Ettore Sottsass
Wer war Ettore Sottsass?
Ettore Sottsass jr. (Innsbruck 14.9.1917–31.12.2007 Mailand) war ein italienischer Architekt und Designer von Einrichtungsgegenständen, die er vorwiegend in der von ihm stark geprägten Stilrichtung des „Anti-Designs“ gestaltete, das ihn international bekannt und erfolgreich machte.
Kindheit
Ettore Sottsass wurde am 14. September 1917 in Innsbruck als Sohn von Antonia Peintner und des Architekten Ettore Sottsass senior (1892–1954) geboren. Der Maler Max Peintner, der ein Buch über Otto Wagner geschrieben hat, war ein Cousin von Sottsass.
Ende der 1920er Jahre übersiedelte er mit seiner Familie nach Turin, wo sich Sottsass sen. dem Rationalismus und Funktionalismus annäherte. Sein Sohn erinnert sich, dass Ettore Sottsass sen. bis spät in die Nacht über sein Zeichenbrett gebeugt saß und dort enthusiastisch arbeitete.
Ettore Sottsass jun. hatte seit seiner Jugend eine intellektuelle Beziehung zur Architektur, die durch seine große Neigung zur Kunst verstärkt wurde. Sottsass dachte, nur ein Mann mit umfangreicher Bildung und gehobener Kultur könne Architekt werden. Seine Familie wünschte sich, dass er Architektur studiert und Architekt wird.
Ausbildung & Zweiter Weltkrieg
Sottsass fing 1935 ein Architekturstudium am Polytechnikum Turin an, das er 1939 mit Diplom abschloss. Bevor er wusste, welche Architektur er bauen wollte, beschäftigte sich Sottsass mit Literatur, Skulptur und vor allem mit Malerei. Seiner Ansicht nach war die wichtigste Prüfung im Architekturstudium jene in Bühnenbild-Design im Jahr 1938.
Während seines Studiums, 1936, reiste Ettore Sottsass zum ersten Mal nach Paris. Er war erst 19 Jahre als und wollte unbedingt alles über den Kubismus erfahren, zu dem er keine Informationen in Italien fand.
Den Kriegsdienst leistete Ettore Sottsass in Montenegro und geriet in Sarajewo in Kriegsgefangenschaft. Dort wäre er fast an der Ruhe gestorben, lernte aber die islamische Kultur kennen. Der Architekt verliebte sich in türkische Mädchen und fotografierte Moscheen und autochtone Architektur; er skizzierte Muster der einheimischen Stoffdrucke.
Werke
Bedingt durch den siebenjährigen Militärdienst dauerte es bis 1946 ehe Sottsass seine Arbeit als Architekt, Designer und Maler in Mailand beginnen konnte. In diesem Jahr begann er auch für „Domus“ zu schreiben. Er schrieb Besprechungen zu Ausstellungen und zu Büchern, gab ein Buch über Richard Neutra heraus und veröffentlicht auch seine eigenen Entwürfe.
Im Jahr 1947 gründete Ettore Sottsass sein eigenes Studio in Mailand. In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg gewann er einige der INA-Wettbewerbe für sozialen Wohnungsbau, die als Teil eines Marshallplans finanziert wurden (1948–1955). Zehn dieser Projekte wurden für die Randbezirke kleiner ländlicher Städte, die eine starke architektonische Identität aufwiesen, entworfen. Das Problem bestand darin, eine mehr oder weniger moderne Technologie einzusetzen und Häuser zu entwerfen, die sich in die verschiedensten örtlichen Traditionen und geografischen Lagen von Sardinien bis in die Lombardei einfügten. In Eina am Lago Maggiore verband Sottsass eine Apartmentanlage durch eine offene Treppe mit außen liegenden Terrassen. Die Neuartigkeit von Sottsass Gebäuden bestand im dynamischen Umgang mit den Grundrissen. Da er sich keinen Assistenten leisten konnte, musste Sottsass alle Berechnungen und Kostenvoranschläge selbst erstellen.
In diesen Jahren malte Ettore Sottsass auch. Er hatte 1948 eine Einzelausstellung in Lugano mit einem Katalog, für den Max Bill eine Einführung verfasste. Er nahm an der Ausstellung „Abstrakte und gegenständliche Kunst“ 1949 in Mail und in den Jahren davor bei der Eröffnungsausstellung der MAC Gruppe teil. Zu den wichtigen Einflussfaktoren gehörte die französische Malere, der deutsche Expressionismus und die New Yorker Schule. Sottsass verehrte Alexander Calder, Hans Hartung und Pevsner. In der Architektur ließ er sich von Wright beeinflussen und war ganz besonders von der sinnlichen Qualität der Art und Weise fasziniert, wie Le Corbusier Materialien und Farben einsetzte. Sottsass las auch die Texte von Wassily Kandinsky, von Theo van Doesburg und Paul Klee.
Für Giovanni Agnelli entwarf Ettore Sottsass ein transparentes Telefon und einen Gymnastikraum aus weißem Marmor. Mit dem Geld, das er mit Entwürfen für Agnelli und Alberto Mondadori verdient hatte, mietete sich der Architekt ein Apartment und investierte 8.000 Lire in einen Kohleofen, um es zu beheizen. 1949 heiratete Ettore Sottsass auch die aus Genua stammende Journalistin und Musikkritikerin Fernanda Pivano (1917–2009). Das Leben des jungen Paares war wirtschaftlich höchst prekär; so war Fernandas Gehalt von der Hochschule in Novara das einzig verlässliche Einkommen.
Gleichzeitig arbeitete Ettore Sottsass mit seinem Vater an eigenen Architekturstudien und an neuartigen Möbelentwürfen. Dennoch war er nicht zufrieden, da er vom rationalistischen, funktionalistischen Ansatz nicht überzeugt war. Er kritisierte:
„Die Architekten waren noch an eine Konzeption gebunden, die in Europa in den ersten Dekaden des Jahrhunderts entstanden war, und in erster Linie von Gropius und seinen Bauhaus-Freunden systematisiert wurde. Sie hatten die Vorstellung, dass die industrielle Produktion in die Welt als Ganzes eingreife und dass, wenn Schönheit in früheren Jahrhunderten innerhalb einer Handwerkskultur entstanden ist, sich moderne Schönheit jetzt aus der industriellen Produktion heraus entwickeln müsse – aus rationalisierbaren Operationen und Mechanismen, die der Technologie Rechnung tragen, industrieller Gesetzmäßigkeiten und wirtschaftlicher Kategorien: Die Ästhetik sollte die ausgewogene Balance dieser Komponenten sein.“1
Ettore Sottsass ließ sich von Alexander Calder, Antoine Pevsner aber auch von gewagten Ingenieurkunst Robert Maillarts und Félix Candelas beeinflussen und führte Dynamik in die Architektur ein. Zwischen 1948 und 1950 zeichnete Sottsass Hunderte von Skizzen für private Häuser und Villen. Diese Entwürfe zeigen Pläne mit bewegten, gewundenen und ineinandergreifenden Mauern. Vergleichbar den Strukturen in Gemälden des Action Painting, erreichte Sottsass eine Verdichtung und Freisetzung von psychischer und physischer Energie. Allerdings fehlte dem Architekten das Wissen, um Konstruktionspläne für solche Einfälle zu zeichnen.
Sottsass in New York
Im Frühjahr 1956 erreichte Ettore Sottsass gemeinsam mit seiner Frau New York, wo er für einige Monate im Studio des Designers und Architekten George Nelson (1908–1986) arbeiten sollte. Lisa Ponti hatte die beiden in Italien einander vorgestellt. Nelson kannte Sottsass‘ Arbeiten durch „Domus“. In Amerika kümmerte sich der New Yorker allerdings nicht um seinen Gast, der die neue, künstliche Welt selbst entdeckte. Weder Sottsass‘ Grafiken noch seine Stoffentwürfe kamen in den Galerien oder Fabriken gut an. Dennoch wurde die USA-Reise für den Architekten wichtig, da er die amerikanische Konsumkultur entdeckte und verstand, dass Objekte „Werkzeuge“ sein sollten, „um die Aufzehrung des Seins zu verlangsamen“.2 Später reisen Ettore Sottsass und seine Frau auf Einladung von Hemingway, den Fernanda übersetzte, nach Puerto Rico.
Design
1957 wurde Ettore Sottsass künstlerischer Leiter (Art Director) der Möbelfabrik Poltronova. Er experimentierte mit dem neuen Material Fiberglas und benutzte es, um zeitgenössische Möbel und Beleuchtungskörper zu entwickeln.
Im folgenden Jahr, 1958, begann Sottsass‘ Zusammenarbeit mit dem Büromaschinenhersteller Olivetti, und bald erregten seine unkonventionellen Entwürfe Aufsehen, so etwa die Gestaltung des ersten italienischen Computers „Elea 9003“ (1959). Sottsass’ bekanntester Entwurf für Olivetti dürfte die 1968 entworfene Schreibmaschine Olivetti „Valentine“ (1969) sein – „knallrot, tragbar und leicht“. Sie ist heute einer der bekanntesten Designklassiker. David Bowie, Sammler von Sottsass-Objekten, soll über die „Ikone“ gesagt haben:
„Es war schier unmöglich, den Blick von ihr abzuwenden.“
Die Pop Art beeinflusste auch die Innenausstattung seiner Guglielmo Bar in Mailand und die Möbelkollektionen für Poltrona Frau (1965–1967). Aus Sottsass’ Stockholmer Zeit 1969 stammen die gestreiften Holzkuben-Schränke Superbox.
Seine Entwürfe wandten sich gegen den repräsentativen Besitzcharakter der Gegenstände; vielmehr brachte Sottsass die Alltagskultur in seinen Designs spielerisch zum Ausdruck. Sottsass wurde so in kurzer Zeit zu einem führenden Vertreter des „Anti-Designs“.
Der Micky-Maus-Tisch für das Industriedesign-Unternehmen Bonacina (1972) und der Gelbe Sekretärsstuhl für Olivetti (1973) fügten seiner radikalen Abwendung vom traditionellen Entwurf ein Element der Ironie und des Humors hinzu.
Ettore Sottsass Associati
1980 gründete er sein eigenes Unternehmen, die Ettore Sottsass Associati, mit der er zahlreiche Architektur- und Design-Projekte realisierte. So gelang Sottsass eine fruchtbaren Zusammenarbeit der vergangenen 15 Jahre mit der Manufacture nationale de Sèvres und eine Zusammenarbeit seiner Agentur Sottsass Associati mit dem Unternehmen DuPont. Beide Projekte illustrieren Sottsass’ Experimentierfreude im Hinblick auf Farben, Formen und Materialien.
Aus der Zusammenarbeit Sèvres entstanden von 1994 bis 1996 zunächst 14 Vasen und ein Surtout de Table, denen im Jahre 2006 weitere fünf Objekte (Vasen, Schale, Surtout), folgten, die mit Glas, Marmor und Schnüren kombiniert wurden. Sottsass nannte seine Objekte „Vasen“ und versah sie mit 14 assoziationsreichen Frauennamen aus der Literatur und mit fünf Namen nach den Gesängen der Rom:nja. Der Designer konzipierte Keramiken mit architekturhaftem Charakter, strenge Formen zwischen Skulptur und Objekt, die durch einige verspielte Details und durch die für ihn wie auch für die Manufaktur typische Buntfarbigkeit aufgelockert wurden. So konnte den über 1000 der Manufaktur zur Verfügung stehenden Farben ein korallenfarbiges leuchtendes Orangerot, das „Rouge Sottsass“, hinzugefügt werden. Der technische Aufwand der als Einzelstücke hergestellten Werke ist ihnen kaum anzusehen.3
Im Jahr 2000 unternahm Ettore Sottsass’ Designagentur Sottsass Associati eine Untersuchung, mit der er das Potential des Ende der 1960er Jahre von DuPont erfundenen Materials namens Corian analysierte. Dadurch entstanden vierzehn architektonischen Formen unter dem Titel „Übungen in einem anderen Material“. Ettore Sottsass hatte bei der Gestaltung der Inneneinrichtung des neuen Flughafens von Malpensa gute Erfahrungen mit Corian4 gemacht und dem Unternehmen vorgeschlagen, den Werkstoff auf eine neue Weise bekannt zu machen. Sottsass experimentierte mit der Formgebung und hob die farbliche Vielfalt des Materials hervor. Die so von Sottsass Associati entworfenen abstrakten Formen, die an architektonische Elemente wie Säulen, Wände, Raumteiler und ähnliches erinnern, loten die spezifischen Eigenschaften dieses Werkstoffes, aber auch seine technischen und ästhetischen Grenzen aus:
„Wir wollten herausfinden, wo die Grenzen dieses Materials lagen, wo es beginnt, matt und still und langweilig zu werden. Wir wollten herausfinden, wo sich die Grenzen der Farben befanden, wo diese beginnen, ihre Intensität und ihre Präsenz zu verlieren. (...) Und wir wollten herausfinden, wie dieses Material mit anderen Materialien, wie Holz, Stein, Chrom oder Neonlicht zusammengehen würde.“ (Sottsass)
Memphis
Sehr erfolgreich war auch die am 11. Dezember 1980 von ihm mitgegründete Design-Gruppe Memphis, die sich 1988 wieder auflöste. Memphis war ein Zusammenschluss von Architekten und Möbel-, Textil- und Keramikdesignern. Memphis wurde rasch zum Synonym für „Neues Design“ der 1980er Jahre. Zu den Gründungsmitgliedern von „Memphis“ zählten neben Sottsass auch Michele De Lucchi, Marco Zannini, Barbara Radice, Aldo Cibic und Matteo Thun. Gemeinsam verkündeten sie das Ende des „Internationalen Stils“ und verknüpften ihren Namen mit der Wende zum emotionalen Design und zur Postmoderne.
Am 18. September 1981 wurde die erste Memphis-Kollektion auf der Mailänder Möbelmesse vorgestellt und vom Publikum begeistert aufgenommen. Die Ausstellung umfasste insgesamt 31 Möbel, elf Keramiken, drei Uhren und zehn Leuchten. Neben den ehemaligen Alchimia-Mitgliedern Sottsass, de Lucchi und Andrea Branzi steuerten zahlreiche internationale Architekten und Designer Entwürfe zu den Memphis-Kollektionen bei, darunter Matteo Thun, Arata Isozaki, Michael Graves, Shiro Kuramata, Javier Mariscal, Nathalie du Pasquier und Hans Hollein.
Die vordergründige Funktionalität von Designobjekten wurde von Memphis radikal in Frage gestellt. Alltägliche Formen wurden positiv, spielerisch und fantasievoll interpretiert. Im Vordergrund steht das Möbel als Ikone mit hohem Wiedererkennungswert. Die Möbel sind aus elementaren Formen (Kegel, Kugeln, Pyramiden, Würfel) zusammengesetzt und mit grellen Kunststofflaminaten beschichtet. Die unverwechselbare Optik der Memphis-Entwürfe sorgte für eine weltweite Verbreitung, die sich allerdings meist auf Hochglanzmagazine, Museen und Privatsammlungen beschränkte.
Im Jahr 1994 schuf Sottsass im Rahmen des Kunstprojektes BUSSTOPS eine vielbeachtete Bushaltestelle am Königsworther Platz in Hannover. Sie besteht aus acht großen gelben Kreuzen als Symbol für das 20. Jahrhundert auf einem gesprenkelten Steinsockel und einem weißen Dach.
Internationale Ausstellungen
Ausstellungen über Sottsass’ Lebenswerk gab es während seines Lebens auf der Biennale in Venedig im Jahr 1976, im Centre Pompidou in Paris (1994) und im Design Museum London 2007.
Tod
Ettore Sottsass starb am 31. Dezember 2007 in seiner Mailänder Wohnung im Alter von 90 Jahren an kardialer Dekompensation im Zuge einer Virusgrippe.
- Zitiert nach S. 246–247.
- S. 36.
- In den Porzellanobjekten steckt das Know-how einer über 250-jährigen Tradition. Die Auswahl der unterschiedlichen Tonarten, das Drehen bzw. Gießen der Vasen, das Zusammenfügen der einzelnen Teile, der mehrfache Brand, die farbigen Glasuren und die Vergoldung verlangen eine Vielzahl von handwerklichen Experten, die in einen Produktionsprozess eingebunden werden, dessen Fortbestehen auf höchstem künstlerischen Niveau vom französischen Staat gewährleistet wird.
- Die häufigste Verwendung von Corian erfolgte in Form von Platten.