter der Freilichtmalerei in Deutschland. Gemeinsam bildeten sich Spitzweg und Schleich autodidaktisch durch Naturstudien im bayerischen Gebirge weiter.

Die wichtige Reise 1851 nach Paris und London unternahmen Schleich und Spitzweg ebenfalls zusammen. In beiden Metropolen konnte sich Carl Spitzweg mit den neuesten Tendenzen der Landschaftsmalerei bekannt machen: Die Gemälde der so genannten Schule von Barbizon in Frankreich und die Werke von John Constable und Richard Parkes Bonington in England. Bekannt ist, dass der Münchner die Gemälde der Schule von Barbizon liebte und Kontakt mit den französischen Landschaftsmalern Diaz, Daubigny und Rousseau pflegte.4

Auch der Malerfreund Christian Morgenstern könnte Anregungen an Spitzweg weitergegeben haben, hatte er doch in Kopenhagen eine Ausbildung in Freilichtrealismus erhalten. Eine weitere wichtige Auseinandersetzung fand während eines Aufenthalts Spitzwegs in Prag 1849 statt, der durch das Tagebuch des Malers belegbar ist. Siegfried Wichmann konnte nachweisen, dass Carl Spitzweg sich mit dem Realismus von August Piepenhagen, Josef Manés und vor allem Josef Navrátil auseinandersetzte: flächiger Farbauftrag als Grundstruktur, Akzente reiner Farben, Ton-in-Ton gehaltene Atmosphäre, hell leuchtende Lichtgestaltung, unterbrochener Pinselstrich und skizzenhafte Ausführung von Flächen, Licht und Schatten (→ Ist das Biedermeier?). Die subjektive Reaktion des Malers auf die Natur wurde, so lässt sich leicht beobachten, zunehmend wichtiger als der Biedermeierrealismus. Die „intime Landschaft“ löste die heroische Landschaft ab. Das Malerische und die Auflösung der Form zeigt, dass der Maler bis ins hohe Alter an der Frage arbeitete, was ein Gemälde leisten kann.

 

Spätwerk und Ehrungen

An den späten Bildern von Carl Spitzweg fällt die zunehmende Zurücknahme der anekdotischen Aspekte und des Erzählerischen auf. Ehemals spitze Ironie taucht nur noch in leisen Anklängen auf. Spitzwegs Weltanschauung dürfte sich zugunsten einer humorvollen gewandelt haben. Gleichzeitig wurde Spitzwegs Malerei immer offener, lichtdurchfluteter. Damit zeigt er eine Entwicklung hin zum Impressionismus, der sich auch in der steigenden Dominanz des Landschaftlichen zeigt. Waren die Figuren in den frühen Werken die Träger der Erzählung, so wandte der Maler ab den 1860er Jahren sein Interesse immer mehr dem Sonnenlicht und der Natur zu.

Der Autodidakt erfuhr erst während der 1920er Jahre jene Wertschätzung, die ihm zeit seines Lebens zwar nicht gänzlich verwehr blieb aber doch erst spät erreicht hat. Von den knapp über 1400 in seinem selbst geführten Werkverzeichnis gelisteten Gemälden konnte er 480 verkaufen. Im Jahr 1865 wurde ihm der königlich-bayerische Michaelsorden verliehen und 1868 die Ehrenmitgliedschaft der Kunstakademie in München. Im Jahr zuvor hatte er an der Pariser Weltausstellung als Künstler teilgenommen (1867). Das kommerziell erfolgreichste Jahr war 1880, als Carl Spitzweg 37 Bilder verkaufte.

 

 

Carl Spitzweg in der Sammlung Schäfer

Dr.-Ing. E.h. Georg Schäfer trug 250 Gemälde von Carl Spitzweg und damit die weltweit größte Sammlung an Spitzweg-Werken zusammen. Der Schweinfurter Sammler begeisterte sich für die „kluge“ Malerei des Münchners, die er in dessen Gesellschaftssatire, also politisch ohne umstürzlerische Absichten, entdeckte.

 

 

Biografie von Carl Spitzweg (1808–1885)

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  • 1808

    Am 5. Februar 1808 wurde Franz Carl Spitzweg als zweiter von drei Söhnen des wohlhabenden Woll-, Tuch-, Baumwoll-, Seiden- und Spezerei-Händlers Simon (1776–1828) und Franziska Spitzweg (geb. Schmutzer 1782–1819, seit 1804 verheiratet) in München geboren.
  • 1819

    Tod der Mutter; der Vater heiratete noch im selben Jahr deren Schwester Crescenzia, die Alleinerbin des Obstgroßhändlers Schmutzer.
  • 1819/20

    Einschulung von Spitzweg in die lateinische Vorbereitungsklasse B des Wilhelmsgymnasiums in München. Er darf später in die höhere lateinische Vorbereitungsklasse (Abteilung B) vorrücken. Spitzwegs erste künstlerische Tätigkeiten lassen sich durch Briefe an seine Familie auf Anfang der 1820er-Jahre datieren. So schenkt er z. B. seinem größeren Bruder Simon, der als Kaufmann in Alexandria tätig ist, ein Ölgemälde und bittet seine Eltern während der Ferienzeit bei seiner Tante um etwas Schreib- und Zeichenpapier. Briefe bilden einen sehr wichtigen Bestandteil von Spitzwegs Leben, denn er hält darin vor allem Details seiner zahlreichen Reisen fest.
  • 1824/25

    Hervorragender Schülern des Wilhelmsgymnasiums. Verließ auf eigenen Wunsch die Schule zu Ostern 1825, um Apotheker zu werden. Beginn einer pharmazeutischen Lehre in der Königlich-Bayerischen Hofapotheke unter dem Prinzipal Dr. Franz Xaver Pettenkofer.
  • 1826

    Spitzwegs Beschäftigung mit Geologie und Botanik ist dokumentiert.
  • 1827

    Erste Wanderungen im Voralpengebiet, was er lebenslang weiterführte; Impressionen davon verwendete er vor allem zum Zeichnen und Malen. Begann ein Studium an der Münchner Universität an, wo er u. a. die Studienfächer Chemie, Physik, Botanik, Toxikologie, Zoologie und Mineralogie belegte.
  • 1828

    Tod von Carl Spitzwegs Vater Simon (1.12.).
  • 1829

    Spitzweg wurde Provisor in der angesehenen Löwenapotheke in Straubing; trat dem Pharmazeutischen Verein Bayerns bei. In seiner Freizeit spielte er im Straubinger Laientheater. Reise nach Triest, da sein Bruder Eduard schwer erkrankt war. Tod von Spitzwegs älterem Bruder Simon in Kairo an der Pest (28.4.).
  • 1831

    Hochzeit seiner Tante und Stiefmutter Crescenzia mit dem Kaufmann Hermann Neunerdt, der Spitzweg oft in wirtschaftlichen Fragen beriet. Fahrt nach Straubing (Ostern), wo er die Nähe zu Künstlern suchte. Carl Spitzweg widmete sich zunehmend künstlerischen Tätigkeiten.
  • 1832

    Abschluss des pharmazeutischen Studiums mit Auszeichnung. Zweite Reise nach Italien: München, Salzburg, Slowenien (Ljubljana), Triest (Aufenthalt bei seinem Bruder Eduard), Venedig, Florenz, Rom, Neapel und Mailand. Interessierte sich für Reiseliteratur, welche in dieser Zeit neue Anregungen durch englische Dichter erfuhr.
  • 1833

    Umzug in eine eigene Wohnung in der Dienergasse 9 in München. Erkrankung an der „roten Ruhr“ und Kuraufenthalt in Bad Sulz. Dort traf er den Künstler Christian Heinrich Hansonn (1791–1863). Carl Spitzweg gab den Apothekerberuf auf und widmete sich der Malerei, häufiges Reisen ermöglichte ihm die gute finanzielle Absicherung durch seine Familie. Spitzweg bildete sich mit Hilfe befreundeter Künstler, wie z. B. Heinrich Bürkel (1802–1869), Carl Rottmann (1797–1850) und Eduard Schleich d. Ä. (1812–1874), in der Malerei weiter.
  • 1834

    Aufenthalt in Mittenwald und am Schliersee, dritte Italienreise (Venedig).
  • 1835

    Mitglied des Münchner Kunstvereins (Juni)
  • 1836

    Erste Ausstellungsbeteiligung im Münchner Kunstverein mit einem Landschaftsbild, das sofort gekauft wurde. Entfloh der Cholera in München und lebte einige Wochen in der Mühle von Gern; hielt sich in Berchtesgaden, Salzburg, Linz und Wien auf. In Wien besuchte er seinen Bruder Eduard, der mit ihm wieder nach München zurückkehrte. Kaufte ein Fernrohr für seine Reisen und nutzte daraufhin den runden Bildausschnitt manchmal in seinen Gemälden. Nahm mit „Der Trunkenbold“ an einer Ausstellung des Kunstvereins Augsburg teil. Das Bild wurde nicht verkauft.
  • 1837

    Erste Fassung zu "Der arme Poet", dessen Motiv er sich lange Zeit widmet. Carl Spitzwegs Werk wird immer mehr von Kleinbürgern und Sonderlingen im biedermeierlichen Milieu durchzogen. Erneute Reisen, auch mit Schleich d. Ä., durch Deutschland, Südtirol und Italien folgen.
  • 1838

    Begann ein Verkaufsverzeichnis zu führen, da er acht Gemälde veräußern konnte, darunter die „Torwache (Sarazener Bastei)“. Reise in die Schweiz: Schaffhausen, Zürich, Luzern. Besuch der Gedenkstätte Walhalla bei Regensburg sowie nach Ingolstadt, Eichstätt, Nürnberg, Kehlheim und ins Altmühltal (Herbst). Auf dieser Reise füllte er zwei Skizzenbücher. Abschluss von Spitzwegs berühmtesten Gemäldes „Der arme Poet“, aber die Jury des Münchner Kunstvereins lehnte es ab. Reise nach Dalmatien und erste osmanische Sujets.
  • 1840

    Reise über Österreich nach Venedig, Meran und Verona. Dabei entstanden Skizzen nach Straßen, Palmen und exotischen Bäumen, die Carl Spitzweg als Vorlagen für „Der Schmetterlingsfänger“ nutzte.
  • 1841

    Reisen in die Schweiz, durch Bayern und in das Gebiet um den Bodensee. Besuchte in Solothurn die Einsiedler und ihre Eremitagen, seine dort angefertigten Studien verwendete er bis in die 1880er Jahre als Vorlagen: „Eremit, Hühnchen bratend“.
  • 1842

    Umzug, Studienaufenthalt in Oberaudorf, Reise nach Österreich-Venetien.
  • 1843

    Aufenthalt in Bad Schachen und Reise mit seinem Bruder Eduard in die Schweiz.
  • 1844

    Fußreise mit den Schülern um Schleich d. Ä. nach Bozen und Meran. Kaspar Braun gründete die Münchner Zeitschrift „Fliegende Blätter“, für die Spitzweg bis 1852 Illustrationen schuf. Zur selben Zeit arbeiteten auch Wilhelm Busch (1832–1908) und Moritz von Schwind (1804–1871) für die „Fliegenden Blätter“. Spitzweg beschäftigte sich mit französischen Satire-Zeichnern, wie Honoré Daumier (1808–1879) und Jean Ignace Isidore Gérard, bekannt als Grandville (1803–1847).
  • 1845

    Studienreise mit Schleich d. Ä. vom Chiemsee über das Zillertal bis zur Adria.
  • 1846

    Spitzweg reiste mit Schleich d. Ä. und Bernhard Stange (1807–1880) nach Österreich, Venedig und Meran.
  • 1847

    Bei einer Wanderung nach Fürstenfeldbruck besuchte Carl Spitzweg den Maler Christian E. B. Morgenstern (1805–1867).
  • 1848

    Eintritt in das Münchner Künstler-Freikorps ein, dessen General Landschaftsmaler Wilhelm Gail (1804–1890) war. Spitzwegs „Freicorps-Wachtstubenfliegen“, in denen er denkwürdige Verhaltensweisen der Bürgersoldaten skizziert und in humorvoller Art und Weise wiedergibt, erschien in den „Fliegenden Blättern“. Reise mit Schleich d. Ä. zum Schloss Weißenstein in Pommersfelden bei Bamberg, um die Schönborn’schen Sammlungen zu sehen. Diese Sammlungen besuchte Spitzweg noch weitere Male; Reise nach Neuburg an der Donau, wo er Themen für die Bilderserie „Friede im Lande“ fand.
  • 1849

    Häufige Aufenthalte am nahen Starnberger See, wo er am Ostufer, in Ambach, v. a. hügelige Landschaften und Seeblicke zeichnete. Im Frühjahr und Sommer hielt sich Spitzweg mit Schleich d. Ä. erneut einige Monate in Pommersfelden auf und kopierte dort Bilder Alter Meister in der Sammlung Schönborn. Reise durch Oberbayern, einige bayerische Berge erklommen, wie die Benediktenwand und den Peißenberg, wo er die Landschaft skizzierte. Reise u.a. nach Ingolstadt, wo er die Kanonen in den Festungsanlagen studierte. Reise nach Prag, in seine „Malerstadt“ (September), und Heimreise über Bamberg und Pommersfelden. Traf in Prag die Maler Josef Mánes (1820–1871) und Josef Navrátil (1789–1865).
  • 1850

    Mit Schleich d. Ä. in Venedig, wo sie Tiziano Vecellio (1488/1490–1576) und Jacopo Tintoretto (1518–1594) studierten. Wanderung durch das Voralpental.
  • 1851

    Mit seinem Bruder Eduard und Schleich d. Ä. eine Reise nach Paris (August), wo Spitzweg und Schleich etwa 18 Tage aufhielten, dann über Calais zur ersten Weltausstellung nach London. Rückkehr Anfang September über Ostende, Brüssel, Antwerpen und Frankfurt.
  • 1852

    Aufgrund einer erneuten Cholera-Bedrohung Umzug nach Murnau (1855). Wanderungen durch das bayerische Voralpenland, Aufenthalt in Pommersfelden, wo er nach Tintorettos „Auferweckung des Lazarus“ skizzierte. Zeichnete das Kirchlein in Dachau für die „Dachauer Andacht“. In Spitzwegs Skizzenbuch von 1855/56 sind viele Zeichnungen betender Menschen zu finden, die im Ampertal entstanden. Am Heuberg schuf er Studien für das Sennerinnen-Sujet.
  • 1855

    Wanderung zum Schliersee (Frühjahr), wo er Maler wie Johann Baptist Kirner (1806–1866) traf. Es entstanden mehrere Skizzen und ein Ölbild nach dem Standbild der Hl. Agathe bei Flori am Schliersee.
  • 1856

    Rückkehr nach München (September); danach besuchte Spitzweg mit Schleich d. Ä. Leipzig, Dresden und Berlin. Im Vergleich zu Wien gefiel ihm das hektische Berlin wenig.
  • 1857

    Aufenthalt von Spitzweg mit Schleich d. Ä. in Pommersfelden.
  • 1858

    Viele Reisen: Rothenburg, Harburg und Seeshaupt. Umzug in die Neuhausergasse 11. Spitzweg interessierte sich während seiner Sommerreisen für Architektur-Motive und christliche Themen. Zeichnungen von Hügellandschaften und dem Blick auf Dinkelsbühl nutzte er später für das Gemälde „Der Institutsspaziergang“. Fand in Harburg das Setting für die „Wäscherinnen am Brunnen“.
  • 1859

    Reise nach Landshut und Skizzen der Architektur, wie der Stadtmauer und dem Langhaus von St. Martin. Zurück in Starnberg (September). Wanderung nach Bernried, Besuch im Haus von Schwind.
  • 1860

    Aufenthalt in Sulzbach, wo er Studien für seine Kleinstadt-Bilder machte. Reise nach Benediktbeuern.
  • 1862

    Wanderung Spitzweg nach Burghausen, wo er Burg und Schloss besichtigte und zeichnete; in Tittmoning Torbögen und Wehrtürme sowie das Stadttor. Wien-Reise und Zusammentreffen mit Ferdinand Georg Waldmüller (1793–1865).
  • 1863

    Umzug in eine Wohnung im Haus seines Bekannten Hasenmüller, der Spitzwegs Malerei verehrte, am Heumarkt 3. Reise er u. a. nach Tölz, Elbach und Königsdorf (August). Spitzweg wanderte mit Schleich d. Ä. zum Wallberg, Setzberg, Blauberg und über den Riedberg nach Neuried.
  • 1865

    Carl Spitzweg erhielt den königlich-bayerischen Michaelsorden. Eine Venenentzündung verhinderte weitere Wanderungen im Sommer.
  • 1867

    Vier von Carl Spitzwegs Gemälden, alle dem Besitz des Grafen von Schack, wurden auf der Pariser Weltausstellung ausgestellt: „Spanisches Ständchen (Serenade aus „Der Barbier von Sevilla“)“, das in Paris große Anerkennung erfuhr. Reise durch Tirol, Kiefersfelden nach Bozen, wo er die Feigenbäume und Zypressen bewunderte. Durchstreifte die Umgebung am Kaiserbach (Sparchenbach) zwischen Kufstein und Eichelschwang, hielt sich am Hechtsee auf und wanderte in den Wilden Kaiser.
  • 1868

    Zum Ehrenmitglied der Akademie der bildenden Künste in München ernannt (August).
  • 1869

    Schleich d. Ä. richtete die I. Internationale Kunstausstellung im Münchner Glaspalast ein. Spitzweg stellte als Präsident des Kunstvereins eine internationale Künstler-Liste zusammen: Werke von Gustave Courbet (1819–1877), Edouard Manet (1832–1883) und auch eigene Gemälde.
  • 1870

    „Die Schwalben“, „Heimkehrende Sennerin“, „Mädchen mit Ziege“ und „Der Besuch des Landesvaters“.
  • 1873

    Tod von Eduard Schleich d. Ä. an der Cholera (8.1.). Spitzweg floh bis Ende des Jahres nach Tirol.
  • 1875

    Zur Zentral-Gemälde-Kommission in München berufen (Oktober), der er bis 1881 verbunden blieb. „Gratulant überreicht Blumenbouquet (Der ewige Hochzeiter)“, „Im Walde“, „Die Sonne bringt es an den Tag“, „Ballonfahrt“ und „Der Hexenmeister“
  • 1876

    Reise nach Tölz und Reichenhall. Der Maler bestellte Zigarrenkisten und nutzt die „kleinen Brettl“ als Bildträger für seine Landschaften.
  • 1879

    Teilnahme an der Internationalen Kunstausstellung in München, großer Kritikererfolg, u. a. bei Friedrich Pecht (1814–1903).
  • 1880

    Carl Spitzweg verkaufte 37 Bilder und verzeichnete in diesem Jahr seinen größten Verkaufserfolg. Las Cervantes und beschäftigte sich mit Bildern zu dessen Büchern.
  • 1881

    Legte auf eigenen Wunsch seine Verpflichtung als Sachverständiger in der Kommission der Pinakothek zurück.

Carl Spitzweg: Bilder (Gemälde und Zeichnungen)

  • Carl Spitzweg, Die Großmutter, um 1823, Öl auf Leinwand, 41 x 31 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Beim Zoll (Ufficio per i Passaporti), um 1832, Tusche, Aquarell, Deckfarben und Bleistift, 43,7 x 59,5 cm
  • Carl Spitzweg, Putzmachersalon, 1835, Bleistift, Pinsel, Tusche auf Papier, 33,1 x 39,5 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. MGS 621A)
  • Carl Spitzweg, Der Mönch und das Mädchen in der Tür, 1835, Bleistift auf Papier, 17,4 x 19,8 cm
  • Carl Spitzweg, Der Naturforscher in den Tropen, 1835, Öl auf Leinwand, 49,4 x 43,4 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. 2085)
  • Carl Spitzweg, Der Trunkenbold, 1836, Öl auf Holz, 28,89 x 21,27 cm
  • Carl Spitzweg, Der arme Poet (Ölstudie), 1837, Öl auf Leinwand, 36,4 x 45 cm (Sammlung des Grohmann Museums)
  • Carl Spitzweg, Der arme Poet, 1837, Öl auf Karton, 32 x 42,6 cm (Privatbesitz Schweiz)
  • Carl Spitzweg, Im Hausgarten (Liebesbrief), 1837, Öl auf Karton, 25 x 19,7 cm
  • Carl Spitzweg, Sennerin und Mönch, 1838, Öl auf Leinwand, 32,3 x 26,4 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Carl Spitzweg, Jagdunglück, 1839, Öl auf Leinwand, 24,4 x 21,9 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. 1193)
  • Carl Spitzweg, Der arme Poet, 1839, Öl auf Leinwand, 36,3 x 44,7 cm (ehemals Berlin, Schloss Scharlottenburg – gestohlen und verschollen)
  • Carl Spitzweg, Der Schmetterlingsfänger, 1840, Öl auf Holz, 31,2 x 25 cm (Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland)
  • Carl Spitzweg, Der Rabe, 1840, Öl auf Holz, 36,1 x 27,2 cm
  • Carl Spitzweg, Gutsherr und Bauernmädchen, 1840, Bleistift auf Papier, 31,9 x 21,9 cm
  • Carl Spitzweg, Der neue Orden, 1840, Bleistift, Farbstift (blau) auf Papier, 20,6 x 16,4 cm (Staatliche Graphische Sammlung München)
  • Carl Spitzweg, Mann mit Zylinderhut, 1840, Öl auf Papier auf Pappe aufgezogen, 21,7 x 15,5 cm
  • Carl Spitzweg, Gefährliche Passage, 1835–1841, Öl auf Karton, 27 x 21 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Der Sonntagsspaziergang, 1841, Öl auf Holz, 28,2 x 34,2 cm (Salzburg Museum)
  • Carl Spitzweg, Eremit, Hühnchen bratend, 1841, Öl auf Leinwand, 34,5 x 27,5 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. 1675)
  • Carl Spitzweg, Selbstbildnis, 1842, Öl auf Leinwand, auf Hartfaserplatte aufgezogen, 45 x 42 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Carl Spitzweg, Der Klosterbruder (Mönch, einem Mädchen nachblickend), 1843, Aquarell, Bleistift auf Papier, 23,7 x 19 cm
  • Carl Spitzweg, Der Fliegenfänger, um 1845, Öl auf Lindenholz, 38 x 31 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Haus mit Erker, 14.5.1845, Bleistift auf Papier, 25 x 15,5 cm
  • Carl Spitzweg, Mädchen vor der Grotte (Badendes Mädchen), 1845, Öl auf Papier, auf Karton aufgezogen, 14,8 x 12,1 cm
  • Carl Spitzweg, Künstler auf Reisen, 1845, Öl auf Leinwand, 30 x 24 cm
  • Carl Spitzweg, Auf der Bastei, 1845, Öl auf Leinwand, 21,2 x 49,5 cm
  • Carl Spitzweg, Der Sonntagsjäger, 1845, Öl auf Leinwand, 30,9 x 25,2 cm
  • Carl Spitzweg, Der Witwer, 1845, Öl auf Leinwand, 42,5 x 49,1 cm
  • Carl Spitzweg, Der Sonntagsjäger, 1841–1848, Öl auf Leinwand, 40 x 32,5 cm (Staatsgalerie Stuttgart, Inv. 2127)
  • Carl Spitzweg, Der Fliegenfänger, 1848, Öl auf Lindenholz, 29,5 x 22,7 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Unterricht im Bajonettfechten, 1848, Holzschnitt nach einer Zeichnung von Carl Spitzweg, 17,2 x 13,5 cm
  • Carl Spitzweg, Rosenduft-Erinnerung, um 1845–1850, Öl auf Leinwand, 38,1 x 31,2 cm
  • Carl Spitzweg, Verbotener Weg, 1845–1850, Öl auf Leinwand, 30,5 x 37,3 cm
  • Carl Spitzweg, Die Dachstube I, 1848–1850, Öl auf Leinwand, 52 x 30,5 cm (Eckhart G. Grohmann Collection, Milwaukee, WI (USA))
  • Carl Spitzweg, Schulkinder unter dem Oberammergauer Kofel, um 1850, Öl auf Leinwand, 46,5 x 32,5 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Ein Besuch, 1850, Öl auf Karton, 22,1 x 26,7 cm
  • Carl Spitzweg, Der Chemikus, um 1850, Öl auf Papier, aufgezogen auf Karton, 35,1 x 40,6 cm
  • Carl Spitzweg, Der Kaktusliebhaber, 1850, Öl auf Leinwand, 39,3 x 21,8 cm
  • Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, 1850, Öl auf Leinwand, 49,4 x 26,9 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Carl Spitzweg, Es war einmal (Der strickende Wachposten), 1850, Öl auf Leinwand, 43 x 34,2 cm
  • Carl Spitzweg, Wo ist der Pass?, 1850, Öl auf Eichenholz, 32,8 x 29,7 cm
  • Carl Spitzweg, Der Philosoph im Park, 1853, Öl auf Leinwand, 27,5 x 34 cm (Von der Heydt-Museum Wuppertal)
  • Carl Spitzweg, Der strickende Wachposten, 1855, Öl auf Leinwand, 21,6 x 39,2 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Inv. 2286)
  • Carl Spitzweg, Der abgefangene Liebesbrief, um 1855, Öl auf Leinwand, 54,2 x 32,3 cm (Museum Georg Schäfer, Schweinfurt)
  • Carl Spitzweg, Die Jugendfreunde, 1855, Öl auf Leinwand, 30,5 x 42,2 cm
  • Carl Spitzweg, Der Porträtmaler, 1855, Öl auf Leinwand, 22,1 x 40,3 cm
  • Carl Spitzweg, Alte Stadt, um 1855, Öl auf Leinwand, 42 x 20,3 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Justitia mit Waage und Schwert, 1855, Bleistift auf Papier, 21 x 17 cm (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Inv. Hz 3409)
  • Carl Spitzweg, Musizierender Einsiedler vor seiner Felsenklause, 1858, Öl auf Leinwand, 44 x 34,5 cm
  • Carl Spitzweg, Der Kaktusfreund, 1858, Öl auf Leinwand, 54,2 x 32,4 cm
  • Carl Spitzweg, Ankunft der Postkutsche, um 1859, Öl auf Leinwand, 55,6 x 41,2 cm (Eckhart G. Grohmann Collection, Milwaukee, WI (USA))
  • Carl Spitzweg, Der Schreiber, 1860, Öl auf Malpapier, 38,1 x 22,4 cm
  • Carl Spitzweg, Tiroler Mauthaus, 1860, Öl auf Leinwand, 54,7 x 32,3 cm
  • Carl Spitzweg, Disputierende Mönche, 1860, Öl auf Leinwand, 44,5 x 34,2 cm
  • Carl Spitzweg, Auf der Ruhebank, um 1860, Öl auf Holz, 13,9 x 25,1 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Verdächtiger Rauch, 1862, Öl auf Leinwand, 31,8 x 53,8 cm
  • Carl Spitzweg, Der Astrologe (Sterngucker), 1864, Öl auf Leinwand, auf Karton aufgezogen, 30,1 x 15,6 cm
  • Carl Spitzweg, Der Geologe, 1865, Öl auf Leinwand, 48 x 27,1 cm
  • Carl Spitzweg, Die Zollrevision, 1870, Bleistift auf Papier, 42,5 x 31,2 cm
  • Carl Spitzweg, Die Scharwache, um 1870, Öl auf Leinwand, 54,2 x 32,3 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Der Klausner, um 1870, Öl auf Holz, 21,5 x 14 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Mädchen mit Ziege, um 1870, Öl auf Papier, auf Karton aufgezogen, 36,5 x 29,7 cm
  • Carl Spitzweg, Dirndl und Jäger im Gebirge, 1870, Öl auf Leinwand, 37,9 x 30,4 cm
  • Carl Spitzweg, Serenissimus (Er kommt), 1870, Öl auf Leinwand, 29,6 x 21,7 cm
  • Carl Spitzweg, Gratulant überreicht Blumenbouquet (Der ewige Hochzeiter), 1872, Öl auf Leinwand, 54,5 x 32,1 cm
  • Carl Spitzweg, Gans rupfender Einsiedler, 1870–1875, Öl auf Holz, 13,4 x 10,6 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Mönch bei der Weinprobe, um 1875, Öl auf Holz, 19,5 x 13,2 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Fiat Justitia oder Das Auge des Gesetzes, 1875, Öl auf Leinwand, 48,5 x 26,5 cm
  • Carl Spitzweg, Der Urlauber, 1875, Öl auf Mahagoni, 54,2 x 31,6 cm
  • Carl Spitzweg, Vorüber, 1875, Öl auf Holz, 48,6 x 26,6 cm
  • Carl Spitzweg, Der verliebte Einsiedler, 1875, Öl auf Holz, 40,2 x 33,2 cm
  • Carl Spitzweg, Der Nachtwächter, 1850–1880, Öl auf Leinwand, 21 x 10,5 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Mädchen am Steg (Der Waldsteg, Mädchen auf dem Steg), um 1880, Öl auf
  • Holz, 30,6 x 17,5 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Gasthaus in Tirol (Zweierlei Reisen), um 1880, Öl auf Malpappe, 31,1 x 25,2 cm
  • Carl Spitzweg, Kinder im Wald, Öl auf Karton, 37,2 x 21,7 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Die Morgenlektüre, 39,5 x 22 cm (Privatbesitz)
  • Carl Spitzweg, Spießbürger, Mutter und Kind, Bleistift auf Papier, 21 x 19 cm

 

Publikationen von Carl Spitzweg

Wilhelm Rudeck (Hg.), Spießbürger und Käuze zum Lachen. Bilder und Worte von Carl Spitzweg, Leipzig.

Die gute alte Zeit. Zeichnungen von Karl Spitzweg [sic!], München.

 

Carl Spitzweg: Literatur

Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Carl Spitzweg - Erwin Wurm (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien), Wien 2017.

Birgit Poppe, Spitzweg und seine Zeit, Leipzig 2015.

Carl Spitzweg in Milwaukee. Gemälde aus dem Milwaukee Art Museum, der Sammlung Eckhart G. Grohmann und dem Grohmann Museum (Ausst.-Kat. Milwaukee), Milwaukee 2015.

Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg – Verzeichnis der Werke. Gemälde und Aquarelle, Stuttgart 2002.

Stadt Schweinfurt, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt und der Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer-Stiftung (Hg.), Carl Spitzweg. Gemälde und Zeichnungen im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt (Ausst.-Kat. Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, 5.5.–6.10.2002), Schweinfurt 2002.

Siegfried Wichmann (Hg.), Carl Spitzweg und die französischen Zeichner Daumier, Grandville, Gavarni, Doré (Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München, 23.11.1985–2.2.1986), Zürich 1985.

Entscheidung für die Kunst

Franz Carl Spitzweg wurde als zweiter Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Simon Spitzweg in München geboren. Dass Carl Spitzweg sich anfangs der Pharmazie zuwandte, war dem Wunsch seines Vaters geschuldet. Bis 1829 ging er in die Lehre, danach studierte er Pharmazie mit den Fächern Toxikologie, Biologie, Botanik, Geologie und andere Naturwissenschaften an der Universität München und schloss das Studium 1832 mit Auszeichnung ab. Der wirtschaftlich unabhängige Spitzweg wandte sich – erst nach einer schweren Typhuserkrankung 1833 – gänzlich der Malerei zu. Während seiner Genesung lernte er den Hamburger Maler Christian Heinrich Hansonn (1790–1863) kennen, danach trat Spitzweg eine zweite Italien-Reise an, die ihn nach Venedig, Florenz, Rom und Neapel führte. Ein Jahr später bewegte er sich bereits in Künstlerkreisen in München und hatte sich entschlossen, Maler zu werden. Zu seinen wichtigsten Künstlerfreunden zählten Eduard Schleich der Ältere (1812–1874), Christian Morgenstern, Dietrich Langko und Friedrich Voltz, sowie der Landschaftsmaler Heinrich Bürkel (1802–1869). Einige Jahre später lernte er auch Moritz von Schwind (1804–1871) und Eduard Grützner (1846–1925) kennen.

„Seit der Zeit nun hab ich die Pharmazie totaliter an den Nagel gehängt, aber bin deswegen nicht das geworden, was Du zu glauben scheinst, nach der Schilderung Deines Privatlebens wenigstens, sondern ich war die Zeit über vielleicht so wenig müßig, als wenn ich in der Apotheke gewesen wäre. Ich wählte einen andern Stand oder vielmehr eine andere Beschäftigung und hieß Dich raten. – warum ratst denn nicht? - “[[Zitiert nach Birgit Poppe, Spitzweg und seine Zeit, S. 29.]] (Carl Spitzweg in einem Brief an seinen Bruder Eduard)

Die frühesten Werke Spitzwegs können in die 1820er Jahre datiert werden, als er beispielsweise seine Großmutter porträtierte. Ab 1836 entstanden die ersten Gemälde des Autodidakten, der die traditionelle Ausbildung (Zeichnen nach Gipsvorlagen, Einschränkung auf religiöse, mythologische und historische Themen, unterrepräsentierte Landschaftsmalerei) an der renommierten Münchner Akademie schlichtweg ablehnte. Einer der wichtigsten Künstlerfreunde der folgenden Jahre, Eduard Schleich der Ältere (1812–1874), lehrte ihn die Landschaftsmalerei. Zudem begleitete Schleich Carl Spitzweg auf vielen Kunstreisen zwischen Oberitalien, Wien, Prag (1849), Belgien, Paris und der Weltausstellung nach London (1851). Zeit seines Lebens lebte der unverheiratete, naturwissenschaftlich interessierte Carl Spitzweg in München, Heumarkt 3, und malte kleinformatige Genrebilder voll versteckter Gesellschaftskritik.

 

Der arme Poet (1837–1839)

Bereits mit einem seiner frühesten Bilder schuf Carl Spitzweg seine berühmteste Komposition: „Der arme Poet“ zeigt einen Schriftsteller, der auf einigen Matratzen in der Ecke einer karg eingerichteten Dachkammer liegt und schreibt. Das Interieur lässt auf Armut schließen, ein Regenschirm soll den Poeten vor einbrechendem Wasser schützen. Der Blick aus dem Fenster zeigt ein winterlich verschneites Dach, und dennoch hat der Schreiber kein Feuer angemacht. Der Kälte trotzt er, indem er sich in seine Laken hüllt, oder seine Schriften verbrennt. Anstelle eines hehren Künstlergenies präsentierte Spitzweg eine bemitleidenswerte Figur. So wie man sich einen Bohémien vorstellt: antibürgerlich, arm, aber inspiriert. Inspirationsquellen könnten literarische Vorlagen wie August von Kotzebue (1761–1819) und August Friedrich Langbein (1757–1835) oder englische bzw. französische Genrebilder und Satiren gewesen sein – wie von William Turner, Honorée Daumier, Tommaso Minardis „Selbstbildnis“ (1803). Stilistisch ist das Frühwerk noch ganz von der Linie und Form her gedacht, um der anekdotenreichen Bilderzählung und allen Details volle Aufmerksamkeit zu gewähren.

In diesem Werk zeigt Carl Spitzweg bereits jene Ingredienzien, die sein Schaffen auszeichnen: Ein skurriler Sonderling, abgeschottet von der Welt, widmet sich seiner Passion – in diesem Fall dem Schreiben von Gedichten. Er liegt mit Schlafmütze und Gehrock bekleidet auf seinen Matratzen, die rund um seine Liegestatt aufgestapelten Bücher, sein angehäuftes Wissen befreien ihn jedoch nicht aus seiner finanziell prekären Lage. Dennoch lässt sich der arme Poet nicht von seiner Lebensführung abbringen. Weder familiäre Bindungen noch Einkommen können ihn von seiner Muse weglocken. Die viel diskutierte Geste des Schreibers (Skandieren eines Verses oder doch Zerdrücken eines Flohs?) ist zweifellos doppeldeutig. Erst nach langer Betrachtung des Gemäldes und ein gerütteltes Maß an Einfühlung zeigt sich Spitzwegs Sozialkritik. Ob der arme Poet auch als Anti-Revolutionär gemeint war, lässt sich nur vermuten. Die Zipfelmütze könnte auf die Figur des sogenannten „deutschen Michel“ verweisen, dessen Schlafmütze im Vormärz die Verschlafenheit ihres Trägers und dessen Rückzug in die eigenen vier Wände symbolisiert – gleichzeitig aber auch als politisches Symbol für die deutsche Einheit verstanden wurde!

Als Carl Spitzweg das gerade fertiggestellte Bild „Der arme Poet“ auf der Ausstellung des Münchner Kunstvereins der Öffentlichkeit vorstellen wollte, erntete er dafür harsche Kritik und Ablehnung seines Werks. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen der idealisierten Tätigkeit des Schreibens und den Lebensverhältnissen des Schreibers wurde von den meisten Kritikern rundweg abgelehnt. Bereits in seinem Erstlingswerk arbeitete Spitzweg mit der Verdichtung von Beobachtungen sowie ironischen Kommentaren auf seine Umwelt. Von dem Gemälde „Der arme Poet“ gibt es vier Versionen: eine Ölstudie[[Die Skizze tauchte überraschend im Januar 2012 zur Versteigerung bei Sotheby’s in London auf und erzielte $542.500: http://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2012/important-old-master-paintings-n08825/lot.84.html]] und ein ausgeführtes Gemälde[[Ehemals Leihgabe im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum, 2013 restituiert an einen Schweizer Privatsammler.]] aus dem Jahr 1837, zudem zwei weitere nahezu identische Versionen des „Armen Poeten“ von 1839. Eine der späten Fassungen von „Der arme Poet“ befindet sich seit 1887 in der Münchner Neuen Pinakothek, ein Neffe des Malers hatte das Gemälde dem Museum geschenkt. Die zweite Fassung war ehemals in Besitz der Neuen Nationalgalerie in Berlin und wurde am 4. September 1989 aus der Ausstellung „Kunst des Biedermeier“ in Schloss Scharlottenburg gestohlen und gilt seither als vermisst.

 

Dichter und Illustrator

Während der 1830er und 1840er Jahre arbeitete Carl Spitzweg als Dichter und Illustrator für verschiedene humoristische Blätter, darunter die bekannten „Fliegenden Blätter“ in München. Der vorsichtige Jungkünstler hatte 1836, nachdem sein Vater verstorben und ein großzügiges Erbe ausgezahlt worden war, mit sich selbst eine Art Vertrag ausgehandelt: Er würde für 15 Jahre als Maler arbeiten. Mit 40 Jahren, im Jahr 1848, wollte er Bilanz ziehen und dann entscheiden, ob er weiterhin als Künstler arbeiten wollte. Vielleicht war es diese Vorsicht, die den umseitig begabten Spitzweg zur Mitarbeit an Magazinen reizte, vielleicht war es aber auch seine Begabung, seine Mitmenschen zu beobachten, deren Verhalten zu analysieren und daraus köstliche Szenen voller Witz und Humor zu destillieren.

Wie Moriz von Schwind und Wilhelm Busch arbeitete Carl Spitzweg für die „Fliegenden Blätter“. Der Drucker Caspar Braun gab gemeinsam mit dem Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Schneider ab November 1844 wöchentlich die Satirezeitschrift „Die Fliegenden Blätter“ heraus. Trotz Pressezensur wurden aktuelle politische Fragen aufgeworfen, aber auch das deutsche Bürgertum treffsicher charakterisiert. Ziel des Spotts war vor allem der deutsche Bildungsbürger in Gestalt von „Weilland Gottlieb Biedermaier“. Der Jurist Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul erfanden mit ihm eine Figur, deren Familienname ab 1900 zum Synonym für die gesamte Epoche zwischen Wiener Kongress und der Revolution von 1848 wurde. In Weilland Gottlieb Biedermaiers Ansichten und Werten kulminiert die zeitgenössische Kritik an der Gesellschaft: Er ist ein naiv denkender, genügsamer, nur halbgebildeter und daher Autoritäten und Ordnung verehrender Mann.

Carl Spitzweg zeichnete und schrieb zwischen 1848 und 1852 pointierte Glossen für das Blatt, in denen er die Gesellschaft und ihre Skurrilität thematisierte. Auch er schaute dafür den Menschen in seiner Umgebung auch genau aufs Maul. Charakterisierungen von Kritiklosen und Unterwürfigen, von Typen in ihren gesellschaftlichen Rollen sind Spitzwegs Spezialität. Unter dem Titel „Spießbürger und Käuze zum Lachen“ wurden seine Wort-Bild-Witze posthum als Buch herausgegeben.

 

Der Bücherwurm

Sonderlinge und Exzentriker gehören zum Repertoire des Spitzweg’schen Œuvres. Einer der beliebtesten ist „Der Bücherwurm“, den Carl Spitzweg in drei Fassungen ins Bild setzte. Der weißhaarige Bibliothekar, wie ihn der Maler selbst nannte, ist auf seiner Büchertreppe ins Lesen versunken. Er steht vor einer dicht gefüllten Bücherwand, die Sonne scheint auf seinen Rücken. Er hält sich einen großen Folianten dicht vors Gesicht, ein weiteres Buch in der anderen Hand aufgeschlagen, ein drittes unter den Arm geklemmt, noch ein viertes zwischen den Knien. Kleidung des „Bücherwurms“ und Bibliothek stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dem Ancien Régime. Dass er sich gerade vor der Abteilung „Metaphysik“ und über einem Himmelsglobus (links unten) ins Lesen vertieft hat, dass gleichzeitig ein Sonnenstrahl den Träger veralteter Kniebundhosen (franz. „culottes“) von hinten „erleuchtet“, gehört zur dichten Erzählung Spitzwegs. Die Aufklärung hat den Anhänger alter Theorien zu allgemeinen Weltprinzipien wohl noch nicht erleuchtet. Er versucht noch möglichst viel aus Büchern zu erfahren, während Immanuel Kant bereits in seiner Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung?“ 1784 bereits postulierte, dass der aufgeklärte Mensch in „Religionsdingen“ seinen eigenen Verstand nutzen sollte, um „seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu entfliehen.

 

Gelehrte und Sonderlinge

Ob Naturwissenschaftler – Schmetterlingsfänger, der Geologe, der Alchemist, der Astronom – oder Sonderlinge wie der Kaktusfreund (Kaktusliebhaber), der ewige Hochzeiter, der Sonntagsjäger und der Hagestolz – Carl Spitzweg gelang es, in seinen Zeichnungen und Gemälden als Chronist und Satiriker gleichermaßen aufzutreten. Auch wenn Spitzweg die Menschen seiner Umgebung kritisch begegnete, er stellte sie doch nie auf den Pranger. So wie er Verfehlungen aufzeigt, so würzte er alle seine Bilder mit einem guten Schuss Humor.

 

 

 

Deutsche Kleinstädte und ihre (spät-)biedermeierlichen „Blüten“, zwischen historisch-pittoresker Architektur agierenden Bewohnerinnen und Bewohnern, sind die Hauptdarsteller seiner Bildfantasien. Einerseits widmete er den Gelehrten, denen er sich persönlich wohl nahe fühlte, einfühlsame Bilder, in denen sein Verständnis für ihre Hingabe deutlich wird. Andererseits stellt er sie als Einzelgänger, Monaden in ihren Räumen dar, die die Welt draußen bestenfalls beobachten meist aber hinter ihren Büchern verschwinden. Nur wenn ein Vogel in ihre heile Welt einbricht, werden sie ihrer Existenz in einem selbstgewählten Gefängnis gewahr. Im Kontrast zu den vielen Männern mittleren und höheren Alters setzte Carl Spitzweg junge, hübsche Mädchen als Symbole von Verführung, Eros und Liebe ein.

 

Überwachung und Unbedarftheit

Nichts, so scheint es, können Spitzwegs Figuren machen, ohne beobachtet zu werden. Der Münchner Maler setzte sich gekonnt mit Fragen des „Vormärz“ auseinander, mit moralischen Tugenden und ihren Übertretungen, mit Überwachung und Strategien, sich dieser zu entziehen. Kaum eine Liebesszene, wie „Gratulant überreicht Blumenbouquet (Der ewige Hochzeiter)“ oder „Der abgefangene Liebesbrief“, darf stattfinden, ohne dass die Nachbarinnen und Nachbarn begierig daran Anteil nähmen. Keine Rose wird in stiller Privatheit überreicht. Alle Szenen sprühen vor unfreiwilliger Komik und Unbedarftheit ihrer Protagonisten. Ob sich Carl Spitzweg selbst in so mancher Figur wiedergefunden hat, ob etwa der „Hagestolz“ den unverheirateten Maler widerspiegelt, ob die Gelehrten autobiografische Züge tragen, darf zumindest vermutet werden.

Die Sitten der Zeit nahm Spitzweg zuhauf aufs Korn. Besonders häufig finden sich übertölpelte Sonntagsjäger mitten im Wald. Die Aufhebung des adeligen Jagdrechts 1849 führte zu einem neuen Freizeitsport, dem Jagen. Wenn Carl Spitzwegs Jäger meist wie modisch gekleidete Spaziergänger oder Picknicker aussehen und sich selbst vor dem Wild mehr fürchten als die Beute, so sah die Realität doch anders aus. Die Zahl der Jagdunfälle stieg dramatisch wie auch die Gefahr Wildtiere zu überjagen. Hiermit ist schon kurz angedeutet, dass Spitzwegs Werke weniger seine Umwelt abbilden als sie humoristische, überspitzte Kommentare auf menschliches Verhalten darstellen.

 

Carl Spitzweg und der Realismus

Auslöser für die Hinwendung Spitzwegs zu einer realistischeren Landschaftsauffassung dürften die Landschaftsgemälde von Eduard Schleich d. Ä. gewesen sein. Spitzwegs bedeutendster Freund wurde in diesen Jahren ein Wegbereiter der Freilichtmalerei in Deutschland. Gemeinsam bildeten sich Spitzweg und Schleich autodidaktisch durch Naturstudien im bayerischen Gebirge weiter.

Die wichtige Reise 1851 nach Paris und London unternahmen Schleich und Spitzweg ebenfalls zusammen. In beiden Metropolen konnte sich Carl Spitzweg mit den neuesten Tendenzen der Landschaftsmalerei bekannt machen: Die Gemälde der so genannten Schule von Barbizon in Frankreich und die Werke von John Constable und Richard Parkes Bonington in England. Bekannt ist, dass der Münchner die Gemälde der Schule von Barbizon liebte und Kontakt mit den französischen Landschaftsmalern Diaz, Daubigny und Rousseau pflegte.[[Wie wichtig die Auseinandersetzung mit diesen Werken war, wird heute in der Forschung teils in Frage gestellt. Der Katalog aus Milwaukee bezeichnet sie als „eher zweitrangig und unbedeutend“. Carl Spitzweg (Ausst.-Kat. Grohmann Museum, Milwaukee School of Engineering, Milwaukee, WI, 15.3.–15.9.2015), S. 9.]]

Auch der Malerfreund Christian Morgenstern könnte Anregungen an Spitzweg weitergegeben haben, hatte er doch in Kopenhagen eine Ausbildung in Freilichtrealismus erhalten. Eine weitere wichtige Auseinandersetzung fand während eines Aufenthalts Spitzwegs in Prag 1849 statt, der durch das Tagebuch des Malers belegbar ist. Siegfried Wichmann konnte nachweisen, dass Carl Spitzweg sich mit dem Realismus von August Piepenhagen, Josef Manés und vor allem Josef Navrátil auseinandersetzte: flächiger Farbauftrag als Grundstruktur, Akzente reiner Farben, Ton-in-Ton gehaltene Atmosphäre, hell leuchtende Lichtgestaltung, unterbrochener Pinselstrich und skizzenhafte Ausführung von Flächen, Licht und Schatten (→ Ist das Biedermeier?). Die subjektive Reaktion des Malers auf die Natur wurde, so lässt sich leicht beobachten, zunehmend wichtiger als der Biedermeierrealismus. Die „intime Landschaft“ löste die heroische Landschaft ab. Das Malerische und die Auflösung der Form zeigt, dass der Maler bis ins hohe Alter an der Frage arbeitete, was ein Gemälde leisten kann.

 

Spätwerk und Ehrungen

An den späten Bildern von Carl Spitzweg fällt die zunehmende Zurücknahme der anekdotischen Aspekte und des Erzählerischen auf. Ehemals spitze Ironie taucht nur noch in leisen Anklängen auf. Spitzwegs Weltanschauung dürfte sich zugunsten einer humorvollen gewandelt haben. Gleichzeitig wurde Spitzwegs Malerei immer offener, lichtdurchfluteter. Damit zeigt er eine Entwicklung hin zum Impressionismus, der sich auch in der steigenden Dominanz des Landschaftlichen zeigt. Waren die Figuren in den frühen Werken die Träger der Erzählung, so wandte der Maler ab den 1860er Jahren sein Interesse immer mehr dem Sonnenlicht und der Natur zu.

Der Autodidakt erfuhr erst während der 1920er Jahre jene Wertschätzung, die ihm zeit seines Lebens zwar nicht gänzlich verwehr blieb aber doch erst spät erreicht hat. Von den knapp über 1400 in seinem selbst geführten Werkverzeichnis gelisteten Gemälden konnte er 480 verkaufen. Im Jahr 1865 wurde ihm der königlich-bayerische Michaelsorden verliehen und 1868 die Ehrenmitgliedschaft der Kunstakademie in München. Im Jahr zuvor hatte er an der Pariser Weltausstellung als Künstler teilgenommen (1867). Das kommerziell erfolgreichste Jahr war 1880, als Carl Spitzweg 37 Bilder verkaufte.

 

Carl Spitzweg in der Sammlung Schäfer

Dr.-Ing. E.h. Georg Schäfer trug 250 Gemälde von Carl Spitzweg und damit die weltweit größte Sammlung an Spitzweg-Werken zusammen. Der Schweinfurter Sammler begeisterte sich für die „kluge“ Malerei des Münchners, die er in dessen Gesellschaftssatire, also politisch ohne umstürzlerische Absichten, entdeckte.

Biografie von Carl Spitzweg (1808–1885)

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  1. Zitiert nach Birgit Poppe, Spitzweg und seine Zeit, S. 29.
  2. Die Skizze tauchte überraschend im Januar 2012 zur Versteigerung bei Sotheby’s in London auf und erzielte $542.500: http://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2012/important-old-master-paintings-n08825/lot.84.html
  3. Ehemals Leihgabe im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum, 2013 restituiert an einen Schweizer Privatsammler.
  4. Wie wichtig die Auseinandersetzung mit diesen Werken war, wird heute in der Forschung teils in Frage gestellt. Der Katalog aus Milwaukee bezeichnet sie als „eher zweitrangig und unbedeutend“. Carl Spitzweg (Ausst.-Kat. Grohmann Museum, Milwaukee School of Engineering, Milwaukee, WI, 15.3.–15.9.2015), S. 9.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.